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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 5 Dr» Blach's WockenfürrW Seite 97 wandeln werden, über die unerträgliche Schmach hinweghelfen, die wir täglich und stündlich zu erdulden Haber«, und dies einzig und allein darum, weil uns der Zufall als Juden gebaren werden ließ? Was soll uns abhalten, diese nur entehrenden, auf Schritt und Tritt nur Heinmenden und zu Boden drückenden Fesseln endlich abzuschütteln?" Diese Melodie war mir nicht neu, ich habe sie vielmehr schon unzählige Male nicht blos in Galizien, nein, selbst in den Centren der Cultnr spielen kören; aber hier an diesem Orte, wo altjüdisches Leben noch zu pulsiren schien, griff sie mir ans Herz. Welches Martyrium, dachte ich bei mir, mußten diese, augenscheinlich von besserem Streben getriebenen jungen Leute ans ihrem Werdegang durchgemacht haben, wenn in ihren jugendlichen Gemüthern solche Verbitterung und solche Verzweiflung an der Zukunft des Judentyums Platz greifen konnte. — Da die Fortsetzung dieses Gespräches imr zwecklos Erregungen erzeugen mußte, so suchte ich der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. Ich erkundigte mich nach seiner Lebensweise in der Stadt, seiner dortigen Umgebung, seinem Studiengang, seinen Plänen für die Zukunft und nach ähnlichen Dingen, aus welchen ich überdies heranszubringen hoffte, welche Einflüsse es waren, die in dem jungen Mann eine so tiefe Erbitterung gegen die Gesellschaft und eine Entfremdung gegen das Judenthum erzeugt haben. Ich erfuhr nun, daß, als er aus das Gymnasium nach der Stadt kam, die Wogen der sogenannten Assimilationsbestrebungen der dortigen jüdischen Jugend hoch gingen, die Alles, was nur jung und intelligent, in ihren Strudel hineingezogen. Er selbst habe, als er einigermaßen urtheilsfähig geworden, mit dieser Bewegung sympathisirt, nur hätten die Führer derselben wegen ihrer Auforinglichkeit, inneren Hohlheit, Unduldsamkeit und denunciatorischen Verfolgungen andersdenkender Glaubensgenossen abstoßend auf ihn und seinesgleichen gewirkt. Gleichwohl habe er und eine Anzahl gleichgesinnter College««, als sie auf die Universität kamen, die Assimilation, deren Nothwendigkeit ihnen selbstverständlich schien, ehrlich, wenn auch allerdings nicht lärmend, gefördert und seien sie ihrer Ueberzeugung auch dann treu geblieben, als bereits jene früher sich fanatisch geberdenden Apostel der Assimilation dieser den Rücken kehrten, um in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen, will sagen, sich dem sogenannten Zionismus, der aus dem Osten hergezogen kam, in die Arme zu werfen, und dies aus dem Grunde, «veil die Polen, «velche diese Assimilationsbestrekungen anfänglich begünstigen zu wollen schienen, die nunmehr „assi«nilirten" Juden nicht als ebenbürtig anerkennen wollten und sie unsailft von ihren Rockschößen abschüttelten. — Der Zio««ismus, und insbesondere in siner jüngsten Gestalt, sei nun als Lückenbüßer um so willkommener geheißen worden, als ja sein Evangelium ein Zion verkünde, „aus welchem die Thora ausgezogen". — Es zeige sich aber ganz deutlich, daß alle diese Bewegungen nur auf das eine Ziel lossteuern: möglichst rasch aus dem Judenthum hinauszukommen. Die Assimilationsbestrebnngen, der Zionismus, der Socialismus, sie alle seien der jüdischen Jugend nur verschiedene Formen für denselben Inhalt. Man «volle selbst Zionist sein, um nur nicht Jude sein zu müssen. Daher komme es auch, daß enragirteste „Assimilanten" von gestern, heute schon Zionisten, morgen Socialisten und übermorgen Convertiten seien. Man dürfe sich aber auch nicht über solche verzweifelte oft widersinnige Sprünge wundern. Denn, wenn er bedenke, tvas er selbst, ungeachtet er vorn Hause aus bescheidenen Gemüthes und geschworener Feind jeder Bordnnglichkeit sei, während der Studienjahre gelitten, ausschließlich wegen seiner Confession, gelitten für eine Religion, die ihm schon lange nichts bedeute, da sie ja u««r noch in überlebten, die moderen jüdische Jugend «venig ansprechenden Formen zum Ausdruck gelange; wenn er bedenke, «velchen Entehrungen der Jude täglich und stündlich ausgesetzt, «vie er — wofern ihm nicht jedes Ehrgefühl abhanden gekommen — nur «ui* Zagen jeden Morgen an die Lectüre eines Journals gehe, weil er befürchten müsse, von dem ersten besten Zeitungsschreiber darin beschimpft, als Blutsauger und Bluttrinker stigmatisirt und straflos in den Koth getreten zu werden; wenn er dieses und Aehnliches bedenke; so müsse er sich billig fragen, ob das so sein müsse, in Ewigkeit so bleiben müsse? In diesem Tone sprach er noch eine Weile fort, bis er physisch erschöpft war, dann schloß er mit den Worten: „Verzeihen Sie meine momentane Aufwallung. Sie sind ein denkender und fühlender Mensch und «verden meine Erregung begreifen. Damit Sie aber nicht glauben, daß ich mich blos von he««tzutage in Umlauf gesetzten Schlagworten leiten und erhitzen lasse, «vill ich Ihnen darthnn, daß ich mich seit Langem eingehend mit der „jüdischen Frage' beschäftige. Ich habe nämlich meine Ansichten hierüber zu Papier gebracht und «vill Ihnen das betreffende Manuscript, davon ich noch öffentlichen Gebrauch zr« machen gedenke, als Reiselectüre mitgeben, nur werde ich S'e bitten, es mir nach gemachtem Gebrauch zurückzusenden, doch allz««lange dürfen Sie es nicht behalten, da es mich sonst nicht mehr hier, noch in Europa überhaupt treffen würde . . ." „So hegen Sie gar die Absicht auszuwandern?" fragte ich ganz überrascht. „Gewiß, da ich meinen braven Eltern die tiefe Kränkung nicht anthun will, «««ich ans dem Judenthum scheiden zu sehen und andererseits nicht mehr gewillt bin, die I «denschmach weiter zu tragen, so bleibt mir nichts anders übrig, als übers Meer zu wandern, um unangefochten als Mensch leben zu dürfen. Uebrigens habe ich nichts zu verlieren. Advocat will ich nicht «verden. Ich bekam eine Aversion gegen diesen Beruf, als ich ihn in unmittelbarer Nähe kennen lernte. Zn einem öffentliche«« Amte, wozu ich Neigung und vielleicht auch Fähigkeiten hätte, werde ich als J««de kann« zugelassen «verden. Dagegen fühle ich von Kindesbeinen aus große Vorliebe für die Landwirthschaft. Ich g-'b mich ihr auch, so oft mir die Ferien oder ein sonstiges längeres Verweilen rm väterlichen Hause Gelegenheit dazu boten, mit großem Eifer, ja mit leidenschaftlicher Liebe hin, ohne mich dabei durch das ewige Kopfschütteln rneines Vaters, der dieses nicht begreifen konnte, beirren zu lasten. Besonders in den letzten Jahren, während welcher ich den Frühling u««d den Sommer ans dein Lar«de zubrachte, befaßte ich m ch eingehend mit allen Zweigen der Landwirthschaft und genoß dabei die ausgezeichnete Unter «veisung und Anleitung eines modern geschulten Agronomen, meines Sch«vagers. Da ich von meinen Großeltern ein bescheidenes Capital geerbt, so dürfte es mir drüben in Amerika mit der Landwirthschaft nicht mißlingen. Renssire ich, so werde ich zweifelsohne Schule machen: Lxempla trahunt“. Es «var inzwischen Mittag geworden, und wir wurden zu T'sche gerufen. — Ich athmete auf. (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen war Golzinger mit seinem ehemaligen Studiengenossen Dr. Volbrecht, den er früher gehörig instruirt hatte, bei seinem Schwager erschienen und das Baron Hornek'sche Ehepaar unterfertigte eine Urkunde, worin sie Lorenz Golzinger als ihren Sohn adoptirten. In den nächsten Tagen überreichte Golzinger ein von Baron Hornek unterfertigtes Majestätsgesuch, «vorin jener allerunterthänigst um die allerhöchste Genehmigung bat, Namen und Rang auf seinen Schwcstersohn übertragen zu dürfen. Das Gesuch war nach eingehender Besprechung mit Golzinger von einem der besten Advocaten der Monarchie verfaßt, und die Sachlage meisterhaft dargestellt worden. Golzinger hatte nicht n««r selbst mit den größten Opfern Alles aufgeboten. seine Zwecke zu fördern, sondern es war im auch gelungen. Horneck einz««reden, es wäre für ihn eine große Herabsetzung, für seine ihm feindlich gesinnten Verwandten, der höchste Triumph, wenn sein Majestätsgesuch abgewiesen würde, und auch der Major ließ, unter der klugen Leitung Golzinger's, nichts unver^ sucht, alle jenen hohen Personen, welche über diese Angelegenheit ihr Gutachten abzugeben hatten, für sein Gesuch günstig zn stimmen. Baron Hornek hatte nichts verlangt, was gegen die bestehenden Gesetze verstieß, es wurden durch die Gewährung seines Gesuches nicht die Rechte dritter Personen verletzt. In dem Gesuche «var, den Anschauungen jener Zeit vollkommen entsprechend, hervorgehoben, daß Lorenz Golzinger in dem Besitze eines großen Vermögens gelangen würde, so daß er seinem Stande gemäß leben können würde, und daß er sich dem Militärstande widmen, Gut und Blut dem Kaiser und Vaterlande opfern wolle. Die von dem Monarchen abgeforderten Gutachten fielen günstig für den Bittsteller aus, und nach einigen von Domiiuk und Lorenz Golzinger, in höchster Spannung verlebten Monate», gelangte die allerhöchste Erledigung herab: „Seine Majestäi hätte mit allerhöchster Entschließung allergnädigst gestattet, daß der Freiherrnstand des pensionirten kaiserl. königl. österreichische» Cavallerie-Majors Baron Lorenz Hornek auf dessen Schwester-

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