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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 96 Vr. Blnch's Wochenschrift Nr. 5 „Glauben Sie nicht, daß ich das Verdienst, welches Ihre Mission beanspruchen darf, schmälern will. Gewiß, cs ist keine geringe Sache, eine ganze Generation vermittelst der Schule aus erstickender Finsterniß befreien und sie einem ehrlichen Gewerbe zuführen zu wollen. Das alles aber, selbst wenn es gelingt, bringt uns noch immer nicht die Erlösung von dem Fluche, der seit undenklichen Zeiten schwer auf uns lastenden Verachtung, zeitigt noch nicht die edle Frucht der Selbstachtung, die uns sosehr fehlt." Schon diese wenigen, mit gepreßter Stimme hervorgebrachten Worte genügten, um mir einen Einbück in die Seele dieses jungen Mannes zu gewähren und ich begriff vollkommen, daß ihn eine unausfüllbare Kluft von feinem Vater trennen müffe. Dieser letztere war sich nur des einen Triebs bewußt: beffere Gestaltung der materiellen Existenz. In der Brust des Sohnes aber wohnten zwei Seelen, deren eine, die moderne, das Gebet um das tägliche Brot hintansetzend, ungeslümen Dranges nach Selbstachtung und Erringung der Achtung der Mitmenschen verlangte. O, ich verstand den Jüngling mit dem zerrissenen Herzen nur zu gut. Sein Schmerz, es ist der Schmerz aller inodern gebildeten Juden, zumal der nachwachsenden Generation, soweit sie nicht in der Jagd nach materiellem Gut aufgeht. Um ihn zu weiteren Aeußerungen anzuregen, sagte ich: „Sie haben recht. Wir sind von dem von Ihnen und allere heutigen Juden aufs Innigste herbeigewünschten Ziel noch weit entfernt. Aber glauben Sie nicht, daß die Schule und die Verbreitung gesunder, menschenernährender Arbeit die geeignetesten Wege sind, auf welchen dieses Ziel überhaupt erreicht werden kann?" Er schüttelte wehmüthig den Kopf. Nach kurzer Ueberlegung antwortete er: „Unter den gegebenen Verhältnissen arbeitet auch die Schule aussichtslos. — — Gewiß, Sie haben sich als denkender Mann wiederholt schon die Frage aufgeworfen, woher es komme, daß gerade in diesen östlichen Ländern die Juden in ihrem äußern Wesen so ganz mittelalterlich sich repräsentiren? Werden sie nicht von derselben Sonne beschienen, wie ihre Glaubensgenossen der westlichen Länder? Woher also gerade bei uns noch heute diese abschreckende Tracht, diese absurden, menschenveruustaltenden und zum Spott herausfordernden „Petes" sowie das ganze höchst widerwärtige angeblich von der. Religion dictirte äußere Wesen und Gehaben unserer Juden, die sie als die leibhaftigen Vogelscheuchen erscheinen lassen? Und wenn Sie nach den Ursachen dieser abstoßenden Erscheinungen fragen, so wird Ihnen überall die stereotype Antwort: Das ist das Werk des unausrottbaren finsteren Chasidismus. Thörichte Auskunft! Und wer conservirt dieses Gespenst, Chasidismus genannt? Glauben Sie mir, dieses ist innerlich so hohl und so todt, datz es schon längst auseinander gefallen wäre, wenn es nicht krampfhaft von dem schmachvollen äußeren Druck zusammengehalten würde. Dieses jüdische von verpesteten Miasmen erfüllte Ghetto hierzulande ist ein Product uralter Knechtschaft, wird conservirt durch die von allen Seiten greifbar auf uns ausgeübte entehrende und entmannende Behandlung. Nur ein einziger frischer und freier Lufthauch, und die lebenheuchelnde Mumie dieses sogenannten Chasidismus zerfällt in Staub und Asche. Aber von diesem lebenspendenden Hauche sind wir hermetisch abgeschlossen — — und aus einem durch und durch verfaulten Boden soll Gesundes sprießen?" „Aber die Schule, die Schule ..." „Ach ja die Schule", entgegnete er bitter, „die Schule, dieser Talisman .... Wenn die Schule hierzulande den Juden Selbstachtung und Achtung der Mittuensche» hätte bringen können, ivarum hat sie es nicht vermocht, bei den vielen hunderten, ja tausenden von gebildeten Juden, die wir, besonders in der jüngsten Zeit, im Lande besitzen, die ja alle durch die Schule gegangen und die es überdies in überwiegender Mehrzahl zu sorglosen, vielfach sogar recht behaglichen Existenzen gebracht haben? Nun sehen Sie sich doch viele dieser Leute näher an. Sie vermissen auch da jene Selbstachtung, welche unwillkürlich die Achtung der Mitmenschen herausfordert. Dafür jagen sie aber, sobald sie ihre materielle Existenz gesichert sehen, ungestüm äußeren Ehren nach, gehen förmlich um solche betteln, erniedrigen sich vor den untergeordnetsten Beamten, um eine Scheinehre einzutauschen, trachten ein Ehrenamt, ein Mandat, eine Decoration oder dergleichen zu ergattern .... Ich will nicht behaupten, daß die Schule solche niedrige Gesinnung gezüchtet, aber sie hat nicht vermocht, sie auszurotten und edlere Gesinnung in diesen Individuen zu erzeugen". „Sie beurtheilen" gab rck zurück, „die Dinge scharf und vergessen, daß uralte Krankheiten nicht über Nacht geheilt werden können. Die Schule wird nach und nach auch hier Gesundung bringen; ich wenigstens vertraue felsenfest auf ihre Heilkraft..." „Diese aber bewährt sich nur auf freiem Boden. Was hilft auch die beste Schule, wenn sie von erstickender Finsterniß umlagert ist. Unsere Losung muß sein: Die freie Schule im freien Lande! Wenn Sie nun imstande sind, die Kinder, nachdem tneselben Ihre Schulen absolvirt haben, unmittelbar aus der Schule in ein Land, wo der Jude Mensch sein darf, zn bringen und sie dort nützlich zu beschäftigen, dann ist das schöne Ziel zu erreichen; im anderen Falle aber werden sie wohl — was ja denn auch zunächst beabsichtigt scheint — die Heranwachsende Jugend moderner und concurrenzfähiger machen — aber Sie befreien sie nicht von dem Fluche der Verachtung". „Es liegt viel Wahres in dem, was Sie sagen. Dennoch brauchen wir nicht an der Zakunft zu verzweifeln. Ich sehe übrigens nicht ein, warum nicht ein großer Theil der östlichen Juden, wenn auch nicht alle, auf jene Höhe der Selbsterkenntniß und Selbstzucht sollte gebracht werden können, die Sie, wie ich sehe, und mit Ihnen zweifellos viele andere Glaubensgenossen inmitten der desolatesten Verhältnisse errungen haben . . .." „Aber", unterbrach er mich, „sehen Sie doch nur, wie es damit in Wirklichkeit bestellt ist". „Das beweist noch nicht, daß es so bleiben muß .... Ich will Ihnen aber auch zeigen, wie es gekommen, daß die von Ihnen eben gezeichneten sogenannten gebildeten Juden servil geworden: Im zartesten Alter, wo das Kind eben erst die Augen zu öffnen, die kindliche Seele sich den Eindrücken ringsumher zu erschließen beginnt, saßen sie 5 bis 6 Jahre hindurch in einer Volksschule, in welcher sie wegen ihrer jüdischen Abkunft, ihres Jargons, und vielfach wegen ihrer asiatischen Kleidung als minderwerthig behandelt, an vielen Orten sogar abgesondert von ihren christlichen Müschülern gesetzt werde». Anstatt Wohlwollen, erfuhren sie Demüthigungen und Zurücksetzungen. Ich brauche Ihnen, der Sie ja diese Zustände kennen, dieses Martyrium jüdischer Kinder in der Volksschule nicht des Ausführlicheren zu schildern. Was Wunder, daß in denselben im Laufe der Jahre jedes Ehrgefühl erstickt, und daß sie gegen die täglichen Beleidigungen und Demüthigungen abgestumpft wurden?. Ihnen, junger Mann, hat ein gütiges Geschick im Kindesalter alle diese Demüthigungen übelwollender Lehrer, alle Quälereien hep-hep-rufender Mitschüler erspart; denn Sie haben, wie ich von Ihrem Vater erfuhr, bis zum dreizehnten Lebensjahre ausschließlich häusliche Erziehung und häuslichen Unterricht genossen — darum konnte sich in Ihnen unbehindert Selbstachtung entwickeln, darum fühlen Sie auch tiefer jede dem Juden zugefügte Schmach. Die gleiche Wohlthat liebevoller, zur Selbsterkenntniß und Selbstachtung anleitender Erziehung werden die Kinder in unseren Schulen genießen, und warum sollen nicht bessere Menschen aus ihnen werden?" „Die Möglichkeit, sogar die Wahrscheinlichkeit, bestreite ich ja gar nicht. Es werden zweifelsohne besser erzogene Kinder aus Ihren Schulen hervorgehen. Sie werden zweifelsohne bessere Grundsätze und besseres Streben ins Leben bringen; aber was nützen die schönsten, von der Schule gepflegten Ideale, wenn sie das Leben zerpflückt, die Gesellschaft sie zu Schanden macht? Noch einmal: wenn Sie nicht in der Lage sind, die Kinder nach Absolvirung Ihrer Volks- und Gewerbeschulen auf einen Boden zu verpflanzen, wo Menschenrechte ohne Rücksicht auf Confeffion und Abstammung respectirt werden; so ist alle ihre Arbeit nur Flickwerk, sie wird wohl in vielen Fällen schöne und befriedigende Resultate zutage fördern; aber die endliche Erlösung bringt sie uns nicht." „Die Erlösung, die Sie meinen", erwiderte ich, „können einzelne Personen oder selbst Körperschaften nicht vollführen, auch wenn sie von dem edelsten und thatkräftigsten Streben erfüllt und von den reichsten materiellen Mitteln unterstützt werden. Sie können ihr wohl Vorarbeiten, durch das Ausstreuen des Samens der Bildung und Gesittung in den bisher argvernachläßigten Niederungen die Bahn freier machen; die Saat aber zur Reife zu bringen, das vermag nur die Zeit". „Und wir, die gegenwärtig lebende und unsäglich leidende Generation", gab er erregt zurück, „wir bedeuten gar nichts? Soll uns etwa der zweifelhafte Hoffnungsschimmer, daß einstens unsere Kindeskinder möglicher Weise im Lichte der Freiheit

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