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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 88 Dr. Bloch's Wochenschrift. Wir. 5 aufgenjpubct wird, und auch dies Wenige ohne System, ohne festes Ziel, ja ohne rechten Eifer und Liebe zur Sache. Nach dem Gesetz vom 23. Juli 1747 war der jüdische Religionsunterricht für die schulpflichtige Jugend der preußischen Juden facultativ, für die Gemeinden aber obligat. Die schulpflichtigen Kinder würden nicht gezwungen am jüdischen Religionsunterricht theilzunehmen, aber jener Gesetzentwurf legte den jüdischen Gemeinden die Pflicht auf, ^afüc zu sorgen, daß in der Regel kein jüdisches Kind im schulpflichtigen Alter ohne Religionsunterricht bleibe. Diese gesetzliche Bestimmung konnte nur so aufgefaßt werden, daß die Gemeinden die Pflicht hatten, j-dem Hausvater die Gelegenheit zu geben, seine Kinder in dem Glauben der Väter unterweisen zu lassen. Dieser Pflicht sind die kleineren Gemeinden im Großen und Ganzen und im Verhältniß zu ihren Kräften gewissenhaft nachgekommen; die größeren Gemeinden aber nicht. Das praktische Ergebniß dieser Vernachlässigung ist nun, daß während die aus der Provinz Zuziehenden fast alle wenigstens hebräisch lesen und somit dem öffentlichen Gottesdienst in hebräischer Sprache folgen können, dies in den größeren Gemeinden äußerst selten vorkommt und immer seltener wird. Es ist somit nur die consequente Folge dieser Zustände, wenn die Gemeinde von Berlin dahin strebt, den Gottesdienst in der heiligen Sprache immer mehr einzuschränken und durch den in der Landessprache zu ersetzen. Daß die Sache dazu noch ein wenig „patriotisch" aussieht — um so besser. Die katholische Bevölkerung in Deutschland, die doch im Patriotismus hinter d:r jüdischen nicht zurücksteht, denkt in solchen Fragen anders; sie hat bis jetzt die lateinische Kirchensprache nicht angetastet. Vom „Patriotismus" ganz abgesehen, werden in der That die in der Großgemeinde herrschenden Zustände dahin führen, daß man einen rein deutschen Gottesdienst wird veranstalten müssen; die hebräische Sprache wird nur mehr in homöopathischen Dosen angewendet werden können. Weit entfernt von diesem Ziel sind wn nicht mehr; in all' den Prunksynagogen, die unsere Gemeinde in der letzten Zeit errichtet hat, herrscht das deutsche Gebet vor, und in dem jüngsten Gotteshaus, das vor zwei Jahren eröffnet worden ist, hätte die Gebetsprache noch schlimmer abgeschnitten, wenn damals die Gemeindeverwaltung nicht vor der „reaktionären Strömung", die sich in jenen Tagen zum Leidwesen unserer Liberalen bemerkbar machte, eine heillose Angst empfunden hätte. Was aber damals nicht geschehen ist, kann noch später gethan werden, und wir die Verhältnisse nun einmal liegen, wird man leider zugeben müssen, daß es noch immer besser ist, wenn die jüngere Generation in der Landessprache betet, als daß sie überhaupt nicht betete. Vor einigen Jahren ist der jüdische Religionsunterricht für die jüdische Schuljugend obligat geworden. Die officielle Gemeindeverwaltung hat sich gegen diese Einrichtung lange genug gesträubt, sie ist ihr aber von drr Behörde geradezu aufgedrängt worden. Nun hat aber der Minister nicht gestatten wollen, daß der jüdisch ■ Religionsunterricht auf die Erlernung der hebräischen Sprache ausgedehnt werde. Mit dieser Bestimmung muß nun einmal . so bedauerlich sie ist. gerechnet werden. Wenn unsere Gemeindeverwaltung mindestens den Ernst der Lage erfaßt hätte, so hätte sie sich sagen müssen, für den Religionsunterricht der Heranwachsenden Generation ist das Beste kaum gut genug. Es klingt so hübsch, wenn die Gemeindeverwaltung in ihrem Rechenschaftsbericht, mit dem sie uns von drei zu drei Jahren beglückt — die Steuerquittung bekommen wir alle drei Monate zu sehen — darüber Klage führt, so und so viele Gemeindemitglieder haben dem väterlichen Glauben den Rücken gekehrt, so und so viele sind aus der Gemeinde einfach ausgeschieden. Der l tzte Punkt ist umso bedenklicher, als in diesem Falle nicht gesagt werden kann, die Leute seien zu einem anderen Glauben übertreten, weil die Staatsreligion größere Anziehungskraft besitze als das Judeuthum. Es gibt also Juden, die ohne jeden Grund die Gemeinde verlassen, weil sie nicht das mindeste Interesse an deren Fortdauer haben. Wie viel davon auf Rechnung des überaus mangelhaften Religionsunterrichts — ich wähle diese milde Bezeichnung, weil ich auch den leisesten Verdacht der Gehässigkeit von mir fernhalten will — zu schreiben ist, mögen diejenigen untersuchen, deren Ausgabe dies ist, oder wenigstens hätte sein sollen. Für einen erfolgreichen Religionsunterricht fehlt in unserer „Musteraemeiude" jede Vorbedingung, selbst das Streben, ihn zu verbessern. Wir haben keine geeigneten Lehrkräfte und keine ^p!a»ei«-n Schulbücher. Was das Lehrei personal betrifft, so H u : ’•ui indeverwaltuug bestrebt, die K«sten für den Religionsunterricht so gering als möglich anzusetzen. Dieser wird deshalb in der Regel im „Nebenamt" versehen. Auf den Gymnasien und ähnlichen Unterrichtsanstalten unterrichtet ein jüdischer Gymnasiallehrer, der für die paar „Nebenstunden" im Jüdischen extra bezahlt wird. Die Bezahlung ist eine ziemlich niedrige, die Leistung ist aber gar nichts Werth. Wenn schon der Schüler sich nicht die Kenntniß der hebräischen Sprache aneignen kann, in der unser Stamm Jahrtausende hindurch gedacht und gedichtet hat, in der unsere glorreiche Cultur aufbewahrt ist und die jüdische Volksseele sich getreu abspiegelt, so müßten wenigstens die Lehrer diese Sprache, und zwar nicht nur nothdürftig beherrschen, dazu noch die ganze jüdische Geschichte und Literatur, so daß sie bei ihrem Unterricht aus dem Vollen zu schöpfen hätten. Wie wenig die Thatsachen diesem zu erstrebenden Ideal entsprechen, weiß jeder Familienvater, dem es mit dem Religionsunterricht seiner Kinder ernst ist und der in ihm nicht blos eine „Pflichterfüllung" erblickt. Bevor der obligate Religionsunterricht bei uns eingeführt war, stand die Sache doch noch einigermaßen besser. Vor Allem wußten die Eltern, denen die religiöse Erziehung ihrer Kinder am Herzen lag. daß sie selber dafür zu sorgen hätten; sie thaten dies auch nach Maßgabe ihres Verständnisses und ihrer Kräfte. Außerdem hatten ja die Kinder die jetzc dem sogenannten Religionsunterricht gewidmete Stunde zur Verfügung. Unter den obwaltenden Verhältnissen beruhigen sich die meisten Eltern bei dem öffentlichen Unterricht, und für die Unzufriedenen liegt das Hinderniß vor, daß die Kinder für den Privatunterricht keine Zeit übrig haben. Es ist bereits betont worden, daß der obligate Religionsunterricht in Preußen nicht durch die Gemeinden, sondern ihnen zum Trotz eingeführt worden ist. Dafür war ein Privatmann thätig, der es entschieden gut gemeint hat. Ich habe ihn seinerzeit davor dringend gewarnt, indem ich ihm die eigenen Erlebnisse aus diesem Gebiete mittheilte. Der Betreffende meinte jedoch, die Sache an sich wäre gut, und wenn sie in anderen Staaten nicht gewissenhaft durchgeführt werde, so dürfe davon nicht auf die preußische Gemeinde geschlossen werden. Ich bedauere sehr, daß ich, und nicht mein Freund Recht behalten habe. Ich müßte in das Gebiet des Persönlichen hinübergreifen, wollte ich die herrschenden Mißstände noch genauer beleuchten. Der Quell dieses Uebels ist aber das in den Großgemeinden herrschende Oligarchie- und Cliqueunwesen. Die Geweindewahlen werden bei uns in irgend einem Conventikel gemacht; einmal in dem einen, das anderemal in dem anderen Verein. Die Ehrenämter in der jüdischen Gemeinde sind zumeist die Vorstufen für die Erlangung solcher in der Commune. In erster Reihe muß es ein Millionär sein, oder der Schwiegersohn eines solchen, dem man in der Gemeindeverwaltung ein Amt anvertraut; der Professortitel thuts zuweilen auch, da ein jüdischer Professor fast immer mindestens der Schwiegersohn eines Mitgliedes der Plutokratie ist. Auf Kenntnisse und Verständniß der Sache sieht man nicht. So zurückgegangen leider die Kenntniß des Judenthums in unserer großen Gemeinden auch ist, so sind doch noch in ihnen geeignete Männer vorhanden, die mit Verständniß und mit Liebe zum Judenthum ausgerüstet, wenigstens in Cultus- und Unterrichtsfragen gefragt zu werden verdienten. Dies geschieht jedoch niemals, weil bei unserer Gemeindeoligarchie der Mensch erst mit der Million anfängt — ob mit der Million Mark oder mit der Million Thaler weiß ich nicht,' da ich leider weder die eine noch die andere besitze. Dies konnten wir vor Kurzem so recht auffällig bei der Wahl einer Commission zur Prüfung des officiellen Gemein-Gebetbuches und einer anderen zur Gründung einer jüdischen Gemeinde-Bibliothek sehen; kein Mann von Fach wurde bei dieser Gelegenheit zu Rathe gezogen. Die Herren fühlen sich viel behaglicher in ihrer „exclusiven" Gesellschaft, d. h. unter Männern, deren Sinn von Sachkenntniß ungetrübt ist — diese si'd unsere „geborenen Gemeindeleiter!" Philo von Alexandrien. In der Antiquarischen Gesellschaft zu Zürich hielt am 2. Drcember 1899, Herr Professor G. v. Schultheß - Rechberg einen Vortrag: „Pbilo von Alexandrien, ein Zeitgenosse Jesu". Zu den tiefsten und umfassendsten Problenien gehört der Ausgleich zwischen Glauben und Wissen. Aber dieses Problem, welches das ganze Mittelalter ausschließlich beschäftigt hat, ist nicht ewig, wie man glauben möchte, es tritt erst in der Zeit um Christi Geburt auf. Denn erst da trifft eine geoffenbarte Re-

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