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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Br. Vloch's Wochenschrift. Seite 85 vom 14 Jahre an ausgenommen. Es wird beabsichtigt, künftig blos solche, d e schon eine Elementarschule durchgemacht haben, zuzulassen; bis jetzt hat sich diese Maßregel noch nicht durchführen lassen, da man vorläufig, so lange genügend Raum da war, Applicanten wegen Nichterfüllung dieser Bedingungen nicht gern abweisen wollte Daher finden sich unter den Neuaufgenoinmenen Knaben, die erst vor kurzer Zeit aus Rußland gekommen waren, wo sie das Gmnasium oder die Realschule besucht hatten und in manchen Fächern viel weiter sind als diejenigen, welche die hiesigen Elementarschulen durchgemacht haben. Dabei sind sie aber mit ihrem Englischen sehr zurück und mit ihnen muß also hauptsächlich die Sprache getrieben werden, was freilich auch mit gutem Erfolg durchgeführt wird. Andererseits gibt es Knaben, die sehr wenig Schulung hatten, oder auch solche, die zwar die Elementarschule durchgemacht, aber so gut wie keine positiven Kenntnisse anfweisen können. Es mußten darum vorläufig sämmtliche Schüler nicht in die Anfangs geplanten drei Classen eingetheilt werden, sondern in eine ganze Anzahl solcher, wobei es ermöglicht wird, jeder Gruppe besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dadurch wird aber auch Manchen, die sich durch außerordentliche Fähigkeiten und einen besonderen Fleiß auszeichnen, die Möglichkeit gegeben, die Schule in einer kürzeren Zeit, als in den drei vorgeschriebenen Jahren durchzumachen. Der Unterricht wird von dem Director der Schule, Professor Sabsovitch, drei Lehrern und zwei Assistenten (für die praktischen Arbeiten) geleitet. Das Jahr wird in zwei Semester eingetheilt Während des Sommersemesters werden den theoretischen Studien blos 2 /., Stunden gewidmet und der praktischen Landwirthschaft, die im Sommer hauptsächlich aus Feld- und Gartenarbeiten besteht. Außerdem muß jeder Schüler der Reihe nach eine gewisse Zeit im Laufe des Semesters die Kühe und Pferde besorgen und genaue Aufzeichnungen über die Menge des ihnen zugetheilten Futters und der von den Kühen hergegebenen Milch machen. Im Winter wird 5 Stunden lang theoretisch studirt und 4 Stunden gearbeitet. Diese Zeit wird hauptsächlich zwischen den Treibhäusern und der Werkstatt getheilt, und die von den Schülern daselbst angefertigten Feuer-Nothleitern für das Dormitorium mögen als Beweis dafür dienen, daß der Unterricht in den Handwerken guten Erfolg hat. Im letzten Wintersemester vor Absolvirung der Schule soll besonderes Gewicht auf die Milchwirthschaft gelegt werden, und den letzten Sommer sollen die Schüler auf verschiedenen Farmen zubringen, um die Landwirthschaft unter anderen Verhältnissen, als denen der Schulfarm beobachten zu können In den theoretischen Cursen wird außer in den Allgemeinfächern: Englisch, Mathematik, Physik, Geschickte und Religion und den Specialfächern: Grund- und Bodenlehre, Düngung und Bodenbestellung. Zeichnen und Landvermessung, noch Unterricht in Buchführung und Korrespondenz gegeben, so daß die Schüler nach Absolvirung der Schule im Nothfalle ihr Fortkommen auch auf anderem Gebiete finden können. Von den 108 gegenwärtigen Schülern sind 25 aus Woodbine selbst, 13 kommen ans Waisenhäusern und die übrigen aus New-Iork, Baltimore, Philadelphia, Boston, Chicago und ans dem Staat Ohio Es scheint also, daß die Idee, ihren Kindern wissenschaftliche Agricultvrbildung zu verschaffen, den Eltern nicht so widerstrebt, und daß die Aufgabe der Schule, sachverständige Landwirthe auszubilden, eher freudig ausgenommen wird. Es muß noch hinzugefügt werden, daß die Schule nicht allein den Kindern der amerikanischen Juden zur Verfügung steht, sondern auch denen anderer Länder, besonders Rußlands und Rumäniens. Man bezweckt damit, Leute, die die Absicht haben, nach Amerika auszuwandern und sich mit Landwirthschaft zu befassen, zu veranlassen, ihre Kinder ein paar Jahre früher herzuschicken, damit die Eltern bei ihrer Ankunft in diesem Lande ein sachverständiges Mitglied der Familie vorfinden. Den Aussagen des Superintendenten nach, welche von einer Anzahl der Schüler in persönlicher Unterhaltung bestätigt wurde, finden die meisten Jungen an der Beschäftigung Gefallen. Daß die Kinder mit den sonnenverbrannten Gesichtern einen viel gesünderen Eindruck machen, als ihre Brüder, denen man in den Straßen der Großstädte begegnet, versteht sich von selbst. Wenn man diese kleinen Farmer in ihren blau und weiß gestreiften Anzügen und den großen Strohhiiten auf dem Felde arbeiten sieht, scheint diese Beschäftigung gar nicht so „ungeeignet" für die jüdische Race zil sein, wie 'manche unter den Stammesgenossen selbst glauben Diese Meinung beruht auf der thatsächlich existirenden Mißachtung, die die ärmere Classe der Juden für den Bauer hegt, den sie für et» ungebildetes und rohes Geschöpf halten, während gerade diese Classe ihren höchsten Stolz darein setzt, ihren Kindern, besonders den Jungen, eine womöglich bessere Bildung als ihre eigene zukommen zu lassen, Diese Meinung, daß die Landarbeit den Geist abstumpft, existirt übrigens nicht nur unter den Juden, und beruht auf dem Jrrthum, gewisse Nachtheile, die nichts als die Folgen bestimmter Umstände eines Berufes sind, dem Berufe selbst zuzuschreiben. Mit dem Fortschritt der Landwirthschaft in den letzten Decennien, mit der Einführung der Maschinen und verschiedenen künstlichen Processe zur Landbebanung. die die menschliche Arbeit erleichtern und zugleich so viel ergiebiger machen, fällt mehr und mehr die Nothwendigkeit der langen Arbeitsstunden weg. Wie die Maschine in der Industrie zur Verkürzung des Arbeitstages geführt hat und dadurch dem Arbeiter mehr freie Stunden zur Ausbildung und Geselligkeit läßt, so muß auch die landwirthschaftliche Maschine zur Veränderung der Lebensart der Landarbeiter führen. Und wie der industrielle Arbeiter mit der Steigerung der Intelligenz mehr und bessere Arbeit leisten kann, so wird auch der intelligente Landarbeiter ohne Zweifel dasselbe thun. Wenn der russische Bauer, ungeachtet seiner mühevollen Arbeit und seiner angeborenen Anlagen zur Landarbeit verhungert, so ist es zum großen Theil, weil er weder von den verschiedenen Neuerungen etwas weiß, noch im Stande ist, dieselben anzuschaffen. Ein Landmann dagegen, der mit voller Kenntniß der Mittel zur leichteren und ertragsfähigeren Landbearbeitung an seine Aufgabe geht, wird durch diese Kenntnisse in der Lage sein, ganz andere und weit bessere Resultate zu erzielen. Die Zeiten, wo jeder Einwanderer sich goldene Berge in Amerika versprach, sind vorbei. Nun ist auch schon in die alte Welt das Gerücht gedrungen, daß nian hierzulande schwer arbeiten muß, um sich sein Stückchen Brot stt verdienen. Und zu einer Zeit, wo das Gebiet der Industrie von Arbfitshänden überfüllt ist, so daß die Existenz des Arbeiters immer unsicherer wird, wird es stets nothwendiger, dem Erwerbe neue Bahnen zu eröffnen. Als solche bewährt sih nun die Landwirthschaft hierzulande, erstens wegen der enormen, noch uncultivirten Erdflächen und der Leichtigkeit, sich Parcellen derselben anzueignen, wie auch wegen der fortgeschrittenen Art der Bebauung, die so gute Aussichten auf Erfolg bietet. Selbst die besonderen Anlagen der Juden zum Handeln lassen sich heutzutage im Bereiche der Landwirthschaft sehr gut verwenden. Die Zeiten, wo der Landarbeiter die Feldfrüchte nur für seinen eigenen Gebrauch zog. sind längst vorbei. Zugleich mit der Entwicklung der Fabriksindustrie. die einen immer größeren Theil der Menschheit dem direkten Erlangen seiner Nahrungsmittel entriß, mußte der noch an die Scholle gefesselte Theil oafür sorgen, den ersteren mit Brot zu versorgen. Allerdings that er es nicht aus der wohlthätigen Absicht, seine Mitmenschen am Leben zu erhalten, sondern vielmehr aus seinem stets wachsenden Verlangen nach Gegenständen, die er selbst nicht in der Lage war, zu produciren und die er durch Hingabe eines Theiles seines, der Erde entrungenen Eigentbnms, erhalten konnte. Dieser Umstand hat nun zu einer enormen Entwickelung des Handels mit landwirthschastlichen Producten geführt. Demzufolge sehen wir in verschiedenen Gegenden, die den Umständen am besten entsprechenden Branchen der Landwirthschaft unter eitriger Cultur Und indem eine moderne Agriculturschule, wie die in Woodbine, die Schüler in alle diese Branchen einweiht, bietet sie ihnen jedenfalls eine aussichtsreichere Zukunft, als das Arbeiten in der Fabrik, auf das ja die meisten Kinder der Arbeiter angewiesen sind. Der Anblick der schmächtigen, gebückten Gestalten mit der eingefallenen Brust und dem bleichen Gesicht, die charakteristischeit Merkmale der Schwitzbuden-Arbeiter, denen man in den jüdischen Vierteln besonders häufig begegnet, zeigen zur Genüge die Nothwendigkeit einer gesünderen Beschäftigung, um wenigstens der nächsten Generation ein besseres Los zu bereiten. Tenn von solchen Eltern kann man wrhl schwerlich eine gesunde Nachkonimenschaft erwarten; besonders, wenn es Letzteren bevorsteht, in derselben Umgebung zu leben, die nicht nur zum physischen, sondern oft auch zum moralischen Untergang führt. Letzteres bezieht sich besonders auf die Mädchen. In dem schweren Kampf gegen das Laster und die geistige und körperliche Versumpfung sollten Anstalten wie die Baron de Hirsch-Schule als eine der besten Waffen dienen. Alle Unterhaltungsvereine und „Girls-Clubs", deren Nützlichkeit durchaus nicht bestritten werden soll, haben den Nachtheil, die Mädchen, wenn sie sie auch für einige Stunden der Woche in eine gesündere Atmosphäre bringen, im Großen und Ganzen in derselb n schlechten Umgebung zu lassen Daß das Backfisch-Alter dasjenige ist, das der meisten Aufsicht bedarf, muß von einem Jeden zugegeben werden der sich mit der Erziehung von Mädchen befaßt hat. Ihre Gedanken zil der Zeit mit nützlichen Studien zu beschäftigen und sie in edle Bahnen zu lenken, bedeutet meistens, ihnen die Richtung für das ganze Leben zu geben Ta aber die meisten Töchter der Arbeiter gerade in diesem Alter gezwungen sind, ihr eigenes Brot zu verdienen, so können sie von dem unentgeltlichen Unterricht der städtischen Mittelschulen keinen Gebrauch machen. Darum ist eine Schule, die ihnen die Möglichkeit gibt, selbst ihre Beköstigung und Bekleidung zu verdienen, von der größten Wichtigkeit, besonders da dieselbe ihren Erwerbskreis erweitert. In der noch diesen Herbst zu eröffnenden Mädchenabtheilung der Baron de Hirsch-Ackerbauschule sollen bte Mädchen den theoretischen Cursns zusammen mit den Knaben verfolgen und speciell im Milchwesen, in Horticnltur und Vogelzucht ansgebildet werden Anstatt der Feldarbeit jedock sollen sie Kochen. Nähen und überhaupt Hausarbeiten lernen und besonderen Unterrichr in Physiologie, Hygiene und Krankenpflege erhalten, um sie nicht nur zur Ausfüllung verschiedener landwirthschaftlicher Stellungen vorznbereiten, sondern um ans ihnen verständige Hausfrauen und Mütter zu machen. Wem es bekannt ist, mit welcher Freude gerade die jüdischen Mädchen jede Gelegenheit zur Ausbildung begrüßen, der wird keinen Zweifel hegen, daß die Schule recht bald zahlreiche Schülerinnen zählen wird. Zum Schluffe mögen noch einige Worte über Woodbine selbst hinzugefügt werden. Wenn es auch vorläitfiq blos tvenige erfolgreiche Farmer aufzuweisen hat, erfreut es sich doch eines stetigen Wachsens und verhältnißmüßigen Wohlstandes als Städtchen.

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