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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite ö4 Nr. 5 Dr. Bloch's Wochen jchrist. dazu ihre sonderlichen Geier und Falken, die es ihnen ausgespürt und aus allen Winkeln hervorgesucht, abgerichtet und umherflattern lassen, dadurch sie Alles, was nach Geld gerochen, erschnappt und in ihre R«tze gebracht und das Land jv' klar und rein vom Gelde gcmacht und auspurgirt, daß fast nichts übergeblieben". lieber jene Zeit schrieb Sebastian Franck in seiner Chronik: „Es ist leider dazu kommen, daß arbeiten gleich ein schand ist worden, sogar, daß man sie selten mehr zu Ehren braucht und Jeder fern Kind von Jugend daraus zeucht, daß es nicht hart dürfe arbeiten, daß es sich müßig nähre mit Jedermanns Schaden. Was für redlich Handel jetzt unter den Christen und christlichen Kaufleuten, Gesellschaften, Wucherern, Zinskäufern, Geldwechslern fürgehen, empfinden wir freilich allzumahl; das ist eitel Zinskauf und Fürkauf zu Jedermanns Nachtheil Was christliche Kaufleute übrig ließen, das raubten dann christliche Ritter, wie der Schluß eines Reisegebetes aus diesen Zeilen besagt: „Vor Köckeritz und Uechteritz, Vor Usedom und Jtzenplitz, Vor aller Gefahr und Noth Bewahre uns der liebe Gott". Vte Nckerbauschute in Woodbine. (Entwicklung und Wirksamkeit der Baron de Hirsch-Stiftung in Amerika.) Seit dem Anfang der Massenauswanderung der russischen Juden nach Amerika, die mit dem Beginn der Verfolgungen in ihrem Vaterlande zusammenfällt, waren mehrfache Versuche gemacht worden, jüdische landwirthschaftliche Colonien zu gründen. Doch sind fast alle diese Versuche fehlgeschlagen. Die meisten der ersten Colonisten haben nach kurzer Frist oie Landarbeit vollständig aufgegeben, um sich in den Großstädten eine Existenz zu gründen, und von den wenigen, noch existirenden Colonien hat sich bis in neuester Zeit keine eines besonderen Blühens rühmen können. Doch gibt es eine, noch verhältnißmäßig junge, Ansiedelung, der allem Anscheine nach nicht nur eine dauerhafte Existenz prophezeit werden kann, sondern der es beschert zu sein scheint, zur fruchtbaren Fortpflanzung der Idee der Ackerbebanung unter den amerikanisa en Juden zu dienen. Denn Woodbine, einer 1892 mit Hilfe des „Baron Hirsch Fund" gegründeten Colonie, soll zur Ehre gereichen, durch Eröffnung einer Ackerbauschule den ersten rationellen Versuch gemacht zu haben, das Interesse der jüdischen Jugend für Landwirthschaft zu wecken und ihr die nöthigen Kenntnisse beizubringen, damit sie in dieser gesunden Beschäftigung ein Fortkommen finden könne. Es be.urfte keines großen Scharfsinnes, um einzusehen, .daß die Hauptursache des Mißlingens der Landarbeit unter den Juden in ihrer vollständigen Unkenntniß auf diesem Gebiete lag. Die Umstände, unter denen das Judenthum Jahrhunderte lang zu leben hatte, haben eben dazu beigetragen, die ganze Nation von der Landarbeit femzuhalten. Die ersten jüdischen Colonisten Amerikas hatten daher weder die Veranlagungen, die Demjenigen eigen sind, dessen Vorfahren vielleicht ' seit Generationen Bauern gewesen sind, noch die theoretischen Kenntnisse, die es Einem ermöglichen, sich über manche natürliche Mängel hinwegzuhelfen. Uiu diesem letzteren Uebel einigermaßen abzuhelfen, unternahm es der Director der Colonie „Woodbine", Prof. Sabsovitch, ein in Zürich ausgebildeter Agronom, im Winter .899 eine Reihe populärer Vo träge zur Belehrung der Colonisten abzuhalten. Ein Stück unbenutzten Landes wurde behufs praktischen Unterrichtes von den ersten Schülern unter Anleitung der Sachverständigen bearbeitet und verschiedene Gebäude wurden errichtet. Diese ersten Schüler, zu denen sowohl ältere, wie auch jüngere Leute zählten, und deren Zahl ungefähr 40 betrug, bildeten jedoch noch keine systematische Classe, da es dazu an den nöthigen Einrichtungen fehlte, und außerdem kamen die Meisten nicht mit der Absicht, einen systematischen Cursus durchzumachen, sondern vielmehr, um sich gewisse Fertigkeiten anzueignen, die sie dann in ihrer eigenen Wirthschast so schnell als möglich verwerthen wollten. Im nächsten Winter bildete sich jedoch eine regelmäßige Classe aus 15 Jungen Eine Scheune wuroe so umgebaut, daß das obere Stockwerk denselben als Schulraum diente, während das untere m eine Schlaffer- und Schreinerwerkstatt umgewandelt wurde. Während der Wintermonate verbrachten die Schüler 13—15 Stunden wöchentlich in der Werkstatt, wo sie allerlei Werkzeug zu hantiren lernten und im Frühjahr begann der Unterricht im Pflanzen und Säen Es wurden Versuche mit der Cultur von verschiedenen Arten von Gemüsen und Beeren gemacht und ganze Felder mit Viehfutter und Getreide besäet. Im nächsten Winter wurde viel in den zu der Zeit schon aufgebauten Treibhäusern gearbeitet. Außer mit der Blumenzucht befaßten sich die Schüler auch mit der Viehzucht. Allmälig wurde auch Vogelzucht und Milchindustrie angefangen. Unterdessen hatte die Erdbecrenzucht sehr gute Resultate ergeben und auch für einige andere Ackerbau- und Gartenproducte erwarb sich die Schulfarm schon im Jahre 1895 auf der Districts-Ausstellung Auszeichnungs-Diplome. Die Zahl der Schüler konnte jedoch nicht steigen, da die meisten Colonisten ihre Kinder zur Bebauung ihrer eigenen Ländereien uöthig hatten und für Aufnahme von ausivärtjgen Schülern die nöthigen Einrichtungen noch nicht getroffen waren. Es hatten jedoch 5 Knaben und 1 Mädchen aus New-Iork im Jahre 1896 in der Schule Aufnahme gefunden, die in dem sich heranbildenden Städtchen Unterkunft fanden. Im Ganzen befanden sich unter den 21 Schülern 3 Mädchen, die den theoretischen Cursus mit den Knaben zusammen verfolgten und praktisch die Vogel- und Blumenzucht, sowie die Milchwirthschaft erlernten. Von den ersten Schülern waren unterdessen einige der tüchtigsten und begabtesten, die sich allerdings einiger Bildung vor ihrer Ansiedelung in Woodbine erfreuten, nach einem I'/2—2j[df)rigeu Cursus in der Woodbine Schule, in höhere landwirthschaftliche Schulen eingetreten. Den jüngsten Berichten nach haben sich diese jlmgen Leute einen glänzenden Ruf während ihres Studiums erworben und drei von ihnen bekleiden gegenwärtig Staatsanstellungen, während zwei nach Woodbine zurückkehrten, um dort an der seitdem vergrößerten Schule als Lehrer angestellt zu werden. Einige von den Schülern haben Anstellungen als Gärtner und auf Farmen gefunden und andere arbeiten auf den väterlichen Besitzungen. Die ersten paar Jahre genügten, um die Nützlichkeit solcher Schulen zu beweisen und Alle, die sich dafür interessirten, von der Nothwendigkeit zu überzeugen, dieselben der jüdischen Jugend der Vereinigten Staaten zugänglich zu machen. Dies wurde auch von der jüdischen Colonisationsgesellschaft eingesehen, die sich bereit erklärte, die nöthigen Summen herzugeben, um diese kleine Schule in eine große Anstalt umzugestalten. Es wird beabsichtigt, demnächst die Schule so einzurichten, daß sie 250 Schüler und Schülerinnen aufnehmen kann. Bis jetzt ist blos ein Theil des Programms zur Ausführung gelangt, indem das Dormitorium für 80 Knaben errichtet wurde, was mit den in Woodbine wohnhaften Schülern die Zahl der Zöglinge auf 100 steigerte. Letzten Sommer hatte ich Gelegenheit, Woodbine zu besuchen und kam dadurch in die Lage, einen besseren Begriff von dieser Anstalt zu bekommen, als man sich von den bis jetzt nur spärlich erschienenen Berichten bilden kann. Die Schulfarm befindet sich ungefähr 10 Minuten von der Station Woodbine und umfaßt ein ausgezeichnet bearbeitetes Stück Land von 240 Morgen. Die Hauptproducte desselben sind Obst, Gemüse und Viehfutter, wovon ein erheblicher Theil verkauft wird. 20 Morgen sind mit Beeren bepflanzt, von denen, wie schon erwähnt, die Erdbeeren am besten gedeihen. Das Land, wenn auch an und für sich nicht besonders fruchtbar, läßt sich durch zweckmäßige Düngung gut bearbeiten. Ein größerer Theil wird von Treibhäusern eingenommen, in denen im Winter seltene Pflanzen gezogen werden. Die Temperatur wird durch Dampfheizung regulirt. An Gebäuden finden wir außer dem Schulhause: Vogelhäuser, in denen bis 300 Vögel gezogen werden; einen Stall für 25 Stück Vieh, eine Windmühle, einige Scheunen, die Molkerei, das Haus für den Superintendenten ’ und endlich das neu errichtete Dormitorium — De Hirsch Hall genannt — ein dreistöckiges Gebäude, mit den neuesten Einrichtungen ausgestattet. Im unteren Stockwerk befindet sich die Küche, das Eßzimmer und ein großer Raum, der als Studirzimmer, Bibliothek und zu Unterhaltungen dient, die zur Pflrge der Geselligkeit in regelmäßigen Zeiträumen arrangirt werden. In den oberen Stockwerken befinden sich die großen, hellen Schlafzimmer für die Zöglinge, kleinere für die Lehrer, und ein Separatzimmer, das in Krankheitsfällen gebraucht wird. Der Arzt, der die Schule täglich besucht, findet jedoch, seinen Aeußerungen zufolge, selten Gelegenheit zur Anwendung seiner Kunst. Für Hausordnung wird von einem Aufseher und einer Haushälterin gesorgt, die in ihrer Arbeit vou den 15 Schülerinnen, die sie anzuleiten hat, unterstützt wird. Diese 15 Mädchen sind Töchter der in Woodbine wohnenden Colonisten. Sie dürfen am theoretischen Unterrichtscursus theilnehmen, was jedoch vorläufig, bis die noch zu treffenden Einrichtungen für ein Mädchendor.i.itorium vollendet sind, nicht obligatorisch ist. Sie werden auch praktisch in der Vogel- und Blumenzucht unterrichtet, ebenso bis zu einem Grade in der Milchwirthschaft. Ihre Hauptaufgabe besteht jedoch in der Hausarbeit, für welche sie per Stunde bezahlt werden (wie auch übrigens die nicht im Dormitorium wohnenden Knaben für die Feldarbeit), damit ihr Unterhalt den Eltern nicht zur Last fällt. Natürlich ist die Bezahlung sehr klein (von 3—5 Cents pro Stunde), das macht aber ungefähr so viel aus, wie es den Eltern auf dem Lande kostet, ein Kind zu ernähren. Im Allgemeinen heißt es auf dem Schulprogramm, daß blos der Unterricht frei sei, die Beköstigung jedoch soll durch einen nominellen Preis bestritten werden. Diejenigen aber, die nicht im Stande sind, zu zahlen, können sich ihren Unterhalt durch Feldarbeit verdienen. Nun ist aber die Schule bis jetzt nur vou den Kindern der ärmeren Stände aufgesucht worden, und da die Bedingungen der Aufnahme sehr leicht sind, so ist thatsächlich nicht nur der Unterricht, sondern auch die Bekleidung und Beköstigung frei. Da aber die Feldarbeit von den Knaben besorgt wird und der Ertrag derselben eine gewisse Einnahme liefert, so zahlt sich diese Anstalt doch theilweise selbst. Die Schüler werden

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