Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 Seite 83 Vr. Bloch's Wochenschrift. der nicht hinter seinen städtischen Collegen Zurückbleiben wollte und die Redacteure der kleinen Revolverblättchen, die persönlich herumreisen, um Abonnenten zu Pressen. Es sind dies meist verkommene, zuweilen auch schon wiederholt bestrafte, dunkle Ehrenmänner, die für ein halbjähriges Abonnement einen in den Himmel erheben und bei einem Refus in die Kloacke zerren, wie ich dies persönlich mehr als ein Mal erfuhr. Nun ist an die Stelle des frühern kameradschaftlichen Verkehres der blinde Haß getreten und der Boden, auf dem der Jude stand, abgegraben worden. In der Stadt Füchse; im Dürfe Wölfe! In diesem Milieu Ackerbaudilettanten, wie es zumeist die galizischen Juden sind, colonisiren, hieße sie allen Gefahren expouiren. lind dann fehlt es an Boden. Bei den Bauern Parcellen kaufen, würde im Landtage und in der Presse einen gewaltigen Sturm erregen; man würde über Depossedirung und Aussaugung der Bauern schreien, wenn auch mit Unrecht. Ein polnischer Edelmann aber würde sich gegenwärtig nur bei sehr hohen Preisen entschließen, ein Stückchen des theuern Vaterlandes zu jüdischen Colonisativnszwecken zu verkaufen. Als vor einigen Jahren ein einer polnischen Gräfin gehöriges Gut P. von einer Krakauer Bank an die Brüder L., von denen der eine Bierbrauer, der andere Advocat in Lemberg ist, um einen sehr anständigen Preis verkauft wurde, schlugen die polnischen Zeitungen einen solchen Heidenlärm, gingen Verkäufern und Käufern so heftig zu Leibe, daß die Brüder L. freiwillig zurücktraten und dafür dann als Patrioten bejubelt wurden! Wird doch schon jetzt in nationalen Kreisen fortwährend lamentirt, daß sich ein Theil Galiziens in jüdischen Händen befinde, obschon kaum vierhundert größere Grundbesitzer vorhanden. In diesem Lande, wo Polen und Ruthenen jeder Stellung und jeder Partei in rührender Eintracht auf die radicale Vernichtung jüdischer Existenzen hinarbeiten, Colonien gründen, wie beantragt wurde, wäre.der größte Unsinn, der ausgebrütet werdenkönnte! Colonien gründet man, wo man für vierzig oder fünfzig Gulden einen Morgen kaufen kann, nicht aber wenn man drei- oder vierhundert bezahlen muß. Ein Area von tausend Joch Culturboden müßte da, mit einem tobten und lebenden Inventar für jeden einzelnen Colonisten, wohl eine halbe Million kosten und von den fechsmalhunderttausend Juden etwa hundertfünfzig aufnehmen! Ein so unsinniges Project möge man einfür alle Mal aufgeben; es zeigt ein gänzliches Verkennen der Umstände und Verhältnisse, es dient nur dazu, von besseren Wegen abzulenken. In entfernten Ländern, wo man den Judenhaß noch nicht bis zur Virtuosität gebracht und wo die Regierung das Terrain verkauft, billig verkauft, muß das Asyl für die verfolgten Juden errichtet werden, in welchem sie Ruhe, Sicherheit. Arbeit und Brot finden und in das sie nach und nach hinübergeleitet werden sollen. Daß Palästina und Syrien, vermöge ihrer klimatischen Beschaffenheit, ihrer Geschichte und Tradition, der unauslöschlichen Pietät der Juden, sich dafür in erster Linie eignen, wird Niemand negiren. Ach, wenn es gelänge, dereinst Galizien seine vielgeschmähten Juden abzuziehen, dem trägen Lande sein belebendes Element zu nehmen — wenn im nationalen Bewußtsein, das die Polen an uns nur schätzen müssen, mit den Armen auch die Reichen gehen, ihre Liegenschaften veräußern, ihre Geschäfte aufgeben würden, um auf dem uns geweihten Boden ein freundlicheres Heim zu schaffen — wie still und trüb und öde würde es im Lande ausfehen, in welchem jetzt der Bienenschwarm seiner Juden so emsig schwirrt und den gesammelten Honig meist in die Zellen jener tragen, die sie verfolgen! CulturzuMnde des deutschen Volkes im 16. Jahrhundert. In dem Werke Johannes Jannsen's „Culturzustünde des deutschen Volkes", Band VHI., lesen wir folgende erbauliche Zeilen aus dem 16. Jahrhundert: „Unvergleichlich schlimmer als alles ausländische Hausirerthum wirkten auf Handel und Wandel und den gesammten Volkswohlstand die Aufkaufs- und Preissteigerungsgesellschaften. . über welche schon im ausgehenden Mittelalter und das ganze sechszehtlte Jahrhundert hindurch unausgesetzt auf Reichs-, Kreis- und Landtagen Klage geführt wurde, daß sie Schuld tragen nicht allein an der Vertheuerung der Preise von Lebensmitteln und Maaren, sondern auch der Vermehrung der Einfuhr und der Verminderungder Ausfuhr des Reiches." Bon wem wurden diese, den Volkswohlstand so schädigenden und die Volks sitten corrumpirenden Auskaufs- und Preissteigerungsgesellschaften gebildet? „Als Höchstetter in Augsburg", erzählt Jannsen, „eine zeitlang in seiner Gesellschaft eine Million Gulden verzinst hatte, im Jahre 1529 mit einer Summe von 800.000 Gulden (in der heutigen Währung und bei zu Grundelegung des damaligen Geldwerthes circa 10 Millionen Gulden!) fallirte, kamen nicht allein Fürsten, Grafen und Edelleute, sondern auch Bauern, Knechte und Mägde in großen Schaden." Im Jahre 1562 brachten sechs angesehene Handelshäuser „ihre Gläubiger um großes Geld", wie überhaupt seit der Mitte des Jahrhunderts in Augsburg die Bankerotte sich häuften. Georg Neumayr betrog seine Gläubiger im Jahre 1572 um 200.000 Gulden; und im Jahre 1574 erklärte sich die „Gesellschaft der M a n l i ch" mit einer Schuldenlast von 700.000 Gulden für zahlungsunfähig. Doch, nicht blos christliche „Kaufleute", auch Churfürsten des Reiches gründeten und betheiligten sich an solchen Geschäften. „Im Jahre 1580 wurden", erzählt Jannsen weiter, „unzählig viel geschädigt und in Armuth gestürzt in Folge der Zahlungseinstellung des Augsburger Monopolisten Conrad Roth, dessen Handelsunternehmungen durch ein „hohes Haupt", den Churfürsten August von Sachsen, befördert worden waren", der sogar der Compagnon desselben wurde, um durch den monopolistischen Verkauf von Pfeffer, Zimmt, Muscatnüffe und alle anderen „kleinen Specereien" auf Kosten des Volkes sich die Taschen zu füllen und mit „Anderer Vermögen zu schwelgen." Als dann Roth sich durch Gift den Tod gab, schrieb im ersten Schrecken darüber der Churfürst: „Es müsse nun fortgehandelt werden, und sollte es alle Monat einen Menschen kosten." Und thatsächlich endete auch der „churfürstliche Kammermeister, Hans Harrer, welcher in der Gesellschaft gewesen war, wie Roth durch Selbstmord." Als dieses Roth'sche Handelsunternehmen, trotz des hohen Compagnons zusammengebrochen, rieth man dem Churfürsten, den gesammten Zinnbergbau dadurch in seine Hand zu bringen, daß er alle Gewerke nach und nach auskause; die Kosten würden bald vom Zinnhandel eingebracht werden, wenn für die vielen Käufer nur Ein Verkäufer da sei. Man brauche daher uur, da Zinn wie das tägliche Brot gekauft werden müsse, mit dem Verkaufe einmal längere Zeit inne zu halten, um den Preis tüchtig in die Höhe zu treiben. Nicht lange darnach, im Jahre 1614 fallirte das Haus Welser in Augsburg mit einer Summe von 586.578 Goldgulden, circa 6—7 Millionen im heutigen Gelde. „Wie ein ganzes großes Land durch überschwenglichen und überwucherischen Kauf- und Geldhandel geschädigt werden konnte, zeigte der auf 20 Tonnen Goldes oder 2 Millionen Thaler sich belaufende Bankerott des Hauses der Loitze in Stettin", über welchen sich ein Zeitgenoffe in Folgendem ausspricht: „Um diese Zeit (1572) ist der bei Menschengedenken größte und allgemeine pommerische Landschaden und Unfall angegangen und hat man angefangen, der schädlichen Geldschlinger und ewigen Bermaledeiung würdigen Loitzen Betrug und Täuscherei .... inne zu werden. Diese Landschaden sind von geringer Abkunft, Bauern aus dem Dorfe Clempin bei Stargard gebürtig .... haben angefangen, neben ihren Partrcularhandelu zu bankettiren, große Pracht und Uebermuth zu treiben, Herrschaften, Klöster, Schlöffer, Städle und Dörfer an sich zu bringen, und das Alles aus anderer Leute Beutel. . . . Und das Alles kam daher, daß ihnen keine Gelder, wie hoch die auch gestiegen, zu theuer waren. Von 100 haben sie 10, 20 und mehr Gulden jährlichen Zins zu geben zugesagt, blinde Hauptsummen, darin sie die Zinsen, die von etlichen Jahren noch künftig fallen sollen, zugeschlagen, angenommen und künftige Zinsen alsfort zinsbar gemacht, und noch überdies Verehrungen an Pferden, köstlichem Geräth und andere angenehme Sachen gethan, die Leute, dabei sie ihren Gewinn vermuthet, zu Gaste geladen, köstlich und wohl tractirt, ihnen mi^.Musiken und possirlichen Stockaarren Freud und Kurzweil gemacht und die, so Alles für köstlich und Goldberge angesehen, beim Trünke zu ihren Gelübden und Umschlägen bewogen. Und haben diese Geldigel und pommerische Pestilenz auch mit Bürgern und Bauern, Vorstehern und Vormündern, Witwen, Klöstern, Kirchen, Clausen und Hospitälern, Arm und Reich, wer nur G?ld aufgeduckt, ihre Umschläge und Handlungen gehabt, und