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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 82 Dr., Dloch's Wochenschrift. Nr. 5 seinen Zuhörern nicht ganz mitgetheilt, oder er kennt ihn nicht, nun dann wäre seine-Behauptung auf natürlichem Wege erklärbar. Wie immer es aber sei, haben seine Zuhörer gewiß den Widerspruch nicht bemerkt. Sie haben es ebensowenig zu beurtheilen verstanden, daß Fürst Liechtenstein sich die „socialen" Ideen der Juden Marx, Lassale und Engel aneignen und ihnen nur ein „christliches" Mäntelchen umhängen möchte, als ob der Teufel ein Besserer würde, wenn er, wie in „Faust", im Rittergewande erscheint. Mein darauf kommt es ja dem Fürsten Liechtenstein gar nicht an. Das Alles war ihm nur Mittel zum Zweck. Mochten die Zuhörer denken oder träumen, wenn nur der Judenhaß in ihnen lebendig blieb. Das war des Fürsten Ziel und um dies zu erreichen, trug er selbst eine Judenfurcht zur Schau, die wahrlich geeignet war, dem dummen Hans das Gruseln zu lehren. Im Handumdrehen — Geschwindigkeit ist keine Hexerei — verwandelt er die Juden ins Judenthum und schreibt Letzterem aufs Kerbholz, was er ehrlicherweise höchstens den einzelnen Individuen hätte anrechnen dürfen, mit denen er eine Abrechnung pflegen wollte. Aber mit. einzelnen Juden zu kämpfen, das paßt dem Fürsten nicht in den Kram, da er doch höchstens gegen diese Einzelnen die Stimmung reizen könnte. Er will Alle treffen, und flugs ist das „Judenthum" an allem Uebel schuld, das er in der Entwicklung der Menschheit erblickt, die trotz aller Massenmorde und Syllaben doch nicht in das Fahrwasser gerathen will, in das sie der Fürst Liechtenstein und Hintermänner hineinbugsiren möchten. Und weil der bald zweitausendjährrge Kampf ihnen den Erfolg noch immer nicht gebracht hat, wiewohl sie doch zu Zeiten die unbeschränkteste Macht über Staaten und Menschen besaßen — so hat das Häuflein Juden, das „Judenthum" die europäische Revolution auf Kirche, Clerus, Christenthum gehetzt. Merkst du Volk, wo der hinaus will? Merkwürdigerweise aber sagt der fürstliche Redner wörtlich, daß „nie christliche Socialresormer bezüglich der Kritik der modernen Gesellschaft mit Marx (dem Juden) übereinstimmen", ferner, daß sich auf dem Fundamente der Marx-Engel'schen Doctrin ein radicales, den gründlichen Umsturz der heutigen Gesellschaft forderndes utopisches System von unerbittlich strenger logischer Consequenz aufbaute" — nur will er die Conseqnenz nicht ziehen und blos daraus Capital gegen das „Judenthum" schlagen. Und deswegen wird nun die Behauptung eingeschmuggelt, daß die Begründer der Socialdemokratie vom Capital geschwiegen haben, um das jüdische Capital nicht zu treffen, daß in ihrem Systeme für den jüdischen Großwucher eine Lücke gelassen wurde, daß die Juden sich die Führung in der Socialdemokratie bemächtigen, um sich chcer zu jüdischen Zwecken zu bedienen. Mag sein, daß es dem Fürsten Alois Liechtenstein gelungen ist, die Judenfurcht die ibn beseelte, auch seinen Zuhörern einzuflößen und durch dieses Mittel die schläfrig gewordene Agitation wieder zu beleben. Aber er kann sich versichert halten, er flößt den Juden dennoch keine Furcht ein. Sie unterschätzen ihn nicht, sie wissen die volle Bedeutung seines Namens und seiner Beziehungen zu würdigen, sie kennen auch die Gefahren, die ihnen von dieser Seite drohen. Allein sie sind sich auch der Thatsache bewußt, daß eine mehr als zweitausendjährige Verfolgung, die gar oft noch viel grauenhaftere Formen ynnahm, als sie von seiner Seite angedroht werden, nicht im Stande war, das Judenthum von der Mission abzudrängen, die ihm selbst in der Diaspora von der Geschichte übertragen wurde. Man konnte die Juden verbrennen, morden und berauben, dem Judenthum konnte man dennoch nichts anhaben. Es überdauert seine Feinde und alle Verfolgungen und bleibt der göttlichen Aufgabe tteu, die cs zu erfüllen hat — trotz Liechtenstein und Genossen. A. Wiener. Interne oder externe Colonisatton. Von Leo Herzberg-Fränkel. Diese und andere Blätter beschäftigen sich lebhaft mit den galizischen Zuständen und es werden in der menschenfteundlichsten Absicht Vorschläge gemacht, wie dem steigenden Elend abzuhelfen sei. Die Doctoren von da und dort geben, zuweilen ohne den Kranken gesehen zu haben, ihr Parere ab, verschreiben dem stöhnenden Paüenten ihre unfehlbare Medicin und — widersprechen einander in der Diagnose und in der Behandlung. Während der arme Dulder an Kräfteverfall verstecht, streiten die gelehrten Consularärzte über den Ursprung und den Sitz des Leidens und verschreiben Mittel, die nicht zu beschaffen sind. Mit der Anatomie in der Hand ist man noch kein Operateur, wie man mit dem Doctorat der Philosophie noch kein Philosoph ist! Aus statistischen Jahrbüchern und polnischen tendenziösen Broschüren, kann man so wenig die Verhältnisse der Juden in Galizien kennen, wie aus ethnographischen Schilderungen das Leben, das Wesen, den Charakter und die Gefühle des Volkes. Man muß mitten unter ihnen gelebt und gewirkt, an der Tafel der Reichen gesessen, in den modrigen Hütten der Armen geathmet haben; man muß ihre Lebensweise, ihre Anschauungen, ihre Freude, ihre Sorgen, ihre Kämpfe, ihre Hoffnungen und ihre Resignation aus eigener Beobachtung und eigenem Mitempfinden kennen, um ein begründetes Votum abgeben zu können. Denn der polnische Jude ist ein halbes Räthsel; in seinem verschlossenen Wesen ruht oft, wie zuweilen im stillen träumenden Walde der tiefe See, eine Summe von Wissen und Denken, die er sich in keiner Schule angeeignet, die ihm von keinem Lehrer überkommen, — es ist ein Volk in welchem auch nicht Ein Analphabet vorhanden^ aber viele ererbte und erprobte Intelligenz! Ich hörte und las die Behauptung, Galizien könne die große Zahl der jüdischen Bevölkerung nicht ernähren. Dies ist nicht richtig. Bevor der brutale Antisemitismus die Juden aus ihren Positionen verdrängt, lebten sie im selben Lande in gleicher Anzahl ganz behaglich. Das Land ist ja durchaus nicht übervölkert; im Gegentheil. Galizien zählt 89 Einwohner per Quadratkilometer, Mähren 105, Schlesien 124. Zuerst hielt die moralische Pest der Neuzeit ihren Einzug in die Städte, getragen vom Haß und dem Brotneid der christlichen Kaufleute, welche auch im Jahre 1664 auf Lemberg ein Schandmal dadurch aufdrückten, daß sie den Mob gegen die Juden loshetzten, ihre Handlungen ausraubten, ihren Wohlstand vernichteten. Ein Blutbad wie damals konnte jetzt allerdings nicht angerichtet werden, dafür haben wir doch eine festgefügtere Regierung, Eisenbahnen, Telegraphenleitunoen Und Garnisonen. Aber was der an der äußersten Grenze des Strafgesetzes promenirende Antisemittsmus nur wagen konnte, war geschehen, um den armen Juden das karge Brot zu entwinden. Die autonome Landesbehörde nahm ihm mit lächelnder Miene die Propinationspachtungen und den Salzverschleiß; die christlichen Kaufleute lauschten ihm seine Geschäfte ab und errichteten Coalitionen, Genossenschaften genannt, um ihn mit vereinten materiellen Kräften, unter der Patronanz der beiden Badems zu bekriegen und zu besiegen. Die Großgrundbesitzer, durch die laxe Art der Kreditgewährung (siehe galizische Sparkasse!) seitens der nationalen Geldinstitute und die splendide Ablösung der Propination, vom jüdischen Capital emancipirt, warfen die heuchlerische Maske ab und kündigten ihren jüdischen Pächtern die Felder, die Wälder, die Weiden, die Teiche, die Brennereien, die Brauereien und Wirthshäuser. Doch noch immer behaupteten die Juden das flache Land, wo sie in bestem. Einvernehmen mit den Bauern lebten; denn ein gemeinsames Leid kittet die Menschen zumeist zusammen. Die galizischen Bauern, namentlich im Osten, sind sehr arm, ihre geringe Ernte ist bald verzehrt, dann rüttelt die Noth an ihrer Thüre. Da vermittelte der Dorfjude ihnen Arbeit bei Abfuhr von Brenn- und Bauholz aus den Stationen, bei Zerschlagung der Steine und Zufuhr des Schottermaterials zur Chaussee und bei Transport des Getreides aus den Meierhöfen. In Zeiten der Noth gab es auch kleine Darlehen. Ob nun der Bauer für die entlehnten Fünfer, statt der landesüblichen fünf Kreuzer, zwanzig an monatlichen Zinsen zahlte, darauf kam es ihm wahrlich nicht an, wenn er nur das Geld zur Anschaffung von Lebensmitteln hatte, das er sich sonst nirgends verschaffen konnte und wenn er sich's zuweilen vom Geistlichen verschaffte, es viel theurer bezahlen mußte. Ein Dorf ohne' Jude war so undenkbar wie eine Hochzeit ohne Musik, wie ein Begräbniß ohne Gelage, wie eine Wahl ohne Schlägerei, wie ein Pfarrer ohne Köchin. Der Jude war darin der schwarze Punkt auf der Scheibe; um ihn bildeten sich die Ringe; bei ihm wurden die Gemeindeangelegenheiten verhandelt; die Wahlen besprochen, die Löhne vereinbart; bei ihm trank der Wujt seinen Schnaps und der Geistliche seinen Meth; bei ihm kehrten die politischen und gerichtlichen Commissionen ein und bei ihm zuerst wurden die Scheiben eingeschlagen, wenn was im Dorfe losging. Diese recht gemächlichen Beziehungen wurden durch den aus den Städten gewaltsam hereingetragenen Antisemitismus vergiftet. Die Erreger der Krankheit waren stets der Geistliche,

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