Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021337--09593-3034030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 Dr. Bioch’s Zahr-«« XVII. Centrslorgsn für die gesummten Interessen des Iudrnkhums. Wien, L Februar 1900. Erscheint jeden Freitag. Brie f-Adresse. Wien. 11.. Untere >?!ugartenstrasre H »- Tclearawm^Adresse: Block,» 'Wockenschrift, Wie:». 1 V. K. Nostsparrsssen-Amr "Clearingverkehr Nr. 810.976. Aedartion und KdminMrarion. Wien H., Untere UnnarkenTkr la. Telephon - *»r. 14.847 tt- « )K==:^===—5Ü Serugsprei« für Sellerreich: l Ha:^ja.>rtg S Kvüi:. u I Enrzelexeinplare 50 H ellev. lut’a Ausland: Halbjährig 10 Kronen.; Ganzjährig 20 ,;! Anzeigen: Lie 4mal gespaltene; PelNzeile 24 Heller. i . — 4 Inhalt. Leitartikel: Die Judenfurcht des Fürsten Liechtenstein. — Interne oder externe (Kolonisation. — Culturznitände des deutschen Volkes inl 16. Jahrhundert. — Die Ackerballschule in Woodbine. — Vom Jahrmarkt o e s Lebens: Arische Sittlichkeit. Die Wiener Handelskammer. Liberales Renegatenthulll. Die Blntlügner. Auch eine geistreiche Unterhaltung. Tie Juden in Afrika. Aus einer alten Zeitschrift. — Norddeutsche Großgemeinden. — Philo von Alexandrien. — Hebräische Melodien. — Corres p o n d e n z e n: Wien, Neu-Sandec, Prag, Neutra. Bielitz, Frankfurt a. M., Paris, New-Pork, Denver, Mt. Vernon, Philadephia. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Mies, München. — Feuilleton: Neiseerlebnisse in Galizien. — Michael. — Literatur — Briefkasten. — Inserate. Die Jndenfurcht des Fürsten Liechtenstein. Von Zeit zu Zeit läßt sich der Fürst Alois Liechtenstein herab, zum „Volke" zu sprechen. Es geschieht dies gewöhnlich dann, wenn die anderen Leuchten der Partei nicht mehr „ziehen". Wenn die Ritualmordspecialisten - Schauermärchen nicht mehr geglaubt werden; wenn die Moral von der Gutenberggasse und vom Wimberger ihre Wirkung verloren hat; wenn die Weisheit und Bildung des Herrn Bielohlavek nicht mehr imponirt, die Kapucinaden Scheichers keinen Gefallen finden und selbst die lärmende Stimme des Landesausschusses Steiner, sowie das kreischende Organ seines College» Geßmann sich nicht mehr Gehör verschaffen können, dann müssen die Triarier Herausrücken und einer von ihnen ist Prinz Alois, der gelehrige Zögling der Kalksburger-Schule. Es ist doch so menschlich schön, daß ein geborener Fürst so herablassend ist, zum Volke zu kommen, in irgend eine Vorstadtkneipe sich zu bemühen, den braven Bürgern und Arbeitern nicht nur die Hand zu drücken, sondern sogar an sie eine Rede zu richten. Es zweifelt auch gar Niemand daran, daß es ihm um ihr leibliches und geistiges Wohl zu thun ist, daß er als ihr Freund und Berather zu ihnen sich begibt und nichts verlangt, als sie anzuführen, damit sie als eine gute Heerde ihm Nachfolgen in das ideale Reich, das er ihnen versprich:, ohne daß freilich jemals seine Partei derartige Versprechungen selbst dort eingelöst hätte, wo sie nicht blos die geistige, sondern auch die politische Macht besaß und besitzt. Denkenden Zuhörern müßte es allerdings auffallen, daß alle diese Versprechungen selbst in den specifisch christlichen Staaten und selbst im Kirchenstaate niemals erfüllt worden sind und nicht erfüllt werden, aber Denken, das ist nun eben die Sache der Zuhörer des Fürsten Liechtenstein nicht. Würden sie denken, so könnte nicht blos diese Thatsache von ihren Augen erscheinen, sondern sie könnten vielleicht, selbst entdecken, daß in der Rede des Fürsten Liechtenstein Widerspruch auf Widerspruch sich häuft und sein Anfang mit dem Ende nicht übereinstimmt. Also lieber nicht denken, sondern blos hören und glauben. Ist es auch entwürdigend, sich des eigenen Nrtheils zu begeben, so ist es dem fürstlichen Redner doch erwünschter, daß er gläubige, als daß er denkende Zuhörer vor sicy habe, wenn er auf's Brettl' steigt. Und diese hat er nun wirklich in dem sogenannten christlichen „Arbeiterverein" gefunden, als er vor wenigen Tagen das Opfer brachte, diesem Zuhörerkreis die gegensätzliche Auffassung des Socialdemokraten Bernstein gegen die Marxistische Lehre von der Verelendung der Massen zu erklären. Bekanntlich hat Bernstein der Meinung Ausdruck gegeben, daß die Verelendung statistisch nicht nur nicht erwiesen sei, sondern daß sich vielmehr eine Besserung Nachweisen laste und daß daher die socialdemokratische Taktik nicht auf die nicht vorhandene Verelendung sich stützen, sondern nach anderen Kampfmitteln greifen müsse. Innerhalb der socialdemokratischen Partei war es deshalb zu heftigen Discussivnen gekommen und auf einem Parteitage wurde der theoretische Kampf äußerlich beigelegt, ohne daß, wie selbstverständlich, die Parteien von ihren Prii - cipien das Geringste aufgegeben hätten. Was thut nun Fürst Liechtenstein? Er schürt. Er stellt sich auf die Seite des „Juden" Marx und bckämpft den „Juden" Bernstein. Allein seine Beweisführung schei. t so wenig beweiskräftig gewesen zu sein, daß selbst das „Vaterland" den statistischen Tyeil seiner Rede zu veröffentlichen unterläßt und darüber mit der Bemerkung hinweggeht, daß das statistisch: Material doch noch ungenau sei, daß man hierauf nicht )o verläßlich bauen könne. Mit behaglicher Breite werden dagegen die antijüdischen Aeußerungen des Fürsten sowohl vom „Valeiland" als von den spezifisch antisemitischen Blättern wiedergegebkr. Daß er die „Juden" Marx, Lassale, Engel „Männer von glanzendem, durchdringendem Geiste, von umfassender, tiefer Geleh' - samkeit"nennt, das verschlägt seinen Hörern nichts. Wenn er nur das „Judenthum" angreift und gegen dieses die Leidenschaften derMenawachruft, dann verzeiht man es ihm, daß er einige Juden lobt. Ec revanchirt sich ja selbst sofort, indem er auch diesen vielbeloblen Juden Motive unterschiebt, die ihnen fremd waren und ihnen Tendenzen zuschreibt, die gerade das Gegentheil derjenigen siud, die sie in ihren Schriften verfechten. Mit demselben Athemzu./, mit welchem er von ihnen behauptet, daß sie durch ihre epochemachenden Agitationsreden und Schriften die sittliche Eu l > rüstung gegen die Leiter und Eigenthümer der Großproduclw i lenkten, will er seine Zuhörer' glauben machen, daß sie nichis gegen das Capital schrieben und unternahmen. Ganz abgeseh u davon, daß der Widerspruch der beiden Behauptungen für Jed. i - mann, der denkt, offen zu Tage liegt, sind sie auch mit der Walrheit nicht im Einklänge, die jeder Leser der Schriften von Ma x. Engel und Lasialle kennen muß. Entweder kennt Fürst Liecht, ustein die Schriften der Männer, und dann hätte er deren Inhalt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.