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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 4 Vr. Bloch's Wochenschrift« Seite 77 fertigung sagen? — Doch er überhob mich selbst der Gegenrede, indem er nach einer kurzen Pause, während welcher er meine leergewordene Tasse wieder füllte, fortfuhr: „Nun mag der Herr erfahren, daß auch der Kaftanjude gerecht sein kann, und dies selbst gegen seine strengsten Richter. Ich habe Euch bereits gesagt, daß wir Schanker und Mauthpächter Euch anfänglich haßten. Das dauerte aber nur so lange, als wir Eure Absichten verkannten. Allmählig jedoch fingen an die Früchte Eurer Bemühungen sichtbar zu werden. Da und dort sah man Schulen erstehen, in denen die Knabenmassen, die früher verwildert in den Straßen umherliefen und alle Welt belästigten, guten Unterricht genoßen, Sitte und Anstand lernten; kommt man jetzt in ein mit einer solchen Schule begnadetes Städtchen, wo vordem ganze Rudel von Gassenbuben jeden vorbeifahrenden Wagen umschwärmten und verdächtig umspähten, so fällt einem sofort wohlthätig die Veränderung auf, welche die Schule hier hervorgerufen. Die Gassen und Straßen sind jetzt buchstäblich gesäubert und begegnet man einem Schulknaben, man freut sich seines ruhigen und gesitteten Benehmens, man bleibt unwillkürlich stehen: er grüßt den Vorübergehenden! Wo hätte man früher so etwas erlebt! . . . . Und als wir dieses sahen und endlich auch merkten, wo diese Schulen hinaus wollen, daß sie nämlich der Heranwachsenden Jugend nicht blos Unterricht gewähren, sondern sie auch zur ehrlichen Arbeit erziehen, sie dem Handwerk zuführen; da wandelte sich unser Haß in Liebe um, und wir segneten Euch und Jene, die Euch ausgesandt, so Nützliches zu schaffen. Denn wir hatten erkannt, daß dieses Wirken em gottgefälliges. — Und diese Erkenntniß hat sich mir heute — Ihr mögt mich darüber abergläubisch schelten — als ich Euch vorhin wie durch ein Wunder heil und unverletzt bei mir einfahren sah, wieder aufgedrängt und sich in mir bis zur Unerschütterlichst befestigt. Unsere alten Weisen sagen: „Diejenigen, welche fromme Werke zu üben ausziehen, gehen unbeschädigt aus allen Gefahren hervor". Als ich uun staunend sah, wie Ihr von da oben, bei so fürchterlichen Stürmen über pfadlose Schneeberge, an steilen Abhängen über dem Dnjester schwebend, sicher und unbeschädigt hier anlangtet: da war es mir vollends klar, daß Euer Thun ein gottfälliges." Gerührt ergriff ich die Hand des braven Mannes und schüttelte sie, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Seine schlichte Rede voll Gemüth und Wahrheit wirkte mächtig auf mich und last not least: solche Anerkennung und Einsicht an solchem Ort! .... Ich hätte ihm die ganze Nacht zuhören mögen und alle Müdigkeit vabei vergessen. Plötzlich erhob er sich unv sagte: „Nun sei genug des Plauderns. Ich habe Euch über Gebühr lange gestört, und Ihr bedürfet gar sehr der Ruhe. Also ins Bett!" Ich drängte in ihn, zu bleiben, meine Müdigkeit sei Dank den eingenommenen Erfrischungen geschwunden, und hätten mich seine interessanten Unterhaltungen so angenehm angeregt, daß ich an Schlaf gar nicht denke. Ueberdies sei er mir noch die Aufklärung schuldig, wie es gekommen, daß er seinen Sohn habe studieren lassen. Das sei doch sicherlich kein leichter Entschluß gewesen. Nach langem Sträuben gab er schließlich nach und blieb. Er ließ sich wieder nieder und begann: „In der That, der Entschluß, meinen Sohn „studieren" zu lassen war, zumal in der damaligen Zeit, wo das Borurtheil dagegen noch ungleich größer war als heute, kein leichter, er war auch kein freiwilliger, er wurde mir vielmehr gewaltsam abgerungen, und zwar durch eine regelrechte Hausrevolution. — Ihr miißt nämlich wissen, daß mein Eheweib — Gott erhalte sie — einer alten angesehenen Gelehrtenfamilie entstammt und selbst eine halbe Gelehrte war, als ich sie von Warschau heimführte. Sie hatte schrecklich viel gelesen, beherrschte die hebräische, polnische und deutsche Sprache in Wort und Schrift und brachte freiere Anschauungen, als hierzulande herrschend waren, mir ins Haus, ohne jedoch — zu ihrem Lobe sei es gesagt — dieselben mir oder Andern aufdrängen zu wollen." „Als ich sie heiratete, war ich ein wohlhabender, nach den damaligen Verhältnissen sogar reicher Mann. Ich besaß mehrere hundert Morgen Acker, eine Branntweinbrennerei, eine Sägemühle und die Propination. Meine Frau half überall unverdrossen mit, und legte bei allen Arbeiten überraschende Anstelligkeit und Fähigkeiten an den Tag. So schafften wir fleißig, wirthschafteten sparsam und lebten glücklich. Dieses Glück wurde noch erhöht, als uns der Himmel erst eine Tochter und dann einen Sohn schenkte. Obgleich mein Weib, wie ich schon sagte, freieren Anschauungen huldigte, rückte sie dennoch nur in den seltensten Fällen mit denselben hervor, am wenigsten aber dort, wo sie religiöse Gefühle zu verletzen besorgte. Sie fügte sich vielmehr allen herrschenden religiösen Bräuchen, beobachtete alle Ceremonien, so daß der strengste Chasid nichts an ihrer Frömmigkeit auszusetzen hatte. Von ihren freien Anschauungen aber ließ sie sich — und das merkte ich erst, als es schon zu spät war — nur in der Erziehung ihrer Kinder leiten, die ihr ganz oblag, da ich fast den größten Theil des Jahres außer Hause war. Ich für meine Person aber glaubte meinen väterlichen Pflichten in dieser Richtung vollauf Genüge geleistet zu haben, als ich für meinen Sohn, nachdem er das vierte Lebensjahr zurückgelegt, wie dies die anderen wohlhabenden Familienväter thaten, einen „Belfer" ins Haus nahm, der ihn vom Morgen bis zum Abend im Hebräischen unterrichten sollte. Als mein Sohn das dreizehnte Lebensjahr erreicht hatte, da trat eine Wendung in der bisher still und glatt sich abspielenden Geschichte meines Hauses ein.. „Da hieß es wohl sich für einen Beruf entscheiden?" fiel ich ein. „Nein, das war's nicht. Es hatte sich vielmehr inzwischen mancherlei vorbereitet, das ich im Drange der Geschäfte nicht bemerkt hatte. Denkt Euch nur mein Entsetzen, als mein Sohn einen Tag nach seiner Barmizwah vor nnch hintrat und niir mit einer Miene, als ob er das Selbstverständlichste von der Welt vorbrächte, mittheilte, er sei entschlossen, nunmehr nach Lemberg zu gehen, um dort zu „studieren"! Ich riß Mund und Augen auf. Bald jedoch beruhigte ich mich, geneigt, das Ganze für einen schlechten Scherz zu halten, von dem ich mich kindischer Weise habe erschrecken lassen. Denn, so dachte ich bei mir, wie könnte es meinem Sohne, der bis jetzt außer Bibel und Talmud nichts Anderes gelernt, in den Sinn kommen, ohne jede Kenntniß der deutschen und polnischen Sprache „studieren" zu wollen? Aber nein, es war bitterer Ernst. Es war ein von langer Hand vorbereitetes Komplott. Denn als ich meinen Sohn wegen seines thörichten Geschwätzes zurechtwies, und um ihm das Lächerliche desselben handgreiflich zu machen, seine völlige Unkenntniß des Polnischen und Deutschen vorhielt, da lachte er ganz unbändig auf, indem er die Worte hervorstieß: Wenu's nur das — wenn weiter kein Hinderniß — da braucht sich der Vater wegen das Polnischen und Deutschen keine Sorgen zu machen. — Ich war niedergeschmettert und fing jetzt erst an, zu ahnen, daß ich das Opfer eines Complotts ...." „Eines Complotts?" fragte ich erstaunt, „wie so?" „Ja eines Complotts, und das kam so : Drei Jahre früher war mein Nachbar infolge Mißwirthschaft gezwungen, seinen Besitz zu verkaufen. Eine Bank brachte das große Gut an sich und sandte zur Verwaltung desselben einen äußerst tüchtigen jungen Mann hieher, der seine agronomischen Studien im Ausland absolvirt und mehrere Jahre dortselbst auf Musterwirthschaften praktieirt hatte. Dieser junge Oekonom, dessen Bewirthschaftungsweise ich nicht genug bewundern konnte, verkehrte öfters bei mir, da die geschäftlichen Verbindungen, die ich mit dem früheren Gutsnachbar unterhalten Patte, auch von den neuen Eigenthümern aufrecht erhalten wurden. Als die Bank nun gar meine Branntweinbrennerei und Sägemühle pachtete und der Verwalter dieselben täglich zu beaufsichtigen hatte, wurde er allmälig mein Haus- und Tischgenoffe. — Die Veränderungen, die sich von nun ab in meiner Häuslichkeit und Familie vollzogen, so geräuschlos und unauffällig sie auch vor sich gingen, jeder andere Familienvater hätte sie wahrnehmen müssen. Nur mir fielen sie nicht auf. Wohl empfand ich ihre wohlthätige Wirkung, aber ganz ahnungslos, ohne mir über dieselbe irgend welche Gedanken zu machen. Wohl sah ich. daß hie und da im Gehäuse Adaptirungen vorgenommen, die Zimmer besser möblirt, die Wände und Fußböden reinlicher gepflegt wurden; ich fühlte nur die Behaglichkeit solcher Verbesserungen und Verfeinerungen, ohne auf den Gedanken zu verfallen, den Ursachen nachspüren zu sollen, war doch all' mein Sinnen und Trachten von meiner geschäftlichen Thätigkeit beherrscht. Ebensowenig merkte ich, daß die Erziehung meiner Kinder eine ganz andere, als die in unserer Umgebung herrschende Richtung genommen. Das sollte mir alles zu spät und urplötzlich zum Bewußtsein gebracht werden Hier hielt der Erzähler ein wenig inne, um Athem zu holen. Er schien erschöpft. Ich begann das Weitere halb und halb zu ahnen und bat ihn, mir Näheres über die Herkunft des Verwalters mitzutheilen. „Er ist", so fuhr er fort, „ein Czortkower Kind, der Sohn eines Hebräischlehrers. Noch im Knabenalter verließ er, von einem mächtigen inneren Drang getrieben, seine Heimat

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