Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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'ölt. 4 Seite 78 Dr. Block's WoltzenfckrM. und hat sich in der Welt unter unsäglichen. Entbehrungen allein sortgeholfen und zu einem ebenso tüchtigen Agronomen als wackeren Charakter herangebildet. Ich gewann ihn wegen seiner vorzüglichen und einnehmenden Eigenschaft vom Herzen lieb, obgleich er einer sehr fortschrittlichen religiösen Richtung angehörte und konnte ihm auch dann nicht auf die Dauer gram sein, als ich gewahr wurde, welchen thätigen Antheil er an der Umgestaltung meiner häuslichen und Familienverhältnissen genommen. Denn daß ich gerecht sei: er war keineswegs der Urheber dieser Umwälzung, er arbeitete nur in allen Stücken meinem Weibe in die Hände und unterstützte sie mit Aufopferung von Zeit und Mühe in der Erziehung und dem Unterricht der Kinder, welch letzteren sie schon damals begann, als der „Besser" in mein Haus trat. Als nach Jahren der Verwalter, ein kenntnißreicher und geschulter Mann, hinzukam, gestaltete er den Unterricht meiner Frau systematisch und verlieh ihm die richtige Methode, wie er denn überhaupt in der Folge den gut veranlagten Kindern eine über das Maß des Volksschulunterrichtes hinausgehende Bildung beibrachte. Von alldem aber hatte ich auch nicht die leiseste Ahnung, ich hätte vielmehr an dem Tage, an welchem mein Sohn Barmizwah geworden, alle Eide schwören mögen, daß er bis dahin noch nicht erfahren, wie ein polnischer oder deutscher Buchstabe aussehe . . „Jetzt wird es mir allerdings verständlich", schaltete ich ein, „warum Euer Sohn damals so hell auflachte, als Ihr ihm vorhieltet, wie lhöricht es sei, „studieren" zu wollen, ohne eine andere Sprache als den Jargon zu beherrschen." „Mein Sohn aber drängte ungestüm auf die Erfüllung seines Verlangens und da ich ihm entschieden widerstand, erklärte er mir rund heraus, daß er im Falle meiner fortgesetzten Weigerung auch ohne väterliche Einwilligung das Haus verlassen werde, hinweisend auf den Verwalter, welcher als Kind blutarmer Eltern, ohne Unterstützung, muthig in die Welt hinausgezogen und etwas Rechtes geworden sei. In gleicher Weise hoffe auch er sich draußen fortbringen zu können . . . ." „Bravo!" fiel ich unwillkürlich ein. „Jawohl, Ihr habt leicht Bravo rufen, mir aber wollte damals schier das Herz brechen über solche unbotmäßige und sündhafte Sprache. Aber es kam noch schlimmer. Denn als ob sich das ganze Haus gegen mich verschworen hätte, trat gleichzeitig der Verwalter herein, demüthig und bescheiden um die Hand meiner Tochter, die eben siebzehn Jahre alt geworden, anzuhalten. Er sei, sagte er, zu diesem Schritte von Mutter und Tochter ermuthigt worden, und er liebe meine Tochter gar sehr. Nun ging der Sturm erst recht los und tobte durch mehrere Tage auf der ganzen Linie. Ich geberdete mich um so wilder, als ich von Allem so urplötzlich überrascht nnd betäubt wurde und überall Empörung und Verrath erblickte. Endlich kehrte Besonnenheit wieder bei mir ein, und das Ende vom Lied war, daß mein Sohn nach der Stadt ging, um dort, vorzüglich vorbereitet, wie er war, das Gymnasium zu beziehen und daß der Verwalter meine Tochter heiratete. Zwölf Jahre sind seither verflossen — ein Zeitraum, während dessen ich mancherlei Wechselfälle des Glückes erfahren habe .... Ich darf gleichwohl dem lieben Gott danken: Meine Tochter lebt glücklich mit ihrem Manne, der jetzt Gutsbesitzer in der Bukowina ist. Und was meinen Sohn betrifft, so hat er die juridischen Studien absolvirt, ohne sich jedoch bisher für einen Beruf entschieden zu haben. Ob er durch das Studium glücklicher geworden, möchte ich bezweifeln; ich sehe vielmehr in ihm einen Zerrissenen . . . Traurige Thatsache ist, daß wir uns nicht mehr verstehen, nicht mehr verstehen können. Eine tiefe Kluft gähnt zwischen seinem und meinem Schauen und Denken .. . Doch Ihr werdet ja morgen Gelegenheit haben, ihn zu sehen und zu beurtheilen. Und somit gute Nacht! " Er erhob sich rasch, reichte mir die Hand und ging. (Forschung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Achtzehntes Capitel. Im Laufe der letzten Jahre hatten sich die Verhältnisse in Brack's Hause, wenn auch äußerlich nicht erkennbar, doch eigenthümlich verändert. Michael Klein war jetzt ein dreiundzwanzigjähriger Mann von ungewöhnlicher Größe, Stärke und Schönheit. Sara war zu einem Mädchen von wunderbarer Herrlichkeit emporgeblüht. Michael und Sara hatten einander — buchstäblich — so lange sie sich kannten, wie zwei "zärtliche Geschwister geliebt, sie hätten sich gegenseitig die größten Opfer gebracht, Einer hätte für den Andern das Leben hingegeben. Nun waren Beide in jenes Alter getreten, wo sich zu dem Gefühle inniger gegenseitiger Anhänglichkeit jenes Plötzlich in der Menschenbrust aufflammende zugesellt, welches den Mann mit unwiderstehlicher, elementarer Gewalt zu dem Weibe reißt, an dem er nach dem Bibelworte hangen soll, um dessenwillen er Vater, Mutter und Geschwister verlassen soll; jenes mächtige Gefühl, welches das Weib mit unzerreißbaren Banden an den Mann ihrer Wahl kettet, jener reinen und doch heißen, jener edlen und doch gluthvollen Liebe, wie sie der größte aller Dichter, der weiseste aller Menschen, wie sie König Salomo in wenigen, aber unübertrefflichen Worten geschildert: „Mächtiger als der Tod ist die Liebe!" und „Auch die wildeste Wasserfluth „Löscht nicht der Liebe Feuergluth!" Brack hatte in geradezu beispielloser Weise seine Tochter förmlich mit Michael verlobt, als dieser ein kleiner Knabe, jene ein Kind war; seine Hoffnung, die Beiden einst vereint zu sehen, ward in dem Momente vernichtet, wo er plötzlich ein erwerbsunfähiger Krüppel geworden und Michael gezwungen war, in sein Handlungsgeschäft einzutreten. Eine eheliche Verbindung zwischen Michael und Sara wäre nur dann denkbar gewesen, wenn es jenem gelang, etwa in einem fernen, fremden Lande, wo mildere Gesetze für die Juden bestanden, sein Brod zu finden und dann Sara als Hausfrau in seine neue Heimat zu holen. Aber abgesehen davon, daß es unmöglich ^schien, daß ein Mensch, ganz besonders aber ein Jude, sich ohne jedwede Legitimation, anderwärts seßhaft machen könne, konnten ja weder Michael und Sara den hilfslosen Vater verlassen, noch konnte ihnen dieser in weite Fernen folgen. Brack betrachtete sich als ein Hinderniß, das sich dem Glücke seiner Kinder entgegenstemmte, und das erfüllte die Seele des armen gequälten Mannes mit tiefer Bitterkeit. Die rührende Resignation, mit welcher Sara und Michael ihr Mißgeschick ertrugen, verstärkte noch seinen Schmerz. Nicht die leiseste Klage über ihr hartes, unverdientes Schicksal, sprach sich in ihren Mienen, noch weniger in ihren Worten aus. Im Gegentheil, sie suchten Brack, so weit es in ihrer Macht stand, zu zerstreuen, zu erheitern. Auch in jeder andern Beziehung war ihr Benehmen ein musterhaftes. Die beiden ungewöhnlich schönen, von frühester Jugend für einander bestimmten Menschen, die enge nebeneinander lebten, hatten sich ihre ideale, sittliche Reinheit^vollständig bewahrt, es fiel nicht das Allermindeste vor, was das Auge einer sorgsam wachenden Mutter zu scheuen gehabt hätte. Jeder der drei Menschen war — ohne dies dem andern mitzutheilen, in seinen Gedanken unaufhörlich damit beschäftigt, ein Mittel zu ersinnen, die Vereinigung der Liebenden zu ermöglichen. Einen Tag bevor das Dragonerregiment in W. einrücken sollte, war Michael Klein vom Brünner Markte heimgekommen, und am Abende beim Nachtmahle theilte er seinem Pflegevater und seiner Verlobten eine Neuigkeit mit, die in den Kreisen der zur Messe reisenden Juden großes und angenehmes Aufsehen erregt hatte. Dem reichen Proßnitzer Wolle- und Tuchhändler, Zacharias Wanefried, war es gelungen, für seinen zweiten Sohn Moses im Wege der kaiserlichen Gnade die Ehebewilligung zu erlangen. Zacharias Wanefried hatte nämlich seinen Sohn Moses zu seinem Compagnon gemacht (sein erstgeborener hatte sich als Lederhändler etablirt) und nachgewiesen, daß sich sein Handlungshaus dadurch große Verdienste um den Staat erworben, daß es das Montur- Tuch für sämmtliche böhmisch-mährisch-schlesische Jnfanterieregimenter um fünfundachtzigtausend Gulden billiger und dabei schöner und dauerhafter als das frühere Consortium geliefert hatte. Scheinbar ohne Zusammenhang mit dieser Mittheilung hatte Michael wenige Minuten darauf aufmerksam gemacht, daß die Regierung jetzt, wo der Ausbruch des Krieges jeden Moment zu gewärtigen, eine Tuchlieferung zur Bekleidung der deutschen Cavallerie*) ausgeschrieben, und es dem Vater — dem er stets ') So wurden damals in Oesterreich die Kürassiere, Chevauxlegers und Dragoner im Gegensätze zu-den Husaren und Uhlanen bezeichnet, weil die ersteren sich aus den deutsch-slavischen Provinzen rekrutirten, während die Husaren ungarische, die Uhlanen polnische Regimenter waren.