Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 76 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 4 Leileerlebniffe in Galizien. Motto: „'.Ind wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Äab mir ein Gon;u sagen, was ich leide." III. „Schöne Aussichten/ sprach ich bei mir, „einen ganzen Tag und vielleicht noch darüber, abgeschnitten von aller Welt, in diesem Wirthshaus liegen bleiben zu müssen. Doch da heißt es sich in Geduld fassen und froh sein, daß es nicht schlimmer gekommen. Uebrigens genieße ich hier, wie ich sehe, besondere Protection. — Merkwürdig bleibt es immerhin, daß der alte Mann, der mein Thun und Lassen genau zu kennen scheint, es nicht verdammt, obgleich er, nach seinem ganzen Gehaben zu schließen, der Partei der Chasidim angehört. Nicht minder auffallend ist es, daß er seinen Sohn studieren läßt. Das sind lauter Dinge, die mir unverständlich. Doch warten wir geduldig die Lösung ab, der morgige Tag dürfte Zeit und Gelegenheit genug dazu bieten." Der Alte erschien wieder in der Stube und stellte vor mich hin eine Kanne voll duftenden und dampfenden Thees und mannigfache Leckerbissen. Ich setzte mich an den Tisch in der Nähe des warmen Ofens und ließ mir, während ich mit vielem Behagen den Thee einschlürste, gern die Gesellschaft meines liebenswürdigen Wirthes gefallen, der nicht müde wurde, mich über alle einzelnen Vorkommnisse auf der Schlittenfahrt von K. hieher auszufragen. Schließlich meinte er mit einer Mischung von Bitterkeit und Schadenfreude: „So mußte es kommen, wenn der Herr bei mir einkehren sollte/ „Wie meint Ihr das?" fragte ich ein wenig betroffen. „Wie ich das meine? Ganz einfach. Wie oft seid Ihr nicht bei mir vorübergefahrcn, oder vielmehr vorbeigestürmt, verächtlich die paar Kreuzer Schrankengeld hinwerfend, ohne jemals auch nur auf einen Augenblick vom Wagen herunterzusteigen und einzutreten. Und hättet Ihr es denn heute gethan, wenn nicht das grausame Unwetter Euch dazu gezwungen hätte?. „Ach so", stammelte ich verlegen. „Daher kennt Ihr mich?" Aber ich hatte es immer eilig... viel Arbeit und wenig Zeit"... »Ja, ja, das haben wir nur zu oft gesehen. Aber eben so groß wie Eure Eile, war Euer Haß gegen uns arme Schänker und Mauthpächter und Ihr schleudertet uns im Fluge manch verletzendes Wort zu. DMr aber haßten wir Euch Anfangs auch gründlich, zumal Euer Thun damals als sündhaft verschrien und die Klage gegen Euch allentbalten erhoben wurde, daß Ihr den Auftrag habet, die jüdischen Kinder aus den frommen Cheders in gotttose Schulen hinüber zu locken, um sie dem Judenthum zu entfremden und sie schließlich der Taufe zuzuführen. .Ihr schüttelt unwillig den Kopf über das, was ich sage? Hätten wir Euch vielleicht dafür lieben sollen, daß Ihr uns, so oft Ihr vorbeifuhret, Tagediebe und müßige Herumlungerer schaltet, die anstatt ehrlich im Schweiße des Angesichtes, wie es die heilige Schrift vorschreibe, zu arbeiten, zum Anstoß aller bMg Denkenden, das menschenentehrende Schankgewerbe betreiben oder den ganzen Tag müßig dem „Drong"*) entlang auf und ab spazieren, um die wenigen Kreuzer Mauthgeld bei den schwer arbeitenden Bauern und Fuhrleuten einzuheben, und in ihnen die Vorstellung zu erwecken, daß dem Juden ohne jede Anstrengung das Geld nur so in den Schoß falle. Solche harte Anwürfe schmerzten uns umso ttefer, als die meisten von uns bei chrem Gewerbe darben und elendiglich verkommen; und so kühlten wir denn unser Müthchen, indem wir Euch den meschuggenen Datsch**) nannten." Ich suchte meinen Wirth, der sich in eine Erregtheit hineingeredet hatte, zu begütigen und sagte in sanftem Tone: »Ich sehe, daß Ihr ein vernünftiger Mann seid, da wöget Ihr denn selbst urtheilen, ob ich in der Sache nicht Recht hatte, wenn sich auch — ich will es zugeben — mein Unwille verletzend geäußert haben mag . . . . " „In der Sache selbst", erwiderte er, „da hattet Ihr ohne Frage Recht. Wahr ist, daß wir der großen Mehrzahl nach anstatt Bauern, Schänker und Mauthpächter sind, statt Steine zu klopfen oder ähnliche schwere Arbeiten zu verrichten, Makler, Händler und vagirende Bettler sind; aber wir treiben eben das Gewerbe, in dem wir geboren und grvßgezogen wurden. Etwas Anderes haben wir weder gelernt, noch zu lernen Gelegenheit *) Schlagliauni. **) Ten verrücklen Deutschen. gehabt. Und wenn wir auch heute, unvorbereitet, wie wir sind und mit ungewohnten Gliedern an die Feldarbeit gehen wollten, woher ein Stückchen Acker nehmen? Und wenn auch Biele von uns, anstatt zu betteln, Steine klopfen wollten, glaubt der Herr, daß man sie als Juden selbst zu dieser so armseligen Beschäftigung zulassen würde?.Allerdings, tadlen ist leicht, das trifft auch jeder Schwachkopf. Aber von Euch, der, nach seiner ganzen Wirksamkeit zn schließen, den Sitz der Krankheit der Juden hierzulande erkannt hat und sie von Grund aus durch Erziehung der Heranwachsenden Jugend vermittelst der Schule zur Moral und gesunden Arbeit heilen zu helfen bemüht ist, von Euch durften wir eher Mitleid, Trost und Erhebung, als verächtlichen Tadel erwarten." „Ich hatte gewiß Unrecht", entgegnete ich, „daß ich manchmal, erregt von den schweren Kämpfen, die ich bestehen, von dem unsagbaren Elend, das ich schaudernd miterleben mußte, mich von den überströmenden Gefühlen des Unmuths Hinreißen ließ, hart zu werden. Andererseits werdet Ihr doch auch begreifen, daß sich einem fühlenden Menschen beim Anblick mitunter gesunder und kräftiger in Unthätigkeit verderbender Männer, Jünglinge und Knaben die Galle regen muß ....'" »Zugegeben, aber von einem Manne Eures Schlages, erwartet man, daß er die Dinge begreife und sich bei solchem Anblicke stets Vorhalte, daß an diesen über alle Maßen traurigen Zuständen nicht das Individuum, sondern die verrotteten Berhällnisse Schuld tragen. Der Jude faulenzt, schachert, wuchert . . ., wo er dazu durch die Verhältnisse verdammt ist. — Hättet Ihr Euch bei uns näher umgeschaut, Ihr würdet gefunden haben, daß unsere Juden, wo sie das Glück oder der Zufall beim Acker aufgezogen werden ließ, tüchtige Bauern geworden sind, die es oft ihren Lehrmeistern, den polnischen und ruthenischen Bauern, in allen Stücken zuvorthaten, an Fleiß, Nüchternheit, Sparsamkeit voranleuchteten. — Blicket einmal, wenn Ihr von Zaleszczyki nach Kolomea fahret, tiefer in die auf dieser Strecke liegenden Städtchen und insbesondere in die Dörfer hinein, ich nenne im Augenblicke nur: Cernelica, Horodenka, Domki, Gwozdieö rc. Ihr werdet dort ganze Gruppen jüdischer Ackerbauer antreffen. Gehet dann weiter in die Stanislauer Gegend, und Ihr stoßet in den Dörfern Czerniejow, Chryplin, Cucylow, Chomiakow, Grabowce, Bratkowce rc. rc. auf ganze Colonien jüdischer Bauernfamilien, welche von den übrigen Juden dieser Gegend bezeichnender Weise die „jüdischen Areilim" genannt werden. Alle diese jüdischen Bauern arbeiten schwer, ernähren sich ausschließlich vom Ackerbau. Die Einen haben es dabei zu einer gewissen Wohlhabenheit gebracht, besitzen 40—50 Joch Acker als Eigenthum, andere bebauen theils eigene, theils gepachtete Grundstücke, andere endlich ernähren sich von 2—3 Morgen Acker und ihrem - Fuhrwerk, bestehend aus einem Pferde und einem Leiterwagen. Ihre Lebensweise ist genau dieselbe wie jene ihrer ruthenischen Nachbarn. Nur einmal in der Woche — am Sabbath — kommt Fleisch auf den Tisch, an allen übrigen Tagen bilden Mamalyga, Erdäpfel, Hülsenfrüchte, Milch und Käse ihre Nahrung. Vater, Mutter, Söhne, soweit sie keine Handwerker werden, Töchter, wofern sie nicht als Dienstboten nach der Stadt gehen, ja selbst die greisen Großeltern, alle schaffen rüstig und verrichten die schwersten Arbeiten auf dem Felde, mit welchem sie zusammengewachsen scheinen. Welche Umstände es begünstigten, daß gerade aus diesen Ortschaften Mische Bauern hervorgingen, weiß ich nicht, aber soviel weiß ich, daß hier die Väter und Großväter durch göttliche Gnade auf die Feldarbeit geriethen — naturgemäß folgten die Söhne und Enkel dem von Kindesbeinen ab ihnen gegebenen Beispiele und sie bleiben ihm auch dann treu, wenn sie dabei ungeachtet der ange strengtesten Arbeit kaum das nackte Leben herausbringen — geradeso wie wir unglückseligen Schänker, Mauthpächter u. s. w. bei unserem trägen, jedoch von unseren Vätern überkommenen Gewerbe verharren, obgleich die meisten von uns heutzutage dabei verhungern; noch mehr: wir zittern sogar täglich, daß wir selbst dieses jammervolle Brod verlieren und von dieser uns lieb gewordenen, wenn auch so kummerreichen Scholle verdrängt werden könnten .... Ihr seht daraus, daß der Jude, auch der galizische, zu den schwersten körperlichen Arbeiten tauglich wird, wenn er dazu erzogen und angehalten wird." Der Mann sprach mir aus der Seele, während er sich anstrengen zu müssen glaubte, mich zu widerlegen und zu überzeugen. Ich hatte es ja längst bereut und im Innern meines Herzens den armen Leuten Abbitte gethan, daß ich sie zwecklos gekränkt habe. Aber was sollte ich ihm noch zu meiner Recht-