Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 72 Dr. Bloch's Mochrnfchrrfl. Nr. 4 in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Den Rest der Sammlung verwendet die „Israelitische Allianz" für die an kleineren Orten durch die Verfolgungen heimgesuchte jüdische Bevölkerung. Wien. (Tempelbau Brigittenau.) Endlich ist man dem Ziele nahe! Ein Tempel soll gebaut werden und dadurch einem dringenden Wunsche und Bedürfniß der Brigittenaer Juden entsprochen werden. Die vorhandenen Schwierigkeiten wurden durch die Entscheidung eines hohen Ministeriums zu Gunsten des Vereines behoben und soll in kürzester Zeit mit dem Bau begonnen werden. Obwohl schon der größte Theil der veranschlagten Kosten als gesichert erscheint, mangelt es noch immer an einer bedeutenden Summe. Es ergeht nun an alle Glaubensgenoffen, die ein Herz für das Judenthum haben, die dringende Bitte, dieses gottgefällige Werk unterstützen zu wollen. Spenden, welche öffentlich ausgewiesen werden, bittet man dem Obmanne des Vereines Herrn Hermann Eltbogen, II., Rafaelgaffe Nr. 12 gütigst zu senden. Wien. (Gedenkfeier für Salomon Sülzer.) Was da von der Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums am Abend des 20. Jänner 1900 im kleinen Musikvereinssaale zu Ehren Sulz-r's geboten wurde, war ein wirkliches geistliches Concert, wie es in der Charwoche in allen großen italienischen Städten und auch in Wien in der Augustinerkirche vom Männergesangsverein alljährlich aufgeführt wird. In glänzender Weise wurde der Beweis dafür erbracht, daß der jüdische Tempelgesang auf der Höhe Sulzer'scher Composition in rythmischer Erfindung, in Phrasirung und Instrumentation keinen Vergleich zu scheuen braucht. Auch Sulzer ist so manches gloria in excelsis gelungen, und die Fülle des Gebotenen hätte ausgereicht, um eine Serie von Pastoral-Concerten damit zu dotiren. Die Pfade, welche Richard Wagner als Richtung gebend gewiesen, die These, daß im Tone der vertonte Gedanke jederzeit seinen Ausdruck finden und Ton und Text sich decken müssen, bat Salomon Sulzer in seinem Schir Zion selbstständig gewandelt. Wenn Sulzer den Sabbath einweiht in einem lyrischen Choräle, so klingt und'jauchzt und tirillirt es aus seinen Notenköpfen, als sähe man aus dem Tempel von Jerusalem einen Brautzug im Hochzcitsmarsch heraustreten. In den Klageliedern wieder bricht in geradezu dramatischer Weise der ganze große erschütternde Jammer des zusammengebrochenen Israel hervor, das nationale Elend des unverstandenen Volkes, und es klang demüthig und vorwurfsvoll zugleich wie Brunhildens Frage an den strengen Wotan: „War es so schmählich, was ich verbrach!?" Die Macht der Sulzer'schen Musik, von Professor Josef Sulzer vortrefflich dirigirt, war auch im Concerlsaale so überwältigend, daß die Anwesenden mit sich kämpften, ob sie aufschluchzen müßten in innerer Ergriffenheit, oder ob sie Beifall klatschen sollten dem Judenthume und dessen großem Sohne Salomon Sulzer. In den Solo-Partien führte sich Herr Max Ulanowsky als Sänger von reichem musikalischen Können ein. Der Künstler verfügt über einen besonders in der Mittellage herrlichen Bariton von weichem tirnbre, wie Josef Richter in seinen Glanztagen in den paZIiaeei. Die Lösung des Problems Tempelgesänge mit unterlegtem althebräischen Texte bühnenmäßig zu phrasiren, ist ihm über alle Maßen gelungen. Die Chöre setzten stets richtig ein, und dort, wo sie a capella erklangen, und die Knabenstimmen im Hellen Sopran mit der Grundgewalt der Bäffe auf und nieder wogten, da glaubte ich mich in die Sixtina oder in die Hofcapelle versetzt, so rein und silberglöckchenhell fings an, und so schofardröhnend ging es wieder in die Tiefe! Alle Achtung vor diesem Sängerkrieg — aus der Synagoge! Adolf v. Sonnenthal hielt die Gedenkrede auf Salomon Sulzer. Der erste deutsche Schauspieler feierte den ersten jüdidischen Sänger. Der spröde Stoff einer biographischen Skizze, nach einer Schrift des Herrn Dr. Löwy verfaßt, gewann Farbe und Leben durch den Vortrag Sonnenthal's, und als dieser von den wechselnden Schicksalen unserer Glaubensgenossen in Oesterreich sprach, von den Zeiten des Streites und der Zurücksetzung, von der Schmach und der Qual, die unseren Spuren gefolgt war, und dann wieder von der Sonn» der Emancipation und des gleichen Rechtes für Alle, da ging es wie ein elektrisches Fluidum durch die Menge, und der dröhnende Beifall war ein einmüthiger Probest wider die Gegenwart. Die Matinee der jüdischen Museums-Gesellschaft war ein glücklicher Wurf. Vivat sequens! Dr. Sigismund Feßler. Wien. Aus Anlaß der Gedenkfeier für Salomon S u l z e r sind der Gesellschaft des Jüdischen Museums zahlreiche Glückwunschschreiben und Sympathiekundgebungen von Cantoren in österreichischen und ungarischen Gemeinden zugegangen. Das werthvolle Material, welches durch die darin enthaltenen künstlerischen und statistischen Mittheilungen und Daten gebildet wird, und welches durch weitere, bereits in Aussicht gestellte Mittheilungen ergänzt werden soll, wird einer gründlichen Bearbeitung unterzogen werden. — Donnerstag den 1. Februar d. I., präcise 7V- Uhr Abends, findet im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, folgender Vortrag statt: Rabbiner Dr. Aron Tänzer aus Hohenems: „Aus Sulzer's Heimat", Beitrag zur Geschichte der Juden in Vorarlberg. Wegen Bezug der (kostenfreien) Karten wolle man sich an das Bureau der Gesellschaft, I., Rathhausstraße 13, wenden. Prag. (Vortrag.) Im Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums „Afike Jehuda" hielt am 18. d. M. im Hotel Roubitschek Herr Rabbiner Dr. S. Groß (Lundenburg) einen fesselnden Vortrag, betitelt: „Versuch eines Ausblickes in die Zukunft des Judenthums" und übertraf noch die Erwartungen, die man von dem Vortragenden hegte, der als Mann der Wissenschaft wie als Redner gleich bekannt ist. Der Vortrag, in 3 Theile zerfallend, behandelte: 1. Den Bestand des Judenthums und die Widerstandsfähigkeit seiner Bekenner. Der Redner begründete letztere durch die geistige Agilität einerseits, durch die Fähigkeit der Resignation anderseits, welche dem jüdischen Volke mehr als jedem anderen eigen ist. Im 2. Theile besprach er die antisemitische Bewegung der Gegenwart und geißelte dieselbe mit feinen Apercus, wobei er dieser Bewegung, als von unlauteren Elementen ausgehend, im Allgemeinen nicht diejenige Bedeutung beimißt, welche das israelitische Volksleben dauernd gefährden könnten. Der 3. Theil galt der Zukunft des jüdischen Volkes. Die Ethik des Judenthums, welche einst Gemeingut der ganzen Menschheit sein werde, „wenn nur dieselbe mehr reif und über deren Führer die Erleuchtung kommen werde", sei ein ausreichender Schntz gegen die Gefahr, daß das Judenthum innerlich krank werden und dem Untergang verfallen könnte. Aeußere und innere Gründe sprechen dafür, daß die Bekenner des Judenthums nach menschlicher Voraussicht über die Zukunft desselben unbesorgt sein dürfen. Fast dithyrambisch klang der Schluß des Vortrages, welcher ein sehr zahlreiches Publikum gefesselt hatte, darunter Geistliche, Professoren, Aerzte, Advocaten rc. Auch Schriftsteller S. Kohn war anwesend, wie auch die Rabbiner Herren Dr. Grün, Hirsch und Kisch und zahlreiche Damen. Tabor. Bei der jüngst stattgehabten Wahl in den Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde wurden gewählt die Herren: Alois Freund, Kaufmann; David Fuhrmann, Kaufmann; I. U. Dr. Friedrich Guttmann, Advocat; Bernard A. Guttmann, Kaufmann; Philipp Guttmann, kais. Rath und Privatier; Hugo Mendl, Kaufmann; Heinrich Mendl, Kaufmann; Karl Mendl, Kaufmann; Moritz TeniLek, Kaufmann, säyimtliche aus Tabor, weiters Karl König, Hofpächter aus Großhof. Der Cultusvorstand hat sich dieser Tage nachstehend constituirt: Präses: Herr I. U. Dr. Friedrich Guttmann; Präses-Stellvertreter: Herr Bernard A. Guttmann; Tempelvorsteher: Herr David Fuhrmann; Cassier: Herr Alois Freund; Rechnungsführer: Herr Karl Mendl. Breslan. Im Jüdischen Rede- und Diskutirclub „Graetz" hielt am 8. d. M. Herr canä. phil. und theol. Rob. Kalter einen Vortrag „Ueber die Taufe". Nach einer kurzen historischen Uebersicht über Judentaufen in früheren Zeiten, wandte sich Redner den Maffenübertritten des XIX. Jahrhunderts zu. Wenn auch die von dem Judenmiffionär de le Roi angeführten Zahlen als zu hoch gegriffen zu bezeichnen seien, so bedeute die Uebertrittsbewegung dieses Jahrhunderts für das Judenthum doch eine ernste Gefahr, deren planvolle Bekämpfung das Gebot der Selbsterhaltung gebieterisch verlange. Um die rechten Waffen für diesen Kampf zu gewinnen, müsse man den Ursachen nachspüren, die gerade im XIX. Jahrhundert, und besonders im ersten und letzten Viertel desselben, zu freiwilligen Maffentaufen von Juden geführt haben. Für die erste Periode findet Redner den Grund in der plötzlichen Verschließung eines neuen Culturlebens, das dem Juden als Folge der Culturarbeit Moses Mendelssohn's sich eröffnete. Für die Judenübertritte der letzten Jahrzehnte glaubt dagegen Redner den Antisemitismus und den Jndifferentismus als die treibenden Hauptfactoren ansehen zu dürfen. Wohl werden durch die Thätigkeit ver Missionsgesellschaften eine Anzahl Juden zum Christenthum hinübergesührt. Aber dieser