Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 70 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 4 ohne bald der Angriffspunkt von allerhand Schwindler zu werden. Unsere Armenverwaltung handelt systematisch den Verhältnissen entsprechend, aber das System taugt nichts und die Verhältnisse müssen umgestaltet werden. Berlin mit seinen Vororten ist zu weit ausgedehnt, die Armenquartiere liegen zu weit auseinander; Eine Armenverwaltnng kann daher unmöglich die ihr gestellte Aufgabe erfüllen, vielmehr müßte die Armenpflege decentralisirt werden. Ein dahingehender Vorschlag wurde auch bereits aus der Mitte der Gemeinde gemacht, aber von unserem weisen Vorstand kurzer Hand verworfen — das schöne Hauptcassabuch wäre ja dabei in Gefahr! Mögen die Armen hungern und frieren, bis ihnen nach Erschöpfung aller Instanzen Hilfe wird — das System bleibt so recht schön und mustergiltig und gefällt den fremden Gästen, die unsere Armenpflege aber nicht unsere Armen kennen, vorzüglich. Es geht nichts über ein schönes System. Hebräische Melodien. Einleitende Worte zu den Uebersetzungen aus Jaroslav Wrchlickz's Gedichten von Dr. Josef Xalud, Advocaten und Landtagsabgeordneten in Prag. In unserer ereignißreichen und für die Juden bedrängnißschweren Zeit ist es so manchem unserer Glaubensgenossen und insbesondere dem zarter besaiteten Gemüthe ein Herzensbedmfniß, sich mit den Schicksalen, Gedanken und Gefühlen des Judcnthums in dem sanften und milden Gewände der Poesie zu befassen. Es werden daher die diesen Zweck verfolgenden hebräischen Melodien nicht ungelegen kommen. Die drei größten Lyriker des XIX. Jahrhundents, drei verschiedenen Nationen und Confeffionen angehörend, Lord Byron der Engländer (anglikanische Kirche), Heinrich Heine, der Deutsche (Jude) und Jaroslav Brchlicky, der Oeche (Katholik) haben geist- und gemüthvolle hebräische Melodien gedichtet. I. Ueber Lord Byron's hebräische Melodien berichtet A. Böttger in der Vorbemerkung zu denselben: „Unter dem Titel „Hebrew Melodies" erschienen im Jänner 1815 23 Gedichte von Lord Byron, welche derselbe auf Veranlaffung seines Freundes Douglas Kinnaird zu einer Auswahl hebräischer Melodien verfaßt hat und wurden dieselben zugleich mit der Musik von Braham und dem Compouisten Nathan veröffentlicht. Letzterer theilt hierüber folgendes mit: Als Jemand, der sich für einen Kritiker von Bedeutung ausgab, diese Gesänge belobte, bemerkte Byron ablehnend, daß sie in Elle verfaßt worden wären und auch auf diese Weise untergehen sollten, worauf er sie unverzüglich ins Feuer warf. Was jedoch meine Musikbegleitung zu den Liedern betraf, so entging sie diesem Schicksale, und da ich von Allem, was aus des edlen Lords Feder hervorgeht, gerade entgegengesetzter Meinung bin, bewahrte ich die Gesänge und machte bei einem nochmaligen Gespräche mit Byron diesem den Vorwurf darüber, daß er ein so kostbares Brandopfer gebracht hätte, — worauf er erwiderte: „Was ich that, scheint Sie zu entrüsten. Kommen Sie, lieber Nathan, ich will — da Ihnen mein Brand opfer mißfiel — jetzt ein Friedensopfer bringen; machen Sie damit, was Ihnen beliebt." Und so wurden Lord Byron's hebräische Melodien der Nachwelt erhalten. Gediegene Uebersetzungen lieferten O r t l e p p (in der Cottaischen Bibliothek der Weltliteratur), Adolf Böttger, besonders aber Gildemeister. II. Heinrich Heine hat in seinem Romanzero, drittes Buch unter dem Titel: „Hebräische Melodien" die Gedichte: Prinzessin Sabath, Jehuda ben Halevy und Disputation veröffentlicht. Aber auch in seinem „Buch der Lied er" findet sich so manche Perle gleicher Tendenz. III. Jaroslav Brchlicky hat zwar seine gleichartigen Gedichte nicht als hebräische Melodien bezeichnet, auch nicht in einem Buche, sondern zerstreut in den vielen Gedichtsammlungen veröffentlicht; gleichwohl stehen dieselben weder an Zahl, noch geistigem Gehalt und dichterischer Ausführung den erwähnten hebräischen Melodien irgendwie nach. Verfasser dieser Zeilen empfand bei der Lectüre der Vrchlicky'schen Gedichtsammlungen das Herzensbedürfniß, die vom Dichter des Humanismus verfaßten Gedichte, soferne dieselben das Judenthum betreffen, den der böhmischen Sprache nicht kundigen Glaubensgenossen zugänglich zu machen und so entstanden die nachfolgenden Uebersetzungen; wozu er sich um so mehr hingezogen fühlte, als er den Universalismus des Meisters der Poesie bewundern mußte, der sich in die Gefühle und Schicksale, ja sogar in die Denkweise der ihm nach seiner Abstammung, Erziehung und Ausbildung doch fremden Schicksale der Juden in unglaublicher, aber bewunderungswürdiger Weise hineingelebt hat. Neben der genialen Begabung des Dichters läßt sich eine Erklärung vielleicht hiesür finden rn der A n a l o g i e der Geschicke der Juden und des böhmischen Volkes. So wie das jüdische Volk als einstiges Staatswesen gegenüber seinen Nachbarvölkern nur ein kleines Ländergebiet inne hatte, diesem mit zäher, aufopferungsvoller Treue anhing und für seinen Glauben, für seine Ueberzeugung stets Gut und Blut zu opfern bereit war und auch geopfert hat, so verhält es sich ähnlich bei der bömischen Nation. Diese Schicksalsanalogie mag wohl den böhmischen Dichter besonders angezogen und bestimmt haben, in der Besingung der Schicksale der Juden verhüllt auch die der böhmischen Nation zu schildern, wie dies besonders aus dessen epochalem Epos „Bar Kochba" hervorleuchtet. Auch findet sich trotz so mancher Perle in der Poesie der Weltliteratur nirgend ein so umfangreicher, den jüdischen Stamm betreffender Schatz an gediegenen Gedichten, ausgenommen die von Juden selbst verfaßten. Da nun die Sammlungen der hebräischen bezw. das jüdische Volk betreffenden Gedichte, so beispielsweise der „echten hebräischen Melodien" von S. Heller (insbesondere aus Juda Halevi, Gabirol und anderen), dann jener von Michael Sachs „vom Jordan und Euphrat", ferner der Divan desJehudaHalevi in deutschen Uebertragungen von Abr. Geiger, S. Heller, S. I. Kämpf, S. Kristeler, Jul. Landberger, M. Levin, Mor. Rappaport, Michael Sachs, A. Sulzbach, Mor. Steinschneider u. a. sowie der von Professor Dr. Kämpf, Moritz Hartmann und Ludwig. August Frankl von Juden selbst herrühren und es gewiß von Interesse ist, besonders jetzt, wo der Antisemitismus sich überall breit macht, auch von Andersgläubigen den Juden günstige Stimmen zu vernehmen, hielt ich es für angezeigt, den obgedachten Schatz nach meinen geringen Kräften und soweit es die meiner Berufs- und öffentlichen Thätigkeit abgekargte Zeit erlaubt hat, zu heben und meinen Glaubensgenoss-n allgemein zugänglich zu machen, und zwar um so mehr, als dies sie dazu führen soll, ihre eigene Geschichte kennen, achten und schätzen zu lernen, ihnen das richtige Selbstbewußtsein (nicht Ueberhebung) beibringen soll und nicht zum geringsten Theil deshalb, damit es allgemein klar und bekannt wird, daß die böhmische Nation einen Dichter von Weltruf besitze, welcher entgegen der antisemitischen Strömung unserer Zeit, als wahrer Humanist, die Schicksale des jüdischen Volkes nicht nur in künstlerischer Gestaltung schildert, sondern auch mit Eifer und Liebe besingt. V r ch l i c k y's Name ist allerdings dem Publikum schon, und ich kann es widerspruchslos behaupten, wohl und angenehm bekannt; so insbesondere enthält die jüdische Uuiversalbibliothek unter dem Titel „der hohe Rabbi Löw" („Rabbinische Weisheit") übersetzt von Edmund Grün ein gediegenes dramatisches Gedicht von Jaroslav Brchlicky; auch enthalten die Gedicht-Sammlungen (bezw. Uebersetzungen) „E p i s ch e s u n d L tzrisch e s" aus Jaroslav Brchlicky, übersetzt von Edmund Grün, die bei Reclam erschienenen „Gedichte" von Jaroslav Brchlicky, ausgewählt und übersetzt von Dr. Friedrich Adler manche Nummer von bezeichnetem Schlage; ferner sind einzelne Uebersetzungen in verschiedenen Zeitschriften erschienen; aber eine zusammen fas sende Pnblication dieser Gedichte hat bisher gefehlt und diese nun soll hier geboten werden. Moses Schatten. (Aus dem5.Bande der Gesammtausgabe: „Fresky a Gobeliny“,<3tr. 14.) Als Moses kam vom Sinai mit dem Bundesstein, Umblitzte seine Stirne hehrer Glorienschein. Das Auge sprühet Funken und er gottesgleich Gigantisch schreitet, während bebend, blaß und bleich Am Bergesfuß im Staube knieet Israel.