Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 4 Vr» Bloch's WockenjÄMsio Seite 60 Punkt des Handels und der Industrie, und wiewohl Friedrich der Große sonst kein Freund der Juden und des Judenthums war, so sah er es doch recht gerne, wenn reiche und thätige Männer dieser Glaubensgemeinschaft seine Lande aufsuchten und da die industrielle Entwicklung fördern halfen. Die culturhistorische Bedeutung dieses wirthschaftlichen Aufschwunges für die Juden in Norddeutschland ist bisher noch nicht genügend gewürdigt worden; man wird darin vielleicht bei genauer Betrachtung einen größeren Antrieb für den Anschluß der Juden an die europäische Cultur finden, als in den philosophischen und pädagogischen Schriften Moses Mendelssohns, den man zum Träger dieser geschichtlichen Thatsache hat machen wollen. Noch bedeutender wurde der Zuzug der Juden aus den kleinen Ortschaften nach den größeren Städten, wo Handel und Industrie blühten, im neunzehnten Jahrhundert; zunächst gleich nach den Befreiungskriegen und dann in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren, die für die wirthschaftliche Entwicklung Deutschlands sehr günstig waren. Nichtsdestoweniger gab es in jener Zeit nach dieser Richtung hin auch große Hemmnisse, die zumeist in den politischen Verhältnissen dieses Staates lagen. In verschiedenen Theileu Deutschlands waren die Territorien politisch zerrissen, und wenn nian in die benachbarte Stadt übersiedeln wollte, so war man nicht nur genöthigt, ins „Ausland" zu ziehen, sondern mitunter verschiedene „Grenzen" zu überschreiten. Erst das Jahr Id66 und das Jahr 1870 gab den deutschen Landen die politische Einheit, was den Juden sehr zu statten kam. Seit damals nahm der Zug nach den großen Städten größere Dimensionen an, und die kleinen Gemeinden sinken immer mehr in ihrer Bedeutung, ja, sie lösen sich zum Theil gänzlich auf. Für die Judenheil, aber noch mehr für das Judenthum, bietet diese Erscheinung auch manche Gefahr, und genauer betrachtet, macht sich die Schattenseite dieser Vorgänge mehr und empfindlicher bemerkbar, als deren Lichtseite. Es ist an sich kein Vortheil, daß durch die Auflösung der kleinen Gemeinden die Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit in der Judenheit aufhört, und wir Großgemeinden bekommen, die alle nach einer Schablone, nach dem Muster von Großcommunen geleitet und verwaltet werden. Noch größer erscheint die Gefahr, wenn man die Sache vom religiösen und culturellen Standpunkt betrachtet. In der großen Stadt werden die Juden in der Regel wohl mitunter reicher, aber gewiß nicht religiöser und sittlich besser. Im Gegentheil. Mancher Jude, der in der Heimat, theils aus Rücksicht für seine Umgebung, theils aus Gewohnheit, zu den religiösen Satzungen und Gebräuchen seiner Väter gehalten hat, streift alles religiöse, alles jüdische ab, sobald er im Leben der Großstadt untertaucht. Auch fehlt ihm da gleichsam jeder Localpatriotisnms. In seiner Heimatstadt, der „Begräbnisstätte seiner Vorfahren", hat er sich für das Gemeindeleben interessirt; in der Großstadt kümmert er sich um nichts, er glaubt vollauf seine Pflicht gethan zu haben, wenn er die Gemeindeabgaben leistet, was ihn nicht erheblich belastet. Die Großgemeinden erheben nämlich in der Regel verhältnißmäßig kleinere Gemeindesteuern, als die kleineren Gemeinden. Sie können dies zum Theil, weil sie über reiche und steuerkräftige Mitglieder verfügen, zum Theil aber, weil sie ihre religiösen und culturellen Aufgaben gröblich vernachlässigen. In den kleineren Gemeinden steigt oft die Synagogenfteuer bis zu 200 Percent Zuschlag zu der staatlichen Einkommensteuer, manchesmal ist sie noch höher bemessen. In Berlin hingegen fordert die Gemeinde blos etwa ein halbes Procent des Einkommens, wobei das Einkommen unter 1500 Mark jährlich völlig unbelastet bleibt, und auch bei den zunächst höheren Einkommenstufen wird die Synagogensteuer auf Antrag erlassen. In diesem Fall ist dies sehr human. Nun ist aber die Staats- und Communalsteuer gerechter Weise progressiv, die jüdische Gemeindesteuer ist es aber nicht. Bei einem Einkommen von 5000 Mark jährlich, erhebt die jüdische Gemeinde 25 Mark (V2 Percent); bei einem solchen von 100.000 Mark blos 500 Mark (ebenfalls y2 Percent). Die Staats- und Communalabgaben steigen bis zur Höhe von je 5 Percent des Einkommens, während die jüdische Gemeinde bei ihrem Satz von '/z Percent bleibt. Abgesehen von der Ungerechtigkeit dieses Steuersatzes ist die Gemeinde dadurch nicht in der Lage, ihren Pflichten wirklich nachzukommen. Preußische Großgemeinden werden gut verwaltet, aber selten auch gut geleitet Was die Verwaltung betrifft, so wirkt in erster Reihe das erziehliche Beispiel von Außen; Preußen ist ein vorzüglich verwalteter Staat, und es müßte mit Unrechten Dingen zugehen, wenn große und reiche Gemeinden nicht ebenfalls gut verwaltet werden sollten. Wir zweifeln nicht, daß die Steuern in unseren Großgemeinden pünktlich eingehoben und verausgabt werden; auch die Controle ist peinlich genau, und für jede Ausgabe wird man einen Beleg finden, der d'em gewissenhaftesten Aufsichtsbeamten genügen müßte. Im Uebrigeu paßt ja die Aufsichtsbehörde „höllisch" auf, wie der Berliner sagt, und eine königlich-preußische Behörde läßt mit sich nicht spaßen. Leider erstreckt sich diese Aussicht nicht weiter und kann sich auch nicht weiter erstrecken Deshalb stellen die norddeutschen Großgemeinden in Wirklichkeit mißlungene, oft sogar recht häßlickie Bilder in einem glänzenden Rahmen dar. Ich habe die große Berliner Gemeinde vor Augen die im Auslande als ein Musterbild betrachtet wird; man soll ja zu uns von auswärtigen Gemeinden kommen, um unsere „mnstergiltige" Gemeindeverwaltnng kennen zu lernen. Die auswärtigen Gäste besuchen die Bureaux, wo sie sehr höflich empfangen werden — uns gewöhnlichen Steuerzahlern gegenüber ist man es minder — man zeigt ihnen die Geschäftsbücher, das Hauptcassabuch, das durch seine riesigen Zahlen besonders imponirt; alles ist da hübsch sauber und in peinlicher Ordnung, die Daten stimmen aufs Genaueste, reiche Ueberschüsse sind vorhanden und alle Gemeinde-Institutionen sind gut dotirt. Mit diesen guten Eindrücken kehren die Gäste heim und singen dort das Lied von der vorzüglichen Verwaltung der Berliner Gemeinde. Schade, daß ich nicht berühmt genug bin, um ebenfalls als „Sehenswürdigkeit" aufgesucht zu werden. Ich hätte den lernbegierigen Gästen die Kehrseite der Medaille gezeigt Die jüdische Gemeinde in Berlin ist in den letzten Jahren sehr angewachsen; in den letzten fünfundzwanzig Jahren hat sie sich verdoppelt. Aber sie hat nicht nur Zuwachs an reichen Mitgliedern erhalten, sondern auch ein sehr zahlreiches „Bürgerproletariat", wie der Kunstansdruck lautet. Mit anderen Worten: eine ungeheure Armuth, die zwar noch nicht an die in Wien oder in London — von den Gemeinden in Rußland oder in Galizien ganz abgesehen, heranreicht, aber groß genug ist, um Sorge und Mitleid zu erregen, während die Armenverwaltung fast auf derselben Stelle geblieben ist, auf der sie anno etwa 1840 gestanden hat, als Berlin eine Mittelgemeinde war. Weder die ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel, noch die Organisation reichen aus, um dieses reiche Gebiet der Armenpflege zu bewältigen. Allgemein wird über das Schablonenhafte ihres Wirkens geklagt, und sofortige Hilfe in der Noth findet man selten. Ich habe stets diese Klage für übertrieben gehalten; arnie Leute, dachte ich, sind immer unzufrieden und erhalten niemals genug. Aber in der letzten Zeit hatte ich manchesmal die leidige Aufgabe, mich für einen armen Glaubensgenossen bei der Armenverwaltung zu verwenden. Ich fand, daß alles „bestens" seinen Instanzenweg ging; es wurde sehr gründlich ,recherchirt"; aber wenn nicht rechtzeitig die Privatwohlthätigkeit eingegriffen hätte, so wäre das „Object" der Recherche viel früher gestorben, als die Angelegenheit ihre „ordentliche^ Erledigung gefunden hat. Ich mache der Armenverwaltung keinen Vorwurf daraus; im Grunde genommen, kann sie nicht anders handeln.