Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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M.4 Dr. Bloch's Wochenschrift.» Seite 65 Schöpfungen, verhinderten, daß die Colonisten zur Selbstständigkeit gelangten. Fürsten sind die theuersten Kärrner, sagt das Sprichwort, und die Verwaltung dieses Fürsten in Israel in seinen sieben palästinensischen frommen Gründungen verschlang Unsummen, welche Investitionen entzogen wurden, die zu besseren Erfolgen geführt hätten; dann ist bei der Concurrenz der italienischen, spanischen und besonders der französischen Weine, Palästina heute kein Exportland mehr für Wein, daß dieser eine Artikel die Arbeiten der Colonien bezahlt machen könne, und endlich haben die Colonisten bei dem ewigen Rückenhalter in Paris das Streben nach Selbstständigkeit verloren, sie waren ja stets der Nachhilfe von dort sicher, anstatt mit eigener Kraft den Widerwärtigkeiten zu trotzen. In Erkenntniß dieser Uebel und von dem Wunsche beseelt, den Bestand der ihm ans Herz gewachsenen Colonien für ewige Zeiten zu sichern, hat nun Baron Edmond von Rothschild diese Colonien der I. C. A., der Verwalterin der großen Stiftungen des Baron Hirsch, überlassen. Am 1. Jänner 1900 ist die Uebertragung vollzogen worden, und in der letzten Vorstandssitzung der A. I. A. ist den Mitgliedern diese vollendete Thatsache zur Kenntnißnahme gebracht worden, nicht ganz ohne Opposition seitens jener Mitglieder dieser Körperschaft, welche auch Directoren der Baron Hirsch-Stiftung sind. Dem „Jewish- Chronicle" entnehmen wir den Bericht über diese Vorstandssitzung. Herr Claude M o n t e f i o r e eröffnet die Versammlung mit der Bemerkung, daß er vor Eintritt in die Tagesordnung eine wichtige Mittheilung zu machen habe, welche sich auf eine, seitens der I. C. A. getroffene Entscheidung beziehe. Baron Edmond von Rothschild habe letzterer den Vorschlag gemacht, ihr unter gewissen Bedingungen seine Colonie in Palästina zu cediren. Auf diesen Ansiedlnngen leben 470 Colonisten-Familien und außerdem eine große Anzahl von jüdischen Arbeitern, zum Theil mit ihren jüdischen Familien. Baron Rothschild wurde bei feinem Anerbieten von zwei Gründen geleitet: Erstens und hauptsächlich will er seinem Lebenszwecke eine Continuität sichern, zweitens hat die I. C. A. in Colonisationsangelegenheiten bereits große Erfahrungen gesammelt und sie erscheint daher am besten geeignet, die neue Verwaltung der Colonien zu übernehmen, welche nach den Mißerfolgen der ersten eine dringende Nothwendigkeit sei. Die betreffenden Colonien, als Ganzes genommen, erhalten sich noch nicht selbst, sondern haben jedes Jahr ein großes Deficit, was durch schlechte Administration verursacht sein kann, sicher entstehen kann und mußte, wenn an der Spitze der Colonien eine Persönlichkeit stand, die eine nie versagende Quelle für Geldspende war. Als der Vorschlag des Barons in dem Verwaltungsrath der I. C. A. in Verathung gezogen wurde, waren die drei englischen Mitglieder dagegen, allein ehe man die. Gründe prüfe, die sie zu dieser Ablehnung veranlaßt haben, sei festzustellen, daß die I. C. A. bisher ihre Arbeit in Palästina nach dem Grundsätze betrieben habe, daß sie keine neuen Colonien anlegen wollte, sondern nur die bestehenden zu unterstützen habe. Nach diesem Princip sei eine große Anzahl von Bewilligungen an Colonien und Einz lpersonen erfolgt, und es habe sich gezeigt, daß schon diese beschränkte Thätigkeit sehr große Ausgaben erfordere. Natürlich werde die Uebernahme der bisher unter dem Protectorat des Barons stehenden Colonien neue, große Verpflichtungen auferlegen. Die englischen Mitglieder widersetzen sich nun dem Vorschläge erstens wegen des finanziellen Risicos und weil sie der Meinung seien, daß die Kraft der I. C. A. schon zur Genüge bei der bisherigen Thätigkeit engagirt sei. Dieselbe hat große Verpflichtungen in Argentinien und Nordamerika; ihr Thätigkeitskreis in Rußland und Galizien wachse von Tag zu Tage, und auch in Rumänien habe sie Arbeit gefunden, von den kleineren Aufgaben ganz abgesehen. Ferner waren die englischen Vertreter der Meinung, daß das Gelingen der Rothschild'fchen Colonien selbst unter der besten Verwaltung als zweifelhaft zu betrachten sei, weil die bisherigen Methoden der Administration den Geist der Selbstständigkeit und das Streben nach Unabhängigkeit unter den Colonisten schon?u weit unterdrückt hätten, sowie weil man Grund zu der Furcht habe, daß die Weincultur, bisher die hauptsächlichste Einnahmequelle, nicht zur finanziellen Selbstständigkeit führen könnte. Im letzten Punkte könne man sich irren, aber am wichtigsten sei die Erwägung, daß die I. C. A. nicht berechtigt sei, Unternehmungen in einem Lande zu versuchen, in dem den russischen Juden, für die man doch arbeiten solle, der Eintritt verwehrt sei. Endlich könne durch die Uebernahme der Colonien der Glauben entstehen, daß die I. C. A. die zionistische Bewegung unterstützen wolle; mit Rücksicht aber auf die zarten Beziehungen, welche zwischen der I. C. A. und fremden Regierungen bestehen, und in Erwägung des großen Schadens, welchen die zionistische Bewegung jetzt schon der Sache der Juden in Rußland und Gallzien zugefügt habe, widersetzten sich die englischen Mitglieder allen Beschlüssen, die, wenn auch nur irrig, als eine Förderung jener Beivegung mißdeutet werden könnten. Dagegen waren alle anderen Mitglieder des Verwaltungsrathes für die Annahme der Rothschild'schen Vorschläge, da diese Annahme nicht eine Billigung, sondern un Gegentheil eine Verurtheilung der zionistischen Velleitäten bedeute, weil die zionistische Partei ja der praktischen Colonisation feindlich!ei* Auch hat Baron Rothschild, um das finanzielle Risico der Gesellschaft zu vermindern, derselben auf zehn Jahre eine gewisse Sunune garantirt. Sollte nach Verlauf von fünf Jahren die I. C A. außer dieser garantirten Sunlme fernere Beträge zu leisten haben, welche zwei Drittel dieser Summe erreichen, so könne sie die Auflösung des Vertrages fordern. Andererseits habe der Baron das Recht, diese Liquidation noch um vier Jahre hinauszuschieben, wenn er alle Kosten der vierjährigen Periode selbst übernimmt. Allerdings seien gute Gründe vorhanden für die Annahme, daß bei sparsamerer Wirthschaft die Kosten der Colonien eine wesentliche Vermindernng erfahren könnten, und in Anbetracht der Garantie des Barons hoffe Redner, daß das finanzielle Risico der I. C. A. kein sehr großes sei. Die Erwartung, daß die Ausgaben 'ich wesentlich herabsetzen lassen würden, basire auf dem Bericht des Herrn M e y e r s o h n, eines außerordentlich tüchtigen Beamten der I C. A., welcher nach Palästina entsandt wurde und auf Grund eingehender Beobachtungen sein Urtheil dahin abgegeben habe daß die Colonien in einer gewissen Reihe von Jahren wohl zu erfolgreicherem Gedeihen gebracht werden könnten. Herr Claude Montefiore forderte die Mitgli der der Anglo-Jewish-Association aus, ihre Meinung über die Angelegenheit zu äußern. Gegenüber der Auffassung einiger Herren, daß, nachdem in Paris die Entscheidung bereits gefallen sei, die nachträgliche Discussion unterbleiben solle, wies Redner darauf hin, daß die Position der drei englischen Delegirten in ihrer Opposition gestärkt werden würde, wenn die Anglo-Jewish-Association eine Billigung ihrer Auffassung ausspreche Herr Israel Abrahams erklärt seine Geneigtheit, sich der Meinung der Mehrheit in der I. C. A., daß die Uebernahme stattsinden müsse, anzuschließen, hält aber die Frage für zu wichtig und noch nicht für spruchreif, weshalb er Vertagung beantragt. Heerr Oberrabbinner Dr. Adle r führte aus: In der ganzen neueren Geschichte des Judenthums kenne ich keine größere und wichtigere Bewegung, als die Colonisation Palästinas. Gerade die jüdischen Colonien in Palästina liegen der ganzen Welt offen; was in Bezug auf dieselben geschieht, geschieht gewissermaßen unter der Controle der ganzen Welt und soll deshalb reiflich erwogen werden. Erst vor Kurzem habe ich einen Vortrag des Generals Wilson in einer gelehrten nichtjüdischen Gesellschaft gehört, in der er sich sehr hoffnungsvoll über die Chancen der Colonien aussprach. Ich begreife freil ch die große Verantwortlichkeit, welche die Angelegenheit für die neuen Verwalter mit sich br ngt, aber ich bin überzeugt, das dieselben sich ihrer hohen Pflicht würdig erweisen werden. Herr Josef P rag: Ich finde es bedauerlich, daß sich die englischen Vertreter im Verwaltungsrath der I. C. A. jedesmal in Gegensatz zu allen anderen Mitgliedern stellen. Wenn die Delegirten von Paris, Brüssel, Frankfurt und Berlin immer einer Meinung sind und die Londoner der entgegengesetzten, so kann ich nicht annehmen, daß das Recht auf Seite der letzteren ist, sondern glaube, daß die anderen Herrn eben auch gute Informationen besitzen. Gewiß hat die Colonisation in Palästina große Summen gekostet, aber für Argentinien und Nordamerika hat die I. C. A. nicht weniger große Beträge ausgegeben und mit nicht weniger Erfolg. Dem momentanen Mißerfolg der Rothschild'fchen Colonien steht zudem das Gelingen anderer Colonien im heiligen Lande gegenüber; so hat Kastineh, die Getreide-Colonie, schon im dritten Jahre das erfreuliche Resultat, daß sie fast vollkommen selbstständig ist. Daß die Rothschild'sche Administration Fehler gemacht habe, könne nicht geleugnet werden; so sei das Ueberwiegen des Weinbaus gewiß ein Mißgriff, auch bei der Answahl der Reben für die Weinberge hat man sich ge>viß geirrt, aber man muß auch bedenken, daß die Verwaltung des Barons eben nicht über die Erfahrung disponiren könne, welche die Verwaltung der I. C. A. bei ihrem vielseitigen Colonisationswerk gesammelt hat. Offenbar hat der Baron mit der Uebertragung seines Lebenswerkes auf die I. C. A den Fortbestand desselben von allen persönlichen Zufälligkeiten unabhängig machen wollen Beide, der Baron sowohl als die I. C. A, sind zu der neuen Ordnung der Tinge zu beglückwünschen, und ich beantrage eine dahingehende Resolution. Nachdem der Uebergang zur Tagesordnung abgelehnt worden war und die Resolution Prag die nöthige Unterstützung gefunden hatte, ergreift Herr Herbert G. L o u s a d a, einer der drei englischen Vertreter im Verwaltungsrath der I. C. 3l.. das Wort: lieber die Frage, ob die Uebernahme der Colonien den Anschein zu erwecken vermöge, als ob die I. C. 3l. den Zionismus fördern wolle, kann man ja verschiedener Meinung sein, allein ich bin überzeugt, daß man dies glauben wird, und bin eben deshalb dagegen. Ferner soll die I. C. 31. die Samrung der Colonien vornehmen und erhält nicht einmal völlig freie Hand; denn die Verwaltung dieser Colonien wird geführt werden von einer Comniission, zu der der Baron drei Mitglieder ernennt und die I. C. 3l. drei andere, so daß ersterer als Vorsitzender ausschlaggebend bleibt Unter diesen Umständen glaube ich nicht, daß uns die Sanirung gelingen kann, während wir doch die volle Verantwortung tragen sollen. 3luch politische Schwierigkeiten können den Erfolg der Colonisation aufhalten. Da die 31. I. A. den dritten Theil der 3lctien der I. C 81. besitzt, so bitten wir als Delegirte der 3l I. A., daß die Mitglieder derselben unsere ablehnende Haltung billigen Hierauf erfolgte die Abstimmung. Eine Resolution, den Delegirten der 31. I. A die Billigung ihres Verhaltens auszusprechen, wurde abgelehnt, desgleichen die ferneren: von einer Stellungnahme überhaupt abzusehen, resp. eine andere Zusammensetzung der die Colonien verwaltenden Commission zu fordern. Dagegen wurde mit einer un-