Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Date
1900-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021336--09575-3034011
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 64 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 4 habe.i sind, sogar verhältnißmäßig leicht in Galizien zu haben sind, muß trotz aller gegentheiligen Ansichten des Herrn Dr. Salz in Tarnow aufrecht erhalten bleiben. Es ist selbstverständlich, daß man für diesen Zweck nicht, wie Herr Dr. Salz befürchtet, die galizische Bauernschaft expropriiren wird. Wer dem Gedankengang meiner Artikel gefolgt ist, weiß, daß ich gerade im Interesse des galizischen Kleinbesitzes, vor allem der Zwergbauern, die Heranziehung der Juden zur Landwirthschaft erstrebe. Die Bauern gerade sollen sehen, daß ihre Interessen mit denen der Juden indentisch sind gegenüber den Großgrundbesitzern. Diese sind, wie nachgewiesen, dadurch, daß sie ihre ungeheuren Latifundien, selbst wenn sie wollten, mit den gemietheten Arbeitskräften nicht genügend bewirthschaften können, der Ruin des Landes, der Feind des Bauern. Das Land, welches ihnen abgekauft und der intensiven Bodencultur unterworfen würde, käme direct dem ganzen Volke zu Gute. — Also die Bauern werden gar keinen Grund haben, sich über jüdische Productivgenoffenschasten zu beschweren, vielleicht werden sie sehr bald denselben Weg einschlagen. Statt Feindschaft und Antisemitismus zu erregen, wird dieser Vorgang im Gegentheil von vorneherein besänftigend auf die Bolksmassen wirken, welche von einseitiger politischer Verfolgung, in der sie heute ihre ganze Kraft verschwenden, zu wirthschaftlicher Arbeit und wirthschaftlichem Wettstreit übergehen werden. Nichts repräsentirt so sehr das Princip des Friedens, wie die Genossenschaft, denn eine Genossenschaft ist naturgemäß die Freundin der andern. Ich fahre nun fort. Dieser Gesammtcomplex von 1500 Morgen wird in ein Haupt- oder Centralgut und in Einzelwirthschaften zerlegt. Das Hauptgut betrage (ich rechne hier natürlich nur willkürliche Zahlen an) 1000 Morgen. Die übrigen 500 Morgen, welche sich an der Peripherie befinden, werden in 100 je nach der Bonität und der Lage etwas verschiedene Theile von durchschnittlich 5 Morgen zerlegt. Auf jedem dieser kleinen Anwesen wird ein Haus gebaut, die Wirtschaft wird mit dem nötigen todten und lebenden Inventar versehen und dann je an eine der 100 Familien, welche die Genossenschaft bilden, zu einem geringen Zins verpachtet. Das Centralgut wird gemeinsam bewirthschaftet. Die Erträge werden theils zur Abtragung der Genossenschaftsschulden, theils zu Auszahlungen und Gutschreibungen auf den Conten der Genossen verwendet, und wirken in letzterer Hinsicht als das Ideal einer Sparcasse. Die so construirte, einheitlich geregelte Productivgenossenschaft liefert in der Form eines Consumvereins für sämmtliche Genossen billig Lebensmittel, Kleidung, Handgeräthe, sie kauft in größeren Quantitäten Futter- und Düngemittel, sie richtet gemeinsame Molkereien, Mühlen, Brennereien, Stärkefabriken u. s. w. ein, um alles das an Ort und Stelle zu verwerthen, was dem einzelnen Betriebe aus Mangel an Capital verloren gehen würde. Sie schafft landwirthschastliche Maschinen an, wodurch rationelle Bodencultur ermöglicht wird, baut Magazine, in denen das Getreide gemeinsam gelagert, sorgfältig ausgesucht und sortirt wird. Schon allein hiedurch gewinnt das Korn einen erheblich höheren Werth. Zum Schluß finden das Getreide oder das daraus erzeugte Mehl, sowie die übrigen Products, soweit sie nicht für den Eigenconsum bestimmt bleiben, auf dem Markt Verwendung. Man erkennt, wie vorzüglich commerciell diese Verbindung sämmtlicher Genossenschaften, die bisher nur einzeln in Anwendung kamen, arbeitet. Es ergibt sich ferner, wie eine derartige Siedlung Handwerk und Industrie heranzieht. Diejenigen Genossen, welche nicht unmittelbar in der Landwirthschaft thätig sein wollen, finden Beschäftigung in den Gewerben, in den Brennereien, den Stärkefabriken u. s. w. Diese ganze Einrichtung, die sich organisch zu der soeben geschilderten Höhe auswächst, erfordert sehr geringes Anfangscapital, für unser Beispiel etwa 400- oder 450.000 fl., wohl aber überaus fachmännischer Leitung. Diese gemeindewirthschaftlich betriebene Bodencultur muß floriren. Sie ist ein nach menschlichen Berechnungen so ungemein sicheres Unternehmen, daß Oppenheimer, wie er an einer Stelle sagt, für diesen Zweck „ruhig das Scherflein decWitwen und Waisen annehmen würde". Und in der That, er hat Recht. Denn welchen Zweck verfolgt eine derartige Productivgenoffenschaft? Doch nur den, möglichst bald den von ihr bearbeiteten Grund und Boden in ihr Eigenthum zu verwandeln, das heißt, das dargeliehene Geld zurückzuzahlen. Daher wird jeder einzelne seine ganze Kraft und Sorgfalt auf eine intensive Bewirthschastung verwenden, und dies kann er umso mehr, da eine derartige Genossenschaft die größte Möglichkeit gewährt, den individuellen Neigungen des Einzelnen entgegenzukommen. Der Gedanke, als eigener Herr auf eigenem Boden zu sitzen, ist der Hauptansporn zur rastlosen Thätigkeit. Die Aussicht, durch eigene Kraft zu einer völlig gesicherten materiellen Lebensstellung, zur socialen Selbstständigkeit sich zu erheben, das ist das Große, das Herrliche, was eiue derartige Verbindung der wirthschaftlichen Kräfte unseren armen galizischen Brüdern geben wird. Diese Capitalsanlage ist deshalb eine so sichere, weil hier eine fleißige, betriebsame, für ihr eigenes Heim ringende Bevölkerung arbeitet und schafft. Die Summe von 400.000 fl. für 100 Familien scheint auf den ersten Blick eine große zu sein, allein bei einiger Ueberlegung wird man die Sache ganz anders auffassen. Wir wollen annehmen, daß — gemäß unserer Voraussetzung der loyalen Handhabung durch Philantropen und wvhlthätige Gesellschaften — nur eine Verzinsung von 2% erfordert würde und ferner eine Amortisationsquote von 1720/o- Es wären mithin von den Genossen jährlich 3'/,°/« für Zinsen und Abtragung zusammen zu leisten, mit der Maßgabe, daß was jährlich an Zinszahlung sich verringert, die Amortisationsquote verstärken soll. So wäre nach etwa 10 Jahren schon mindestens 7g des Capitals, also 80.000 fl. abbezahlt! Das alles zeigt, daß hier gar kein Risiko besteht. Und für diesen Zweck Geld herzugeben, dazu sollten sich nicht jüdische Philantropen und Wohlthätigkeits-Gesellschaften, wie die „Jewish Colonisation-Affociation", bereit finden? Dies anzunehmen, dafür liegt nicht der geringste Grund vor. Jedoch noch ist nicht erwiesen, daß eine derartige Gründung nun wirklich den Anfang zur Erlösung der Gesammtjudenheit Galiziens bedeuten würde. Dies aber erhellt aus Folgendem: Genau so wie für alle übrigen, so wird sich auch für die landwirthschaftlichen und Productivgenossenschaften sehr rasch in der Praxis ihre große Creditwürdigkeit erweisen, so daß späteren gleichartigen Unternehmungen auch aus rein geschäftlichen Motiven Capitalien zuströmen werden, und wir nicht mehr auf philantropische Hilfe ausschließlich angewiesen sind. Diese soll — wenn ich mich so ausdrücken darf, das Kind nur aus dem Bade heben. Wenn sie eine oder mehrere Siedlungen gestiftet haben wird, werden diese Beispiele in glänzender Weise propagandistisch wirken. Dann wird die galizische Judenheit so weit sein, wie wir sie haben wollen, d. h. sie wird durch Selbsthilfe aus eigener Initiative sich aus der heutigen Misöre befreien. Dies muß das Ziel sein. Die Wohlthäügkeit darf nur den Zweck haben, anregend, vorbildlich zu wirken; mit ihr allein werden wit nie ganze Volksschichten aus der Versumpfung heben können; sie soll nur zur Selbstständigkeit erziehen. Genossenschaft auf Genossenschaft wird entstehen. Aus kleinen Händlern, aus „Luftmenschen" und unglücklichen Proletariern wird eine strebsame Landbevölkerungsich herausbilden. Und eine solche sollte nicht stark genug sein, alle bisherigen Bedenken der galizischen Juden gegen die Landwirthschaft zu beseitigen? Man möge nur den Versuch machen, er wird binnen Kurzem das Gegentheil lehren. Wohl ist es möglich, daß sich im Anfang die polnischen Bauern namentlich durch die rührige antisemitische Verhetzung zur Gegnerschaft gegen diese Colonien hinrcißen lassen werden. Aber wenn sie erst sehen, wie diese Genossenschaften ihnen nicht zum Schaden, sondern dem ganzen Land zum Nutzen gereichen werden, dann wird ihnen die Erkenntniß aufgehen, daß sie ja auch durch Zusammenlegen ihrer winzigen Zweigwirthschasten ein rentables großes Gut Herstellen können (ich erinnere wieder an die Gewinnung der Wege und der Raine), das bei der rationellen Cultur, die sie nun in Anwendung bringen können, sie alle genügend ernähren wird. So werden die Juden eine sociale Bewegung inauguriren können, wie sie die Weltgeschichte vielleicht noch nicht gesehen hat. Sie können als Bannerträger einer neuen, siegreichen Idee auftreten. Die mißachteten Proletarier werden die gefeierten Wohlthäter Galiziens werden. Das ist der Sinn des großen galizischen Rettungswerkes. Der erste Schritt zur Gmanrixation der Colonistrn in Palästina. Ein beträchtlicher Theil der jüdischen Dörfer im heiligen Lande nämlich: Nischen le Zion, (Stroit. Pethach-Tikwah, Sichron-Jakob, Rosch-Pinah, Jessod-Hamaaloh und Metuleh unterstanden bekanntlich bisher dem Protectorate des Barons Edmond von Rothschild in Paris. Die nicht besonders glückliche Wahl der Verwaltungsbeamten dieser Colonien, die Vereingenommenheit des Barons für die Weincultur in seinen Colonien, wahrscheinlich weil schon in der Bibel die Weincullur Palästinas so hervorgehoben wird, und die unermüdliche Opferwilligkeit dieses hochherzigen Aristokraten zur Unterstützung seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.