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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 58 Nr. 3 Dv. B'och's Die frische Luft erquickte uud berauschte mich, obgleich ich sie nicht unmittelbar, sondern durch das Medium meines Pelzes einsog. Ich sank bald zurück in die Lehne meines Sitzes und verfiel in einen tiefen Schlaf, wie ich ihn schon lange auf dieser Reise nicht genossen. Es war ein langer, tiefer Schlaf. Und wenn ich auch wiederholt durch heftige Stöße aufgeschreckt wurde, wach wurde ich dennoch nicht. Dieses geschah erst, als ich zu merken anfing, daß der Schlitten sich nicht mehr von der Stelle bewege. Ich rieb mir die Augen wach, wähnend, am Ziele meiner heutigen Reise zu sein. Als ich endlich die Augen öffnen konnte, da sah ich zu meinem großen Befremden ringsumher nichts als endlose Schneefelder und hörte nichts als das Pfeifen des Sturmes und das Stampfen der Rosse. Erschrocken rief ich nach Jossel, der aber war nirgends zu erspähen. Nach langem verzweifelten Rufen endlich sah ich durch das Schneegestöber einen Schatten daherschleichen. Es war Jossel. „Jossel", schrie ich erregt, „wo sind wir?" „Ich weiß es nicht, gnädiger Herr", erwiderte er kleinlaut. „Die Pferde haben in dem Unwetter den Weg verloren und ich kann ihn nicht wiederfinden". „Wie lange fahren wir schon?" „Sehr lange, gnädiger Herr, aber ich kann nicht angeben, wie viele Stunden . . . ." Ich griff nach meiner Uhr, und es gelang mir nach mehrfachen Bemühungen, vermittels eines Streichhölzchens Licht für einen Augenblick zu erhalten. Es war 10 Uhr vorbei. Ich war entsetzt. Nach zweistündiger Fahrt hätten wir in Zaleszczyki sein sollen, uud nun sind wir schon mehr denn vier Stunden unterwegs, und wo? „Jossel", rief ich, „helfet mir aus dem Pelz, ich will selbst den Weg suchen". „Thut das nicht, gnädiger Herr", flehte Jossel. „Die Nacht ist schaurig kalt. Ohne Pelz würdet Ihr erfrieren. Geduldet Euch noch ein wenig, ich will abermals versuchen, vielleicht gelingt es mir, doch den Weg, oder irgend einen Weg überhaupt zu finden". Ich achtete nicht auf diese Worte, riß mir ungestüm den Pelz vom Leib und sprang aus den Pelzschuhen und dem Schlitten in den Schnee hinein. Ich lugte nach allen Richtungen aus und suchte mich zu orientiren. Die Gegend war mir sonst nicht ganz fremd, hatte ich sie doch schon wiederholt befahren; allein in dieser fürchterlichen Nacht, wo Einem der Sturm und das rasende Schneegestöber den Athem verschlug und jeden Ausblick verwehrte, wie wollte man sich da zurechtfinden! Jossel selbst, ein Kind dieser Gegend, irrte rathlos umher und die Pferde, die ja, sozusagen hier zu Hause waren, sie hatten jede Witterung verloren, und ich wollte mich unterfangen, den Weg zu finden! Aber es war ja auch nur aus purer Verzweiflung. „Jossel", sagte ich, „geht Ihr nach rechts, ich gehe nach links, doch entfernen wir uns nicht zu weit vom Schlitten." Wir machten uns auf die Suche, und wer weiß, wie weit wir auseinander gerathen wären, wenn nicht mit eins der Sturm das dichte Gewölk zerrissen und den Mond freigemacht hätte. Helles Licht ergoß sich nun über das weite Gefilde, welches sich als ein Plateau darstellte, das in einiger Entfernung südwärts jäh in eine Ebene abfiel, längs deren sich in der Richtung von Westen nach Osten ein stahlgrauschimmernder Streif hinschlängelte. Dieser glitzernde Streif, sagte ich mir, ist zuverlässig ein Fluß; aber welcher von denen, die diese Gegend durchfließen und die mir sämmtlich genau bekannt sind? .... Eine Bermuthung dämmert in mir auf und wird bald zur Gewißheit. Ich wende mich um und erblicke einen ähnlichen, von Norden her im Zick-Zack ziehenden Schimmer, der sich in einer Entfernung von einer Meile etwa gegen Osten mit dem ersteren verbindet Jetzt ist mir alles klar. Ich eile, so gut es in dem tiefen Schnee möglich, zum Schlitten zurück, aus vollem Halse unaufhörlich nach Jossel rufend: „Jossel", schreie ich, „Bruderherz, Heureka! ich habe mich zurechtgefunden, ich weiß endlich, wo wir sind." Jossel starrte mich mit aufgerissenem Mund und glotzenden Augen an. Er droht umzusinken. Ich fasse ihn in meiner großen Erregung ungestüm beim Arm und zerre ihn, der mir mechanisch folgt, etwa hundert Schritte weit bis an den Orr, wo ich meine Entdeckung gemacht, Woärenschrrsk. von wo aus man einen großen Theil der Ebene und des dieselbe durchziehenden Flusses überschauen konnte. „Seht Ihr dort den langen grau-grün schillernden Streifen, Jossel?" fragte ich. Jossel schüttelt bejahend den Kopf, noch immer sprachlos vor Ueberraschung. „Das ist der Dnjester, Jossel," fuhr ich fort. „Wa—a—as, der Dnjester?" stammelte Jossel, „der Dnjester? Ist das möglich? Und wer sagt dem gnädigen Herrn, das dieses der Dnjester ist?" „Wer mir das sagt? Dreht Euch einmal um. — Seht Ihr dort einen andern Streifen, von oben herunter sich ziehen? Er kommt von der Tarnopoler Gegend herunter. Wißt Ihr, was das ist?" Jossel horchte gespannt, antwortete aber nicht. „Das ist der Sereth, Jossel, der dort dem Dnjester in die Arme eilt. Dort bei Grodek ergießt er sich in den Dnjester. Ist das richtig?" Jossel that einen Freudensprung und jauchzte: „Bei meinem Leben! Der gnädige Herr hat Recht. Nun sind wir gerettet. Dort hinter uns liegt Grodek und vor uns in einer Entfernung von etwa 5 Kilometern das Dorf Kasperowce" . . . „Ganz recht", fiel ich ein. „Wir sind also nicht weit von menschlichen Behausungen; aber es wird der größten Vorsicht bedürfen, um längs dem steilen, jäh in den Dnjester hinabfallenden Abhang ungefährdet hinunter zu gelangen. Ist es doch auch sonst bei gutem Wetter kein leichtes Stück Arbeit, zu Wagen die in Serpentinen sich windende Straße hinunter zu fahren, umso gefährlicher heute, wo alles verschneit ist". „Es ist keine Gefahr mehr, gnädiger Herr", beruhigte Jossel, der wieder muthig geworden war, „es ist keine Gefahr mehr. Ich weiß nunmehr, wo die Straße zu suchen ist, und wenn meine Pferde einmal auf dieselbe gebracht sind, wie verschneit sie auch sein mag, sie spüren sie sofort unter den Hufen und gehen dann sicher.Ihr schüttelt ungläubig den Kopf, weil die Pferde vorhin die Straße unter den Füßen verloren haben. Aber das war kein Wunder bei solchen eisigen Stürmen, bei solch betäubendem Schneewehen. Jetzt aber, wo das sinnverwirrende Schneegestöber stark nachgelassen und es auch nicht mehr so unbändig stürmt, kann ich vollkommen dafür einstehen, daß wir, ehe eine Stunde vergangen, unter Dach sein werden. Uebrigens wollen wir recht langsam hinunter fahren und die steile Strecke hinunter neben dem Schlitten zurücklegen." Wie Jossel vorausgesagt, so war es auch. Kaum waren die Pferde an der Stelle, wo die Straße läuft, angelangt, als sie auch schon sicherer auszuschreiten anfingen. Die einmal gewonnene Sicherheit hielt auch während des ganzen Abstiegs vor, und ehe noch eine halbe Stunde verflossen, waren wir halb fahrend, halb gehend und fortwährend über dem glitzernden und blendenden Dnjester balancirend, unten im Wirthshause vor dem Dorfe angelangt. Der Schlagbaum ging in die Höhe, und aus dem Wirthshaus trat, eine Laterne in der Hand, der Wirth, ein alter weißbärtiger Jude im Kaftan. Er kam an den Schlitten heran, leuchtete mir mit der Laterne neugierig ins Gesicht und fuhr erschrocken zurück: „Um Gotteswillen," stieß er hervor, „Ihr seid es? Wie konnte es Euch in den Sinn kommen, in diesem fürchterlichen Unwetter zu reisen? Ihr seid einer großen Gefahr entkomnien und dürftet Gott danken, daß Ihr bei solchen Schneewehungen und solchen Stürmen heil von dort oben heruntergekommen, ohne in den Dnjester geschleudert worden zu sein. Die Engel Gottes waren mit dem Herrn. Wahrlich, der Herr kann Gomel benschen".*) Ich reagirte nicht auf diese Begrüßung, wie sehr es mir auch auffiel, das mich der Mann kannte; ich trachtete nur so schnell als möglich in eine warme Stube zu kommen, da meine Glieder bereits starr vor Kälte waren. Die Wirthsstnbe, in die ich jetzt trat, war sehr geräumig, gleichwohl übervoll. Es sah aus, als ob sich heute sämmtliche Fuhrwerker und Handwerksleute der Gegend hier ein Stelldichein gegeben. Die elementaren, unvermittelt hereingebrochenen Schneestürme haben sie in diesen engen Thalkessel hineingeweht und daselbst internirt. Der Wirth hatte rasch für die Unterbringung der Pferde und des Schlittens gesorgt, und als er wieder in die Wirthsstube trat, nahm er mich beim Arm und führte mich in ein *) Das Dankgebet verrichten, welches der Jude nach einer glücklich überstandenen Gefahr in der Synagoge anstimmt.

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