Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021335--09567-3034002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Dr. Bloch's WochrnfchrifL. Seite 57 Bestrebungen jederzeit die thatkräftigste Förderung und Unterstützung angedeihen ließ, hat deshalb auch bei Allen, die ihn kannten, ohne Unterschied der Parteistellung die lebhafteste Theilnahme und das schmerzlichste Mitgefühl mit der Hinterbliebenen tieftraüernden Familie hervorgerufen. Lemberg. Sonntag den 14. d. M. fand die Bermälungsfeier des Herrn Leon Stäuber, Sohn des Großconfectionärs Herrn Ch. Stäuber, mit Fräulein Dora Stäuber statt. Bielitz. (Israelitischer Handwerker- Verein). Am 14. Jänner d. I. fand bei Herrn Rudolf Kestel im Beisein des Herrn Vicepräsidenten des Cultusgemeinde, S. Tugendhat, sämmtlicher Vorstands- und einiger unterstützender Mitglieder des Vereines, eine stille, jedoch erhebende Feier statt, bei der 14 Lehrlinge mit Winterkleidern und Schuhen betheilt wurden. Herr Vorstand Rudolf Kestel hielt eine warme, zu Herzen gehende Ansprache, in welcher er die Lehrlinge zu Fleiß und Ausdauer in ihrem Berufe und zu Gehorsam gegen die Lehrherrn ermahnte. Da die Lehrlinge fast alle aus Galizien sind, hat sich der Vorstand an die Baron Hirsch-Stiftung mit der Bitte um eine kleine Subvention gewendet, leider jedoch ohne Erfolg. Trotzdenl ist es denk Verein Dank der Mumficenz der P. T. Herren unterstützenden Mitglieder gelungen, seit seinem 18jährigen Bestehen in segensreichster Weise zu wirken. Bereits 58 Gehilfen sind aus dem Verein hervorgegangen, die zum Theil schon selbstständige Meister sind, zum Theil als Werkmeister gute Stellungen im In- und Auslande fanden. Viel Ersprießliches könnte von diesem Humanitären Verein geleistet werden, wenn seine Mittel hiezu ausreichend wären. Schließlich dankte Bicepräses S. Tugendhat dem Vereinsvorstande in warmen Worten für seine Mühewaltung, die solch' schöne Erfolge zeitigte. Berlin. (Die ersteDoctorin in Deutschland.) Die erste Frau, welche zur Ausübung der ärztlichen Praxis in Deutschland zugelassen wurde, ist Fräulein Hacke r, ein jüdisches Mädchen. Zwei Jahre lang hatte sie zu kämpfen um ihr gutes Recht, und nur ihrer echt jüdischen Geduld und Ausdauer hat sie es zu verdanken, daß es ihr endlich gelang, alle Hindernisse zu überwinden und zum Prakticiren zugelassen zu werden. Breslau. Dr. Sigismund Asch, der am letzten Freitag seinen 75. Geburtstag in ungetrübter Gesundheit und Frische begehen konnte, wurde anläßlich dieses Tages zum Ehrenmitglied des Vereins der Breslauer Aerzte ernannt. Eine Deputation des Vereins überreichte ihm unter einer Ansprache das Diplom. Herr Dr. Asch ist das erste und einzige Ehrenmitglied, welches dieser hochangesehene Verein besitzt. Breslau. (Todesfall.) Am 6. d. M. Vormittag verstarb nach nur zweitägiger Krankheit an Herzlähmung im Alter von 42 Jahren Dr. jur. Leo Moses, seit 1886 beim Landgericht Breslau als Rechtsanwalt thätig. Der Verstorbene, welcher eine umfangreiche Praxis besaß, bethätigte ein reges Interesse für das Gemeindeleben der hiesigen Synagogengemeinde, in deren Repräsentantencollegium er bei der letzten, vor kaum drei Woche» stattgehabten Wahl berufen wurde, und gehörte zahlreichen, aus dem Kreise derselben hervorgegangenen Vereinigungen als Vorstandsmitglied an. Bukarest. In Rumänien sind zwei Juden zu Professoren an staatlichen Gymnasien ernannt worden, ein in der heutigen Zeit in Rumänien höchst seltenes Ereigniß: Jacques Last in Bukarest für Englisch und Deutsch und Dr. H. T i k i n in Jassy für Deutsch. - Bei der Kunstausstellung in Bukarest haben sich mehrere Juden vortheilhaft ausgezeichnet, von Vieren derselben sind Werke ausgemählt worden, um nach Paris für die Kunstabtheilung der Weltausstellung gesandt zu werden. Es sind Max Klang, Porträtmaler, Artur Seegall, Landschaftsmaler, A. Mendel, Radirer und der Bildhauer Carniol. Stockholm. Bei der diesjährigen Jahresfeier der schwedischen Akademie erhielt Prof. Carl Marburg, von der Hochschule in Gothenburg, den „Carl XlV. Johanns-Preis" für seine bedeutenden Forschungen auf dem Gebiete der schwedischen Literatur. — In Stockholm ist Frl«. Ottilie Levysohn, die Tochter des bekannten Rabbiners Dr. Levysohn, als die erste Jüdin zum ordentlichen Postexpeditor befördert worden. Paris. Bernhard Lazare, der muthige Publicist, ist in Marseille einstimmig zum Mitglied des französischen Centralconsistoriums an Stelle des verstorbenen Appellationsgerichtspräsidenten Bsdarrides gewählt worden. Jerusalem. Herrn Salomiak, Beamter im russischen Consulat, ist vom Sultan der Osmanije-Orden vierter Classe verliehen worden. Was diese Auszeichnung bemerkenswerth macht, ist ihr Grund: sie erfolgte „in Anerkennung der Verdienste, welche Salomiak bei der Aufrechterhaltuug der Ordnung und Verhinderung von Streitigkeiten während der griechischen Festtage sich erworben hat." Das heißt also: der Jude Salomiak hat mrt gutem Erfolg die Griechen und die Katholiken verhindert, sich an den griechischen Osterfeiertagen die Köpfe einzuschlagen, und ist dafür vom mohammedanischen Sultan belohnt worden! Buluwayo. Der hiesige Chowewe Zion-Verein, welcher 100 Mitglieder zählt, hat von seinen Jahreseinnahmen (ca. 2500 Mack) 1000 Mark für die Colonie Machnajim, 210 Mark für die Schule in Jaffa bewilligt. Reiseerlebnisse in Galizien. Motto: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt Gad mir ein Gorc;u sagen, was ich leide." II. Ich beabsichtige hier keineswegs, die Kämpfe zu schildern, welche sich bei solchen Schulgründungen in finstern Gegenden Galiziens abfpielten, das soll zu einer anderen Zeit, bei besserer Muße geschehen. Hier gilt es lediglich, die Erinnerung an eine beschwerliche Reise und an die damit verbundenen bemerkenswerthen Erlebnisse aufzufrischen. Wie ich vorausgesehen, war meine Wohnung vom Morgen bis zum Abend von Menschenmassen, von denen viele nur kamen, weil sie nichts Besseres anznfangen wußten, belagert. Die Thür meines Zimmers stand keinen Augenblick stille. Wohl kam noch im Laufe des Tages manches Geplänkel zwischen den Parteien vor, doch war es ohne nachhaltige Bedeutung. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß die gegnerische Partei zuguterletzt durch eine Deputation erklären ließ, daß weder von Seite der Rabbiner noch von Seite der Chasidim und deren Anhänger irgend welche Feindseligkeit gegen die Schule unternommen werden würde, nur möge das aufgeregte „Volk" beschwichtigt und möge dahin gewirkt werden, daß es ferner keinen Lärm erhebe gegen die Chasidim in den Synagogen oder auf dem Markte. — Das „Volk" war's zufrieden und erklärte feierlich, es wolle sich um die Chasidim nicht weiter kümmern, wofern diese die Errichtung der Schule nicht stören würden. Somit war meine Mission in K. vorläufig zu Ende. — Und jetzt erst fühlte ich, wie es mir im Kopfe brannte und hämmerte. Nein, länger hielt ich es hier nicht aus. Hinaus aus dieser Atmosphäre, hinaus aus dem Städtchen! Aber da lag der Schnee bergehoch. Es hatte den ganzen Tag fürchterlich geschneit. Es war 5 Uhr Abends. Ich rief Jossel herbei und hieß ihn die Pferde anspannen, um unverzüglich nach Zaleszczyki zu fahren, wo ich die Nacht ausruhen zu können hoffte. Ueber diesen Entschluß entsetzten sich die Leute, die noch immer in dicht gedrängten Gruppen mich umkreisten. Sie warnten einmüthig. Alle Straßen seien ja verschneit und nicht befahrbar. Kein Bauer wage es, bei so grausem Wetter auszufahren. Jossel gab den Ausschlag. Er meinte, es habe keine Gefahr. Er kenne jeden Baum, jeden Strauch auf der ganzen Strecke und seine Pferde seien unzählige Male und bei jedem Wetter diesen Weg gefahren. Ueberdies sei die Straße eine vorzügliche und seien seine Pferde so vertraut mit ihr, daß sie sie, auch verschneit, unter ihren Hufen spüren. Nur müsse er den Wagen gegen einen SLlitten Umtauschen, dann werde Zaleszczyki zuverlässig binnen zwei Stunden erreicht sein. „Gut denn, schaffet einen Schlitten herbei, daß wir rasch fortkommen." Eine halbe Stunde später kam Jossel in der rosigsten Laune von der Welt mit einem schellenlauten Schlitten ungefähren. Ich nahm noch in Eile — ich weiß nicht zum wievielten Male an diesem Tag — einen Thee und machte mich reisefertig. Als meine Umgebung einsah, daß seine Abmahnungen nichts fruchteten, ließ man mich gewähren. Man half mir in den Pelz und in die Pelzschuhe, zog mir die Pelzmütze tief über die Ohren und trug mich förmlich unter unzähligen Segenswünschen in den Schlitten. Die Thurmuhr schlug sechs. „Um acht Uhr sind wir in Zaleszczyki", versicherte Jossel entschieden. Die Peitsche knallte, und dahin flog der Schlitten unter fröhlichem Schellengeläute, hinaus in die finstere, wolkenschwere Nacht.