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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 3 Br. Bloch's Wochenschrift. Seite 53 andauernder Beifall.) Wer ein Herz im Leibe hat — schloß Redner — kämpft mit uns zum Wohle des Judenthums und der ganzen menschlichen Gesellschaft. Während der Rede des Herrn Wertheimer vernahm man plötzlich im Saale einen vor der Eingangsthür entstandenen Lärm. Alles erhob sich von den Sitzen, denn man glaubte, daß Unberufene in die Versammlung eindringen und dieselbe sprengen wollen. Der anwesende landesfürstliche Commissär, Herr Polizeiconcipist Hermut, verließ in Eile das Präsidium und eilte hinaus, um die Ursache des Tumultes festzustellen. Im Saale selbst gelang es den Zurufen des Vorsitzenden, eine Panik zu verhüten. Der Lärm vor dem Saale hatte seinen Grund darin, daß die Ordner einigen Personen, die keine Eintrittskarten hatten, den Zutritt nicht gestatten wollten. Als der Commissär wieder im Saale erschien, trat volle Ruhe ein. Der zweite Redner, Herr Stein, schilderte in drastischer Weise die Unbilden, welche die Juden infolge des Ritualmärchens zu erdulden haben, verwies auf die Plünderungen im Jahre 1897, betonte, daß man sich wegen des Sturzes Badeni's an den Juden, die doch keine Schuld daran trugen, habe rächen wollen. Und doch hätte man, selbst wenn die Juden den Sturz Badeni's verschuldet hätten, diesen dankbar sein sollen, denn hiedurch sei es möglich geworden, daß der Czeche Kaizl Minister wurde, dem man freilich nichts Anderes zu danken habe, als daß Alles vertheuert wurde. Das Losungswort „Svfij k svemu“ besprechend, sagte Redner, daß Diejenigen, die es predigen, am liebsten daraus „Tve k memu“ (das Peine zu dem Meinen) construiren würden. (Große Heiterkeit.) Man werfe den Juden den Kapitalismus vor. Ueberlasse man uns — sagte er — die hohen Stellen, und wir werden gern unsere Ranzen und kleinen Läden dafür hergeben. Wer an den Ritualmord glaubt, sei ein Blödling, wer an ihn nicht glaubt und ihn doch predigt, sei ein Lotterbube. Wie würde es aussehen, wenn das Staatsrecht eingeführt würde — bemerkt Redner — und Leute ü ia . . . ich will den Namen gar nicht nennen, um nicht meine Zunge zu befudelen, zu höchsten Staatsstelleu berufen würden. (Stürmischer Beifall.).Es wird die Zeit der Freiheit kommen, in der auch das Judenthum aufleben wird. (Lebhafter Beifall.) Zum Schluß wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in welcher protestirt wird gegen das Wiederauftanchen des seit Jahrhunderten widerlegten Ritualmürchens, gegen den Mißbrauch der Presse und gegen die Immunität zur Judenhetze, gegen die Verdächtigung, daß die Juden irgend ein Verbrechen zu vertuschen suchen, gegen die geflissentliche lügenhafte Behauptung, welche den Glauben der Juden besudelt und Jeden von ihnen in seinen rein menschlichen Gefühlen verletzt, gegen die Beschränkung ihrer Freizügigkeit und Existenzberechtigung, sowie auch gegen die Bedrohung ihres Guts und Lebens und schließlich dagegen, daß das Judenthum als Ganzes der Sündenhock für Alles sein soll, was auf wirthschaftlichem, nationalen und politischem Gebiete in Oesterreich infolge der herrschenden Gegensätze verschuldet wird. — Der Protest wird behufs Sammlung von Unterschriften öffentlich aufgelegt und dann dem Landtage überreicht werden. — Durch das Mißverständniß eines Ordners wurde ein Mann, der Broschüren bei den Theilnehmern der Versammlung anbringen wollte, einem Wachmanue vorgeführt. Der Ordner glaubte nämlich, daß es eine antisemitische Broschüre sei, während in derselben gegen den Ritualmord angekämpft wird. Turöcz-Szt. Marion. Die unter Vorsitz des Districtspräsidenten Herrn Dr. Bernhard Politzer am 14. d. M. vorgenommenen Wahlen des Vertretungskörpers der hiesigen Cultusgemeinde haben folgendes Resultat ergeben: Es wurden gewählt die Herren: Comitats-Oberphysikus Dr. Jacob Haas, Präses; Dr. Adolf Strauß. Schulstuhlpräses; Sig. Perl, Chewra- Kadischapräses; Sam. Holländer, Tempelvorsteher; Herm. Fischer, Gemeindecassier; Jacob Gräber, Moritz Löwy. Ignatz Boschan, Dr. Moritz Strauß, Heinrich Nathan, Leopold Wagner, Josef Großmann, Emanuel Großmann, Max Waldmann, Ed. Hoffmann, Pinkus Lang, Jacob Berger, Jgn. Herz, Jacob Lauser, Jacob Glück, Repräsentanten. Nach üher zwei Jahre dauernden Wirrnissen in unserer Gemeinde ist der Friede durch das Resultat der zur allgemeinen Befriedigung ausgefallene!! Wahlen tjtemit gesichert. Berlin. Graf P ü ck l e r, der Dreschflegelgraf stand neuerdings vor Gericht und der Richter kam zu der Ueberzeugung, daß der Herr Graf schon vermöge seiner socialen Stellung das nicht ernstlich gemeint haben könne, was er gesagt habe. Ein Mensch in minderer socialer Stellung würde für solche Aeußerungen und Aufforderungen dem Gesetze verfallen, allein die sociale Stellung eines Grasen ist für den deutschen Dichter schwerwiegend genug, mit einem Freispruch vorzugehen, wo andere Sterbliche eine schwere Verurtheilung erfahren würden. Das ist die neueste Blürhe der Jurisprudenz im Deutschen Reiche. Dem gegenüber steht die Verurtheilung des verantwortlichen Redacteurs des „Ulk", Sigmar Mehring, zu 6 Monaten Gefängniß wegen angeblicher Beschimpfung von Gebräuchen und Einrichtungen der katholischen Kirche. Das Delict soll verübt sein durch ein Gedicht, das im „Ulk" unmittelbar nach dem Proceß in Rennes veröffentlicht worden ist, und das nach unserer Ansicht der katholischen Kirche in keiner Weise zu nahe tritt, das aber freilich die ultramontane Heuchelei und den ultramontanen Ansturm gegen die Gerechtigkeit rücksichtslos schildert; und das ist im Interesse der Cultnr und wahrer Religiosität verdienstlich. Basel. (Die Aushebung des Schächt- Verbots.) Als ob zu politischem Hader nicht bereits genügend Stoff vorliege, wird von Basel aus eine Volksinitiative angeregt, die unter Umständen viel Leidenschaft entfesseln wird. Mit 191.527 gegen 127.101 Stimmen hat am 20. August 1893 das Schweizervolk ein Jnitiativbegehren gutgeheißen, wodurch der Bundesverfassung ein neuer Artikel mit dem Verbot des jüdischen Schlichtens beigefügt wurde. Wie man nun aus sicherer Quelle berichten kann, trägt man sich in leitenden jüdischen Kreisen Basels mit der Absicht, aus denk gleichen Wege, aus dem das Verbot durchgesetzt wurde (durch Sammlung von 50.000 Unterschriften) dessen Aufhebung zu erwirken. Zu diesem Zwecke ist au Führer der katholischen-conservativen Partei der Schweiz die vertrauliche Anfrage ergangen, ob sie zu einer derartigen Bewegung ihre Unterstützung leihen würden. Die Antwort fiel bejahend aus; doch macht die in Freiburg erscheinende „Liberte". das Organ des aus dem Universitätsftreite bekannten Staatsrathes Python, den Vorbehalt, daß auch die anderen Artikel der Bundesversüssung, welche die Glaubens- und Cultussreiheit einschränken, fallen müßten. Es ist klar, was hierunter zu verstehen ist. Da zur Zeit an eine Aufhebung des Jesuitenartikels gar nicht zu denken ist, so würde die bedingte Zusage des Freiburger Blattes einer völligen Ablehnung gleichkommen. Indessen geht die Information dahin, daß die deutsch-schweizerischen Katholiken ohne Vorbehalt das Begehren der Juden sympathisch ausckehmen, da sie das Schächtverbot als einen Eingriff in die Cultussreiheit grundsätzlich bekämpfen. Auch in radikalen Kreisen würde man sich der Initiative nicht entgegenstellen, wie überhaupt das Schächtverbot niemals die Angelegenheit einer politischen Partei gewesen ist, sondern zum Theil thierschützlerischen, zum Theil antisemitischen Regungen entsprungen ist. Für das lausende Jahr stehen eidgenössische Abstimmungen über die Doppelinitic - tive (Volkswahl des Bundesraths und Wahl des Nationalraths nach dem Proportionalsystem) und über die Versicherungsgesetze bevor. Diese beiden Gegenstände sind so wichtig und werden eine so lebhafte Agitation Hervorrufen, daß eine dritte große Bewegung, wie die genannte, vollständig sich selbst überlassen bleiben würde. Billeicht wird von den Initianten gerade hierauf gerechnet. Eine Prophezeiung über den muthmaßlichen Ausgang einer Initiative zur Aufhebung des Schächtverbots ist heute noch verfrüht. (Fr. Zt.) Paris. Ein sonderbarer Proceß hat hier stattgesunden gegen einige junge Leute, welche sich am 20. August v. I. an dem Sturme aus eine Kirche betheiligt haben. Unter den Angeklagten befanden sich zwei junge Israeliten, Eli Wertheimer, ein junger Bauschüler, geboren in Paris und Benhaün Nessim. ein vielfach prämiirter Iliftungsschüler vom Lyceum in Oran. Beide haben, wie alle Mitangeklagten ihre Unschuld lebhaft betheuert und erklärt, daß sie durchaus keinen Antheil an den Plünderungen genommen haben, wegen deren man sie angeklagt hat. Benhaim vertheidigte sich in folgenden Worten: „Ich kam von einer Promenade im Bois de Vincent zurück, da traf ich mit den Manifestanten auf dem Place de ta Nation zusammen. Ich folgte ihnen, aber ich habe keinen Antheil genommen. Zch bin nicht verantwortlich für die Leute, welche die Carmagnole gesungen, lch habe die Kirche St. Joseph überhaupt nicht betreten; Diejenigen welche gesehen zu haben behaupren, daß ich Stühle aus der Kirche geschleppt habe, irren sich. Ich habe der ganzen Manifestation nur ans Neugierde beigewohnt. Was die Waffe betrifft, so trage ich sic seit meinem vierzehnten Jahre. Ich habe keinen Polizeiagenten geschlagen. Im Augenblick meiner Verhaftung bin ich über den Fuß des Sicherheitsinspectors gestolpert, der mich verhaftete." Diese Vertheidigung fand aber weder bei dem Staatsanwalt noch bei dem Gerichtshof irgend welchen Glauben. Gleich-

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