Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 52 Dr. Bl^ch's Wochenschrift» Nr- 3 Nikolsburg. (Rabbi Wolf Isaak Dünner s. A.) Die jüdischen Blätter des Auslands widmeten diesem merkwürdigen Manne, der vor wenigen Wochen in ein besseres Jenseits abberufen worden ist. Nachrufe, welche seine ganze Persönlichkeit in Worten ungewöhnlicher Wärme würdigten. Für Leser dieses geschätzten Blattes, welche Geistes- und Charaktergrüße eines für Gott und Religion begeisterten Mannes Sinn und Empfindung entgegenbringen, dürfte es belehrend und erhebend sein, R. Wolf Isaak Dünner's Lebensbild in kürzesten Umrissen gezeichnet zu sehen. — In einer an Idealen armen Zeit und einem Judenthume, dem es an leuchtenden Vorbildern und Führern gebricht, solche Größe vorzuführen, erscheint als sittliche Pflicht gleichwie als Trost und Stärkung. Denn Wissen und Wesen dieses seltenen Wannes ragten weit über das gewöhnliche Ausmaß hinaus. Wissen. Man denke sich einen Kaufmann, der das Gesammtgebiet der talmudischen Literatur der classischen und nachclassischen Periode im Kopfe trägt; der die Geister der Tannaiten, Amoräer, Geonem und Dccisoren in jedem Augenblick zu beschwören vermag und tiefverborgenste Tiefen, entlegenste Fernen uud entrückte Höhen dieser Wissensgebiete mit wundersam geschärftem Auge durchschaut, durchmustert und erspäht; der mit scharfsichtendem Blicke unlösbar verwickelte Probleme der Halachah anatomisch auseinanderlegt, wissenschaftlich zergliedert und wieder logisch bindet, ohne der wissenschaftlichen Wahrheit und geschichtlichen Ehrlichkeit jemals nahezutreten — dann hat man ein Bild von Wolf Dünner, als Talmudisten. Wesen. Man denke sich einen Talmudisten, der unter Mühsal und Beschwerden in frühester Jugend im fremden Lande eine Existenz sucht, sich zum unentbehrlichen Mitarbeiter großer Hauser emporschwingt, dann selbst eine Firma gründet, die durch unentwegte eiserne Ehrlichkeit, nie erschütterte Treue und Geradheit allzeit glänzt, der die heiligen Vorschriften des Judenthums unter größten Entbehrungen und Mühsalen nicht um Haaresbreite verläßt; durch Scharfsinn und Weisheit zum Berather und Retter Vieler wird, ohne je selbst das Streben zu haben, Reichthum zu erwerben, und auf viele irdische Freuden, weil im Dienste des Ideals stehend, Verzicht leistet; der zum Wohle der Gesammtheit weit über seine Kräfte beiträgt und dem strenggläubigen Judenihume ein nimmermüder Diener ist in Haus und Gemeinde; einen wie aus Eichenholz gezimmerten Charakter, dem die Wahrheit in Lehre und Leben über Alles geht und als Kämpfer für diese selbst besten Freunden den Fehdehandschuh hinwirft, der ober wieder Freundschaft und Liebe über den Tod hinaus bewahrt und bewährt und der opferbereiteste Bruder, liebevollster Gatte und Vater ist — dann hat man ein Bild von Wolf Dünner als Menschen. Dieses Wissen und Wesen, getragen von tiefer Gottesfurcht und rührender Bescheidenheit, erfüllte den Edlen, den wir beklagen. Und solch' einen Mann hat das deutsche Judenthum in Wolf Dünner verloren; und es wird wohl nicht zu viel sein, wenn das Judenthum Oesterreichs erfährt, welch' einen Glaubensbruder es besessen hat. Er starb im 64. Jahre seines Lebens; zu ftüh seinen nahen und fernen Angehörigen, zu früh dem, von ihm so heiß geliebten Judenthume, zu früh der jüdischen Wissenschaft. — — Bei Allen, die ihn als Gelehrten und Menschen gekannt haben, wird er unvergessen bleiben; und die ihn nicht gekannt, mögen aus diesen armen Worten ein Theilchen vom Reichthume seines Herzens und seiner Seele erschließen und sich daran erbauen und damit trösten, daß es noch Menschen gibt, die Ideale sind und Idealen leben. Er ward in Krakau im Jahre 1835 geboren, lebte, wirkte und starb zu Köln am Rhein. Nikolsburg. Rabb. Dr. D. Feuchtwang. Wischau. (Ein alter Veteran.) Am 21. d. M. wird in Wischau ein seltenes Fest gefeiert werden. Der älteste Veteran, nicht nur Mährens, sondern wahrscheinlich ganz Oesterreichs, der ärarische Mauthpächter, Herr Moriz Placzek, begeht nämlich an diesem Tage den Erinnerungstag an seinen vor sechzig Jahren erfolgten Eintritt in die Armee. Placzek, im Jahre 1821 in Gyya geboren, wurde im Jahre 1840 zum 3. Infanterie-Regiment afsentirt. Bei Ausbruch des Krieges im Jahre 1848 kam er mit seinem Regimente nach Italien und wurde in das Hauptquartier Radetzky's commandirt. An allen Schlachten hat er theilgenommen und gar oft wurde er zu ganz speciellen Aufgaben verwendet, die persönlichen Muth, Ausdauer und Energie erforderten. Hiebei wurde er durch seine Sprachkenntnisse unterstützt. Er gerieth zweimal in Gefangenschaft des Feindes; einmal gelang es ihm, zu entkommen, das zweitemal stand er schon vor den Gewehrläufen italienischer Jäger, um hingerichtet zu werden, doch wurde er im letzten Momente von österreichischen Soldaten befreit. Dieser merkwürdige Mann, welcher noch als Greis den Feldzug in Bosnien mitmachte, erfreut sich trotz seiner achtzig Jahre einer bewunderswerthen Frische des Geistes und des Körpers und zählt in Wischau und der ganzen Umgebung zu den beliebtesten Persönlichkeiten. Zur Feier seines Ehrentages werden große Vorbereitungen getroffen, es wird, wie man aus Wischau schreibt, ein Fest werden, an dem nicht nur die ganze Stadt Wischau iheilnehmen wird, sondern zu dem auch Gäste, vermuthlich Veteranen, aus dem ganzen Lande erwartet werden. Ung.-Hradisch. (G e m e i n d e w a h l e n.) Am 8. und 9. wurden unter Wahlenthaltung der Deutschen die Gemeindewahlen abgehalten. Am 6. fand, wie aus Ung.-Hradisch geschrieben wird, noch eine Wahlbesprechnng der Wähler des ersten Wahlkörpers statt, bei welcher die eigentliche Candidatenliste festgesetzt und seitens des czechrsch-radicalen Advocaten Dr. Vyslouzil den bisherigen Ausschußmitgliedern Emanuel Fürst und W.Bodmek das Gelöbniß abgenommen wurde, den nationalen Bestrebungen der Czechen nicht feindlich entgegentreten, widrigenfalls ihre Namen nicht auf die Candidatenliste gesetzt werden. Der 3. Wablkörper wählte am 8. Das Ergebniß der Wahl kann unter den herrschenden Verhältnissen insofern als günstig bezeichnet werden, als die radicalen Elemente unterlagen und die herrschende gemäßigte czechische Partei sich mit großer Stimmenmehrheit behauptete. Als neue Mitglieder des Ausschusses wurden Jg. Kral, Ferd. Macenauer, Joh. Schimczik und Josef Latzmann gewählt. Der 2. Wahlkörper wählte am 9. d. M. Vormittags. Hiebei machte sich gegen Dr. Vyslouzil unter einem Theile der czechi chen Beamten und Bürger wegen seines stets verhetzenden czechischradicalen, antisemitischen Vorgehens eine Gegenströmung bemerkbar, die demselben sein Ausschußmandat sehr fraglich gemacht hätte, wenn nicht im letzten Augenblicke Dr. Vyslouzil an die Juden unter gewissen Versprechungen herangetreten wäre, ihn zu wählen. Die Juden gaben ihm denn auch ihre Stimmen und so hat Dr. Vyslouzil seinen Erfolg den jüdischen Wählern zu verdanken. Ob die jüdischen Wähler klug gehandelt haben und Dr. Vyslouzil sich bessern wird, wird die Erfahrung lehren. Jedenfalls möge es Herrn Dr. Vyslouzil zur Kenntniß v dienen, daß für seine radicalen Saltomortales in Hradisch noch kein Boden ist. Auch in diesem Wahlkörper siegte die Candidatenliste der gemäßigten Partei. Als neue Mitglieder wurden in den Ausschuß gewählt: Hugo Hubik, Raim. Tunstak, Alois Simon und Gustav Doczkal. Der letzte Candidat hat sein Mandat einem Vertragsbrüche der Wähler zu verdanken, indem das bisherige, dem Gemeindeausschuffe mehr als 20 Jahre angehörende Mitglied kaiserlicher Rath Franz Friedl über vereinigtes Bestreben des Dr. Vyslouzil und Consorten aus der Liste gestrichen und Gustav Doczkal gewählt wurde. Der erste Wahlkörper wählte am 9. Nachmittags. Auch hier ging die Candidatenliste der gemäßigten Partei mit großer Stimmenmehrheit aus der Wahlurne. Auch Herr Em. Fürst, der Vertreter der jüdischen Wähler, wurde mit 105 Stimmen gewählt. Als neue Mitglieder des Ausschusses wurden gewählt: Dr. Pitra, Franz Künstler, Anton Smirsch und W. Bodmek. Prag. (Jüdische P r o t e st v e r f a m in l u n g.) Kürzlich fand im großen Saale der Productenbörse die angekündigte jüdische Protestversammlung statt, auf deren Tagesordnung sich die Beschlußfassung über eine Kundgebung gegen die im böhmischen Landtage durch die Rede des Abgeordneten Dr. Baxa dem Judenthum zugefügten Beleidigungen befand. Zum Vorsitzenden der Versammlung wurde Herr Lebenhardt, zu dessen Stellvertreter Herr Stein und zum Schriftführer Herr Löwy gewählt. Anwesend waren mehrere hundert Personen, unter diesen Landtagsabgeordneter Dr. Zalud und zahlreiche Damen. Nachdem der Vorsitzende die Versammlung begrüßt, erstattete Herr Jacob Wertheimer in deutscher und Herr Stein in czechischer Sprache Referate über, die infolge des Polnaer Processes entstandenen Judenexcesse und antisemitischen Ausschreitungen. Herr Wertheimer entwarf im längerer, wiederholt von Beifall unterbrochener Rede ein Bild von der jüdischen Culturgeschichte, beklagte sich bitter darüber, daß die Juden sowohl von Deutschen wie von Czechen und Socialdemokraten im Stiche gelassen werden.und gedachte mit großer Genugthuung der Worte, mit welchen von allerhöchster Stelle, die antisemitischen Ausschreitungen alseine Rohheit bezeichnet wurden. (Lang-