Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021335--09559-3033994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Dr- Vloch's Wochenschrift. seile (Falascha?) bewohnt, so daß j denfalls ein Herkommen von gemeinschaftlichem Stammvolke ang nommen werden muß?) Die abessynischen Kaiser oder Könige, die sehr oft biblische Namen führen, rühmen sich geradezu ihrer jüdischen Abstammung, wie es noch jüngst der Italiener-Sieger M e n e l i k gethan hat; nach der einheimischen Sage gebar die Königin von „Saba" von Salamon den Menelik, der zu Jerusalem unterrichtet wurde und der dann in seinem Lande das mosaische Gesetz herrschend machte. Auch die von der Landeskirche getrennten nomadisirenden Zalanen sehen sich für Israeliten an?) S o s a l a. die Ostküste von Afrika, ist der Ableitung nach gewiß nichts Anderes als das hebräische S ch e f e l a, das heißt Niederung. Hieher verlegen viele Gelehrte das biblische Goldland O f i r. Darauf ist freilich nicht viel zu geben, denn dieses Fabelland wird fast auf allen Punkten der Erde gesucht, ebenso znm Beispiel auch auf Mozambique und Z a m b e s e, beides auf der Ostküste von Afrika. Es ist immerhin möglich, daß auch diese Länder bereits in den Gesichtskreis der biblischen Schriftsteller fielen, wie doch in der sogenannten „Völkertafel" (I. Moses, Capitel 10) eine Menge von „Chamiten" genannt werden, Völker, die zum großen Theile jedenfalls in Afrika zu suchen sind. Es läßt sich aus diesen Nachrichten auch die Thatsache constatiren, daß die Kenntniß von Afrika bei den biblischen Schrifstellern keine geringere ist, als die der griechischen und lateinischen Schriftsteller, obzwar diese wohl um ein halbes Jahrtausend jünger sind. Die Nordküste von Afrika, wie überhaupt die Länder entlang des mittelländischen Meeres, steht seit griechischer Zeit in vollem Lichte der Geschichte. Von Egypten aus verbreiteten sich die Juden über ganz Nord-Afrika, namentlich über Cyrenaica, die römische Provinz Africa, bis in den äußersten Westen von Mauretania. Die Juden wohnten hier so massenhaft, daß sie nach S t r a b o in der Stadt Cyrene eine der vier Volks stamme ausmachten. Zur Zeit Vespasian's verlief hier das Nachspiel des jüdischen Krieges, und zur Zeit Trajan's war dieses Land der Hauptsitz der großen jüdischen Empörung. In Mauretanien fand man Inschriften, die auf die dortigen Juden Bezug haben. In H a m m a n - L i f, unweit dem alten Karthago, fand man 1883 die Ueberreste einer prächtigen Synagoge aus classischer Zeit. In allen diesen Ländern bestanden wohlorganisirte jüdische Gemeinden lange noch vor der arabischen Invasion. Dem blühenden Zustande Nord-Afrikas setzten die Vandalen und später die Araber ein Ende. Das mußte natürlich auch auf die Juden rückwirken, obzwar ihre Geschichte in diesen Ländern dadurch noch keineswegs aufhört, ja, unter mohamedauischer Herrschaft fängt dieselbe erst recht an. Die kleine Gemeinde von B o r i o n, die auf den König Salomon ihren Ursprung zurückführte, wurde von dem byzantinischen Kaiser I u st i u i a n gewaltsam zur Taufe gezwungen. Aber die byzantinische Herrschaft mußte alsbald der arabischen weichen und die Juden dursten sich frei entwickeln. Unter der Einwirkung der belebenden arabischen Cultur erwachten die Juden zu neuem Leben. Die Stadt K a i r u a n in Tunis beherbergte in ihrer Mitte den Gelehrten, der eines der wichtigsten jüdischen Werke schuf, den R. Simeon, Verfasser des Halachot Gedolot. Hier lebte im 10. Jahrhundert auch der große Naturforscher und Philosoph Isaak Israeli. Dieser stammte aus Egypten, dem Lande, aus welchem auch der Gaon S a a d i a hervorging. In Fayum nämlich, einer versteckten Thalsenkung unweit der libyschen Wüste, konnten die Juden wahrscheinlich ungestört ihren religiösen Satzungen leben, so daß von hier aus ein neues Gedeihen für das Judenthum erwuchs. Es ist dies diejenige Landschaft, von welcher die Sage behauptet, daß sie von Josef, dem Sohne des Erzvaters Jacob, den Gewässern des Nil abgerungen wurde. Noch jetzt kommen von diesem merkwürdigen Lande alte jüdische Schriften zum Vorschein, die sich hier besser erhielten als sonst irgendwo. Vom 8. bis 10. Jahrhundert war das Maghreb, wie man auf arabisch diese Gegenden nannte, nächst Babylonien wohl das wichtigste Land für die Juden. Der Gaon Natronai ben Chabiba mußte um 773 von Babylonien hieher in die Verbannung kommen. Nächst K a i r u a n stand die Gemeinde Fez in Marokko in großer Blüthe. In K a i r u a n blühte das große Lehrhaus, dem die „Gaonem" R. Jacob b. Nissim, R. Chuschiel und R. Chananel 2) Ritter, Erdkunde I. (Afrika) S. 218. 3) Fl ad, die abessynischen Juden, nebst Anhang über die heidnischen Kamanten, Basel 1869. weithin strahlenden Glanz verliehen. In Fez wohnte außerdem der Karäer Mose A l f a ß i (eben nach der Stadt F e z so benannt), der später in der marokkanischen Stadt D a r a wohnte, auch der große Talmudgelehrte R. Isaak A l f a ß i, der sich später in L u c e n a in Spanien niederließ. Noch mehr als heute, bestand nämlich damals zwischen Spanien und der gegenüberliegenden afrikanischen Küste ein reger Verkehr, der im Mittelalter hauptsächlich von Juden unterhalten wurde. Iw 12. Jahrhundert, als in Spanien die Almohaden wütheten, waren Tausende von Juden gezwungen, in Nord-Afrika Schutz suchen. Moses Maimonides, der dasselbe lhat, verweilte nur kurze Zeit in Fez im Marokkanischen, und zog von da nach F o st a t bei Cairo in Egypten. Durch diesen großen Geisteshelden verlegte sich das Schwergewicht des Judenlhums auf einige Zeit nach Egypten, denn in der Familie Maimuni's erhielt sich längere Zeit hindurch die Nagid-Wmde, womit die geistige Führerschaft eines großen Thetis des Judenthums verbunden war. Also war eine Zeit gekommen, wo auch Afrika für das Judeuthum die größte Wichtigkeit erlangte. Man braucht nur die Chronik des R. Josef S a m b a r i zu lesen, um den Eindruck zu gewinnen, daß Egypten gleichsam zum zweiten heiligen Lande für das Judenthum wurde. Auch auf das Land südlich von Egypten, auf Aethiopien, fällt in arabischer Zeit ein spärliches Licht durch die Fabeleien des Reisenden E l d a d h a-D a n i, der im 9. Jahrhundert das ganze Judeuthum in Aufregung zu setzen wußte. Auf die Gegenden südlich von Aethiopien zielt er mit seiner Erzählung, daß von den verlorenen zehn Stämmen die fehlenden vier Stämme von Egypten aus nach dem Laude C h a v i l a gezogen seien?) Die anderen Theile von Afrika kommen für die Juden ebensoivenig in Betracht, als für die allgemeine Geschichte, da sie doch vor den Entdeckungen der Portugiesen in Europa überhaupt unbekannt waren. Der Norden des Welttheils behielt jedoch nach wie vor seine exceptionelle Bedeutung. Durch das Geuntzel der Juden in Spanien im Jahre 1391 erhielt die jüdische Bevölkerung der Berberesken-Staaten einen unfreiwilligen Zuwachs. Die Städre Algier, Buga, Constantine, Miliaria, Oran, Teues, T l e m f a n und Andere wurden von flüchtig gewordenen Juden und Marannen bevölkert und gewannen durch die den spanischen Juden eigene Intelligenz eine große Bedeutung. In Algier lebten die großen rabbinischen Autoritäten Isaak b. S ch e s ch e t und R. Simeon b. Zemach Dura n. Ein Jahrhundert später, bei der Ausweisung der Juden aus Spanien, wiederholte sich dieselbe Erscheinung nur roch in größerem Maßstabe und unter traurigeren Verhältnissen. An der nordafrikanischen Küste spielten sich die Jammerscenen ab, die wir in solch' erschrecklicher Deutlichkeit in dem Buche Schebet Jehuda lesen. Hunger, Seuche und Schwert rafften die Aermsten nach Hunderten hin; die dem Tode entrannen, geriethen in die Gefangenschaft, in Sclaverei oder wurden zum Religtonswechsel getrieben. Es ist dies eine gar traurige Geschichte. Viermal hatte Nordafrika spanische Flüchtlinge ausgenommen : zur Zeit der Weftgothen, der Almohaden, der Verfolgung von 1391 und der Vertreibung von 1492; letzteres Ereigniß ist ausschlaggebend für die ganze Folgezeit, denn die Berberesken-Staaten erhielten dadurch eine bedeutende jüdische Bevölkerung, die Zielscheibe ihrer fanatischen Wuth, das ständige Versuchsobject ihrer Mord- und Raublust. Die Juden leben seitdem, besonders in Marokko, unter ewigen Plaquereien, und es ist noch gut, daß ihnen der Stil des Großartigen zu sehr abgeht, als daß sie Gegenstand historischer Erörterungen sein könnten. Nur in Egypten setzt sich noch die Geschichte der Juden in würdiger Weise fort. 1517 kam Ägypten unter türkische Herrschaft, und wie in der europäischen Türkei, tauchen auch hier glänzende Namen von jüdischen Gelehrten, Finanzpolitikern und Diplomaten auf, die ihrer spanischen Abstammung alle Ehre machten. Unter dem Vice-König Achmed Schaitan geriethen die egyptischen Juden in große Bedrängniß, aus welcher sie jedoch wie durch ein Wunder errettet wurden, ein Ereigniß, welches die Erretteten noch lange Zeit als „Purim Mizraim" feierten. — Auch eine für das ganze Judenthum hochwichtigte Bewegung ging von diesen Gegenden aus; wie seiner Zeit E l d a d h a-D a n i, so hielt jetzt der Abenteurer David Reubeni die Juden mit Fabeln hin, und wie die Ereignisse zeigen, mit Erfolg. Er fabelte von nichts Wenigerem als einem jüdischen Reiche in N u m i d i e n, womit er wahrscheinlich aus die Falaschas zielte. *) A. Epstein, Eldad Ha-Tani, Preßburg 1891, S. 33.