Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021335--09555-3033990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 8 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 45 Lage der Juden noch verschlimmerte: Sie dürfen fortan keine Heirat ohne besondere Bewilligung des Königs schließen, sie dürfen keinen Grund und Boden und Häuser nur zum Alleinbewohnen besitzen. Wenn sie Güter pachten, müssen sie den Boden durch Christen bearbeiten lassen. Fremden Juden ist die Einwanderung verboten. „So nahm man ihnen mit der einen Hand, was man ihnen mit der andern gab", bemerkt der eben nicht judenfreundliche Sagnac. Was hat man ihnen aber gegeben? fragen wir: Die Erlaubniß in die Zünfte einzutreten. Was für einen Werth eine solche Erlaubniß bei gewissen Zunftmeistern hat, das haben wir in unseren Tagen in Krakau gesehen. Die Bewegung zur Verbesserung der Lage der Juden in Frankreich ging von Deutschland aus. Die Anregung dazu kam von Dohm's 1783 erschienener Schrift „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" und auf den König mag wohl das Beispiel seines toleranten, reformfreundlichen Schwagers Kaiser Josef von Einfluß gewesen sein. Im Jahre 1784 wird der erniedrigende Leibzoll aufgehoben, ein Jahr später erscheint Mirabeau's Schrift über „Moses Mendelssohn und die bürgerliche Reform der Juden" und die Akademie der Wissenschaften und Künste von Metz schreibt einen Preis aus für die Beantwortung der Frage: „Ist es möglich, die Juden zu regeneriren?" In den drei Antworten, zwei von den Christen Thierry und Abbe Grägoire, eine vom Juden Sulkind Horowitz, die einliefen, werden die Fehler der Juden nicht geleugnet, aber als Folgen der langjährigen Verfolgung und Bedrückung dargestellt. Sie werden sich nach und nach verlieren und die-Juden zu nützlichen Staatsbürgern werden, wenn man ihnen alle Menschenrechte gewährt, ihnen alle Berufe zugänglich macht. „Seid großmüthig", ruft Gregoire seinen Glaubensgenossen zu, „vererbt Euren Haß nicht auf Eure Nachkommen, Ihr habt die Fehler der Juden verursacht, verursachet nun Ihre Tugenden!" Alle drei fordern die gleichen Rechte für sämmtliche Juden Frankreichs, Horowitz noch außerdem Beschränkung der Macht der Rabbiner, ja wenn möglich deren gänzliche Abschaffung. So ernennt endlich die Regierung eine Commission zur Berathung der Judenfrage, zu der auch einige Juden beigezogen werden. Aber die südfranzösischen Juden wollen von einer Gemeinsamkeit mit den Elsässern, auf die sie mit Verachtung herabsehen, nichts wissen. Sie nennen sich den jüdischen Adel, directe, reine Abkömmlinge der von Nebukadnezar weggeführten Vornehmen, die von Babylonien direct nach Spanien gekommen sind. Sie sind mit den Rechten, die sie besitzen, mit ihrer Lage, die ja besser war als die der Elsässer Juden, ganz zufrieden. Während diese ihre localen Organisationen nicht aufgeben wollen, viele Erleichterungen ihrer Lage aber noch keine vollständige Gleichstellung verlangen, rücken die südfranzösischen immer weiter von ihnen ab, wollen allen anderen Franzosen, denen sie sich immer mehr assimiliren, vollkommen gleichgestellt werden. Währenddem schreitet die revolutionäre Bewegung immer mehr fort; der Notabeluversammlung folgt die ^ssemblee national, welche am 4. August 1789 die Erklärung der Menschenrechte erläßt. Nun kommen auch die Juden im östlichen Frankreich mit ihren Petitionen; aber gleichzeitig gerathen die Judenfeinde in Aufregung und beginnen ihre Agitationen, allen voran die Geistlichkeit. Im Elsaß kommt es wiederholt zu Excessen, die Bauern überfallen die Aemter und vernichten ihre dort hinterlegten Schuldurkunden, die Juden werden in vielen Ortschaften ausgeplündert. mißhandelt und vertrieben. Aufrufe zur Vertreibung aller Juden werden verbreitet, in Flugschriften die Juden geschmäht und verleumdet. Als es sich darum handelt, die Güter der Geistlichkeit zu verstaatlichen, macht ein Geistlicher den Bauern im Elsaß weiß, daß die Juden alle Güter aufkaufen werden und den Bauern nichts bleiben wird; „Ihr werdet alle zu Bettlern werden", sagt ihnen ein Deputirter, „Juden und Protestanten bedrohen Frankreich, sie warten schon auf ihre Beute". Die modernen französischen Nationalisten und Orleanisten, welche Juden und Protestanten gleichmäßig verleumden, sind also nicht einmal originell. Inzwischen hatten auf Antrag Gregoire's vom 1. September 1789 .die Verhandlungen über die Judenfrage in der Assemblee nationale begonnen, eine Deputation ostfranzösischer Juden war von ihr am 14. October angehört worden. Der Gras von Clermont-Tonnerre, Du Port und, besonders eifrig, Robespierre sprachen für die Gleichstellung der Juden, dagegen waren Rewbell, Broglie und in besonders gehässiger Weise der Abbe Maury und der Bischof von Nancy. Sie kämpften mit den altbekannten judenfeindlichen Argumenten, und was sie Neues vorbrachten, hatte mitunter einen Anstrich von Komik. „Wie können die Juden Soldaten sein", fragten sie, „wenn sie am Sabbath nicht kämpfen dürfen, wie sollen sie Handwerker werden, wenn sie so viele Feiertage haben?" Daß damals die Katholiken viel mehr Feiertage hatten als die Juden, so daß selbst die fromme Kaiserin Maria Theresia sich um Reducirung der Feiertage bemühen mußte, scheint der Bischof von Nancy nicht gewußt zu haben. Nicht minder lebhaft wurde außerhalb des Parlaments gekämpft. Besonders eifrig waren die clericalen Blätter in Verleumdung und Schmähung der Juden. Sie griffen zu dem auch heute beliebten Mittel, alle ihre Vertheidiger als Judenknechte und von den Juden Erkaufte darzustellen. Selbst an den edlen Lafayette wagte sich die Verleumdung heran. Der clericale „Orateur du peuple", eine Art von „Französischem Volksblatt" wußte zu erzählen, daß die Deputirten Bailly, Le Chapelier, Lafayette, Barnave, von den Juden 72-000 Francs verlangt hatten, aber sich etwas abhandeln ließen. Dagegen zeigte sich die Gemeinde Paris den Juden sehr geneigt: man nahm sie in die Bezirksvertretungen und in die Nationalgarde auf, in die von fünfhundert in Paris lebenden Juden hundert eintraten, ohne vom Sabbath daran gehindert zu sein. Im Februar 1790 wird eine Versammlung aller Districts- Vertretungen einberufen, um im Namen der Stadt für die Gleichstellung der Juden einzutreten. Von 49 Districten erklärt sich nur der der Trödelhallen dagegen. Infolgedessen überreichte die Gemeinde Paris am 24. Februar der Nationalversammlung eine Petition um Emancipation aller Juden, ohne Unterschied zwischen spanischen und deutschen. Die Nationalversammlung hatte nämlich kurz vorher (am 28. Januar) mit 374 Stimmen gegen 224 die Gleichstellung nur der südfranzösischen Juden beschlossen. Die Verhandlungen über die Juden im Elsaß und Lothringen wurden wiederholt verschoben, aber endlich schlug auch für sie die Stunde der Befreiung. Noch im letzten Moment beantragte Rewbell wieder die Vertagung, aber die Versammlung ließ weder weitere Debatte noch Vertagung zu. Am 27. Sep tember 1791 decretirte sie auf Grund der Constitution die vollständige Gleichberechtigung aller Juden Frankreichs, welche den allen Bürgern vorgeschriebenen Eid auf die Verfassung leisten. L. Vom Jahrmarkt des Lebens Jüdische Soldaten. Unter dem, einem trefflichen Buche entlehnten Titel eines Feuilletons „Moschko von Parma" wurde zur Unterstützung der Glaubwürdigkeit all der gemeinen Lügen, welche das „Deutsche Volksblatt" über jüdische Soldaten und solche, die es werden sollen, ausstreut, vom Herrn Vergani der Titel eines „k. k. Majors, der in Galizien stationirt ist", hingesetzt. Dieser Kunstgriff, einer von jenen, die gelegentlich eine gerichtliche Würdigung gefunden, gehört aber zu den abgebrauchtesten des famosen Ehrenbürgers von Mühldorf und verdiente keine weitere Beachtung, wenn durch denselben nicht die Ehre unseres Ofsiciersstandes beschmutzt würde. Nein! In keinem Officiersrocke steckt ein so feiger Schurke, wie der Schreiber dieses Feuilletons ist, den Vergani in die discreteste Anonymität hüllt, und hinter dem Titel eines höheren Officiers versteckt. Tie jüdischen Soldaten gegen all die teuflischen Phantasiegeburten eines moralisch defecten Individuums in Schutz zu nehmen, hieße diesem zu viel Ehre erweisen. Wedie treue Pflichterfüllung des jüdischen Soldaten leugnet, ans dem einfachen Grunde, weil der Soldat ein Jude ist, verleugnet das Licht der Sonne, weil er blind ist. Gewiß, es gibt auch jüdische Soldaten, welche den Militärdienst als ein.- unangenehme Last empfinden. 'Aber ergeht es nur den jüdischen Soldaten s o? Wollte man eine Statistik der Deserteure anlegen, wie bald würden gewisse'Leute inne werden, daß Unlust zum Militärdienste eine ebenso arische als semitische Eigenschaft ist. Wenn sich der jüdische Soldat von den anderen in irgend etwas unterscheidet, so ist es nicht die hingebende Pflichterfüllung und das Hochhalten des Soldaten - standes, sondern die Intelligenz, die ihn deshalb zum G genstande des Hasses antisemetischer Ehrabschneider macht, aber deshalb doch nicht zum Soldaten unfähig macht, wie in dem Pamphlete gesagt wird. Und daß die jüdischen Soldaten zum größten Theile den ge- 4) Manry wurde später von Napoleon zum Erzbischof von Pario ernannt, aber vom Papst nicht als solcher anerkannt, und mußte nach Rückkehr der Bourbons den Sitz räumen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.