Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3 Vr§ Bloch's Wochenjüzrm< Seite 43 Armut Galiziens, welche keine große Industrie aufkommen läßt und — Inst not least — der parasitisch entwickelte Zwischenhandel. Diese kleine Blüthenlese von culturhinderuden M menten beweist wohl zur Genüge, wie trostlos die heutige Lage Galiziens ist. Wie diese vollständige Zerrüttung der galizischen Landwirt hschaft beschleunigt und theilweise bedingt wurde durch den Plötzlichen Anschluß Galiziens an einen modernen Cultnrstaat wie Oesterreich, wie die urwüchsige Production sich der Geldwirthschaft bisher noch nicht anzupassen wußte — weder im Gcoßbesitz, noch im Bauernstände — dies alles hat Budzynowsky meisterhaft geschildert. Er blickt zwar sehr trübe in die Zukunft und verzweifelt fast an dem Weiterbestehen eines galizischen Bauernstaiides, allein inzwischen (seit 1893) ist manches geschehen, was eine Berbessernug der Verhältnisse erhoffen läßt. Hier ist vor allen Dingen hervorzuheben die Thätigkeit der Ivölka rolnicze, der galizischen Agr arvereine. Diese Auffassung wird vielleicht in manchen jüdischen Kreisen Verwunderung erregen. Jedermann weiß, daß diese Kölka rolnicze vor allen Dingen antisemitischen Tendenzen huldigen, daß sie überall fanatisch den Judenhaß predigen und ihn hineintragen in die entferntesten Winkel des Landes, daß sie es sind, die überall den jüdischen Zwischenhändler bekämpfen und so tausenden von jüdischen Familien den letzten, auch so spärlichen Verdienst genommen haben. Und doch sage ich. muß man sie freudig begrüßen. Man darf unter ihrem häßlichen, widerwärtigen Aeußern ihre wirthschaftlichc Grundlage nicht verkennen. Sie sind, mag dies vorläusig auch für die zahlreichen jüdischen Zwischenhändler vollständigen Ruin bedeuten, dennoch zum Segen der galizischen Bauernschaft, dadurch des galizischen Landes und in letzter Hinsicht auch wieder der Juden. Sie verschaffen den Bauern billiges und gutes Saatkorn, geben ihnen landwirthschaftliche Maschinen, senden ihnen Wanderlehrer, die sie die intensivere Bebauung des Bodens lehren, regeln den Absatz der Products und beschränken damit den jede gesunde Entwicklung der Landwirthschast unterbindenden Zwischenhandel. Man muß hier scharf unterscheiden zwischen der wirthschaftlichen und der politischen Thätigkeit dieser Vereine. Sie sind wirthschastlich ebenso segensreich, wie sie politisch verwerflich sind. Für die galizischen Juden sind sie ein — zwar sehr rauhes — Mittel, sie aus ihrem Schlaf zu wecken, sie auf die Uumöglichkeit hinzuweisen, weiter den Zwischenhandel zu betreiben. Man sollte doch von jüdischer Seite aufhören, immer wieder gegen diese Kölka rolnicze zu wettern und sie als die Ausgeburt antisemitischer Niedertracht gu denunciren; statt dessen sollte man lieber von ihnen zu lernen versuchen. Sie weisen die Richtung, in der man Vorgehen muß, wenn man Galizien , wirklich thatkräftig unterstützen will, das ist: den Bauern schützen vor der vollständigen Vernichtung. Für kein Land Europas ist es vielleicht von so fundamentaler Wichtigkeit, einen gesunden Bauernstand zu schaffen, wie für Galizien. Budzynowsky hat die Dringlichkeit dieser Sache so überzeugend und eindringlich nachgewiesen, daß ich die ganze Stelle hie her setzen will: „Die inländische Landwirthschast wird in den hemnzeu Fabrikstaaten immer mehr ausreichen?) Erst dann, wenn unser (der galizische) Großgrundbesitzer keinen genügenden Käufer in dem Auslande findet und sein Product im Lande selbst zu verkaufen anfängt, erst dann bleibt der Bauer ohne Käufer. Dann fahr wohl, du kleinbürgerliche Idylle!_ Die heute verparcellirten Großgrundstücke werden nicht blos auferstehen, sie werden noch das Eigenthum des „staatserhaltenden" kleinen Mannes vom Laude verspeisen und affimiliren. Dann hat die letzte Stunde des Bauernstandes geschlagen!" Diese erste Prophezeiung wird in Erfüllung gehen, wenn nicht bis dahin der galizische Bauernstand gesichert ist. Werden nun auch sicher die Kölka rolnicze nicht selbst — solange sie ihre Hauptkraft mit antisemitischer Verhetzung vergeuden — die Erlösung des Bauernstandes bringen, so sind sie doch von unermeßlichem Werth, weil sie die Bauern von der Notwendigkeit des genossenschaftlichen Zusammenschlusses überzeugen. Heute freilich beschränken sie sich darauf. Consumvereine, Credit-, Werk- und allenfalls Magazingenofsenschasren zu gründen, vielleicht aber werden sie später dazu fortschreiten, landwirthschaftliche Productivgenossenschaften zu errichten — und dies wäre der Beginn der Rettung Galiziens! Es ist nicht möglich, in diesem kurzen Artikel die Form der landwirthschaftlichen Productivgenossenschast erschöpfend zu ft Man erinnere sich dessen, was ich über die Bedeutung des Jimeii-Marktes für die modernen Cnllnrstaaten im vorigen Artikel ailsgeführt habe. behandeln. Ich will nur kurz folgendes darlegen. Eine derartige Genossenschaft würde gemeinschaftlichen Betrieb einsübren. Es ist hier keineswegs von commuuistischer Verfassung die Rede, wohl aber legen verschiedene Bauern ihre kleinen Güter zusammen oder kaufen sich ein Gut für genkeinschaftliche Rechnung an. Hierin erhält jeder seinen kleinen Privatbesitz, das Hauptland wird gemeinsam bearbeitet und verwaltet. Es wird hier der einzelne kleiire Bauer plötzlich Miteigenthümer eines großen Landbesitzes, dessen Pflege er sich mit vollem Eifer znwenden wird. Seine Familie kann sich energisch an der Wirthschaft belheiligeu. Eine Genossenschaft hat gl ößeren und gesicherten Credit, sie kann sich also Maschinen anschaffen, sie kann die großen Getreidemassen, die sie producirt, auf den Markt werfen, was heute natürlich dem Zwergbauern unmöglich ist. Sie spart durch gemeinschaftliche Bewässerungsanlagen und Magazine bedeutend an Produclionskosten, sie gewinnt das früher nutzlos vergeudete Land der Raine und Wege, sie kann sich neben dem technischen Leiter gar bald einen commerciellen halten, der ihre Interessen nach außen vertfttr. sie kann intensiv wirthschaften und läßt damit den individuellen Wünschen der einzelnen Genossen einen weiten Spielraum. Das alles sind ganz außerordentliche Vortbeile! Mit einem Schlage hört die Zersplitterung durch Erbtheilung auf, denn die Abfindung der Ernzelerben findet losgelöst und ohne Beeinflussung der Weiterverwaltung der Gesammtwirthschaft statt; durch dre Ermöglichung der Einführung von Maschinen wird der Gesichtskreis des Einzelnen ungemein erweitert werden, Streben und Rührigkeit sind hievon die Folgen. Hiergegen kann der Großgrundbesitz nie concurriren, leider er doch heute schon unter 'Arbeitermangel. Aber selbst, tvenn er genügend Arbeiter hätte, könnte er nicht gegen diese Landwirthe aufkommen, die auf eigene m Grund und Boden wirthschaften. Das wichtigste an diesen Productivgenossenschaften ist, daß sie nicht allein eine privatwirthfchaftliche Hebung der zufällig in ihnen vereinigten Personen darstellen, sondern daß sie im eminenten Sinne social wirken. Sobald eine Genossenschaft ihre Thätigkeit enifalter haben wird, wird die Landbevölkerung der Umgegend gar bald erkennen, welcher Werth in einer derartigen Bereinigung der wirthschaftlichen Kräfte steckt. Sie wird Nachfolge finden. Und der Großgrundbesitz, der sich dieser Concurrenz gegenüber nicht halten kann, wird von seinem Besitz soviel veräußern, bis er den Rest ebenso intensiv zu bewirthschaften vermag. Eine gleichmäßige Vertheilnng des Grundbesitzes ist gewährleistet, der Bauernstand gerettet. Dann wird auch eine Industrie im Lande aufblüheu köuneu, wenn dre Bevölkerung materiell gefördert und ihre Consumfähigkeit gehoben sein wird. Es wird für Galizien die Stunde geschlagen haben, wo es sich den übrigen Culturstaaten anreihen kann. Hiermit glaube ich das Mittel angegeben zu haben, von dem ich im ersten Artikel sagte: „Wer es heute wagt, mit der Angabe eines socialen Heilmittels auf dem Plan zu erscheinen, der hat die Verpflichtung, nachzuweifen, daß fein Mittel kein ausschließlich locales ist, sondern daß es dem ganzen Organismus zu Gute kommt, indem es die letzte Ursache der Krankheit beseitigt." Es wird die Aufgabe des folgende» Artikels fein, darzuthun, wie die galizische Judenheit, indem sie diesen Weg einschlägt, sich selbst nnv das ganze Land aus dem heutigen trostlosen Zustande befreien kann. Vir Iudrnemanripation in Frankreich. Vor einigen Jahren habe ich in diesen Blättern ') einiges über tue Geschichte der Juden in Frankreich im vorigen Jahrbuüdert nach den Schriften von Leon Kahn mitgerheilt. Gewissermaßen als Fortsetzung seiner Arbeiten kann man eine sehr interessante Studie über die Juden und die französische Revolution (Les ftiit's et Ja Revolution iVaucai.se) betrachten, welche Ph. Sagnac in« ersten, im vorigen Jahre erfchieneneu Bande (Heft l und Ul), der in Paris erscheinenden Zeitschrift Revue d'liistuire niod'U’iie el. conteinporaine veröffentlicht hat. Diese Aibeit, ans der ich hier das Wichtigste und Interessanteste unter Vergleichung mit Vorgängen nuferer Zeit mittheilen will, ist eigentlich eine Geschichte der Judenemancipativn ft Oesierreichische Wochenschrift vom in. und -38. 'April 1895.