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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 42 Dr. Bloch's Wochenschrift. 'Jtr. 3 aller SchvMNg darauf vor, sie solle sichs nicht allzusehr zu Herzen nehmen, aber er müsse von der Verlobung zurücktreten. „Zu Herzen nehmen?" fragt die Schöne lächelnd, „durchaus nicht, mein Lieber; aber auf 20.000 Dollars Entschädigung werde ich morgen durch meinen Advocaten klagen lassen. Diese kostspieligen Perspectiven sollen, wie es heißt, die weibliche Tugend in Amerika viel wirksamer schützen als alle hiesigen Vorsichtsmaßregeln in der Trennung der Geschlechter. Als äußerste Reserve steht dann noch der Bruder oder Vater mit dem Revolver im Hintergründe, bei dessen Anwendung gegen einen Verführer man immer straflos aus geht. Unter diesem Risiko überläßt man die jungen Leute sich selbst. Das nun freilich ist gerade das Gegentheil altjüdischer Mädchenerziehung. Der jüdische Vater hatte sein Kind zu lieb, um so mit dessen ganzem Lebensglücke Va-Languo zu spielen. Mehr als vom Knaben gilt vom Mädchen das alte Wort der Genesis „Vor der Thüre lauert die Versuchung". Und das gilt heute ebenso gut wie in alten Zeiten. Wie es in Amerika wirklich ist, läßt sich von hier aus nicht ganz sicher beurtheilen. Wer kann es wissen, wie viele Mädchen diesen Grad der Freiheit mit ihrem Unglück zu bezahlen haben, das sie freilich verbergen müssen, wenn nicht noch die Schande hinzukommen soll. Es ist darum nichts weniger als zu billigen, wenn in neuester Zeit in den wohlhabenden jüdischen Häusern bei der Mädchenerziehung mehr oder weniger mit dem Amerikanismus gespieÜ wird. Da werden die Köpfe der jungen Mädchen mit den unklaren Ideen der Jbsenffchen Dramen und mit dem außerordentlich freigeistig klingenden Geschwätz über freie Liebe verwirrt, und mancher schlaue Verführer versteht es ganz ausgezeichnet, diese Phraseologie auszubeuten, dem Mädchen das Schönste und Heiligste, was es im weiblichen Leben geben kann, das Glück einer glücklichen Ehe, als spießbürgerlich hinzustellen und es im besten Falle, wenn nicht ärge e Unbesonnenheiten dazu kommen, zu einer jener „unverstandenen Frauen" zu erziehen, an denen nichts echt ist, als der „Unverstand". Diese Modedamen, die dem Manne für die erdrückende Arbeit, mit der er ihre mannigfaltigen Bedürfnisse zu bestreiten sucht, nichts zu bieten haben, als den Hohn für seine angeblich prosaische Beschränktheit und Spießbürgerlichkeit, deren Wirthschast, wie sie selbst, beständig im Negligee ist und an künstlerischer Verwirrung mit der genialen Zerrauftheit ihres Haarschmuckes wetteifert, sind das Product jener unverständigen Übertragung amerikanischer Selbständigkeit aus europäische Mädchenerziehung. Für diese gibt es kein besseres System als das altjüdische, die Tochter zur Tüchtigkeit in chrem künftigen Lebenskreise und zur Zufriedenheit mit dessen Aufgaben zu erziehen, wäre es auch mit einer gewissen Beschränkung ihres Gesichtskreises, zu der sie ja die Natur selbst geschaffen hat, indem sie sie vorwiegend zur künftigen Mutter und Erzieherin ausrüstete. Wer seine Tochter lieb hat, hält sie zu Hause. Da sieht man wie durch ein Glashaus ins Herz hinein; man kann warnen, bevor es zu spät ist; und man erzieht das Mädchen durch die Wirthschast zur Wirthin. Aus dem Zelte ihres Vaters holte Eleasar die holde Rebekka, um sie in das Zelt ihres Gemals zu geleiten. Möge es noch lange im Judenthume so bleiben! Die Jungen hinaus, die Mädchen ins Haus! Galizien. HI. Vyn Dr. Ernst Tuch, Hamburg. Wir haben im vorigen Artikel gesehen, daß in den modernen Culturstaaten die sociale Frage scharf zugespitzt ist durch die Gegensätzlichkeit der Landwirthschast und Industrie zu einander. Es wurde dargethan, daß durch Rückleitung größerer Bevölkeruugskreise zur Urproduktion die großen Städte von den unerträglich zusammengeballten Proletariermassen entlastet würden, die Landwirthschast aber durch intensiveren Betrieb vielen Tausenden sicheren und genügenden Erwerb bieten würde. Es ergibt sich also, daß die Lösung der socialen Frage nur vom Lande aus, das seit dem überstürzten Emporwachsen der Industrie arg vernachlässigt war, geschehen könnte. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Galizien. Hier kann von einer Großindustrie im Sinne der westeuropäischen oder der amerikanischen nicht die Rede sein, auch nicht von einem beängstigenden Anschwellen der großen Städte. Nur 20 Percent der Bevölkerung widmen sich der Industrie und den Gewerben, während mehr als 75 Percent Landwirthschast betreiben. *) Das Hauptelend findet sich hier in den kleinen Landstädten und Dörfern. In Galizien ist es nicht so wie in den Culturstaaten, daß der Boden seinen Bebauer nicht genügend ernährt, weil ihm infolge der Vorherrschaft der Industrie nicht genügend Kräfte gewidmet werden, sondern obwohl sich hier drei Viertel der Bevölkerung der Cultur des Bodens widmen, läßt dieser die Bauern elend verkommen! Die Gründe hiefür sind zahlreich. Galizien ist eben auch heute noch ein überaus rückständiges Land und noch heute' trifft fast unverändert zu, was der k. k. Sectionsrath Dr. Josef R. Lorenz vor bald 30 Jahren sagte: „Das in den weniger cultivirten Osten hineinreichende Galizien weist noch eine sehr primitive Bodencultur auf und ist kaum über die ersten Anfänge dessen hinaus, was man eben Cultur heißen kann"?) Die Hauptursache des Darniederliegens der galizischen Landwirthschaft schildert Lorenz mit folgenden Worten : „Im Ganzen kann man sagen, daß sowohl die Bodenzersplitterung, welche eine Folge der hier seit jeher bestehenden Freitheilbarkeit ist, als auch die Bedürfnißlosigkeit (den Branntweingenuß etwa ausgenommen), die niedere Culturstufe der Bevölkerung bei geringerer wirthschaftlicher Anlage, welche sie bei dem mangelnden Credite und fehlenden Grundbuche oft fabelhaftem Wucher überantwortet oder in eine permanente Verschuldung gegenüber ihren Arbeitgebern bringt, der Landbevölkerung oft einen fast proletarierhaften Anstrich verleihen"?) Manches ist ja inzwischen schon besser geworden, aber trotzdem ist es richtig, daß in Galizien die fabelhafte Zersplitterung des Kleinbesitzes es ist, die den Bauernstand zu Grunde richtet. Es fehlt hier jeglicher Mittelbesitz. Neben ungeheuer großen Gütern gibt es minimal kleine Zwergwirthschaften. Im galizischen Podolien finden sich Güter von 20.000 bis 30.000 Joch, selbst von 50.000 Joch und darüber kommen vor (das ist nach deutschem Maß ein Areal von beinahe 30.000 Hektar, also ungefähr so groß, wie das Fürstenthum Reuß ä. L.!); daneben finden sich zahllose Wirthschaften von nur wenigen Jochen. Dabei nimmt die Verkleinerung des Besitzes noch ständig und zwar in erschreckendem Maße zu. Man betrachte folgende Zahlen: Im Jahre 1852 gehörte der bäuerliche Besitz 78.888 Besitzern, im Jahre 1893 schon 180.210. Diese theilen sich in 690.467 Joch, so daß auf den einzelnen im Durchschnitt 3'188 Joch fallen! „Mehr als der vierte Theil der Bauernbesitze besteht aus bis zwei Joch großen Flächen, deren Katastraleinkommen aus 10 fl. festgesetzt ist", sagt Budzynowsky in seinem die galizische Landwirthschaft vorzüglich beleuchtenden Aufsatz?) daß ein solcher kleiner Bauer von seinem Erwerbe nicht bestehen kann, liegt auf der Hand, er muß einen Nebenerwerb suchen: „Für die Ehre, ein Grundbesitzer zu heißen, muß er beim Großgrundbesitzer zu einem Hungerlohn sich verdingen." Diese elende Lage zwingt denn auch vtele zur Auswanderung, jährlich wenden 8000 Galizianer ihrem lieblosen Vaterlande den Rücken. Zu dieser ständigen Verkleinerung des Bodenbesitzes kommen nun noch zahlreiche andere Umstände, welche eine Proletarisirung der Landbevölkerung herbeiführen. Das ist erstens die angeborene Trägheit, die durch Jahrhunderte lang ausgeübte Feudalherrschaft gezüchtete Stupidität und Schwerfälligkeit der Bevölkerung, die vielen kirchlichen Feiertage (165 im griechischen Ritus), ferner das Fehlen werthvoller Verbindungsmittel, wie Eisenbahnen und gut unterhaltene Wasserstraßen, der vollständige Mangel eines inneren Marktes, eben wieder herbeigeführt durch die allgemeine ') Vergl. hiezu: Dr. Cornelius v. Paygert, „Die sociale und wirthschastliche Lage der galizischen Schuhmacher." 0 „Die Bodencultur Oesterreichs", pag. 63. Vergl. auch hierzu meinen Artikel: „Innere Colonisation in Galizien", Oesterreichische Wochenschrift vom 24. November 1899. 3) „Die Bodencultur Oesterreichs", pag. 229. 4) S. den schon mehrfach von mir herangezogenen Artikel „Die Landwirthschast in Galizien" in „Deutsche Worte", Juli-Heft 1893.

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