Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Date
1900-01-12
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021334--09548-3033982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ilir. 2 Br. Bloch's Wochenschrift Sette 3» der auf Inhalt und Ausdehnung betrachtet, füglich schon als Vorläufer der in der Gegenwart (bei den betreffenden Rednern, nicht bei den Zuhörern) so beliebten Tischreden betrachtet werden konnte. Er bezeichnte Schwager und Schwägerin geradezu als „zweite Eltern seines geliebten Kindes", discutirte die Frage, ob Lorenz seinen leiblichen oder seinen Pflegeeltern zu größerem Danke verpflichtet sei, und obwohl er diese delicate Frage nicht mit voller Entschiedenheit beantwortete, schienen sich ihm doch mehr Gründe dafür aufzudrängen, daß der Löwenantheil des Dankeszolles den Hornek's in den Schoß zu fallen habe. Den Major stellte er (dieses Redebild war nicht neu, er hatte dieses schon vielfach benutzt und abgebraucht) als das Vorbild eines Helden hin, das seinem geliebten Kinde bei seinem künftigen Berufe als unerreichbares Ziel vorschweben, die Majorin aber als das vorzüglichste Gemisch weiblicher Sanstmuth und männlichen Geistes. Um auch ihre Körpervorzüge nicht völlig unerwähnt zu lassen, verflocht er in seine Tischrede die schmeichelhafte Bemerkung, daß die Jahre spurlos an ihr vorübergeschritten seien, und sie sich in merkwürdiger Weise die Anmuth der Jugend erhalten habe. Mit bekümmerter Miene sprach er auch die Befürchtung aus, daß, wenn Lorenz einst zur Wahl einer Lebensgefährtin schreiten würde, ihm jene dadurch erschwert werben würde, daß ihm hierbei das verkörperte Ideal eines Weibes, das er in seiner Jugend in dem anmuthsvollen Reize seines häuslichen Waltens kennen gelernt hatte, alle Andere überstrahlen würde, und als er endlich mit einem donnernden Hoch auf den Baron und dessen Gattin schloß, mußte Lorenz sich in eine Zimmerecke flüchten, sich mit einer Serviette das Gesicht verhüllen und deren Ende in den Mund stopfen, um nicht in ein schallendes Gelächter auszubrechen. Durch ein für Lorenz höchst glückliches Mißverständniß, hielten seine befangenen Pflegeeltern das convulsivische Zucken seiner Lachmuskeln als den Ausdruck tiefer Rührung, das Verhüllen des Gesichtes als den Versuch, die für einen angehenden Krieger unpassende, unmännliche Thräne zu verbergen, und so war noch mehr durch das glückliche Mißverständniß als durch Golzinger's Schlauheit bei dem Baron und dkssen Gattin eine äußerst rührselige Stimmung hervorgerufen worden, welche Golzinger ermuthigte, sofort einen Hauptschlag zu führen. Rach Tisch erbat er sich — halb scherzhaft, halb im Ernste — von Schwager uud Schwägerin eine geheime Audienz, um, wie er ihnen ins Ohr flüsterte, mit ihnen Lorenz' Zukunft zu besprechen. Als sich dieser entfernt hatte, schneuzte sich Golzinger zuerst mit einer feierlichen Umständlichkeit, welche zweifellos eine voraussichtlich lange Auseinandersetzung erwarten ließ, ergriff des Schwagers und der Schwägerin Hand, erhob seine Stimme und begann: „Bor Allem muß ich Euch, meine lieben, theueren, verehrten Verwandten und Gönner, aus überströmender Seele meinen tiefsten Dank für die großen Wohlthaten, die Ihr meinem Lorenz erwiesen, aussprechen; aber ich kann sic nicht länger für ihn annehmen, und er wird auch eine andere Laufbahn Anschlägen müssen. Ich weiß es, es wird meinem armen Jungen weh, sehr weh thun. — Golzinger ließ die Hände der Hornek's los, da er seine dadurch frei gewordene dazu benützen wollte, seine äußerst trockenen Augen mit seinem Taschentuche zu reiben — „aber es geht einmal nicht anders!" „Warum, weshalb?" schrie der Major zornig. „Aeußert Euch standhaft darüber, warum es einmal nicht anders geht?" „Vor allen Dingen," erwiderte Golzinger in sanftesten Flötentönen, „weil Ihr meinen Lorenz durch Eure Güte verzieht. Gott hat Euch reich mit irdischen Gaben beschenkt, Ihr lebt, eben nur Eurem Vermögen und Eurem Stande gemäß — aber wenn Lorenz an dieses herrschaftliche Leben gewöhnt, wieder in sein bescheidenes Vaterhaus heimkehrt, wird er sich an dieses nicht mehr gewöhnen können, und sich" — Golzinger's Stimme schien ins Schwanken zu gerathen — „unglücklich fühlen. Die Baronin unterbrach ihn. „Schwager, ich verstehe Sie nicht. Sie müssen ja wenigstens eben so reich sein, als wir. Meine Schwester Sophie hat nicht um einen Pfennig weniger Erbschaft nach unseren gottseligen Eltern erhalten als ich. Was ich bei Lebzeiten meines Vaters mehr an Heiratsgut als Sophie erhalten, wurde mir bei der Erbseintheilung abgezogen, und Sie haben ein einträgliches Amt, während mein Mann stets nur ein mäßiges Gehalt und seit langer Zeit eine noch mäßigere Pension bezieht. Rittmeister Baron Ehrenbrunn, der einige Zeit in W. lag, hat mir versichert, er wisse aus sicherer Quelle, daß ihre Rebeneinkünfte in einem Jahre mehr betragen als ein Oberstgehalt." „Rittmeister Ehrenbrunn ist ein miserabler Ehrabschnei . fuhr Golzinger entrüstet aus, aber er fürchtete durch seinen Zorn mehr zu verrathen, als die Majorin ahnen mochte, er schnitt daher den Schnei—der in zwei Hälften und ließ die zweite unausgesprochen und fuhr, sich rasch moderirend, fort: „Rittmeister von Eyrenbrunn ist über meine Verhältnisse schlecht unterrichtet," Golzinger schüttelte melancholisch den Kops und setzte mit leicht verschleierter Stimme in düsterer Molltonart fort: „Ich bin nicht so reich, . ls Ihr und die Well glaubt ." Golzinger stockte, das Gespräch hatte plötzlich eine für ihn unangenehme Wendung genommen, nnd er bemühte sich rasch eine plausible Erklärung für seine nicht nur unwahre, sondern auch unwahrscheinliche Behauptung zu ersinnen, aber zu seinem Glücke brach der Major, der sich schon durch mehrere Secunden unternehmend die Enden des Schnurrbartes emporgewirbelt hatte, jetzt los: „Was schwätzt Ihr Schwager da für miserables Kraut und Rüben untereinander? Meiner Seele, eine solche Eselei, wie ich sie da von Euch höre, ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen! Zehntausend Donnerwetter hinein, jetzt, nachdem wir Euren Jungen aus dem Aergsten .... yerausgearbeitet und einen Mordkerl aus ihm gemacht haben, wollt Ihr ihn ' wieder in Euer verfl .... Nest nach W. nehmen und ihn in Grund uud Boden hinein verderben! Ho, Ho! so haben wir nicht mir einander gewettet! Uud was meint Ihr denn, Schwager, mit unserem Reichthum? Memt Ihr denn wirklich, daß wenn wir, ich und meine gute, treue Mathilde (wenn der Major in der Versöynungs-Aera von seinem Vermögen, das aber eigentlich seiner Frau gehörte, sprach, lobte er diese vorsichtshalber) sterben, wir unser Hab' und Gut mit in die Gruft nehmen werden?" Golzinger that als ob er überrascht aufblickte. Der kluge Mann wollte das Eisen schmieden, so lange es heiß war, er ergriff wieder des Majors und der Majorin Hand, drückte jene, daß sie knackte, führte diese ehrerbietig an die Lippen, und schrie, als wenn ihm der miserabelste Zahnbrecher drei Kernzähne sammt den dazu gehörigen Kieferunterlagen herausgerissen hätte. „Wie soll ich Eure Worte, liebe, verehrte Freunde, deuten' Sollte ich Euch recht verstanden haben? Ihr wolltet wirklich meinen Lorenz, der Euch freilich mehr als seine leiblichen Eltern liebt, zu Eurem Universalerben einsetzen? Weiß Gott, der Gedanke wäre mir f rüher auch im Traume nicht eingesall-n; — Ihr seid halt doch in einem Finger klüger als ich mit Leib' und Seel' und habt das Richtige getroffen, und ich Hauptesel, der ich bin, hatte von Euren edlen, gottgesegneten Absichten nicht die leiseste Spur! — Ihr seid halt brave und grundgescheite Leute; — was solltet Ihr denn mit Eurem Gelde anders machen? Gnädige Frau Schwägerin, der Lorenz ist ja doch Ihr Fleisch und Blut, und, so wahr mir Gott helfe, Ihnen ganz wie aus dem Gesichte geschnitten, und was der auf Sie hält, das ist mir noch in meinem ganzen Leben nicht v orgekommen! Wissen Sie, was der unschuldige dumme Bub', der Malefizkerl heut Vormittag zu mir gesagt hat? — Vater, wenn ich es einmal durch die Gnade und Protection meines gnädigen Oheims zum Rittmeister gebracht habe, muß ich heiraten, und weißt Du wie meine Braut aussehen muß? Genau so groß, so schön und stark wie die gnädige Tante, so gefällt mir doch kein zweites Frauenzimmer auf der Welt" — die Majorin lächelte verschämt, schlug die Augen zu Boden, flüsterte etwas von einem kindische», dummen Jungen, „und", fuhr Golzinger in seiner Rede fort, „wie er Sie Schwager Baron liebt,„ — er verfiel vor Eifer förmlich in Extase — „das auszudrücken ist die reichste Sprache zu arm, die lebendigste zu todt . . . Heute Vormittag, wie ich eine Stunde mit Lorenz allein war, frug ich ihn, „sag' mir aufrichtig, hast Du nicht den Onkel lieber als mich?" Der Junge sieht mich groß an, die Thränen traten ihm in die Augen, er fällt mir um den Hals und sagt: „Vaterl, Du weißt, lügen kann ich nicht" — (das ist wahr, das kann ich ihm bezeugen), ich Hab Dich lieb, sehr lieb, ich möcht gleich mein Leben für Deines geben; aber was wahr ist, bleibt doch wahr, und sei mir drum nicht böse, den lieben Onkel und die gnädige Tante Hab' ich doch noch lieber!" — Ja, das seh' ich, weiß Gott, selbst ein. Ihr könnt in der That nichts Gescheiteres und Besseres thun als meinen,. — eigentlich ist er mehr Euer — Lorenz zu Eurem Universalerben zu ernennen. Nein, wie sich meine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.