Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Ecrre 38 Dr. Bloches Wochrnfchrlft. Nr. 2 Um 2 Uhr Nachmittags fuhr ich mit Jossel, begünstigt vom klarsten Wetter, nach K., wo wir spätestens gegen 5 Uhr Abends anzukommen hofften. Wir mochten schon eine Stunde, fortwährend im beschleunigten Tempo, gefahren sein, als Plötzlich eine Windsbraut dahergefegt kam und der Himmel sich in schwarze Wolken hüllte. Bald fing es an in Strömen zu regnen, und ehe eine weitere Stunde verging, war der Fahrweg in ein Kothmeer umgewandelt, daß die Pferde den ächzenden, in allen Fugen krachenden Wagen nicht mehr vorwärts bringen konnten. Mißmuthig stieg Jossel vom Bock und zog, bis an die Knie im Koth watend, die Pferde gewaltsam nach sich. Nach sechsstündiger Fahrt langten wir, bis auf die Haut durchnäßt, bei stockfinsterer Nacht in K. an. Jossel, der hier jedes Haus kannte — seine Ehefrau war nämlich hier geboren und ausgewachsen — führte mich stracks vor das beste Haus des Städtchens, welches ganz leer stand und für die zu errichtende Schule gemiethet werden sollte. Kaum aber, daß ich eingetreten und daß Jossel einigen armseligen Hansrath leihweise herbeigeschafft hatte, als es auch schon im Städtchen, welches längst in den tiefsten Schlaf versunken schien, lebeaörg \u werden anfing. Langröcke tauchten draußen vor den kahlen Fenstern meines Zimmers auf, es begann ein Gesumme und ein Gebrumme, welches mich mit Grausen erfüllt hätte, wäre ich nicht längst schon von anderwärts her an dergleichen gewöhnt gewesen. Jetzt traten auch schon die Honoratioren des Ortes, die „Führer" der Gemeinde, gravitätischen Schrittes zur Thür herein. Sie theilten sich in Feinde und Freunde der Schule und des Fortschrittes. Wie überall, waren es auch hier die „Rebbes" und ihre Verbündeten, die deati poLsickeute-s, und als die dritten in der Sippe: die Chederhalter, die sich mit aller Macht gegen die Schule zur Wehre setzten. Die Ersteren, um die Massen in der Finsterniß und sich am Ruder zu erhalten; die Letzteren, um das Stückchen Brod nicht zu verlieren, welches ihnen ihre kinderverkrüppelnden Cheder von Seite der Äermsten der Armen einbrachte. Dagegen waren es die schwer Beladenen und Bedrückten: die Handwerker, Fuhrwerker, Taglöhner, kleinen Händler u. s. w., die trotz ihrer Abhängigkeit von den Rabbinen und „Besitzenden" ungestüm nach der Schule begehrten und das Wüthen der Ersteren, welche alle Flüche Gottes auf das ketzerische Beginnen herabbeschworen, üöerschrieen. Ich ließ die Geister, die ich für heute nicht gerufen, da ich ja todmüde und am ganzen Körper fröstelnd im Orte angekommen, austoben, wähnend, daß nach dem ersten Sturm eine ruhigere Discussion möglich sein werde. Als jedoch der Kampf stundenlang un geschwächt tobte, als draußen die Menge immer unheimlicher anwuchs, so daß ein gefährliches Stoßen und Drängen unter ohrenzerreißendem Kreischen entstand, als mir schließlich die Thüre im Hofe und die Fenster auf der Straße eingedrückt wurden; da raffte ich alle meine Kraft zusammen und schob mit Hilfe des mir wacker beistehenden, rede- und faustgewandten Jossel die Streitenden unter Bitten nnd Drohen aus der Stube, ihnen nachrufend, sie mögen morgen mit dem Frühesten sich wieder bei mir einfinden. Kaum war Jossel mit dem letzten Mann draußen, als ich die Thür hinter ihm schloß. Ich holte meinen Pelz herbei, der mir so oft aus meinen winterlichen Reisen in Galizien das Bett ersetzte, wickelte mich in denselben, löschte die Lampe aus und warf mich auf meine improvisirte Lagerstätte, so eine Art ausgedientes Feldbett, und versuchte einzuschlafen. Das war aber nicht so leicht. Denn nun ging draußen der Spektakel erst recht los und drang ungeschwächt durch die eingedrückten Fenster, in Begleitung einer naßkalten Luftströmung in mein Zimmer. Uebertönt wurde er von Zeit zu Zeit von Joffel's dröhnender, bald drohend donnernder, bald vermittelnd und besänftigend schmeichelnder Stimme, die endlich ihre Wirkung soweit übte, daß sich die wild erregten Massen nach und nach beruhigten und verliefen und das Gebrause sich allmälig zu einem Gesumme dämpfte. Aber dieses Gesumme war durch die ganze Nacht vernehmbar. Ein erquickender Schlaf konnte sich unter solchen Umständen selbstredend nicht einstellen, wie schwer er mir auch auf den Augen lastete. Ich lag hingestreckt fast unbewußt meiner selbst, unfähig mich zu bewegen und begann mich erst wieder ein wenig zu fühlen, als eine wohlige Wärme durch meinen Körper zog. Dabei spürte ich, wie die fortwährend vibrirende Luft in meinem Zimmer immer eisiger wurde. Ich spürte dieses, so oft durch eine unwillkürliche Bewegung meines Körpers mein Gesicht entblößt wurde. Ich wickelte mich dann um so fester in den Pelz, zog ihn über das Gesicht und erst gegen Morgen, als das Gesumme vor dem Fenster immer schwächer und schläfriger wurde und mehr einlullend als störend zu wirken begann, schlief ich ein. Ein Windstoß, der klirrend durch das Fenster drang, weckte mich. Ich fuhr erschrocken in die Höhe. In demselben Augenblick klopfte es an der Thür. Ich öffnete, es war Jossel. Er hatte den Rest der Nacht auf der Gasse und in meinem Vorzimmer zugebracht. „Gnädiger Herr", polterte er heraus, „wir haben gesiegt! Es war eine wilde Nacht. Aber der Feind ist geschlagen, vollständig geschlagen. Wir haben gesiegt, die Schule ist gesichert..." „Was?", fragte ich erstaunt, „die Schule ist gesichert, sagst du?... Aber Jossel, wie seht Ihr aus! Ueber und über mit Schnee bedeckt!" „Ja, ja, es hat die ganze Nacht rechtschaffen geschneit, der Schnee liegt bereits meterhoch, und ich habe soeben eine starke Portion davon bekommen, als ich hinaus eilte, die Massen, die wieder ins Haus dringen wollen, noch eine Weile aufzuhalten, bis Ihr euch gewaschen und gefrühstückt habt. Und nun in die andere Sinbe. Hier ist es zu eng und bei zertrümmerten Fenstern zu kalt. Ich habe die beiden angrenzenden großen Zimmer heizen lassen. Dort werden wir den Andrang, der übrigens kein feindseliger sein wird, besser aushalten." Hiemit schob er mich in die andere Stube. Sie war angenehm durchwärmt und mit zahlreichen Sesseln versehen. Ich blickte zum Fenster hinaus, das Städtchen lag im Schnee vergraben. Soweit das Auge reichte, Schnee, nichts als Schnee. Während ich mich wusch und eine Tasse Thee nahm, schilderte mir Jossel in der chm eigenen drastischen Weise die nächtlichen Scenen auf der Gasse und schloß mit den Worten: „Endlich wurden die Rebbes und die selbstsüchtigen Schein- Chasidim, die sich im Angesichte des unsagbaren Massenelends behaglich ihre feisten Bäuche und langen Bärte streicheln, mit ihren Verbündeten, den in ihrem Solde stehenden Meistern der Verdummung, Melamdim genannt, in wilde Flucht geschlagen. Das „Volk", welches gestern durch die aufklärenden und belehrenden Reden von dem gnädigen Herrn begeistert und ermuthigt wurde, hat sie weggefegt." Die letzten Worte Joffel's waren mir völlig unverständlich. „Wie, Jossel?", ftagte ich, „ich hätte dem „Volke" aufklärende Reden gehalten? Wann und wo hätte ich das gethan?" Jossel sah mich groß an. „Was?", sagt er, „hat der gnädige Herr schon an die schwere Arb-it von gestern, da drüben in der Stube, wo es so wild herging,, vergessen? Hat er schon vergessen, wie er durch kräftige Worte die Gegner zum Schweigen brachte, die Schwankenden stärkte, die Einsichtigen befeuerte? Oder hat der gnädige Herr nach diesen ermüdenden Scenen so tief geschlafen, daß iym jede Erinnerung an dieselben abhanden gekommen? Ein Wunder wäre es wahrlich nicht nach solchen Strapazen!" „Nein, Jossel". entgegnete ich, „ich habe nicht nur nicht gut, ich habe vielmehr herzlich schlecht geschlafen; aber an Reden, die ich gestern Nacht gehalten hätte, erinnere ich mich gleichwohl nicht. Ich war auch nicht in der Redelaune, da mir recht jämmerlich zu Muthe war. Woran ich mich jedoch gar wohl erinnere, das ist, an das wilde Durcheinander, das in meiner Stube solange wogte, bis endlich sämmtliche Stürmer und Dränger aus dem Hause geschafft waren." Jossel schüttelte den Kopf und sagte: „Nu, nu, wenn auch der gnädige Herr nichts mehr davon weiß, so hat er doch gestern durch sein Wort Wunder gewirkt. Das wird sich ja übrigens zeigen, sobald sich das „Volk" wieder hier einfindet. Der gnädige Herr wird Alle wie umgewandelt finden." „Desto besser", warf ich, in Gedanken verloren, hin. Und Jossel hatte recht. Das „Volk" war in der That wie umgewandelt. (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) An Lorenzen's siebzehntem Geburtstage war Golzinger nach Wien gefahren, hatte wie jedesmal bei seiner Anwesenheit in der Residenz bei den Hornek's gewohnt, hatte bei der zu Ehren des Geburtstagskindes gegebenen Tafel gut und viel gegessen und getrunken, und nachdem der Major in scherzhafter Weise aus den General-Feldmarschall Lorenz Golzinger einen in rhetorischer Beziehung nicht sehr gelungenen Toast ausgebracht, sich zu einem Trinkspruche auf Hausherrn und Hausfrau erhoben,