Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 28 Dr. Bloch's Wochenschrift. 'Jlt. 2 Einige Minuten von der Bahnstation Tischnowitz entfernt liegt das zukünftige Ferienheim, bestehend aus einem großen schattigen Park und einem auf einer Anhöhe im rückwärtigen Theile desselben gelegenen stattlichen Hause, das ganze von einer bohen Steinmauer umrahmt. Der Eingang in den Park von der Dorsstraße aus, führt durch ein großes schmiedeisernes Thor. Auf wohlgepflegten, sanft sich erhebenden Gehwegen, die in Krümmungen verlaufen, passirt man eine Reibe schattiger Plätze, malerisch vertheilter Baumpruppen und Wiesenflächen und gelangt in das aus einem großem Plateau befindliche, stattliche, einen Stock hohe Gebäude, dessen Hauptfront gegen den Markt hin gerichtet ist. Der Haupteingang erfolgt von der rückwärtigen Seite von einem umfangreichen Vestibüle aus, von welchem die Eingänge in die ebenerdigen Räume und mittelst breiter bequemer Stufen in den ersten Stock sich befinden. Eine ganze Reihe großer Zimmer und Säle von stattlicher Höhe mit großen Fenstern, parkettirten Böden, großen Doppelthüren und mächtigen Oefen findet sich hier vor. In ihrer Leere erscheinen die Räume von mächtiger Wirkung auf den Besucher und so zu dem gewäblten Zweck sehr geeignet. Vom ersten Stock ist eine herrliche Aussicht in den Park und auf Felder, rückwärts auf den nahen Wald. Wenn einmal die Räume eingerichtet und von einer Schaar von 120 Kindern bevölkert sein werden und der Park zur Sommerszeit in seinem Prachtkleide dastehen und das Ganze von der warmen Sonne beschienen fein wird, so dürfte das Bild ein herrliches und für das Gemüth wohlthuend sich gestalten. Hinter dem Hause ein reicher Obstgarten, zwei mächtige Glashäuser und andere Neben-Objecte. Aeußerdem grenzt an den Park ein Gemüsegarten und eine Baumschule von ansehnlicher Ausdehnung und künstlerischer Anlage, alles in tadellosem Zustande. Dieie Baumschule und die Bearbeitung der Gemüsebeete sollen nun zu agronomischen Lehrzwecken für unsere Schützlinge dienen, denn Stadtkinder haben keine Annäherung zur Natur und erwerben eben nur so viel Kenntniß von Naturgeschichte, als in den Schulbüchern steht. Und diese Kenntniß ist gerade groß genug, um eine Erle von einer Esche einst unterscheiden zu können. Bon pädagogischem Werthe ist die directe Anschauung von Dingen in der Natur, deren praktische Verwerthung erst in späteren Jahren in allen Lebenslagen sich sichtbar machen wird. Ein Kind, welches sieht, wie sorgsam man ein Feld bearbeiten muß, wie viel Mühe und Schweiß es kostet, bis man davon einen Ertrag hat, wird niemals eine Blume zerstören, niemals einen Baum beschädigen und mit der Mühe um das Gedeihen, kommt die Liebe zur Natur, kommt die Empfänglichkeit für die Schönheiten derselben. Wir wollen in Tischnowitz in den Kindern den Keim zur Bethätigung an der Feldarbeit legen, ihre Sinne für die Natur wecken, und ihre Glieder bei der Arbeit stählen. Zu den bestehenden und bewährten Disciplinen der militärischen Abrichtung dürste diese gesunde Bewegung in Gottes freier Natur eine Ergänzung und Abwechslung im Tagesprogramm der Colonienttnder werden, denen leider die Tage der Ferien nur allzuschnell fliehen. Wir unterlassen es in diesem Momente die weiteren Pläne und Gedanken zu entwickeln, welche den Vorstand und die Verwaltung des Vereines „Ferienheim" beschäfttgen. Die Zukunft soll dies lehren. Nur noch soviel sei bemerkt, daß auch für Küche, Speise-Veranda, Spielplatz, Badezimmer, Waschräume sowie für eine völlig separirte Marode-Abtheilung vorgesorgt ist, sowie, daß vom Brunnen aus eine Wasserleitung bis in den ersten Stock gefaßt erscheint. Eine Frauenarbeit im edelsten Sinne des Wortes war die Gründung einer Institution, welche die Sommerpflege unserer armen und leidenden Schuljugend sich zur Aufgabe machte, und ein Frauenwerk ist es, das heute nack achtjähriger Wirksamkeit einen Markstein seiner Thätigkeit auf dem Altar der Nächstenliebe aufrichtet. Als ein Wahrzeichen der ausgleichenden Gerechttgkeit erhebe sich „unser Heim" zur Ehre der Menschheit und nehme für und für die Kinder der Armuth liebevoll auf, aus dem sie scheiden sollen mit gestählten Gliedern und mit kinderreiner Seele, erfüllt von Liebe zu Gott und seiner unvergleichlichen Natur. Der feinfühlige Dichter sagt: Vor Gott soll man sich bücken, weil er so groß ist und vor dem Kinde muß man sich bücken, weil es so klein ist. Bücken wir uns und erheben wir uns mit dem Bewußtsein, einen Theil unserer Menschenpflicht an den Geschenken Gottes gethan zu haben, einen Theil, dessen reicher Lohn in der eigenen Selbstbefriedigung liegt. Indem wir unsere künftige Generation stärken, heben wir die Volkskraft und machen sie gestählt für künftige Leiden, die unserem Stamme niemals ausbleiben werden, solange es heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Sofie Grünfeld. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Bluthetzer von Nachod. Seit 21. December v. I. ist, wie bekannt, die beim Papierhändler Emanuel Kohn in Nachod bedienstet gewesene Magd Marie Cervinka abgängig. Sie äußerte mehrfach Personen ihrer Umgebung gegenüber, daß sie ihrem Leben aus Gram über die Untreue ihres Geliebten ein Ende zu machen entschlossen sei. Trotz dieser wiederholt kundgegebenen Selbstmordabsichten der Cervinka setzte sich sogleich ein neues Ritualmordmärchen fest, und alsbald begann man die Bevölkerung aufzuhetzen. Es wurde eine bösartige Agitation und journalistische Campagne eingeleitet, deren Folgen nicht ausblieben. Die Familie Kohn mußte sich nach Prag flüchten. Am 5. Jänner meldete das „Deutsche Volksblatt": „Die Mutter forderte auf offener Straße von Kobn ihre Tochter, es bildete sich sofort ein Menschenauflauf, und wie ein L a u f f e u e r ging nun die Kunde durch das Städtchen. Jetzt sah sich das Gericht veranlaß!, einzuschreiten. Bei der Hausdurchsuchung bei Kohn wurden neben dem Bette des Dienstmädchens an der Wand Blutflecken gefunden, die sammt dem Mörtel herausgenommen und der Untersuchung zugeführt wurden". Unter den Papieren des Mädchens soll auch, wie verlautet, ein Brief von ihrem Bruder gefunden worden sein, in welchem sie dieser ermahnt, von ihrem Versuche, sich zu tödten, abzulassen. Ob der Brief echt ist, wurde noch nicht constatirt". Am 8. Jänner bringt das genannte Blatt: „Das Ergebniß der gerichtlichen Hausdurchsuchung, die Constatirung von Blutflecken, das frisch überzogene Bett, das Schweigen des Ehepaares Kohn über das Verschwinden des Mädchens, hat die Bevölkerung in Nachod eher mehr aufgeregt, als beruhigt." Unerklärlich bleibt vor Allem, wie das Mädchen das Haus ihres Dienstgebers Nachmittags 3 Uhr, also am helllichten Tage verlassen haben könnte, ohne von Jemand gesehen worden zu sein." Im Morgenblatt vom 9. Jänner hieß es: Ein verschwundenes Christenmädchen. „Prag, 8. Jänner. Die Suche nach dem verschwundenen Mädchen Cervinka wird in Nachod fortgesetzt. Es fand eine zweite Hausdurchsuchung statt, die sich auf die Schupfen und Höfe des Kohn'schen Gebäudes erstreckte. Auch bei den Eltern des Kohn wurde am 6. d. M. eine Hausdurchsuchung vorgenommen, die von 9 Uhr Früh bis 1 Uhr Nachmittags dauerte. Der Staatsanwalt Mattusch von Königgrätz ist bereits in Nachod eingetroffen." Ein anderes Telegramm desselben Tages meldet: „Tausende von Personen sammelten sich in den zum Bahnhof führenden Straßen an, und die verstärkte Gendarmerie hatte vollauf zu thun, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Sowohl seitens der Stadtgemeinde, als auch der Bezirkshauptmannschaft wurde Alles aufgeboten, um Ruhestörungen hintanzuhalten. Während der Ansammlungen sahen sich die jüdischen Geschäftsinhaber veranlaßt, ihre Läden zu schließen." Am 9. Nachmittags um 2 Uhr wurde nun die Leiche des Dienstmädchens Marie Cervinka aus einem Arm der Mettau unterhalb des Brauhauses gezogen. Die Section der Leiche, welche sofort im hiesigen Krankenhause vorgenommen wurde, ergab, daß Marie Cervinka den Tod freiwillig in den Wellen gesucht und auch gefunden hat. An der Leiche finden sich keinerlei Spuren einer Verletzung." Ob der Pöbel sich dabei beruhigen wird, ist fraglich, im Gegentheil, er ist erzürnt, daß ihm der saftige Ritualmordbraten, die Gelegenheit einer Plünderung entging, und sinnt auf Rache. Es wäre wohl an der Zeit, daß die jüdischen Fabrikanten durch Schließen der Fabriken die Meute von Nachod ihrem eigenem Geschick überließe. Am 10. d. M. wurde aus Nachod telegraphirt: Der Papierhändler Emanuel Kohn, der bekanntlich am 8. d. M. auf Grund der Zeugenaussage des Geschäftsmannes C e j b verhaftet worden war, wurde gestern um 9 Uhr Abends aus der Haft entlassen. Cejb hatte an Kohn einen Erpressungsversu ch gemacht. Es ergab sich nichts Belastendes gegen