Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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N r. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift. Lc:le 27 Alle diese „Biedermänner und Biederflauen" haben meistens vor nichts Ehrfurcht, als vor ihrem eigenen Verstand, dem sie natürlich kein Opfer zumuthen können, obschon oft ein einziger Diätfehler dieses kostbare Gut in Frage stellen kann. Ich bin nun ganz gegentheiliger Ansicht, als die Mehrzahl meiner Glaubensgenossen, ich sage: „Fort mit ihnen, wenn auch fort mit Schaden". — Diese Elemente schaden uns in den Augen aller Welt mehr als der arme jüdische Hausirer, welcher die ästethischen Gefühle der mit ihm Verkehrenden vielleicht verletzen kann. Wie oft höre ich die traurige Bemerkung von christlichen Freunden: „Ja wenn alle Juden so wären, wie Der und Der, dann möchte die Abneigung schwinden, so aber sieht man nur, wie diesen gebildeten Juden das Heiligste Nichts ist, wenn es sich um ihren Ehrgeiz, ihren Besitz handelt". Die haben feinen Sonntag und keinen Feiertag, die kennen nichts als ganz materielle Schätze, und solche Juden müssen bekämpft werden. Wenn ich auch diese Borwürfe „äußerlich" mit dem Hinweis daraus bekämpfe, daß es innerhalb der anderen Confession genau eben solche Elemente gebe und daß es doch wie cs 1870 einen Modus des gemeinsamen Sterbens für das Vaterland gab, auch leichter einen ,Modus vivendi" für die Confessionen desselben Landes geben müsse, so kann ich „innerlich" diese Borwürfe nicht als unbegründet erachten; ich habe mich schon zu der anscheinend paradoxen Behauptung verstiegen „es solle ein Verein gegründet werden, welcher diese Elemente mit allen Mitteln zur Taufe führt, um so rasch als möglich das Judenthum von ihnen zu saniren." Geschäftlicher Verkehr, collegialer Verkehr kann nicht vermieden werden, aber gesellschaftlich soll man sie meiden; geradezu widerwärtig und für jeden anständigen, ehrliebenden Menschen u n v e r st ä n d l i ch ist es , wie Juden Menschen zu Verwaltungs-Ehrcnstellen wählen können, welche das Judenthum verachten, welche auf das Grab ihrer Vorfahren sit venia verbo alle Tage zu spucken pflegen. Also Boykott den Auch- und Namens-Juden, im Uebrigen die weitgehendste Toleranz unter den treu bleibenden; sucht Alles, das uns eint und vergeßt, was uns trennt. Jede religiöse Ansicht wird geachtet, denn die Freiheit der religiösen Ueberzeugung ist das kostbarste Gut, das der Mensch besitzt. Wem aber die Religion überhaupt fremd geworden ist, wer kein Gefühl mehr für unsere unerreichte, heute, nach Jahrtausenden noch im Völkerleben mustergiltige Lehre, für unsere ehrwürdige Geschichte besitzt und es auch verschmäht, die reichlich gebotene Belehrung zu suchen, den halten wir nicht zurück, wenn er die Fessel abstreifen will und machen auch keine Glossen darüber, bedauern es aber auch nicht: vielleicht gewinnt die neue Confession dadurch, wenn die Kinder dann in dieser Confession das erhalten, was die Eltern oder Großeltern versäumt haben den ihren zu bieten— eine religiöse Erziehung. Religionswechsel hat immer für den Mann von Charakter einen verächtlichen Beigeschmack, das wird, solange Bildung des Geistes und Gemüthes nicht vernachlässigt wird, immer so bleiben, das Renegatenthum wird überall verachtet. Um den Religionswechsel als solchen zu bekämpfen, gibt es kein besseres Mittel, als der Jugend eine tüchtige, umfassende, jüdischreligiöse Erziehung angedcihen zu lassen, welche allein die Anhänglichkeit und Liebe zu Religion und Volksthum gewährleisten kann. Ohne religiöse Erziehung und religiöse Erkenntniß wird immer die dritte oder vierte Generation allmälig zum Abfall heranreifen, solange der Staat „auf die Gesinnungslumperei des Religionswechsels" eine Prämie zu setzen, das heißt, den getauften Juden für besser zu erklären wie den Juden nicht unterläßt. Vom ethischen Standpunkte aus den Religionswechsel zu bekämpfen ist, Herr Dr. Eitelberg verzeihe mir das Wort, ich will ihm keinen Vorwurf machen — eitel Humbug, denn man kann doch den oft citirten „jüdischen Geist" nicht auf Flaschen zapfen und je nach Bedarf verschenken; die jüdische Religion ist eine Religion der T h a t und will geübt sein, mit dem jüdischen Herzen und Bewußtsein allein ist sie nicht zu halten. Lernet Euere Kinder die jüdische Religion begreifen, lieben und üben, und das Judenthum bleibt trotz Millionen von Feinden erhalten, bis seine geschichtliche Mission erfüllt sein wird. Vas „Ferienheim' im eigenen Vrsttz. Das in moderner Zeit aufgerollte Programm der Frauenbethätigung am öffentlichen Leben ist nirgends so gut ausführbar und anzuwenden, als auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit und sollte vornehmlich jene bevorzugten Frauen berühren, die in der glücklichen Lage sind, nicht für ihren Erwerb sorgen zu müssen, nicht in den Kampf des Lebens thalkräftig eingreifen zu müssen, um Brot für ihre Kinder zu schaffen rc. Die zahllosen Vereinigungen von Frauen, welche die Privatwohlthätigkeit pflegen und helfend der allzu großen Noth dort entgegensteuern, wo sie sich ihnen eben entgegenstellt, bezeugen stalistr>ch ihr Können und werden da wenigstens gleichberechtigt den Herren der Schöpfung an die Seite gestellt. Ein Beispiel dazu liefert der Vorstand des Vereines „Ferienheim". Eine Schaar Frauen, welche bestrebt ist, Hunderten von Kindern eine gesunde Sommerpflege zu bieten, hat nebst ihrer anstrengenden Thätigkeit sich das Ziel gesteckt, ihren Schützlingen ein eigen Dach zu bauen, welches schirmend über die Enterbten sich wölben soll, welches ihnen ein behagliches Heim biete, wenn sie nach angestrengter Schulzeit, wohl auch nach durchgemrchten Krankheiten ihre Gesundheit stärken müssen. Die seit 8 Jahren bestehenden Feriencolonien des Vereines „Ferienheim" waren 4 Jahre im Schloß Rossitz in Mähren untergebracht, welches die selige Frau Baronin Hirsch, die so großangelegte Philantropin, für die Sommermonate dem Verein großmüthlg zur Verfügung gestellt hatte. Die Erfolge des Gedeihens der Kleinen, welche in dem gesunden Klima und der guten und kräftigen, leicht zu beschaffenden Verpflegung zu suchen waren, ließen uns unser Augenmerk auf Mähren richten, wenn sich einmal die Pforte jenes Paradieses für uns schließen sollte. Der' unerbittliche Tod hat unsere Befürchtungen nur zu rasch bestätigt, indem er die Schloßherrin von Rossitz nur allzuschnell hinraffte. Unsere eindringliche Bitte an den jungen Erben und Schloßherrn, das Bestehende im Sinne der Frau Baronin aufrecht zu erhalten, wurde abschlägig beschieden, und so standen wir vor der Alternative, an die schon längst geplante Herstellung eines eigenen Heims zu denken, oder in den nächsten Sommerferien unseren Bereinsaufgaben ohnmächtig und arbeitsunfähig gegenüber zu stehen. Ein Obdach für unsere Schützlinge war trotz eifrigen Suchens und trotz vielfacher Inspektionsreisen weder geschenkweise, noch gegen einen Pachtschilling ausfindig zu machen. Voll Ehrfurcht und unermeßlicher Dankbarkeit gedenken wir bei dieser Gelegenheit unseres Ehrenmitgliedes, der Frau Baronin Hirsch, welche in prophetischer Voraussicht der Verhältnisse in fast mütterlicher Weise für das Gedeihen unserer Institution sorgte, indem sie mit fast sterbender Hand durch eine große Spende die Verwirklichung unserer Ideale ermöglichte und dieselbe in greifbare Bahnen lenkte. So konnte der Gedanke zur That werden, den Huldigungsact für Se. Majestät den Kaiser zu begehen, indem wir ein Asyl für unsere leidende Schuljugend errichten, den Blutarmen und Schwachen zur Kräftigung, den Genesenden zur vollständigen Gesundung. Das eigene Heim, es ist gefunden und in unseren Besitz übergegangen und wird schon diesen Sommer seine gastlichen Pforten den armen Kindern unserer Glaubensgenossen, den Schützlingen unseres Vereines öffnen. In Tischnowitz, an einer nördlichen Zweigbahnlinie von Brünn, erhebt sich unser Besitz in herrlicher Naturschönheit, in beachtungswerther Ansehnlichkeit, der Jugend zum Schutze, der Mildthätigkeit und Menschlichkeit zur Ehre! Als ein merkwürdiges Spiel des Zufalles kann man es bezeichnen, daß „unser Heim" nur durch rine Bergeslehne und eine Gehstunde von dem Schloß getrennt ist, in welchem Frau Baronin Hirsch ihre letzten Sommerferien verbrachte, und woher sie sterbenskrank nach Frankreich gebracht wurde. Jedes Kind wird seine Augen dankerfüllt in jene Richtung lenken können, in der eine edle Frau gelebt und gewirkt hat. Der Markt Tischnowitz, in welchem unser erstes Ferienheim mit Gottes Hilfe etabUrt sein wird, liegt in einem langgestreckten Thale, in welchem die Schwarzawa. ein kleiner Fluß, seinen Lauf nimmt. Sanft ansteigende, bewaldete und bebaute Hügel geben der Umgebung des Marktes einen anmuthigen und lebhaften Charakter und bieten ein abwechslungsreiches Brld ländlicher Ueppigkeit.