Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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icite 26 Dr. Bloch's Wochenschrist- 'Jlt. 2 Religionswechsel Von Max Schwarz. Herrn Gemeinderath Lucian Brunner gebührt das Verdienst, diese Frage, die jedem ehrlichen Juden längst sein ganzes Innere aufwühlte, in Fluß gebracht zu haben und wäre es zu wünschen, selbe nicht so bald verschwinden zu sehen. Wenn man sieht, das heiligste Heiligthum, dem der Jude Gut und Blut Jahrtausende hindurch geopfert, zum gemeinsten, niederträchtigsten Schacher herabgewürdigt, dann muß sich jedes ehrliche, ethische Gefühl aufbäumen und kein Ausdruck kann hart genug derlei Bestrebungen treffen, die sich offen und schamlos, und, wie Herr Dr. A. E i t e l b e r g ganz richtig ausführte, gerade in den sogenannten gebildeten Kreisen breit machen. Was nun gerade diesen Artikel des Herrn Dr. A Eitelberg betrifft, so wird es wohl keinen Juden geben, der nicht mit einem Gefühle der Befriedigung die Ei n l e i t u n g dieses Artikels gelesen haben wird. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt jedoch Herr Dr. Eitelberg zu Conclusionen, die ich in keiner Weise gutheißen möchte. Wenn Herr Dr. Eitelberg gewisse Einschränkungen in der Glaubenserhaltung zulässig findet, so darf das ohne entschiedenen Protest nicht bleiben. Beim Beamten, Lehrer, Professor und sonstigen abhängigen Berufsständen, ebenso bei Verliebten glaubt der Herr Doctor Nachsicht üben zu sollen! Mit Verlaub! Es gibt auch beim Mord und Todtschlag Ausnahmsfälle, wo Geschworne mit einem Freispruche Vorgehen, weil sie in einem gegebenen Specialfall eine berechtigte Nachsicht am Platze finden. Aber es sind eben nur einzelne Fälle, welche einzeln erwogen und einzeln begründet werden. Aber man wird trotzdem! selbst in einer theoretischen Abhandlung den Mord unter gewissen Einschränkungen nicht für erlaubt erklären, weil derlei Thesen falsch verstanden und mißbraucht werden können. Aber das ist eben das Unglück, daß selbst unsere Verfechter und Wortführer Anschauungen propagiren, die häufig Unheil anrichten. Nicht nur, daß die Taufe wegen materieller Interessen bedrängter Juden — und welcher Stand ist bei eintretenden Verfolgungen nicht bedrängt — eine nicht genug zu verdammende Schlechtigkeit bleibt, schädigt sie auch das Judenthum im Allgemeinen, denn sie schwächt die gemeinsame Widerstandskraft, welche allein im Stande ist, schreiende Uugerechtigkeiten wirksam zu bekämpfen. Es ist unanfechtbar, daß jede Lockerung jahrtausendelang bestehender Gefüge den Keim der Zerstörung in sich birgt. Und welch bösartige Zerstörungswuth macht sich geltend! Ein Neffe erzählte mir kürzlich, daß der hiesige Advocat Dr. Mück (aus Czernowitz) bei ihm zu Besuche war und ihn mit der Mittheilung überraschte, daß er sich vor zwei Tagen, dem Beispiele vieler Collegen folgend, taufen ließ, da er solcherart bessere Vortheile zu erreichen hoffe. Ich antwortete meinem Neffen, der noch unter dem Eindrücke der Mittheilung dieses obfcuren Advocaten zu stehen schien, daß es allezeit Maitreffen und Straßendirnen gegeben hat, auch solche, die mit berechnender Kunst diesem Stande sich widmeten, aber nur selten kam es vor, daß solche Verworfene dies den früheren, anständig gebliebenen Freundinen officiell selbst bekanntgaben, nicht nur damit prahlen, sondern sogar Propaganda für ihr schändliches Gewerbe machen. Diese Schamlosigkeit scheint unserem Zeitalter Vorbehalten geblieben zu sein. In den meisten hiesigen Vereinen macht sich ein bärtiger Mann breit, der sich durch nichts Anderes, als durch die aufsehenerregende Taufe am Jom K i p u r ausgezeichnet hat. Und blickt mau hin, so findet man in dessen Gesellschaft zumeist Juden. Statt mit tiefer Mißachtung an ihm vorbeizugehen, entblöden sich Manche von uns nicht, sich mit einem solchen traurigen „Charakter" in Gespräche einzulassen. Es ist eine ganz unglaubliche Fäulniß, geistige Corruption und Prostitution, die sich uns da offenbart. Das Volk sehnt sich nach Religion, nach ehrlicher Ueberzeugung, das ist es, was wir brauchen, dann werden auch jene tiefbeschämenden Erscheinungen langsam verschwinden, für welche anständige Juden und anständige Christen dasselbe Urtheil haben. Die jüdische Bevölkerung Wiens ist auf circa 130.000 Seelen gestiegen, jene paar Hundert zählende feige Fahnenflüch- ' werden unseren vieltausendjährigen Bestand auch nicht gefährden. Soll aber bei uns keine Zersetzung einreißen, so muß das Nöthige geschehen, um den religiösen Sinn zu heben, das Gewissen zu schärfen und das Ehrgefühl zu verfeinern. Es ist Zeit, daß man dieser Frage ein ernstliches Augenmerk widmet. Noch rin Wort;mn Religions- Wechsel. Von Rechtsanwalt Dr. M. Friedberg, Karlsruhe. Die Ausführungen des Herrn Dr. A. Eitelberg in Ihrem geschätzten Blatte (Nr. 52 und Nr. 1) veranlassen mich, auch meinerseits Stellung zu dieser Frage zu nehmen. Herr Dr. Eitelberg hat in einem Punkte ganz Recht; Vor dem Criterium der Vernunft gibt es kein anderes Wahrzeichen der „Nationalität", als die gemeinsame Sprache und gemeinsame „nationale" Erziehung. ' Wir Juden sprechen vom Mutterleib aus nicht hebräisch, sondern in Deutschland deutsch, in England englisch rc. und wir haben dieselbe Anhänglichkeit für unser Geburtsland und dessen Geistesfchätze wie die Kinder anderer Confessionen; ja unsere Anhänglichkeit ist, wie für den tieferen, den völkerpsychologischen Beobachter insbesondere leicht erkennbar, eine viel intimere. In allen Ländern, welche Juden aufnahmen und gerechte Behandlung zu Theil werden ließen, haben sie sich rasch acclimatisirt und — oft ganz überstürzt — beeilt, die Eigenart des Volkes, dem sie nun angehörten, sich eigen zu machen und darum auch so oft die spöttische Verwunderung und schließlich den Haß der Volksgenossen erregt, wenn der Jude zu seinen Unarten auch noch diejenige des Volkes, dem er sich mit ganzem Herzen anschloß, annahm. Warum soll aber „jeder Jude" ein durch und durch gebildeter sittenstrenger Mensch sein? Das verlangen allerdings unsere Feinde, din an uns den strengsten Maßstab anlegen, und die höchsten Anforderungen stellen, und wollte Gott, es gelänge ihnen, was allem heißen Bemühen unserer Lehrer nicht gelang. Nun, das zwanzigste Jahrhundert ist angebrochen, vielleicht wird man in Deutschland zuerst erkennen, wie fadenscheinig und wie durch und durch verlogen alle Argumente sind, welche der Judenhaß erfunden, um seine durch Neid und Angst vor unbequemer Concurrenz erzeugten Beschuldigungen gegen Judenthum und jüdische. Religion zu stützen. Der „Pöbel" ist offen, ihm ist es, soweit er besitzlos ist, nur darum zu thun, mühelos und straflos bei den „Juden" zu holen, was ihm mangelt, die halb- und ganz gebildeten Racen- oder Religions-Antisemiten hängen ein „Mäntelein" um, um zu sagen: „öte toi que je m’y mette“. Und wenn Meere von Tinte vergossen, Berge von Druckerschwärze angehäuft würden, so wäre jede Belehrung oder Bekehrung dieser Elemente vergeblich, denn dieselben wollen nicht belehrt sein, und soweit sie belehrungsfähig sind, wissen sie ganz genau, wre ungerecht und für die Allgemeinheit verderblich ihr Wirken ist. Raubthieren wehrt man auch nicht durch „Belehrung" das Rauben, nein, hier gilt es alle vorhandenen Vertheidigungsmittel zu gebrauchen und auch prophylaktisch in gemeinsamer Abwehr zu wirken. Gegen den Feind in der eigenen Mitte aber, da gelten andere Waffen und andere Methoden der Abwehr. Zu den Hauptfeinden unserer altehrwürdigen Religion, welche der Welt den Monotheismus und die Idee der Ethik, das Sittengebot gegeben, gehört nicht derAntisemitismus — diese periodisch auflodernde Zeitkrankheit kommt, geht, und kommt dann wieder, solange nicht die w i rths ch a ftl i ch en Zustände der Völker endgiltig gebessert sind — sondern der Jndifferentismus, die Gleichgiltigkeit und die Abneigung der eigenen Confessionsgenoffen. Es ist nicht zu bestreiten, daß es Juden gibt, welche ihre eigene Religion nicht kennen, und vermöge ihrer Erziehung gar kein wärmeres Gefühl für Judenthum und Juden haben, für diese ist das Judenthum nur eine Fessel, sie selbst hält noch ein gewisses Schamgefühl zurück, die Religion zu wechseln, sie erklären sich für confessionslos, ihre Kinder lassen sie aber ungescheut taufen. Diese „Juden" recrutiren sich hauptsächlich aus der Claffe der Aerzte, Rechtsanwälte, Beamte, Künstler rc. O f t befinden sich unter dieser Sorte Juden solche, welche von frommen Juden in der Jugend unterstützt wurden, um „als Juden" eine ihren Gaben entsprechende Stellung zu erre'chen.