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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Date
1900-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 22 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 2 Aber sowie der befreiende Gedanke nur in sehr langen Zeit räumen sich aus dem Dunkel empvrriugen konnte, in welchem der Geist der Menschheit, durch Vorurtheile geblendet, besangen war, so thürmten sich auch immer wieder neue Wolken vor ihm auf, die sein Licht verdeckten. Ormuzd und Ahriman haben nicht blos zu Zvroaster's Zeiten gegen einander einen unerbittlichen Kampf geführt, der Kampf dauert noch fort und ist lange nicht zu Ende. Aber Zvroaster's Verheißung auf den Sieg des Lichts wird in Erfüllung gehen und schrittweise bricht sich Ormuzd immer mehr Bahn. Ein halbes Jahrhundert nach der Verkündigung der Menschenrechte waren diese Rechte uns noch nicht zugänglich und erst die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts brachte uns in einigen Ländern die gerechte Anerkennung des gleichen Rechtes. England und die vereinigten Staaten mm Nordamerika von den anglosächsischen, Italien von den romanischen und Ungarn von den türttsch-sinnischen Staaten waren die ersten, welche die Gleichberechttgung zur Wahrheit machten und wenn es auch in letzterem Staate an Rückfällen nicht fehlte und die sociale Gleichberechtigung vielfach nur auf dem Papiere steht, so ist doch formell ein Zustand geschaffen, der sich freundlich abhebt von dem düsteren Bilde in anderen Staaten. Frankreich, das den Völkern die Menschenrechte proklamirte, ist fast in die Grenzen zurückgesunken, innerhalb welcher sich das geknechtete Volk mit Knechtessiun in die Lauueu der Machthaber fügte; Rußland — sein Verbündeter — hat nach einem kurzen Lichtblick in den Zeiten Alexander II., des Befreiers, der es nur leider nicht für uns geworden ist, unter dessen Nachfolger Alexander 1t I. wieder die ungerechteste Verfolgungssucht walten lassen, deren Rohheit nur übertroffen wird von der Feigheit, daß eine Natron von 100 Millionen, gegen ein Völklein von kaum 3 Mülionen die barbarischesten Mittel anwendet unterst von dem müde gesinnten Nikolaus II. kann man erwarten, daß er, der der Friedensbringer der Welt sein möchte, auch den Juden den Frieden geben wird, dessen sie wahrlich nicht unwerth sind. Dieser Feigheit großer Völker gegen das kleine Judenvolk begegnen wir auf Schritt und Tritt in fast allen Staaten. Rumänien verschließt sich noch immer den im Berliner Vertrage übernommenen Verpflichtungen, denen es bekanntlich die willkürlichste Auslegung gegeben hat, und in den Balkanstaaten, wo alles im Wanken ist, kann der Jude allein nicht verlangen, daß er feststehe. Soweit aber dort ein fester Boden zu gewinnen war, ist er in Serbien gewonnen worden, dessen Dynastie, dessen Regierungsmänner und dessen Volk den Juden vollen Frieden und völlige Gleichberechtigung gewähren — zum Unterschiede von Bulgarien, dessen erste That nach seiner Befreiung vom türkischen Joch die Judenverfolgung von Kazanlik war. Ziehen wir das Facit aus der Rechnung so läßt sich nicht verkennen, daß der Fortschritt vorhanden ist, wenn er auch nicht überall sich eingestellt hat, wenn er auch nicht allerwärts im gleichem Tempo marschirt. Von unserem eigenen Lande nicht das Beste sagen zu können, schmerzt am Meisten. Die Theorie wäre freilich auch bei uns die allerbeste — aber die Praxis bleibt leider hinter der Theorie zurück und die besten Gesetze taugen nichts, wenn sie nicht gegen Jedermann und für Jedermann in gleichem Maße in Anweudung gebracht werden und je weniger man in allen eiuzeluen Fällen diese Anwendung erzwingen kann, desto größer und desto trauriger ist der Gegensatz zwischen dem, was auf dem Papiere steht, und dem, was das Leben wirklich bietet. So schmerzlich die Kämpfe ums Recht auch sein mögen, wir müssen sie durchführen Nicht nur unseretwillen allein, sondern um der Zukunft willen, und des Principes halber. Wir dürfen nicht nachgeben, wir wollen nicht nachgeben, wir können nicht nachgeben. Wann der Sieg sich auf unsere Seite wenden wird, das vermag Niemand vorauszusageu, aber das darf uns nicht hindern, im Kampfe anszuharren und wir können cs um jo hoffnungsfreudiger thun, als wir ja wissen, wie niedrig die Motive sind, von denen unsere Gegner geleitet werden. Ihnen ist Antisemitismus nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Wir sind der Sack, auf den man schlägt, um einen anderen zu treffen und dieser andere ist der freiheitliche, unabhängige Geist, der zeitweise Liberalismus hieß. Man konnte ihn Niederdrücken, aber umbringen konnte man ihn nicht, man konnte ihm die Jugend abspenstig machen und dadurch selbst künftigen Generationen das Gift der Reaction einflößen, aber der jugendliche Körper wird mit der Zeit auch dieses Gift wieder ausscheiden und wenn die Periode des Materialismus überwunden sein wird, kommt eine neue Periode des Idealismus — allerdings nicht jenes von den Liberalen mißbrauchten — zu Ehren. Der Ultramontanismus, den der Liberalismus in der Zeit von 1848 bis 1880 niedergedrückt hatte, rang sich wieder empor, und er war es, der des Antisemitismus sich bediente, um dem Liberalismus den Boden zu entziehen. Wo die Bildung der Massen auf der niedrigsten Stufe steht, dort gelingt es ihm zu neuer Macht sich emporzuschwingen. Sein Ziel ist die Weltherrschaft. Sowie aber er unablässig diesem Ziele zustrebt, so bemühen sich die Völker, sich dem Joche zu entziehen, das ihrem Fühlen und Denken von dieser Seite auferlegt wird. Ihre Waffe ist Bildung und Gerechtigkeit. Mit welchen Waffen die Gegner kämpfen, brauchen wir nicht zu sagen. Kann es da zweifelhaft sein, auf welcher Seite schließlich der Sieg bleiben muß? A. Wiene r. Zur Abwehr. Mit den antisemitischen Journalen zu polemisiren, ist ein unreinliches Geschäft. Die richtige Action wäre: einen tüchtigen Besen nehmen und auskehren. Ob sie im rohen Tone des „Deutschen Volksblattes", dem es doch nur ums Geschäft zu thun ist, oder ob sie in der minder plumpen im Wesen nach ebenso verlogenen Weise der „Deutschen Zeitung" die Juden beschimpfen, Tsxt und Melodie bleiben sich immer gleich, wenn auch die Tonart mitunter wechselt. Das „Volksblatt" hat es dabei verstanden, auf seine Kosten zu kommen, wie es aber auch immer die „Deutsche Zeitung" anpackt, findet sie den erhofften Gewinn nicht. Für die blöde Menge, welche das „Volksblatt" liest, ist sie zu unverständlich und gebildete Leute können doch ihrem Unsinn nicht Glauben schenken. Man sagt mitunter, man solle sich um die vorgebrachten Lügen nicht kümmern und die Leute reden lassen. Das ginge nur an, wenn es sich um ein beliebiges Individuum handelt, es geht aver nicht, wenn es sich um eine Religions¬ oder Stammesgemeinschaft handelt. Freilich sollte diese von Staatswegen gegen jegliche Verunglimpfung geschützt sein. Unser Strafgesetz „schützt" auch wirklich jedes Religionsbekenntniß und seine Bekenner, lede Nationalität und ihre Angehörigen — auf dem Papiere. In der Wirklichkeit sieht die Sache anders aus und da die politischen Verhältnisse es bewirken, daß das Recht sich nach ihnen richten muß, so bleibt nichts übrig, als sich selber zu schützen, so gut man kann. Natürlich braucht man nicht agrcssiv zu sein, wenn es gleich eine alte Kampfregel ist, die beste Defensive sei der Angriff. Allein den muß man sich für specielle Fälle aufheben, damit der Stoß sicher gehe. Für die tägliche Arbeit muß man sich mit der Abwehr begnügen. Reinlich ist diese Arbeit auch nicht, denn man hat es mit Gegnern zu thun, die mit Argumenten nicht zu fassen sind, weil sie selbst keine haben, und die nur mit Hep-Hep — Jud-Jud, oder mit Lügen derbster Art um sich werfen und blos die Leidenschaft einer leicht erregbaren Menge aufzustacheln suchen, aber nicht an deren Verstand sich wenden. Mit der Wahrheit kämen sie nicht weit, die ist trocken und schwer zu schlucken, die Lüge ist fett und gleitet in den Schlund hinab. So arbeiten sie mit Lügen und wenn möglich mit den dicksten. Das beliebteste ihrer Mittel ist den Neid zu erwecken, er ist die niedrigste verächtlichste Eigenschaft, aber mit ihr können sie sicher rechnen. Das versteht auch der Allerdümmste, Denjenigen zu verfolgen, von dem man ihm sagt, er sei reicher oder gar er bereichere sich auf seine Kosten und gerade dieses Argument kehrt

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