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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 1 Seite 19 Dr» Bloches auf; den Balcou hinaus. Während sie den fast dunklen Flur durchschritten, raschelte etwas an der geschlossenen Thür des Gastzimmers und fiel dann zu Boden nieder. Es war Gitel die jedoch von dem Ehepaar unbemerkt blieb. Mendel wiegte sein Haupt. . „Sie singt so!" „Sehr schön singt sie t" flüsterte Ruchel. Nach einer Weil fügte sie hinzu: „Wie glücklich sie ist! zu haben solche Brillanten und so zu singen!" Ihre derben Schultern erzitterten unter der häßlichen Jacke; über, ihr dickes Gesicht glitt ein Zucken, den Blick zum Himmel emporhebend, fragte sie in leisem Flüsterton: „Siehst Du, Mendel, wie schön der Mond leuchtet!" Er hatte es bereits bemerkt, und er, der sonst so beweglich, stand wie zu Stein erstarrt. Er lauschte dem Gesang und sein Auge war nach oben gerichtet. In diesem Augenblicke erhoben auch in einem anderen Hause der ernste Chain: Cygler und seine Frau Malta ihre über das große Rechenbuch geneigten Köpfe, und da sie ein einiges Ehepaar waren, sagten sie gleichzeitig: „Jemand singt sehr schön!" Sie wollten weiter rechnen. Es ging nicht. Die Zahlen und Gedanken geriethen in ein wirres Durcheinander. Sie standen auf und traten zugleich auf den Balcon hinaus. Nach einer Weile sagte Malta: „Ich weiß, wer so singt, ich habe mich erkundigt. Das ist eine große Sängerin und die Leute zahlen ihr sehr viel Geld für ihr Singen. So schön zu singen und noch dafür zu bekommen viel Geld-! O, wie glücklich sie ist!" Und warum, wenn sie ist so glücklich, klingt ihr Gesang so traurig?" fragte Chaim. Malta seufzte. „Mir dringt dieser Gesang bis hinein ins Herz!" „Und mir scheint, daß er steigt bis hinauf zum Himmel. Siehst Du, Malta, wie schön der Mond scheint?" Plötzlich verstummte der Gesang. Keiner der Zuhörer ahnte die Ursache davon. Es war ein Schluchzen, ein tief aus dem Inneren dringendes Weinen, das die Melodie so jäh durchschnitt, wie ein Schwert emen Faden zerschneidet. Die Sängerin hatte ihr Haupt geneigt und es in beide Hände vergraben. Als sie es nach einigen Minuten emporhob, war ihr Antlitz von einem Thränenstrom überfluthet. Aber in den Thränen und Tönen schmolz vielleicht das Herz, welches bis nun in schwerem Leid erstarrt gewesen; denn als der Gesang wieder ertönte, waren an Stelle der düsteren Tragik die Klänge einer an Saiten reichen und bodenlos traurigen Leier getreten. Das Gesicht von Thränen, die das Mondlicht versilberte, überströmt, sang die berühmte Künstlerin und unglückliche Frau von ihrem liebsten Traume, den eine tückische Welle fortgespült, von dem verzauberten, nun in Trümmer liegenden Schlosse, von der Fata Morgana, die auf ihrem Lebenswege aufgetaucht und verschwunden, von ihrem Herzen, das so lange an dem Faden eines Spinngewebes gehangen, bis es hinabgestürzt, und nun in einem unendlich traurigen Liede klagte, daß dieser Faden nur Spinngewebe gewesen. Das sehnsüchtige Lied, das nicht mehr wie vorhin, aus Kaskaden heftiger Töne, aus verzweiflungsvollen Aufschreien, sondern aus langgedehnten Musiksätzen bestand, aus endlosen Nachtigallentrillern, aus Fragen, die zum Himmel, und Seufzern, die in den endlosen Raum entsendet wurden, fluthete dahin; in dem Strome spiegelte sich paradiesischer Glanz wieder und die flammenden Flügel der Erzengel, die an der Pforte des Paradieses Wache halten. Und der Erzengel wehrte diesem armen, schwachen Menschenherzen, — in das der Genius der Kunst nichtsdestoweniger eine unendliche Kraft gelegt, — den Eintritt durch die geschlossene Pforte. Wie ein Strom, dessen Wellen aus Sehnsucht und Herzeleid bestehen, so fluthete das Lied über den Marktplatz dahin. Rund um den Letzteren sah man jetzt einen Kranz von trüben, röthlichen, hinter den Fenstern brennenden Lichtern, die in der Silberhelle des Mondes den Eindruck von blinzelnden, verweinten, aufmerksamen Augen machten. Es schien, als ob sie dem Liede aufmerksam lauschen, und von den Thränen, in die dasselbe gebadet, in tieferem Rdth erglühen würden. Nicht minder aufmerksam lauschten die Gestalten, die sich in immer größerer Zahl auf den Balcons vor . den Häusern versammelten. Eene Bewegung war in den Ameisenhaufen gekommen; die WochenfchrM hinter den sestverfchlossenen Fenstern lebenden Menschen fühlten sich hinausgestoßeu in den hellen, von Blumengeruch durchdufteteu Raum. Und etwas weiter, am Ende der eiusan:en Straße, schienen auch die aufrecht stehenden, regungslosen Malven und Georginien dem Liede zu lauschen. Dort, in dem Gärtchen, saß ein Mann, der wie eine Statue aus grauem Stein aussah. Es dauerte lange, bis er die Töne überhaupt vernahm. Als dies jedoch endlich geschehen, begann er aufmerksam zuzuhören; nach mehreren Minuten verhüllte er sein Gesicht, das der Meißel des Unglücks geformt, mit dem Aermel seines Rockes und brach nach der Weise ursprünglicher Naturen, in lautes, fast wie ein Gebrüll klingendes Weinen aus. Zum erstenmale weinte er über dem bleichen Haupte seines Sohnes, der drinnen, in dem jetzt so stillen Häuschen, so still in seinem Sarge lag. Die in. der Nähe stehenden, im Schatten der Bäume sich bergenden Frauen begannen untereinander zu flüstern: „Gott sei Dank! er hat geweint! er wird nicht wahnsinnig werden!" „Das hat das Singen bewirkt!" bemerkte eine Andere. „Solch' ein Gesang ist Herrscher über die Menschen und thut mit ihnen was er nur will! Glücklich diejenige, welche diese Kunst besitzt!" In der engen Kammer, auf dem ärmlichen Lager, flüsterten die Lippen der Gelähmten ebenfalls: „Die Glückliche!" Die kranke Frau kannte ein wenig die weite Welt; sie "wußte, daß Menschen, die über solche Stimmen verfügen, unter Triumphthoren wandeln, daß sie Beisallstmme ernten, mit Blumenregen überschüttet werden. Sicherlich ist sie jung, — das verräth die Frische und Kraft ihrer Stimme — reich, berühmt,... wie glücklich muß sie sein! Warum dann aber klingt ihr Lied so traurig? Dieser Gesang wiegt die verwundete Seele, wie eine Mutter ihr krankes Kind, und hebt sie auf Tönen, wie auf ausgestreckten Armen, höher und immer höher. Und wieder verstummte das Lied; plötzlich, unerwartet. In der silberschimmernden Luft herrschte lautlose Stille. Regungslos standen auf den Balcons die dunklen Menschengestalten, und nur die röthlichen Lichter jenseits der Fenster blinzelten, als wollten sie sagen: „Singe noch, singe!" Die Sängerin verharrte in Schweigen. In der Mitte eines Tones hatte sie das Auge gegen oben gerichtet und das Kreuz, bemerkt, das über die Däcber der Häuser emporragte. Lange schwieg sie, in Sinnen versunken. Ihr Blick schweifte hinauf, immer höher, höyer, über das Kreuz, über den Kirchthurm, bis zum höchsten Punkte des Horizonts, wo für das menschliche Auge die Grenze des Sehens eintritt. Dorthin, zu dem unbekannten Kern der Welt und der unbegriffenen Ursache ihrer Qualen und ihres Strebens, zu dieser höchsten Gesetzestafel, auf der lange Reihen von Jahrhunderten und Geschlechter in uralter Sprache und mit blutiger Schritt die Worte: Fiat voluntas Tua, eingegraben hatten, — Worte, deren Demuth der menschlichen Ohnmacht gleicht, — entsendete die Sängerin auf den Strahlen ihrer thränengebadeten Augen ihre ganze, ach! so arme und doch so reiche Seele. Als sie wieder zu singen begann, erklang in ihrer Stimme eine Bitte, die so mächtig und erschütternd, daß sie die Erde mit allen ihren Leiden und den Himmel mit der ganzen Majestät seiner bodenlosen Tiefe zu umfaffen schien. Da fühlte die Künstlerin, daß zwei kleine Hände ihr Kleid berührten und ein Kopf sich an das>elbe schmiegte. Den Blick nach unten richtend, sah sie eine nicht große, kniende Gestalt. Es war Gitel, die leise hereingeschlicheu. wie ein scheues Kätzchen an der Wand entlang geglitten und zu Füßen der Fremden hingesunken war. Aufmerksam betrachtete die Sängerin das kniende Kind. Nach einer Weile legte sie die Hand auf dessen Kopf. Der Smaragd blitzte im Mondlicht wie ein grünes Irrlicht, die weiße Hand erglänzte auf den rabenschwarzen Haaren, und gleichzeitig erscholl — mächtiger noch als vorhin — die Stimme der Sängerin in dem weiten Raum. Bon der Erde zum Himmel stieg der flehentliche Ruf. Es war ein Gebet um Heilung aller Wunden, Bergebung für alle Sünden, um Licht für das Dunkel, Hoffnung für die Berzweifelten, Rettung für die dem Untergang Geweihten, um Schutz für die Getretenen, um Kraft zum Leben und zum Singen für Alle, deren L>ppeu vom Sprechen ermüdet waren und vom Lächeln, zu dem sie sich zwingen mußten, schmerzten.

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