Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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aescataaa 'vmar. rHwawB^wir«il.tw¥%i> „«rjBcgaHi^aCTBa^gj Sette 18 Dr. Blockes Wochenschrift. In der ersten Lection gab er seinem Neffen und Schüler *u berechnen, wie viel Geld er als Escadronchef jeden fünften Tag zur Auszahlung für 120 Mann, sieben Kreuzer per Mann' und Tag, bedürfte. Nun entwickelte Lorenz eine außerordentliche Wißbegierde, die sich aber seinem gewählten Berufe entsprechend, mehr auf mllitärische Angelegenheiten als aus das Rechnen bezog. Ec erkundigte sich nämlich, wie viel Mann eine Escadron, wie viel Escadronen ein Bataillon, wie viel Bataillone ein Regiment, wie viel Regimenter eine Brigade bilden. Bei dieser paffenden Gelegenheit erbat er sich auch Auskünfte über die Zahl der Officiere bei einem Regimente, und deren Rangordnung. Nun schien es dem Major höchst angezeigt, den Wissensdurst seines Schülers zu stillen, dann aber war Lorenz in seinen Fragen unermüdlich, erkundigte sich, wie es möglich sei, so viele Leute in Ordnung zu erhalten, und führte, um sein diesbezügliches Erstaunen vernünftig zu motiviren, die Thatsache an, daß der Schullehrer in W. „schwere Arbeit" gehabt hatte, fünfzig Schuljungen in Ordnung zu erhalten und wußte hierbei recht wirkungsvoll einige vorzüglich ausgeführte Schelmenstücke der nichtsnutzigen Buben zu erzählen (die Erzählungen bildeten eine Art Autobiographie), so daß der Major, der in seiner Jugend, wie er seinem Neffen mit mehr Freimuth als pädagogischer Klughett mittheilte, selbst ein „Haupt-Lumpazi" gewesen, nicht aus dem Lachen herauskam und ihm die Thränen stromweise über die kirschrothen Backen in den dicken grauen Schnurrbart stoßen. Major Hornek wollte als humoristischer Erzähler nicht hinter dem „Mordmalefizkerl" wie er Lorenz im tete-L-töle mit der Baronin höchst liebevoll bezeichnete, Zurückbleiben und erzählte, seinersetts wieder Komisches aus dem Militärleben, so daß Lehrer und Schüler sich bei diesen eigenthümlichen Rechenstunden königlich amüsirten und sich bei diesen so vertieften, daß sie von der „gnädigen Tante" regelmäßig von ihrer anstrengenden Beschäftigung zu Tische gerufen werden mußten. Wer das Leben denkend und prüfend beobachtet, wird erkennen, daß in vielen Fällen nicht die Eigenschaften, die «in Mensch besitzt, sondern anderweitige außerhalb seines Wesens liegende Factoren entscheidend auf sein Schicksal eiuwirken. Auch Lorenz Golzinger hatte die Gunst seiner Pflegeellern nicht allein seiner einschmeichelnden Unterwwffigkeit, sondern auch einem glücklichen Zusammentreffen eigeuthümlicher Umstände zu danken. Der Major war, wie schon erwähnt, längere Zeit durch das Podagra an seinen Lehnstuhl gefeffAt gewesen, und das hatte ihn, wie leicht erklärlich, verstimmt, launisch Mürrisch gemacht. War es eine Folge der ärztlichen Behandlung, die Einhaltung der strengen Diät und einer regelmäßigen Lebensweise, oder lag es an etwas Anderem, sein Gesundheitszustand besserte sich von dem Tage, an welchem Lorenz in sein Haus gekommen, zusehends, und auch die Majorin behauptete — ob mit Recht oder Unrecht, wird die Nachwelt wohl me mtt voller Klarhett zu beurtheilen vermögen — ihre rasenden Zahnschmerzen hätten sich seit Lorenz Anwesenheit verloren, und die abergläubigen Menschen meinten in der That, er habe ihnen Glück gebracht, und fühlten sich ihm zu Danke verpflichtet. — Sobald der Major im Stande war, das Zimmer zu verlaffen, lehrte er seinen Neffen in einem gedeckten Schießstande seines Hauses, schießen, und als er so weit hergestellt war, ein Pferd zu besteigen, auch reiten. Lorenz machte in den sogenannten ritterlichen Uebungen weit raschere Fortschritte als in den Elementargegenständen des menschlichen Wissens, uud stieg täglich in der Gunst der unklugen, leichtbethörten Leute. Golzinger und seine Frau besuchten zeitweilig ihren Sohn und ließen bei dieser Gelegenheit die dicksten Weihrauchswolken zu den freiherrlichen Nasen emporsteigen. Jedesmal, wenn Golzinger seinen Sohn besuchte, unterwies ihn der schlaue Mann, in welcher Weise er sich die Gunst seiner Gönner erhalten könne und seine Lehren fiele» auf fruchtbaren Boden. Der sonst geizige Golzinger war, wenn er einen wichtigen Zweck erreichen wollte, nichts weniger als sparsam. Er übergab Lorenz eine anständige Summe mit dem strengen Aufträge, diese nur ihrer Bestimmung zuzuführen, welche darin bestand, an jedem Geburtsnnd Namensfeste dem Onkel und der Tante ein kostbares Geschenk zu überreichen, und so hatte sich Lorenz Golzinger im Hause im höchsten Grade beliebt, fast unentbehrlich gemacht. Lorenz war schon ein stattlicher, derber Bursche geworden, Mer ein roher unwissender Junge geblieben, und in dem klugen Golzinger begann die Befürchtung aufzusteigen, daß er vielleicht doch nicht sein Ziel erreichen werde, daß Schwager und Schwägerin Lorenz alsein unterhaltendes Spielzeug betrachten, die Kosten, die er ihnen verursachte. als genügende Entlohnung seiner Gegenleistungen die ihm ja selbst das größte Vergnügen bereiteten, betrackteten. Bürgermeister Golzinger wollte nun einen entscheidenden Schlag versuchen, er wollte zuerst die Stimmung seines Schwagers und seiner Schwägerin recognoseiren und sie dann herausfordern, Farbe zu bekennen. (Fort etzung folgt.) Gin Augenblick. Novelle von Elise Orzeszko, einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Polnischen von M a l w i n e Bin m b e r g. (Schluß.) Mondstrahlen, Resedaduft, Strohhalme an der Schwelle, die wie Gold- und Silberstäbe glänzten, die Lichtfunken in der gesprungenenen Glasglocke und die im neuem Leben erzitternden Papierblumen - Alles, so wie vorhin. Aber das Zimmer leer. Keines Menschen Umrisse zu sehen. Sie hatte geschlafen und geträumt. Ec blieb verschwunden. Schön, glänzend, beredt, wahrscheinlich heiter, lebte er irgendwo, aber nicht für sie. Nicht nur der physische Tod trennt Menschen von einander, es gibt noch andere Todesarten. Er lebte, war glücklich, für sie jedoch war er gestorben. Im Traum war er vom Jenseits zu ihr gekommen und hatte gebeten: singe! Unendlich liebte er ihren Gesang, und sie hatte geglaubt, daß er auch sie selber so liebe. Dieser Gesang war für sie ein unermeßlicher Schatz, ein Stern, dessen Glanz über ihrer Stirn erstrahlte, ein Schild, der ihrem schwachen Herzen Schutz gewährte. Als er jedoch verschwunden, dachte sie, alle Klänge, das Entzücken, die Begeisterung und die Möglichkeit des Sich-Erhebens, hätten sie ebenfalls verlassen. In ihrem Herzen ward es so still, wie einem Sarkophag. Kein Echo eines Liedes, kein Bedürfnis, es aus der Oede ihrer Seele hervorzurufen. Nun war er zu ihr gekommen nnd hatte gebeten: singe! Und diese Bitte, wenngleich nur im Traume vernommen, hatte, was sie für todt gehalten, zu neuem Leben erweckt. Sie erhob sich und ging, die Hände an ihrem Kleide hinabgleiten lassend, einer Nachtwandlerin gleich, zu der jenseits des geöffneten Fensters glänzenden Mondsichel. Warum gibt- Gott, nachdem er im Leben das Theuerste geraubt, uns dasselbe im Traunie auf einen Augenblick wieder? Wer weiß es? Vielleicht damit das Schwert, geschärft durch die Täuschung, die Sänger zum Singen ansporne? Sie blieb am Fenster stehen, blickte hinauf zum Himmel, nieder zur Erde, und schlang die Hände ineinander. Eine Fluth von Klängen begann ihrer Brust zu entströmen. Wie rothes, heißes Blut, so drang der Gesang aus der klaffenden Wunde ihres Herzens, die sich nicht schließen wollte, weil nickt ein Tropfen Balsam auf sie niedergeträufelt worden. Es war ein Aufschrei, in wunderbar schöne Form gebannt, der in Kaskaden von Tönen der Welt den Schmerz, diese wahrhafte aller Wahrheiten, verkündete, denn Alles kann Täuschung sein, nur der Schmerz ist Thatsache; Alles kann trügen, nur er trügt nie; Alles geht vorüber, nur er dauert; Alles erscheint hie und da, - er ist überall, die Sängerin, die ihr Leid singen wollte, sang das Leid der ganzen Welt. Auf den Schwingen ihrer klaren, mächtigen Stimme trug sie in die silberschimmernde Luft die ganze Tragik des Menschendaseins. Diese Töne sprachen von Qual und Grauen; die rufenden, rasenden, verzweiflungsvollen Leute sanken, nachdem sie die Atmosphäre durchdrungen, zur Erde nieder, und wanden sich auf ihr ersterbend, wie auf einem Folterlager. Auf der Erde, im niederen Thale, blieb Ruchel, die im Zimmer hin und her laufend, mit ihrem Manne zankte, plötzlich stehen und fragte: „Was ist das?" Und Mendel Schapir, der soeben im Begriff war, das Zimmer vermittelst eines Sprunges zu verlassen, blieb ebenfalls stehen und wiederholte: „Was ist das?" Einen Augenblick lauschten sie Beide, dann sagte Ruchel leise: „Mendel, komm' auf den Balcon; dort werden wir besser hören!" O, Wunder! Ruchel sprach sanft und leise! Sie traten