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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sk. 1 Auf dem Balcon des Hauses sprach Rachel leise: „Mendel, ich will mich mit Dir versöhnen. Wie kann man sich zanken, wenn die Welt ist so schö l, und solch' schönes Singen auf ihr'/ Und Mendel, dessen Gesicht in einemfort zuckte, blickte voll Erstaunen auf seine Frau, denn Ruchel's Augen waren wieder von einer so tiefen Bläue, wie er sie einst bei der Zwanzig« jährigen bewundert. Auch der ernste Chaim Cygler sprach jetzt mit seiner Frau-. „Malka! Vielleicht sollen wir lassen Zeit der Obuchowska zum Bezahlen nicht eine Woche, sondern einen Monat?" „Weißt du, Chaim, warte schon lieber zwei Monate", antwortete Malta, und da sie ein einiges Ehepaar waren, blickten sie gleichzeitig zum Himmel hinauf und flüsterten: „Gott ist groß!" Noch immer hielt die Künstlerin ihre Hand auf dem Kopfe des knienden Mädchens. Sie glaubte das Herzklopfen des armen Kindes zu fühlen. Sie blickte hinunter. Wer ist das? Welch' eine Wandlung? Gitel, noch immer kniend, hatte ihr Haupt emporgehoben und das Antlitz dem Monde zugewandt; mit den auf der Brust gefalteten Händen, der paradiesischen Sanstmuth in den großen, schwarzen Augen, dem entzückten, ihre Korallenlippen öffnenden Lächeln, sah sie aus, als wäre der Geist des Gebetes und der Extase in ihre süße Erscheinung festgebannt worden. Die Sängerin blickte um sich. Bor allen Häusern standen dunkle, stumme, lauschende Gestalten, und zwischen ihnen, jenseits der Fenster, blinzelten die Lichter und schiene.! zu rufen: „Singe noch, singe!" Und sie sang. Sie fühlte, daß sie Macht über die Seelen besitze, und dieses Gefühl erhebt die Meister des Wortes und Klanges von dem Thale des Elends auf Höhen, die vorhin unerreichbar waren. In der vom Unglück gebeugten F.au war die Künstlerin erwacht. Der Genius der Kunst hatte ihr verwundetes Herz ergriffen und chm unzerstörbare Flügel verliehen. Sie breitete dieselben aus und schwang sich empor über ihre Thränen und Schmerzen; hoch über diesem Ameisenhaufen dähinströmend, erklang ein tröstendes, Muth und Kraft einflößendes Lied. Und in der, einem schwarzen Abgrund gleichenden Straße, spiegelte sich Trost, — ein seltener Gast — iu dem Lächeln wieder, das auf den Zügen eines Kindes aufgeblüht war. Vor Kurzem hatte Gitel ihre Schultern von dem schweren, mit Kartoffeln gefüllten Sack befreit, und nun saß sie da, die schmerzenden Schultern an den Zaun lehnend, müde und barfuß, und drückte ein Stückchen Brod an die erbleichten Lippen. Trotzdem sie hungrig war, hatte sie schon seit mehreren Minuten zu essen aufgehört. Sie war voller Verwunderung und wußte selber nicht warum. Sie fühlte nur, daß es es schön war auf der Welt. Dieses winzige Symbol der Menschheit, das seine schwere Last auf einen Augenblick abgeworfen, hatte auf eine Weile an seine schmerzenden Schultern vergessen, und das Antlitz, auf dessen Zügen ein schwacher Mondstrahl irrte, zum Himmel emporhebend, lächelte es und lauschte dem Liede. Und die Künstlerin sang... Ende. Briefkasten. An den gewisse« Frager. So hämisch Ihre Anfrage gehalten, so unrichtig ist sie aber doch. Der Augsburgische Archivar Herberger hat seinerzeit, in den Vierzigerjahren, ein lehrreiches Büchlein geschrieben: „Augsburg und seine frühere Industrie", worin er unter Anderem auch n a ch w i e s, daß nicht der fabelhafte Mönch Berthold Schwarz das Pulver erfunden, sondern der Augsburger Z u d e Typstles anno 1353. — Dies nur nebenbei; im Uebrigen, wie läßt doch nur Beaumarchais seinen Figaro sagen: „Will der Herr ein Tänzchen, so mag er's nur sagen, wir spielen ihm gerne auf." — Dixi. B. A. Ein berühmter deutscher Gelehrter Prof. Schubert sagte scherzhaft: „Ich lese alle Sprachen, wenn sie erst ins Deutsche übersetzt sind." H. W. Ein ganz ähnlicher Gedanke kommt in einem Ausspruch Mohammed's zum Ausdrucke: „Wenn der Mensch stirbt, so ftagen die Leute, was hat er hinterlasien? Die Engel sprechen, was hat er voraugeschickt?" Herausgeber und verantwortlicher Redacteur: Dr. Jos, I. B. Die Weisen des Talmuds sagten: „Die Leidenschaft geht gleichgiltig wie eine Fremde an dir vorüber; sie tritt bescheiden ins Haus wie ein Gast; sie verweilt darin als Herr." Justus. Wenn man das Verganiblatt hört, so muß man glauben, es gäbe auf Erden nur eine Pflicht: das Schlechte zu thun und nur ein Unrecht: für die Wahrheit eintreten. Historicus. Herder schrieb in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit": „Es wird eine Zeit kommen, da man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sei; denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum Besten des Staates beitragen. Nur eine bärbarischeVerfassung hat ihn daran hindern, oder seineFähigkeit schädlich machen mögen." I. B. Die famose Affaire, in welcher der Cooperator D i t t r i ch eine so würdige Rolle gespielt hat, ist glücklich vertuscht worden. W. B. Ob der zur Berühmtheit gelangte nunmehrige Geistliche M o r t a r a, ein Abkömmling des gelehrten Saul Levi Morteira ist, der Anfangs des 17. Jahrhundertes Rabbiner in Amsterdam war, ist uns nicht bekannt. M. H—d. Wenn Dr. L u e g e r das Programm, welches er in seiner Antrittsrede als Bürgermeister entwickelte, verwirklicht hätte, dann wäre er ein ebenso guter Bürgermeister, als ein unbrauchbarer — Antisemit gewesen. I. D. Im Talmud werden die Stimmen von Rabbinern citirt, die sich als principielle Gegner der Todesstrafe bekannten. I- W—g. Der berühmte David Friedländer erzählt im Jahre 1793 in einer seiner Schriften, bei Besprechung einer Schrift über die Schädlichkeit der Juden, die folgende köstliche Anekdote: „Ich kann mich nicht enthalten, bei dieser Gelegenheit eines naiven Geständnisses zu erwähnen, das einmal ein Edelmann, welcher in seiner Jugend auf der Universität in die Hände solcher Beutelschneider gefallen war, gegen mich ablegte. Nach einem langen, etwas lebhaften Gespräche, worin er sich mit großer Bitterkeit über die Behandlung, welche er erfahren hatte, beschwerte, fragte ich ihn: Aber warum gingen Sie in Ihrer Verlegenheit nicht zu christlichen Geldverleihern? — O, erwiderte er, die sind gar unersättli ch." Ein Fortschritt. Der Vorstand der Wiener Cultus-Gemeinde hat sich unbestrittene Verdienste um den Religions-Unt.rricht erworben, die auch allenthalben ungetheilte Anerkennung findet. Die Einführung des Jugendgottesdienstes, die Anstellung tüchtiger, pädagogisch gebildeter Lehrkräfte, die Verbesserung der Lehrpläne die Einführung eines ständigen Ausschusses für die Lehrer-Conferenzen geben reichlich Zeugniß für das eifrige, ernste Streben, den Religionsunterricht an den Wiener Volks- und Bürgerschulen möglichst zu verbessern und auszugestalten. Um diesem Unterricht den bestmöglichen Erfolg zu sichern, fehlte es leider bisher an einem guten, zweckdienlichen Lehrbuch. Dieser Uebelstand ist nun durch ein Werkchen behoben, das vor Kurzem auf dem Büchermarkt erschienen ist. „Der Israelitische Religionsunterricht an Bürgerschulen" *) betitelt sich das Büchlein, das sowohl dem Inhalte wie auch der Anlage nach allen Anforderungen, die an ein gutes Schulbuch gestellt werden können, vollkommen entspricht. Frei jeder salbungsvollen Phrase, bündig und präcise, klar und verständlich, dem kindlichen Geiste entsprechend, aber aucv anregend für den Lehrer und Laien, hat es der Verfasser in ttefflicher Weise verstanden, die wichtigsten Grundsätze und Lehren unserer Religion in 45 Druckseiten niederzulegen. Aus jedem der 17 Capitel hört man den tüchtigen praktischen Lehrer sprechen, der es versteht, das kindliche Herz für die jüdischen Satzungen zu erwärmen, den kindlichen Sinn für jüdische Grundsätze empfänglich zu machen. Wenn das Werkchen nichts anderes enthielte, als die treffliche Erklärung des „Kadisch, K'duschoh, Kiddusch, Kiddusch haschem," es würde schon dieses einzigen Capitels wegen empfehlenswerth sein, allein jedes einzelne Capital bietet dem Kinde reichlich Gelegenheit die sinnreichen und ethischen Grundsätze unserer Religion kennen zu lernen. Aber noch mehr, das Büchlein leistet auch dem jungen Lehrer treffliche Dienite. Er wird an der Hand des Buches leicht und verständnißvoll den Unterricht leiten, die Schuljugend anregen und den Vortrag interessant gestalten können. Und nicht nur Schüler und Lehrer auch jeder Laie wird das Werkchen mit Beftiedigung und Interesse lesen. Möge das Büchlein allerwärts jene Anerkennung finden, die es verdient und mögen Lehren, die der Verfasser so anregend und interessant niederzuschreiben wußte, auch Eingang finden in das empfängliche Herz unserer Kinder. Sch. *) Zweite vermehtte und verbesserte Auflage der Materialien zum Religionsunterrichte von Josef Plohn, emer. Jnstituts-Director, Religionslehrer der isr. Cultusgemeinde, Wien 1889. Im Selbstverläge des Verfassers II., Blumauergasse 20. —= tymm nsa —- Sämmtliche Utensilien für 2 Backöfen eingerichtet. Auskunft: IX. Bezirk, Rothe Löwengasse 10, bei R. Sabl, Wien. S. Bloch. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VQI.

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