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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Blocht Wochenschrift» Seite 9 Herr von P spricht von einem Bemühen, dem Volke seine eigene Vergangenheit zu entfremden, ihm fremde Begriffe und Gesinnungen von der Bühne herab einzuimpfen. Er ist da nicht gut unterrichtet, wahrhaftig nicht. Und man muß ihm das zu Gute halten. Er scheint nicht gar oft ins Theater zu gehen. Sonst müßte er die gegenwärtige oder vielmehr die halb überwundene Richtung genau kennen. Man wollte doch nichts sein, nur wahr; nichts schildern, nur Geschautes. Nicht einmal Raum für Gesinnung blieb. Nur der streitbare Herzl machte einen kampflustigen Vorstoß. Es ist ihm nicht eben gut bekommen und er wirds wohl sobald nicht wieder thun, so sicher es ist, daß gerade die Gegenwart dem Juden als Juden manche Tragik auferlegt, die einer Behandlung wohl würdig wäre. Der meistgespielte Dramatiker ist gegenwärtig Gerhard Hauptmann. Alle seine Stücke sind lebendig, selbst die, von denen inan Anfangs nichts wissen wollte — den Florian Geyer ausgenommen — sind durch seine späteren Erfolge wirksam geworden. Ihm nach strebt Max Dreyer. Dreher ist ein sehr strammer Arier, übrigens wirklich ein prächtiger Kerl, dem mau seine Erfolge gönnen mnß. Alsdann dürfte Herrmann Sudermann kommen. Dann vielleicht Max Halbe und, obzwar er bisher keinen rechten Erfolg hatte, so muß man Otto Erich Hartleben hier anreihen. Denn auch er gehört zu den Stimmführern und er, der Urgermane, ist überhaupt der einzige, lebende Satyriker, der mit gelassenem Witz unsere Gesellschaft bespöttelt und unser Philisterthum verhöhnt. Unter ihnen Allen ist nicht ein Jude, ein Jndengenvsse oder Judenstämmling. Man wünschte wahrhaftig, es wäre anders. Gewiß, es gibt Juden von großem Talent und von schönen Erfolgen. Da wäre in allererster Reihe Arthur Schnitzler. Er hat viel Glück; aber er arbeitet auch mit einer künstlerischen Ehrlichkeit, die man selbst dann achten muß, wenn mau mit ihrem Ergebniß nicht einverstanden ist. Da wäre Ebermanu, dem mit der Atheuerin ein schöner Wurf gelungen ist, den zu widerholen er nun zu lange zögert. Es ist noch Georg Hirschfeld, der sauberste, ängstlichste Künstler, den man sich denken kann. Melancholisch und wie gebannt steht er im Judenthnm, und, wenn er eine Zersetzung schildert, so nur die in seiner Mutterreligion, die ihn mit unzerreißbaren Bauden hält, in deren Betrachtung er nun einmal weihen muß. Völlig still ist es über die Rosmer geworden, in der man einmal eine ungemeine Begabung vermuthet, und Ludwig Fulda ist trotz seines trefflichen Talisman nunmehr wohl endgiltig in die zweite Reihe zurückgedrängt. Unter ihnen ist nicht ein Speculaut. Bleibt Karlweis. Destructivcs wird man bei ihm nichts finden. Und intimer als er hat noch Niemand das Wienerthum gekannt. Bleiben Blumenthal und Kadelöurg. Es ist richtig: ich verstehe ihre Erfolge auch nicht. Sie sind flüchtig und seicht. Aber, sie haben nun einmal das Recept zum Schwanke, bei dem das Publikum nicht aus dem Lachen kommt. Durch welche Mittel sie das erzielen, verstehe ich nicht. Aber sie Habens mm einmal heraus und sie verdienen damit ein reidengeld. Sie hüten sich aber mit einer grenzenlosen Aengstlichkeit vor Allem, was irgendwo oder bei irgendwem Anstoß erregen könnte. Sie sind wahrhaftig das Gegentheil von Revolutionären. Oder es bleibt der sehr geschäftige Herr Philippi. Handwerker sind es, die weiter nichts sein wollen, die den Geschmack des Publikums, das heißt des deutschen Philisters ausgewittert haben und nun darnacharbeiten. Es ist richtig, sie verdienen viel und man mißgönnt es ihnen. Aber jeder Gewerbebetrieb lohnt besser, als die Kunst. Und so bleiben die Possen - Fabrikanten, die Librettisten. Das sind durchwegs Arbeiten, die ins Handwerk gehören. Dominireu die Juden hier, so zeigt das nur für ihren Witz, ohne den man nun einmal nicht lustig wirken kann, und für ihren Fleiß, mit dem sie das Handwerk lernen. Ich wollt es wäre anders. So aber - es ist nicht ein wahres Wort in Allem, was Herr von P. salbadert. Und wenn er behauptet, der Dramatiker habe national zu sein, so ist das sehr heiter. Es hat keine deutscheren Dichter gegeben als Otto Ludwig und Friedrich Hebbel, trotz der „Makkabäer", der „Judith", trotz „Herodes und Marianne. Und vor ihnen Allen und sogar vor Schiller kämen Herr Ernst von Wildenbruch und Herr Josef Laufs, man denke: Herr Lauff, der auf anßertourliches Avancement dichtet. Sie haben ja jetzt ihr Theater. Und Adam Müller- Gutenbrunn würde sicherlich Jeden mit offenen Armen empfangen, der zu ihm käme. Wo bleiben ihre Leistungen °? Die Schwänke des Stadttheaters sind wahrhaftig nicht besser als die im Raimundtheater und Herr Wolfgang Madjera ist sicherlich so wenig das Genie der Zukunft als Frau Baumberg nur entfernt an Frau Laugkammer heranreicht. Ihren Platz in der deutschen Dichtung der Gegenwart haben die Juden. Ihren Platz auf der Bühne auch, wenn man ihn gleich sich besser wünschen möchte. Wegschimpren lassen sie sich nicht. Und ein Recht sich dramatisch zu bethätigen haben sie auch. Denn die grandiose Tragödie vom „Hiob" und das wunderbare Schüferspiel des „Hohen Liedes" sind älter denn alle Chorgesäuge des Aeschylos. Xemo. Vom Jahrmarkt des Lebens Das Stotterübel und andere Sprachgebrechen. Vortrag im militärwissenschaftlichen Verein. Dem Armeeblatte von 27. December vorigen Jahres entnehmen wir folgenden Bericht: Am 15. d. hielt Reg.-Arzt Dr. Gustav Weil, Chefarzt des Laudwehr-Stabsosficierscurses, einen sehr anziehenden Vortrag, der unter dem obigen Titel angekündigt, im wahren Sinne das Wortes, ein Streifzug in das Gebiet der gesunden und der kranken Sprache war. Der Vortrag gehört zu den sormbesten, die im militärwissenschaftlichen Vereine gehört wurden. Der Redner verbereitete sich in der Einleitung über den idealen Zusammenhang aller Wissensgebiete, der bereits von Philosophen des Alterthums betont wurde, streifte mit einigen Worten die Bestrebungen, dem Specialistenthum in der Heilwissenfchaft zu begegnen um dann auf den eigentlichen Gegenstand, das Stotterübel, einzugehen. Die Ursache der auffälligen Zunahme dieses Sprachleidens wurde auf die krankhaft gesteigerte Nervenerregbarkeit des modernen Cultnrmenschen, sowie das auffällige Mißverhältniß der Frequenz desselben bei beiden Geschlechtern (16 männliche auf einen weiblichen Stotterer) in durchaus origineller Weise auf emwicklungsgeschichtliche und sociale Momente zurückgesührt. Hieran schloß eine knappe, durch Zeichnungen illustrirte, durchaus klare Darstelluug der complicirten Vorgänge, welche dem Sprachacte zu Grunde liegen. Der Zusammenhang des im Großhirn befindlichen Sprachcentrums mit den peripheren Organen der Sprache, die Gesetze der Coordination und der Lautbildung wurden trotz der Sprödigkeit des Stoffes recht faßlich erläutert, und die zahlreichen Zuhörer folgten dem gewandten Führer leicht und sichtlich befriedigt auf dieses schwierige Gebiet. Auf die zahlreichen Ursachen des Stotterübels übergehend, wurde die gestörte Coincidenz zwischen dem Borstellungs- und dem Svrachvermögen der Kinder als die häusigste Veranlassung des Leidens bezeichnet, der sich die eingehende Besprechung anderer Gelegenheitsursachen, so der deprimirenden Affecte des Schreckes, der Furcht u. s. w., schließlich die Verletzungen des Hirnes und des Markes anschlossen. Die Schilderung der Krankheitszeichen, insbesondere der sogenannten Mitbewegungen packte durch die geradezu dramatisch bewegte Sprache. Mit der Betonung der Wichtigkeit einer streng individualisirenden Behandlung des Stotterübels schloß der äußerst anregende Vortrag, der sowohl in stilistischer als in rhetorischer Beziehung als ein Meisterstück populärwissenschaftlicher Darstellung bezeichnet werden kann. Es ist hier nicht

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