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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Dr. Blych's Wochrnfchclft» Nr. 1 boren, wie die Liebe zu den Eltern, zn den Kindern. Es hat etwas Protziges an sich und macht den Verdacht auf leere Heuchelei rege, wenn Jemand seine Vaterlandsliebe gar zu häufig betont. Mich berührt es jedesmal ganz eigenthümlich und nicht besonders angenehm, wenn man Einem keine andere Tugend nachzusagen vermag, als daß er seine Familie liebe. Das ist in meinen Augen noch keine Eigenschaft, die ein eigenes Lob verdienen würde; nur ist des strengsten Tadels werth, wer sie vermissen läßt. Ja wohl, jeder Erdensohn hat ein Vaterland, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hängt; blos die bestialische Roheit vermag dies in Abrede zu stellen, wenn eine gewisse Menschenclasse in Betracht kommt. Bor dem Tribunale der Vernunft existiren keine anderen Criterien für die Nationalität, als die gemeinsame Sprache und die treue Anhänglichkeit an das Land, in dem man geboren wurde, in dem man seine Jugend verlebt und seine Ausbildung genossen hat. Die Confession ist hiebei ohne jeden Belang, und was die von Hohlköpfen so hoch bewerthete Racentheorie anbelangt, so hat sie eben nur noch in diesen Raum. Der Jude ist in Deutschland ein Deutscher, in Frankreich ein Franzose, in England ein Engläuder. Der Jude, der in den glorreichen Tagen Deutschlands dessen Einheit mit dem eigenen Blute kitten half, kämpfte er da etwa für die Wiederaufrichtung Jerusalems? Und der Jude im feindlichen Lager, zu - wessen Ehre trug er denn seine gesunden Glieder zu Markte, wenn nicht zu der seines französischen Vaterlandes? Und hätten sich auch beide, der deutsche und der französische Jude, in der Liebe zu Zion, ihrem religiösen Vaterlande, zusammengefunden, würde ihr Patriotismus darunter gelitten haben? Jahrhunderte hindurch in schmachvollster Weise geknechtet, in seiner Menschenwürde aufs tiefste verletzt worden zu sein und dennoch dem Stückchen Erde, auf dem man sich nur mühselig fortgebracht hat. mit ganzer Seele zugethan bleiben, ist eine Aeußerung des Gemüthes, die nur bei einem geistig verkrüppelten Individuum blöde Witzelei, bei jedem normalen Menschen jedoch vollste Bewunderung erwecken wird. Freilich, auch die Zukunft wird Unterschiede statuiren zwischen den einzelnen Menschengruppen, aber als Maßstabes wird sie sich weder der Confession noch der Nationalität, sondern einzig des Charakters bedienen. Sie wird nur noch zwei Kategorien von Menschen kennen: Vornehme und Lumpe. Wir hoffen, diese werden sich dazumal blos noch in verschwindender Minorität vorfinden. * * * Zu dem letzten Artikel des Herrn Dr. Eitelberg erhalten wir folgende Zuschrift: Hochgeehrte Redaction. Gestatten Sie gütigst einige Bemerkungen über den in der letzten Nummer dieser Zeitschrift von Dr. A. Eitelberg erschienenen Artikel betiteltr Ueber den Religionswechsel. Gewiß wird es unter dem großen Leserkreise Ihres geschätzten Blattes nicht Wenige geben, welche an der Art und Weise, wie Herr Eitelberg gegen das Ueberläuferthum zu Felde zieht, nicht geringen Anstoß nehmen. Herr Eitelberg erklärt ganz Anumwunden, daß er zur Convertitenftage durchaus nicht vom theologischen, sondern nur vom ethischen Standpunkte das Wort ergreife. Er hat gegen die Verleugnung des Judenthums an und für sich nichts einzuwenden, nur den „Schacher" findet er empörend, der „mit etwas, das Tausenden und Abertausenden heilig ist", getrieben wird. Ja er geht gleich im Eingänge seines Artikels noch weiter, indem er sagt: „Man kann für seine Person Atheist sein, und man wird doch vor dem ethischen Kern, den jede fortgeschrittene Religion in sich birgt, die tiefste Ehrfurcht empfinden. Millionen Menschen ist sie allein Stab und Stütze in den mannigfachen Drangsalen des Lebens, ohne sie würden diese Armen freudlos dahinwelken, trostlos vergehen." Freilich verdient diese Pietät nur die „innige Religiosität" nicht aber der „Formenkram". Mit den angeführten Eitationen ist wohl der Standpunkt des Herrn Artikelschreibers hinreichend markirt und wir müssen unseren Geist durchaus nicht sonderlich anstrengen, um die Verwandtschaft oder sogar Identität seiner Anschauungen über Religion mit denen der Aufklärer zur Zeit Lessing's zu erkennen. Unverblümt sagt es uns Herr Dr. Eitelberg, daß man nach seiner rein ethischen Auffassung in jeder der drei monotheistischen Religionen nach Herzenswunsch selig werden könne und es hätte demnach gar nichts auf sich, wenn ein Jude „ohne vorhergegangenen rituellen Act" eines schönen Morgens als Christ erwachte! Also nicht die Verleugnung der Religion, welche den jüdischen Stamm großgezogen und für welche die Ahnen in allen Herren Ländern zu Hunderttausenden geblutet: sondern die Taufe allein ist es, die den Juden von Apostasie abschrecken soll. Wahrlich, es wäre höchst betrübsam um das Judenthum bestellt, wenn es unter seinen Freunden Viele wie Herr Dr. Eitelberg gäbe. Aber dem ist gottlob bei Weitem nicht so. Man muß durchaus nicht Theologe von Beruf sein, um für den Inhalt unserer Religion von glühender Begeisterung erfüllt zu sein und aus reiner Liebe zu ihr inmitten aller Drangsalirungen auszuharren. Wir empfehlen dem Herrn Doctor aufs Wärmste, die Schriften des Professor Lazarus, deren Bekanntschaft er bisher sicherlich nicht gemacht hat. Lazarus ist Philosoph in des Wortes höchster und edelster Bedeutung, und wie hoch steht er in der Auffassung des Judenthums im Vergleiche zur Aufklärung des 18. Jahrhunderts. In seinem „Der Prophet Jeremias" bekennt er sich zur Ueberzeugung, daß wir ein Prtestervolk der Menschheit waren und es in der Gegenwart nicht aufgehört haben zu sein. Ganz besonders aber ist es sein epochemachendes Werk: „Die Ethik des Judenthumes", welches unser ganzes Schriftthum von einem überwältigenden Lichtglanz umflossen erscheinen läßt. Unserer Gebildeten Mancher, der noch einer tiefernsten Lectüre fähig ist, kann sich gründliche Belehrung aus dem gedachten Werke holen, nicht nur über die heilige Schrift, sondern auch über Talmud und dessen Weihen und wird dann hoffentlich nicht so leichthin von „Formenkram" sprechen, wenn es sich um die Satzungen unserer Religion handelt. Ueberlassen wir darum die Lästerung des Judenthumes unseren gewissenlosen Feinden, wir selbst aber mögen den Wissenden und zugleich Edelsten und Besten unter uns folgen, zu denen zweifellos Professor Lazarus gehört. Empfangen Sie hochverehrter Herr Redacteur den Ausdruck meines aufrichtigsten Dankes für die Veröffentlichung vorstehender Zeilen, indem ich zeichne Hochachtungsvoll Dr. I. Stein herz. Stuhlwe>ßenburg, den 31. December 1899. „Theaterjuden und Iudentheater." Sie haben die Freundlichkeit gehabt, mich aus einen Artikel in der „Deutschen Zeitung" — Abendblatt vom 30. December 1899 — aufmerksam zu machen, den das „Deutsche Volksblatt" in seiner Sylvester-Nummer übernahm. Ich danke dafür, Herr Doctor. Denn ich habe Manches daraus gelernt, das nicht zu. wissen für mich beinahe eine Beschämung wäre. Nämlich: ich. lese sehr viel. Ich bin nun einmal ein neugieriger Mensch und habe die Zeit dazu. Und ich gehe gern und viel ins Theater und bin mit dem und jenem Schauspieler, ja sogar Direktor, gut. Aber die Thatsachen, die Herr W. R. v. P. — es wird wohl ein Mitglied der Familie von Pacher sein — anführt, waren mir neu, völlig neu, verblüffend neu. Ich hatte bisher nicht gewußt, daß die „Alliance Israelite“ die Theater unter ihre Patronanz genommen hat. Mir zur Schande: ich habe überhaupt keine rechte Vorstellung von dem, was diese Gesellschaft thut oder will. Bei den Antisemiten spielt sie offenbar eine ähnliche Rolle, wie in der Aufklärungsperiode, an deren Spitze lauter Arier waren, sie die Jesuiten gespielt. Damals sah man überall den breiten Schatten des Jesuiten-Hutes — nun, unsere Sinne sind geschärft, denn wozu sonst wären wir vorgeschritten? schnüffelt man allenthalben nach dem fötor judaicus? So hat Herr von P. erwittert, das Theaterwesen sei durchaus in Judenhänden. Das wüßte ich nicht. Ich kenne nur zwei Leiter erster Kunstanstalten, die mit dem Judenthum durch ihre Abstammung Zusammenhängen. Da ist Gustav Mahler und Otto Brahm. Von Musik verstehe ich nichts. Aber, das Berliner Deutsche Theater ist eben unter Brahm eine Anstalt allererster Güte geworden. Es macht heute dem Burgtheater seinen Rang unter den deutschen Bühnen streitig. Und eben jetzt sind unter den Darstellern hohen Ranges so wenig Juden, wie noch nie. Da wäre eigentlich nur der alte Sonnenthal zu nennen und gerade das ist ein Mann, dessen vornehmer Sinnesart, dessen Eifer und rastloser Gewissenhaftigkeit selbst die Antisemiten, die ihn kennen, alle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es käme vielleicht noch Reicher dazu. Einer in Wien, einer in Berlin — das ist nicht sehr viel.

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