Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenfchrifr. Seite 7 Wie aber soll sich der zweifach geplagte Mann, dessen schwierige Gedankenoperation wir vom Beginn in schuldiger Bewunderung verfolgten, aus der immerhin schlimmen Affaire, und noch dazu mit Würde ziehen? Wird die Aufnahme in eine andere Religionsgenossenschaft blos aus ethischen Gründen gesucht — und das wird doch allgemein behauptet — warum schließen sich dann die Eltern von dieser sittlichen Erhöhung aus? Wir denken, das anregendste moralische Beispiel müssen die Kinder jedesmal von den Eltern empfangen. In diesem Punkte braucht sich die elterliche Liebe das Opfer der Entsagung keineswegs aufzuerlegen. Thuen sie das Letztere dennoch, so steht ganz entschieden zu befürchten, daß Nerdhälse und Nörgler minder ethische Gründe ausspioniren weiden. Wozu sich unnütz einer Jncommvdität aussetzen? Es hat wahrhaftig keinen Sinn. — — Ich komme zur zweiten der mir vorliegenden Broschüren. Ihr Titel lautetDeutschnationa/. Daß der Autor sich hinter der Anonymität versteckt, ist mir gar nicht genehm. Zwar nennt er sich „Ben A k i b a der I ü n g e r e, der im Deutschthum, nicht im Christenthum aufgeht". Aber, du mein Gott, wer hält sich heutzutage nicht für einen Akiba! Nach meinem Geschmack ist das Kämpfen mit geschlossenem Visic durchaus nicht. Wer für eine Idee eintritt, muß auch den Math haben, ihr seinen Namen zu geben. Jndeß, wir wollen uns bestreben, den Schleier des Geheimnisses einigermaßen zu lüften. Wer also ist Ben Akiba der Jüngere? Ein deutscher Jude. Was will er? Daß der Jude wohl im Dentschth'um, nicht aber im Christenthum aufgehe. Und wie soll das zustande kommen? Es gibt nichts Einfacheres. Sämmtliche deutsche Juden erklären sich confessionslos und die Sache ist erledigt, ich meine das Haupthinderniß für das vollständige Ausgehen der Juden im Deutschthume ist weggeräumt Natürlich müssen sie vorher schon, alle guten und vielleicht auch manche üble Eigenschaft der Deutschen angenommen haben. _ Den Einwand, daß die Juden dann wieder eine Zonderstellung (als Confessionslose) einnehmen würden, will der Verfasser nicht gelten lassen. „Denn wenn wir auch die Existenz des jüdischen Stammes nicht mehr aufrecht erhalten, können wir doch unsere sittliche Persönlichkeit nicht opfern. Und wenn wir offen bekennen, daß wir der religiösen Gefühle entbehren und jede confessionelle Parteinahme darum ablehnen, zerstören oder verletzen wir damit noch nicht die Gefühle der Gläubigen, die in einer anderen Anschauungswelt leben. Wir können sogar vor jeder ehrlichen Ueberzeugung Respect haben; lasse man auch die unsrige unangetastet/ Logisch ganz einwandfrei deducirt. Und doch ist die Sache einfach undurchführbar. Daß ich im Princip nichts gegen die Confessionslosigkeit des Einzelnen habe, brauche ich nicht nochmals zu betonen. Allein für die große Menge Paßt sie noch lange nicht. Mag sein, daß die Menschheit als Ganzes einmal jene Höhe der ethischen Vollendung erklimmen wird, an die das Gemeine nicht mehr hinanreicht. Aber dahin führt noch ein weiter, weiter Weg! Ob dieser schöne Traum der Seele sich in 10.000, ob in 20.000 Jahren zur Wirklichkeit verdichten wird, wer mag das voraus bestimmen? Die heutige Menschheit kaun als solche ihren Gott noch nicht entbehren, und ich will dem anonymen Reformator auch sagen, warum nicht. Ich weiß natürlich nicht, wie sich der Lebenslauf unseres Verfassers abgesponnen hat. Wahrscheinlich ist er, kaum in diesem Jammerthale angelangt, iu ein warmes Nest gerathen, in dem er von liebenden Eltern und verliebten Gouvernanten, von Jnstructoren und Lehrern an Leib und Seele betreut und gepflegt wurde. Und als er zum Manne gereist war, hat er eine blondhaarige, blauäugige Germanin von schlankem Wüchse und tadellosem Gliederbau, oder eine schwarzhaarige, braunäugige Orientalin vonim Uebrigrn gleichen Qualitäten heimgeführt. Nun ist er glücklicher Familienvater, blos noch von der Sorge bedrückt, „aufzugehen im Deutschthum, nicht im Christenthum/ .So gut hatte ich es nur auf der ersten Etappe meiner „Carriöre". Bald aber wurde mein Lebensschifflein von einem Orkan erfaßt und trieb auf sturmgepeitschter See, daß oft die Segel schier barsten und die Masten splitterten! Ich hätte den Sturm beschwören, die Wogen glätten können; ich that es nicht und empfinde darob auch heute keine Reue. In dem Kampfe mit den Elementen hat sich meine Seele gekräftigt und ist wetterfest geworden; um keinen Preis der Welt möchte ich meine Vergangenheit auslöschen. Ich habe des Daseins Bitternisse voll ausgekostet, aber auch alle Wonnen des Lebens getrunken. Ich habe mich ein wenig in der Wissenschaft umgesehen, habe mit dem Dichter häufige Ausflüge ins Reich des Idealen unternommen mich in süßen Tönen berauscht und an den Meisterwerken des menschlichen Geistes entzückt. Und doch! Mein Lebenskahn wäre an irgend einem weltvergeffenen Ufer rettungslos zerschellt, hätte der Glaube nicht die bildliche Hand znr Führung des Steuers fast wunderbar gestärkt! K-.ine W sie»schaff — die echte Philosophie etwa ausgenommen — keine Kunst vermag unsere Seele in der Stunde ärgster Bedrängniß so zu beruhigen, wie innigste Religiosität. Und diese erblüht nur im kindlichen Gemüthe Nur die angestammte Religion wird uns zur Trösterin in den Tagen höchster Noth, heiße diese Religion wie sie wolle. Intensiveres Denken und manche Erfahrung haben mich in andere Bahnen geleitet. Aber in einem geheimen Winkel meines Herzens wohnt in dankbarer Erinnerung die Liebe zum altehrwürdigen Glauben meiner Ahnen. Ich wiederhole, so frei ich selbst auch denke, nicht um alle Schätze dieser Erde möchte ich dazu beitragen, ihn den Menschen zu entreißen, die seiner bedürfen in ihrem Schmerz und in ihrer Qual. Ich verstehe übrigens gar nicht, was das Glaubensbekenntniß überhaupt mit der Nationalität zu schaffen hat. Gerade in der letzten Zeit erwachsen den Juden fast täglich neue Freunde, die sich zumeist aus ihrer eigenen Mitte rekrutiren und die fie mit Rathschlägen reichlich bedenken, ohne von irgend einer Seite um diesen Liebesdienst angegangen worden zu sein. „Die Freunde" gehören regelmäßig der Gattung an, vor der man am ehesten behütet bleiben möchte. Es sind dies zuallererst Leute, die den Sprung in eine andere Religionsgenossenschaft bereits gewagt haben, und diesen Schritt gerne beschönigen möchten, indem sie ihn als den allein zweckmäßigen hinstellen; oder die eben den Anlauf zu dem Sprunge nehmen, ihn jedoch gerne in größerer Gemeinschaft ausführen würden, weil dann ihre etwas unästhetische Haltung hiebei nicht von gar so vielen Augen wahrgenommeu würde. Des Ferneren sind es Leute, die sich mit ihren Absichten nicht recht hervortrauen und daher auf Umwegen ans Ziel zu kommen hoffen. Diese letztere Kategorie von Menschenbeglückern wird durch unseren „Ben Akiba den Jüngeren" prächtig repräsentirt. „Alle Juden mögen sich confessionslos erklären/ Gut. Unter den 600.000 deutschen Juden sind doch gewiß mehrere junge Weiblein und Männlein, und die werden doch nicht ewigen Haß dem Gotte Hymen geschworen haben. Wie aber sollen sie es anstellen, um einerseits dem fürchterlichen Lose, alte Jungfern und ditto Junggesellen zu bleiben, sicher zu entgehen, und anderseits dem Sittengesetze des modernen Akiba gerecht zu werden. Heiraten sie blos unter einander, so ist ja, „das Aufgehen im Deutschthum" sehr in Frage gestellt. Holen sie sich aber die Bräutigame, bezw. Bräute aus der Schaar der blonden Germanen, so muß man wieder erst abwarten, ob diese auf die Confessionslosigkeit auch nur eines Theiles eingehen werden. Und sind es genug aufgeklärte Kreise, die es jedem Theile frei anheimgeben, es mit der Confeffion nach eigenem Gutdünken zu halten, so hat damit die so ostentativ zur Schau getragene Confessionslosigkeit ihren wichtigsten Rechtspunkt eingebüßt. Ich frage nochmals: was hat die Confeffion mit der Nationalität überhaupt zu thun? Oder formuliren wir die Frage etwa so: Wer ist denn eigentlich ein Deutscher (um in den, nöthigen Contact mit dem Gedankengange unseres jüngeren Akiba zu verharren)? Ist es blos der, dessen Vorfahren an der Seite Hermann des Cheruskers für Germanins Ehre mitgekämpst hat? Wie viele Deutsche gäbe es noch.- die sich dessen berühmen könnten? Ist es der blonde Typus, welcher die verläßlichste Punze des echten Germanen bildet? Was soll nunmehr mit allen Deutschen geschehen. — und ihrer ist eine erkleckliche Zahl — die den brünetten Typus aufweisen? Nicht einmal die Einheitlichkeit der Confeffion kommt Einem da zu Hilfe. Gibt es doch katholische und protestantische Deutsche, und unter diesen letzteren wieder solche Helvetischer und solche Augsburgischer Confeffion. Und die declarirten Atheisten im Reiche, sind das keine unverfälschten Germanen? Und wenn in der Fremde zwei Menschen sich als Connationale erkennen, was bot ihnen die Handhabe hiezu? Sicher nicht die Confeffion, die Niemandem — auch nicht dem Juden — auf die Stirne geschrieben ist, und nicht der Typus oder die Race, wie es der Pöbel aller Stände fest und steif behauptet. Der traute Klang der Muttersprache war es, der sie zusammenführte, und die aufsteigende Erinnerung an jene Scholle, in der sie mit ihrem besten Empfinden gemeinsam wurzeln. Die Liebe zu dem Lande, in dem unsere Wiege gestanden, iu dem wcr unsere schönsten Jugendträum * geträumt, ist uns ebenso ange-