Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Dr. Bl och's Wochenschrift. Nr. 1 vielmehr die angebliche Entweihung einer Monstranz; aber wenngleich aus diesem Grunde die eingehendere Besprechung des Geschehnisses nicht in diesen Zusammenhang gehört, so sei dennoch das von einer der erleuchtetsten und erlauchtesten Autoritäten über jene Greuelthaten gefällte bedeutsame Uriheil deshalb wiedergegeben, weil dasselbe mit gleicher Schwere auch die an die Blutlüge geknüpften Verfolgungen trifft. A e n e a s S i l v i u s, der spätere Papst Prus U. (1458—1464) äußert sich in seiner „Geschichte Böhmens" wie folgt29: „Unterdessen dringen die Prager, durch einen Volksaufruhr erregt und zur Raserei gestachelt, in die Häuser der Juden, rauben ihre Habe, zünden die Gebäude an und metzelten innerhalb zweier Stunden ohne Schonung des Geschlechts und des Alters das unglückliche Volk nieder. Es sollen mehrere Tausend nmgekömmen sein; sehr viele Kinder wurden durch das Erbarmen guter Bürger gerettet und empfingen die Wohlthat der Taufe. Beklagenswert!) er Stamm, die unter den Christen lebenden Juden, welche, wo man sie ein klein wenig zu Vermögen gekommen glaubt, alsbald wie wenn (tarnquarn) sie die Majestät Jesu Christi verachtet oder die Religion verspottet hätten, nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihr Leben verlieren! Die Schandthat (flagitium) der Prager blieb unbestraft, einmal, weil Verbrechen (scelera) des Volkes nicht leicht wieder gut gemacht werden, dann weil Wen el, durch Müßiggang verdorben und mit dem jedesmaligen Stande der Dinge zufrieden, weder um die Verbesserung der Vergangenheit, noch um die Zukunft sich sorgte. Wenzel war nämlich seinem Vater durchaus unähnlich, ein Vergnügenjäger und Arbeitmeider, vielmehr auf den Wein, als auf seine Herrschaft bedacht." Es erübrigt, diesen den Adel wahrhaft priestlicher Gesinnung widerspiegelnden Ausführnngen ein Wort hiuznzufügen. Wohl richten sich dieselben, wie bereits bemerkt, nicht gegen eine durch die Blutanklage gezeitigte Verfolgung, aber sie gestalten sich trotzdem durch das scharfe Verbiet über das den Juden von der Christenheit bereitete Loos zugleich auch zu einer nachdrücklichen Verurtheilung der Blutbeschuldiguug.30) Oder würde der Kirchenfürst, der zugleich ein Gelehrter von erstaunlicher Vielseitigkeit 31) und ein Historiker von gründlicher Gewissenhaftigkeitaa) war, so inniges Mitgefühl für den „beklagenswerthen Stamm" bekunden und so strenge Accente gegen die an demselben verübte „Schandthat auschlagen, wenn er auch nur eine e i n z i g e der „Ritualmord"-Bezichtigungen für erwiesen, ja auch nur den Verdacht als begründet erachtet hätte? Hw- -■') Historia bohemica Cap. 34 (Opera omnica. Helmstäd^ 1649, S. 48): ..luter liaee Prageuses populari tumultu excitati atque iu furorem acti Judaeorum (loiuus invadunt. bona eorum diripiunt domos incenduut atque inter duas horas. non sexui non aetati pareentes. infeliicem gentem gladio caedunt. Periisse aliquot milia foruntur, servati complurimi infantes ruisericordia bonorum eivium baptismi gratiam aeceperuut. Calamitosum ge nus hominum Judaei inter Christianos agentes. qui paululum abundare creduntur, mox tamquam Jesu Christi Dei nostri majestatem contempserint aut religioni illuserint. non fortunas tantum, sed vitam quoque amittnnt. Impuue apnd Prageuses f I a g i t i u m fuit tum quia populi haud facile corriguntur scelera. tum quia Venceslaus desidia corruptus praesenti rerum statu contentus. ueque praeterita eorrigere neque futura curavit. Fuit enim Venceslaus louge patri absimilis. voluptaturn sequax ac laboribus refugiens. vini prorsus quam regni curiosior. 3") Diese Bedeutung der Worte des Aeueas Silvius hebt bereits der Professor der Theologie und Dircctor des theologischen Seminars der Universität Halle, Job. Sal S e m l e r (vgl. über ihn Schräder, Gesch d Friedrichs-Universität Halle (Berlin >894) I S. 301 und S. 480) in seinem i. I. >762 erstatteten „Gutachten über die B l u t b e s ch u l d i g u n g" hervor: „Dieses deutliche Urtheil zeiget, daß es dieser grosse Manu für ein B-u b e u st ück und für einen blossen Vorwand gehalten, was man von dieser Nachäffung ausgebreitet hat. Das ist ein sehr merkwürdiges Geständniß von einem so grossen Manne in der römischen Kirche" (vgl Historisäi-theologische Abhandlungen (Halle 1772] zweite Sammlung, zweites Stück, daraus abgedruckt in Brann's Volks- und Hauskalender für 1893, Jahrbuch S. 107 und von Friedländer Wien >897, S 21). 3I) Vgl. Voigt, Cnea Silvio D'Piccolomini als Papst Pius II. (Berlin 1862) II, S. 248 fg. 3r) Vgl. Palackh, Würdigung der alten böhmischen Geschichtschreiber (Prag 1830) S. 230 fg. zugefügt sei, daß Aeneas Silvius seine „Geschichte Böhmens" und somit auch jene Worte a l. s C wr d i n a l; w e n i-g e Wochen v o r s e i n e r E r h e b n n g z it m P a p ft geschrieben hat! 33) (Fortsetzung folgt.) ' Noch ein Wort rum Leligionswechsel. Von Dr. A. Eitelberg. Der Liebenswürdigkeit des Herausgebers dieser Zeitschrift verdanke ich die Kenntniß zweier Broschüren, welche sich gleichfalls mit dem von mir behandelten Thema befassen, und) ihr Inhalt bestimmt wich dazu, auf einige Punkte,' die ich in meinem ersteu Artikel, um die mir gewährte Gastfreundschaft nicht zu mißbrauchen, unberücksichtigt ließ, diesmal näher einzugehen.. Das eine Schriftchen stammt aus der Feder Gustav Levinstein's und betitelt sich „Die Taufe". Ich werde bei demselben' nicht lange verweilen, da die Ansichten des Autors so ziemlich mit meinen eigenen sich decken und ich somit vieles wiederholen müßte, was ich erst vor einer Woche in diesen Blättern besprochen habe. Aber auch wo sich Meinungsverschiedenheiten ergeben, bringe ich es nicht über mich, gegen den Verfasser zu polemisiren. Was thut's, daß die Gedanken ein wenig differiren, wenn sie nur aus der gleichen Quelle der Sittlichkeit fließen? Wahrlich, von einer so erhabenen Sittlichkeit ist das Bücklein Levinstein's durchweht, und so warme Herzenstöne werden in demselben angeschlagen, daß sie. die Sinne gefangen nehmen und wir uns ihrem Zauber willig überlassen. Und in den Fragen, welche hier zur Discussion stehen, hat das Herz nicht minder ein Wort mitzureden als der Verstand. Ein Moment indeß will ich aus der angezogenen Broschüre herausheben, nicht um ihm entgegenzutreten, sondern vielmehr um ihm einen noch größeren Nachdruck zu verleihen. Ich meine nämlich die Taufe der Kinder, während vie Eltern auch fürder im Judenthum verharren; ein Vorgang, welcher in einem Zeitalter, das blos die äußere Würde ängstlich bewahrt, sich leider einer ans gebreiteten Beliebtheit erfreut. Für seine - Person bleibt man consequent: man ist als Jude geboren und wird, wenn das Schicksal sich einmal erfüllt, auch als solcher zu seinen Vätern versammelt werden. Von dem Kinde aber hat man durch die rechtzeitige Taufe alle Schmach und alles Ungemachs die am Judenthume zu haften pflegen, fürsorglich genommen. Ja, dieser gewiß geistvoll ersonnene Ausweg bietet sogar den nicht zu unterschätzenden Bortheil, bei passender Gelegenheit mit dem Brusttöne der Ueberzeugung für seine ererbte Confessio» eintreten zu können — sobald es sich wirklich der Mühe lohnt. Die Sache ist — wie gesagt — klug ersonnen. Trotzdem hat sie einen ganz fatalen Haken. Selbst sehr geriebene Speculanten sollen sich mitunter stark verrechnen — so erzählt man mir, über eigene Erfahrung verfüge ich nicht. Nun, mir scheint, hier liegt ein solcher Casus vor.' Ich sehe von der Ethik ganz ab, es schaut ohnedies nichts bei ihr heraus. Also, stellen wir uns auf den rein Praktischen, den allein gesunden Standpunkt. Dieser erfordert — schon wegen der Wahrung des Anstandes — daß man seinen Handlungen stets einen vornehmen Anstrich gibt. In wohlaccreditirter Gesellschaft geschieht doch Alles nur aus innerem Drange, aus edlem Triebe. Zumindest heischt es der gute Ton, daß man so thäte, als wäre dem nicht anders. Welchen Zweck hätte sonst die so überaus sorgfältig geleitete Erziehung? Ach, der doppelt — für sich und seine Kinder — vorsorgeude Vater lohnt die an ihn einst gewendete Mühe schlecht. Da lobe ich mir schon eher jenen Mann, der den Segen des Eonvertitenthums redlich —. wie es sich für einen Ehrenmann geziemt — mit seinen Sprößlingen theilt. Der darf sich stolz in die Brust werfen und vor allerWelt laut verkünden — na, ich möchte Niemandem, der just nicht für Gerichtsverhandlungen besonders schwärmt, ernstlich zureden, irgend einem aufsteigenden Zweifel thatkräftigen Ausdruck zu geben — daß für ihn der Uebertritt zu einer anderen Confessio» das Erklimmen einer höheren Stufe der sittlichen Entwicklung bedeute. Daß sich zufälligerweise zur selben Zeit Verhältnisse herauskrystallisiren, die dem Neophyten auch materiellen Vortheil bringen, ist eben ein glücklicher Zufall und geht keinen Mensche» etwas au. Basta! Vgl. Voigt 1. e. 2. 331-.