Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ar. 1 Br. Bwch's WochenfchrN Sette 3 geschädigt werden. Mit Verlaub, Herr Graf Khuenburg, so weit sind wir in Oesterreich denn doch nicht. Vorläufig ist Noch jede. kaiserlich-österreichische Behörde gehalten und verpflichtet, die von der Krone sanctionirten Gesetze zu beobachten und diese gewähren gleiche bürgerliche Rechte und unbeschränkte Freizügigkeit. Die Entscheidung der obersten Verwaltungsbehörde ist ein deutliches Avis aux lecteur, ein Wink mit dem Zaunpfahl, gerichtet an den Wiener Magistrat, die kaiserlichen Aemter und dievou demselben beliebte Drangsalirung der Juden, ob sie nun Häusirer, städtische Lehrer oder Magistratsbeamte sind. Der Sachlage nach ist aber nicht anzunehmen, daß diese Entscheidung von Erwlg begleitet sein wird, bevor nicht das antisemitische Regime vom Grunde aus beseitigt erscheint. Dies aber zu Wege zu bringen, muß Aufgabe jedes Patrioten, inclusive der Regierungsbehörden sein. Eduard Beer. Galizien. n. Von Tr. Ernst Tuch, Hamburg. „Die jüdische Frage kann nur gelöst werden im Zusammenhänge mit der allgemeinen socialen Frage", so schloß ich meinen letzten Artikel. Das ist es, was meistens übersehen wird. Wollen wir also die Lage der galizischen Judenheit besprechen, so können wir dies erst, nachdem vorher zwei andere, weit umfassendere Materien erörtert worden sind, nämlich: 1. Worin besteht überhaupt das, was wir die sociale Frage zu nennen pflegen, und hat irgend . ein Mittel Aussicht als Radicalmittel günstig zu wirken? 2. Wie stellen sich die speciellen Verhältnisse Galiziens dar? Erst nachdem wirhierauf eine befriedigende Antwort gefunden haben, können wir daran gehen, zu untersuchen, wie von diesem Gesichtspunkte aus eine Hebung der galizischen Judenheit vorzunehmen wäre. Alle andere Arbeit ist Flickwerk. Nur nachdem die Grundlagen festgelegt sind, können wir den Oberbau in der Zuversicht auf Erfolg beginnen. Wir wollen deshalb kurz den heutigen Stand der socialen Verhältnisse betrachten; ich hoffe, daß nach Erledigung dieser Vorarbeiten mir zugestanden werden wird, daß mein Vorschlag, die galizische Judenheit durch Ansiedlung auf dem Lande in Form von geschlossenen Siedlungen der einzige ist, der wirklich Besserung der traurigen Verhältnisse verspricht. Wenn wir auch nicht „Sociale Frage" und „Arbeiterfrage" als identisch erklären dürfen, so müssen wir doch soviel zugestehen, daß die Linderung oder Beseitigung des furchtbaren Elends der „unteren" Classen sich als vornehmste und unausweichliche Pflicht unserer und der kommenden Generationen darstellt. Im Allgemeinen. können wir sagen, daß das Riesenanschwellen der großen Städte einerseits, die Entblößung des platten Landes von Arbeitskräften anderseits, überall als das Problem anerkannt wird, welches am dringendsten einer Lösung harrt. — Welch' eine merkwürdige befremdliche Erscheinung ist es, daß wir zu gleicher Zeit eine gewaltige Reservearmee beschäftigungsloser Arbeiter in den Stävten haben, die von Stufe zu Stufe sinken, unrettbar dem Lumpenproletariat verfallen, während zu gleicher Zeit die beständige Klage vom Lande her ertönt, daß aus Leutemangel das Feld, nicht bestellt werden kann! Ein hervorragender Sociologe charakterisirt diese trostlosen Zustände für Deutschland mit den Worten: „Während infolge der übermäßigen Zuwanderung in Berlin, Hamburg und den Jndustriegegenden die furchtbare Geißel der Jndustriearbeiterschaft, die Arbeitslosigkeit, ein wahrhaft himmelschreiendes Elend verbreitet, leidet die östliche Landwirthschaft unter zunehmender Blutleere." Aehnliche Verhältnisse wie hier, bestehen überall, wo die Industrie und Technik so rasende Fortschritte gemacht hat, wie es in den Culturstaaten Europas und Amerikas der Fall ist. Hiermit soll. nicht etwa gesagt werden, daß die Industrie als solche die Schuld trägt an derheutigen traurigen Lage. Niemand wird sich zu der Aeußerung versteigen, daß die Industrie ein '.negatives. Element in der Entwicklung der Menschheit ist; Niemand wird leugnen, daß jede Maschine, mag sie auch heute Tausende von Arbeitern brotlos machen, dazu beiträgt, die Menschen von der groben, der „unqualificirten" Arbeit zu befreien, ihre Herrschaft über die Natur zu erweitern. Dennoch unterliegt es keinem Zweifel, daß man über die rapide Entwicklung der Industrie und des Großhandels, es versäumt hat, der Landwirthschaft die genügende Aufmerksamkeit zu widmen. Nur so konnte es kommen, daß Deutschland für 1000 Millionen jährlich L-bens- und Nahrungsmittel importirt, während es mit Leichtigkeit seinen Bedarf an Getreide selbst Herstellen könnte, so ist England ein reiner Industriestaat geworden, während seine herrlichen Ländereien sich in den Händen von einigen wenigen Großgrundbesitzern befinden, die sie zur Weide umwandelten. Die dadurch von Grund und Boden vertriebenen Hunderltausende verfielen in bitterste Armuth oder wunderten nach Amerika aus, von wo aus sie Europa durch billige Getreideeinfuhr Concurrenz machten. So war das Haarsträubende möglich, daß noch bis vor Kurzem aus Rußland, dem spärlich bevölkerten Lande, Getreide ausgesührt werden konnte, zu Zeiten von Hungersnöthen! So konnte d r ungarische Magnat Esterhazy noch vor 20 Jahren sagen: „Wir Ungarn verhungern auf unseren Weizenhaufen." Es bestand eben ein schreiendes Mißverhältniß in der Behandlung der Urproduction und der der Industrie. Höchst interessant ist es zu sehen, wie alle Länder, selbst England, das freihändlerische Land par excellence neuerdings dazu übergehen, die heimische Landwirthschaft zn unterstützen. England hat durch den Small Holding-Act vom 27. Juni 1892, dann durch den Parish Council-Act und mehrere andere Gesetze energisch begonnen, einen gesunden Bauernstand herzustellen durch Vernichtung oder wenigstens Einschränkung der gewaltigen Latifundien, die sich in den Händen der Adeligen befinden. Noch einschneidender sind die Veränderungen zu Gunsten der Klein- und Mittelbefitzer in Irland, wo ein gewaltiger Staatscredit bewilligt wurde. Rußland hat sich gezwungen gesehen, ein Gesetz zu erlassen, welches verbietet, während Hungersnöthen Getreide zu exportiren. Preußen versucht seit 1886 durch die Gesetze über Renteugüter, durch die Zollgesetzgebung, Aenderung des Erbrechtes und vieles Andere, die Landwirthschaft zu stärken. Alle diese Maßregeln in den verschiedenen Ländern sind ergriffen worden aus der Erkenntniß, daß „keine Nation unabhängig sein kann, wenn sie die Landwirthschaft als Basis und Rückhalt entbehrt", oder, um einen andern Autor zu citiren, daß „der innere Markt der Hauptabnehmer der heimischen Erzeugnisse sein muß und der Auslandshandel nur den Austausch solcher Güter bewirken darf, die jedem Lande eigenthümlich sind und anderwärts nicht hergestellt werden können." Es ist meiner Ansicht nach von allerhöchster Bedeutung, daß diese Erkenntniß selbst innerhalb der „internationalen" Socialdemokratie um sich greift. In einem nach verschiedenen Hinsichten überaus interessanten Artikel *) in den „Socialistischen Monatsheften" vom December 1899 findet sich folgender Satz: „Der Socialismus bedeutet die in sich organisirte, geschloffene Volkswirthschaft, die alle ihre wesentlichen Consumartikel in sich und für sich erzeugt, ohne aus die Außenwelt angewiesen zu sein, und nur diejenigen Völker werden in der Lage sein, eine socialistische Wirthschaft zu organisiren, die ein in sich abgerundetcs Productionsgebiet beherrschen. Auf eine derartige Gestaltung der Dinge drängt auch bereits die ganze Entwicklung hin." Was wir also festgestellt haben, ist: Die immer anwachsende Proletorisirung großer Valksclaffen bedarf unbedingt der Abhilfe. Die Industrie, wenn sie die heutige sociale Roth auch nicht erzeugt hat, hat ihre Herbeiführung doch wesentlich beschleunigt, indem sie die Centralisirung der Arbeitskräfte in großen Städten herbeiführte. Diese großen Städte saugen ständig weitere Arbeitermaffeu vom Lande auf und entvölkern so das Land, welches dadurch außer Stande ist, den Bedarf des heimischen Marktes zu decken. Dies ist, zumal in Kriegszeiten, ein sehr gefährlicher Umstand. Es ist somit die Agrarfrage als Kernpunkt der socialen Frage dargelegt. Wenn nun die Nationen sich wieder mehr als bisher der Borproduction zuwenden, so erwächst hieraus keineswegs für die Industrie ein Nachtheil, vielmehr ein außerordentlicher Nutzen. Denn je mehr Arbeitskräfte der Industrie entzogen werden, desto mehr Concurrenten verliert sie, desto mehr Consumenten gewinnt sie. Darüber besteht heute kaum noch ein Streit. Ein anderes ist es, ob die Rückkehr größerer Bolksmaffen zur Landwirthschaft überhaupt möglich ist. Häufig hört man die Frage aufwerfen: Kann denn überhaupt ein Land sich völlig selbst ernähren, kann, um von einem bestimmten Fall zu reden, etwa Deutschland, selbst wenn es wollte, genügend aus dem zur Verfügung stehenden Boden herauswirthschaften? Alle praktischen Landwirthe und ebenso die wissenschaftlichen Forscher, welche die bisherigen Resultate der Landwirth- *) Erich Rother: „Zur Theorie der Flottenfrage."