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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 998 Dr. Blych's Wochenschrift» Nr. 52 Gm Augenblick. Novelle von Elise Orzeszko, einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Polnischen von M a l w i n e B l u nr b e r g. - (Fortsetzung). „Sie sind so berühmt! . . . Ich, einer Gattung einander aufs Haar gleichenden Jnsecten angehörend.. . „Sie nehmen solch' hohe Stellung ein! . . . Ich, einer von jenen Vögeln, deren Gesang man gern lauscht, in deren Gesellschaft jedoch Niemand lange fliegen will, vielleicht . . weil ihr Flug zu hoch . ." „Ich schwieg, weil ich dachte: ich bin ihrer nicht würdig! In meiner Demuth war eine Beimischung von Stolz/ „Und ich dachte: ich werde nicht geliebt! Also schwieg ich, wartete auf ein . Wort. . " „Und in den langen, theuren unvergessenen Gesprächen, die wir miteinander führten, verirrte es sich niemals niemals, weder aus Ihre, noch auf meine Lippen. . ." „Ja, in diesen langen, wunderbaren, unsagbar theuren Sttmden fand sich nicht eine Minute, in der „das Herz zum Herzen gesprochen!" Darum sind Sie verreist, . . verschwunden? . „O, nein I Dieses Wort gehört mir! Tagelang wiederholte ich vom Morgen bis zum Abend : „er ist fort, verschwunden!" Als Sie nach Hause fuhren und so unendlich lange nicht zurückkehrten, .... kein Wunder! Der kostbarste Edelstein dieses hohen Hauses!.da verbreitete sich die Nachricht, daß eine Perle in den Ring Ihres Lebens eingefaßt werden solle. . . " „ Und Sie glaubten es? " „Freilich. Ist es etwa nicht wahr? " „Es ist wahr, daß ein Augenblick über mich kam, in dem ich, von Zweifel und Herzeleid gequält „nun ist's genug!" ausrief. Ich werde den Faden, der mir immer tiefer ins Herz schneidet, entzwei reißen, ich werde Lethe suchen und . . . finden! . . . . Eine geraume Zeit verstrich, .... Ich konnte die Erinnerung aus meinem Herzen nicht entfernen, ich konnte nicht vergessen! Ich kehrte zurück; der Ort jedoch, wo ich alles gelassen, was mir lieb und begehrenswerth, war leer! Sie ist fort, entflohen! Wenn ich Flügel hätte, ich flöge ihr nach; aber ich habe keine! Em armselig Geschöpf ist der Mensch! Bon Schreck geblendet, in der Hast die Leute auseinanderstoßend. stürzte ich in einen Elsenbahnwaggon, .und von den Flügeln des Dampfes getragen, kam ich her. . '• „Und die Perle?" fragte sie schüchtern. „Die Perle ließ ich zurück, damit sie in den Lebensring eines andern, wahrscheinlich kostbareren Edelsteines eingefaßt werde." „So!" sagte sie gedehnt. So war's also! Und ich dachte. . ." Ganz im Schatten stehend, schloß sie mit leiser Sttmme. „Und ich dachte, daß der Faden, an den ich mein Glück gehängt, nur. . Spinngewebe sei!" „Und darum ließest Du Alles im Stich und unternahmst diese sonderbare Reise! O, wie nicht gut Du warst! So der Macht eigener Reize nicht trauend, und so leichtgläubig, sobald es galt, das Ohr lügenhaften Gerüchten zu schenken! Fort! Und wohin? In diese Einöde 1 An das Ende der Welt. In diesen häßlichen Winkel! .... Ist das recht? dürfen so liebenswürdige, so reizende, berühmte und vor Allem so gute, ... so engelsgute Wesen so handeln? . ." Ec küßte ihre Hände, und um sich blickend, rief er fröhlich. „Aber dieser Ort ist gar nicht häßlich! Im Gegentheil! Es ist eiu geradezu verzauberter Winkel! Mit seinen Ausschmücken haben sich unbedingt wohlthättge Feen beschäftigt!" Die wohlthättge Fee war diesmal der Mond gewesen, der das Zimmer mit seinem durchsichtigen, unsagbar süßen Licht überfluthend, Schmutz und Flecke in reizende Verzierungen verwandelte. Den Fußboden bedeckte ein aus blaßgoldenen Netzen gewirkter Teppich, an den Wänden tanzten, leichten, neckische Gnomen -gleich, schimmernde Strahlen und Kreise; die Sttohalme an der Schwelle glänzten wie aus einer märchenhaften Schatzkammer hinausgeworfene Goldstäbe, und in der gesprungenen Glocke der allen Lampe glühten zahllose Funken, in deren zitterndem Widerschein die Papierblumen zu neuem Leben aufzuerstehen schienen. Es war, als ob ihre Blätter in dem süßen, in immer stärkeren Wellen in das Zimmer dringenden Resedaduft, sich leise bewegten. Aber auch die große Freude, die auf dem jugendlichen Antlitz des schönen Mannes sich malte, war eine nicht minder wohlthättge Fee gewesen. Er hatte gefunden, was er gesucht, den Faden, den scheinbar zerrissenen, wieder angeknüpft, . er fühlte sich in das Paradies versetzt! Nicht so die Frau. Sie war so erstarrt in ihrem Weh', daß sie beim 'ersten Strahl der ausgehenden Sonne nicht aufthauen konnte. Der Schmerz Hatte in ihrer Seele zu tief Wurzel gefaßt; ein Augenblick des Glücks konnte ihn nicht entferneu. So klang denn kein Lächeln in ihrer Stimme, als dieselbe jetzt aus dem Dunkel ertönte: „Sie sagen: „Diese sonderbare Reise!" Es war die einzige, die ich unternehmen konnte. Sie wissen, daß alle Wege mir offen stehen. Ein Vogel, der hoch fliegt und schön singt, findet auf allen Straßen und an allen Thoren mit Futter beladene Tische. Aber ich wollte nichts mehr. Nur Freiheit für meine vom Lächeln, zu dem sie sich zwingen mußten, schmerzenden Lippen, für meine Augen, die färb- und ausdruckslos geworden waren, denn das Leben, auf welches sie blickten, war öde und eintönig, seitdem Sie vom Horizont desselben verschwunden . . . ." „(Sie!" unterbrach er vorwurfsvoll. „Ich habe so lange in dieser Form gesprochen, daß ich mich in die andere noch nicht finden kann ... Ich suchte einen Ort, wo ich schweigen durfte, und vom Leben so wenig sehen als nur möglich. Ich hatte so lange Zeit mit Ihnen im Trubel desselben zugebracht, hatte mich so schrecklich gewöhnt, auf Alles, was ich sah, zu sagen: „Das werde ich ihm zeigen!" auf Alles, was ich hörte: „Das werde ich ihm erzählen!" auf jede Schwierigkeit: „Die werde ich für ihn überwinden!" von jedem Gedanken: „Den werde ich ihm anvertrauen!" von jedem Liede : „Das werde ich für ihn singen!" Daß ... als Sie verschwunden waren, ich nicht wußte, was mit Erde und Himmel, mit mir selber, mit meinem Herzen, meinen Gedanken und Liedern zu beginnen. O! warum sagtest Du mir nicht, daß diese Trennung nur Probe war? Ich hätte mir nicht in einemfort: „Schon niemals!" wiederholen müssen! Manchmal machte ich Dir in Gedanken Vorwürfe, wie kann man in eines Menschen Leben treten, so viel Platz darin einnehmen und — verschwinden! Auge, Ohr, Erinnerung und Hoffnung dieses Menschen sich zu Eigen machen und — verschwinden! Es so einrichten, daß diesem Menschen nichts und Niemand mehr lieb und werth sein kann, und — verschwinden! O, Gott! ich sollte dies nicht äußern, aber ich habe es so lange unterdrückt, und nun bist Du da, . . . bist meiner Spur gefolgt, ... zu mir zurückgekehrt, . . . nun will ich alles sagen! Du warst das Licht meiner Augen, das Kleinod meines Herzens, das Lächeln meiner Lippen, die Freude meines Lebens, das ich ohne Dich nicht mehr begriff. Du warst das Ziel, dem meine Gedanken und Stunden zuströmten, die Kraft des Liedes, das ich sang, das erste Bild, das vor meine Augen trat, wen« ich sie zum Tageslicht öffnete, das letzte, das unter meine Lider sich barg, wenn sie sich zum Schlafe schloßen, und in meine Träume trat Deine Erscheinung! Und plötzlich, fort, verschwunden! Ein Traum, der zu Ende geträumt, ein Lied, das verklungen ist, ein Trugbild, das nur auftauchte, um als bitterer Staub der Erinnerung auf dem Sande der Wüste zu verenden! Was sollte ich thun? Sterben? Du weißt es, ich glaube an Gott, der uns das Leben gegeben. Man darf nicht hadern mit Ihm. Und dann habe ich eine Mutter, ... und Schwestern. . . . und die Mutter . . . Also weiter leben? Gut. Aber nur dort, wo man schweigen darf, nicht gezwungen ist zu lächeln, und so wenig als möglich vom Leben sieht. Ich fahre zurück in mein eltexlitytä &aviä, das unbewohnt und fast Niemandem bekannt ist; wie glücklich bin ich, daß ich im Besitze dieses Freiheitshafens für Herz und Gedanken, welche die ganze Zeit über nur die Worte wiederholten: „Er ist fort! Verschwunden!" Noch immer stand sie da, in Schatten gehüllt, unsichtbar- Ihrer Brust entrang sich ein lautes Schluchzen. Er jedoch begann mit grenzenloser Freude zu sprechen: „Aber ich bin ja da! Bei Dir! Beruhige Dein Herz, das zu weinen nicht aufhören kann. Ist es möglich? Ist's möglich, daß Du so ... so unendlich ... In meinen kühnsten Träumen

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