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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 52 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 9v1 sächlichsten Steuerträgern, den er für nothwendig und heilsam erachtet. Den Anträgen dagegen muß er sich widersetzen. Unverstanden ist er lediglich mit der Vermehrung der Anzahl der Vorstandsmitglieder. Er lehne es entschieden ab, zur Einführung von Wahlkörpern und Heranziehung der 5 Gulden- Männer seine Zustimmung zu geben. Diese Fragen sind dermalen noch nicht spruchreif, in kaufmännischen Angelegenheiten sind Vertagungen und Aufschiebungen gewiß nicht ersprießlich, da sind rasche Entschlüsse, schnelles Handeln am Platze. Gesetzgeberische und organisatorische Angelegenheiten bedürfen ruhiger, sachlicher und darum längerer Erwägungen. Der Zeitpunkt ist ungeeignet für Erledigung solcher Grundfragen, die dazu angethan sind, in die jüdischen Wählermassen Zwietracht und Zerklüftung zu tragen, wir müffen vielmehr alle Kräfte zusammenfassen und einigen, und haben heute Anderes zu thun, als über Wahlkörper zu debattiren. Bei der sogenannten Herabsetzung des Census auf 5 Gulden, handelt es sich in Wahrheit nicht um eine Steuerermäßigung, sondern um Schaffung neuer Kategorien von Steuerträgern. Wer aber keine 10 Gulden zu zahlen in der Lage ist, den soll die Gemeinde überhaupt von Steuern verschonen. Wollen Sie gegen solche arme Familien eventuell mit Steuerexecutiou Vorgehen? Und das müßten Sie thun. wenn Sie diese Classen zu Zwangsleistungen heranziehen. Versuchen Sie durch öffentliche Publication in den jüdischen Blättern diese Kreise zunächst freiwillig zur Steuerleistung von 5 Gulden zu bringen, Sie werden bald erfahren, wie es da aussieht. In den ehemaligen Borortegemeinden haben von diesen kleinen Leuten kaum die Hälfte die Steuer wirklich entrichtet. Mit den 5 Gulden-Männern hat man auf anderen Gebieten Erfahrungen gemacht, die auch Ihnen nicht erspart bleiben werden, durch die Wahlkörper werden Sie die Einheitlichkeit der Gemeinde schädigen, die Solidarität des Judenthums zerstören. Mit der beantragten Wahl des Comitös erklärt er sich einverstanden, will diesem Comite indeß keine weitere Aufgabe ertheilen, als mit den Hochbesteuerten ein Einvernehmen über diese Fragen zu pflegen. Cultusvorsteher Director Simon unterstützt die Anschauungen des Herrn Bicepräsidenten Dr. Alfred Stern. Ec finde die Gründe nicht schwerwiegend genug zu solchen grundstürzenden Aenderungen des Statutes, die nach seiner Auffassung gegen die Tradition des Judenthums verstoßen. Auch in Bezug auf die Herabsetzung des Steuercensus muß er sich der Meinung des Herrn Doctor Stern anschließen. Man versuch; vorerst, ob diese Männer sich freiwillig zur Steuerleistung bequemen, bevor man sie zwangsweise heranzieht. Selbst die Vermehrung der Vorstandsmitglieder kann eine Verminderung bedeuten, wenn blos Wenige die Geschäfte führen. Vorstandsmitglied Dr. Marcus Spitzer erklärt sich für die Herabsetzung des Steuercensus auf 5 Gulden. Die 10 Gulden waren doch kein Dogma. Er befürwortet auch die Vermehrung der Anzahl der Vorstandsmitglieder. Die Wählerschaft habe dies wiederholt verlangt. Redner erklärt sich aber mit großer Energie gegen die Einführung des Wahlkörpersystems. Die Gleichheit war seit je das Element des Judenthums, sein Lebensprincip, welches wir nicht antasten sollen. Er anerkennt den Wohlthätigkeitssinn unserer Großbesteuerten, es sei aber noch nie vorgekommen, daß ein reicher Jude für sich besondere Rechte reclamirte. Reichthum gibt keinen Rechtstitel zum Eintritt in den Vorstand. Es gereicht dem Vorstand zur Ehre, daß in seiner Mitte eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern sich befindet, die bestimmt nicht wegen ihres Reichthums, aber gewiß kein einziger wegen seines Geldes gewählt sind. Redner warnt vor Störung des Gemeindefriedens durch solche Versuche. Wenn Sie indeß von dem Plane nicht laffen wollen, so könnten Sie neben der Curie des allgemeinen Stimmrechtes, die für alle Fälle unangetastet bleiben muß, eine Wahlgruppe der Hoch- und der Höchstbesteuerten einführen. Am besten aber, Sie lassen von dem Plane überhaupt ab. Cultusvorstand kaiserl. Rath Wilhelm Pollak sagt: Wenn ich mir gestatte, nach zwei so hervorragenden, akademischen Rednern, welche zur Begründung ihrer Anschauungen die alten Griechen, Römer und Juden in so schöner Weise ins Treffen führten, das Wort zu ergreifen, so hoffe ich dafür, daß ich keine akademische Bildung genossen, gewiß Ihre Verzeihung zu finden, da man ja in der letzten Zeit sogar bei Verstärkung des Rabbinats auch von der akademischen Bildung Abstand genommen hat. Diejenigen Herren, welche Gelegenheit hatten, feit neun Jahren mein Wirken hier zu verfolgen, wissen, daß ich stets unentwegt für die Herabsetzung des Steuercensus auf 5 fl. eingetreten bin, weil ich mir sage, daß man die Minderbemittelten, welche stets den Grundstock des Judenthums und den größten Theil des Publikums für die Betheiligung an den religiösen Uebungen bilden, aus dem Judenthum nicht ausfchalten dürfe. Wir haben ja die Wirkung der Ausschaltung der Fünf-Gulden- Männer in den Bezirken, wo die Armuth mehr zu Hause ist als im I. Bezirke, gesehen, wir haben trauernd miterlebt, daß die religiösen Veranstaltungen jetzt schwächer besucht sind als früher, wo noch die Bororte-Gemeinden ihre Functionen ausübten. Wie viele Beamte gibt es. die heute gerne 5 fl. Steuer zahlten, denen jedoch ihr Budget die Zahlung einer Steuer von 10 fl. nicht erlaubt? Wie viele eifrige Mitglieder der Cultusgemeinde würden wir durch die Einführung der Fünf-Gulden- Steuer gewinnen! Durch das neue Gemeindestatut hat man den Juden, der heute lediglich auf sich selbst angewiesen ist, vollständig seiner Ambitionen, sich im öffentlichen Leben zu bethätigen, beraubt. Früher herrschte das Streben, sich für die kleine Gemeinde nützlich zu machen, sich zur Geltung zu bringen, und dieses Streben kam dann auch der Allgemeinheit zu Gute. Jetzt hat es die alleinseligmachende Centralisation dank dem Einflüße der ehemaligen Stadtraths- Herren, gleich der Commune Wien, verstanden, sich die einzelnen Glieder zu entfremden und so ihre Niederlage vorzubereiten. Was kann denn der einzelne Cultusvorsteher heute leisten? Was konnte ich in den neun Jahren meiner Wirksamkeit leisten? Dieser schleppende, lähmende Gang der Geschäfte ohne Geschäftsordnung, die von einigen Mitgliedern des Bertretercollegiums ausgehende Nichtbeachtung jeder anderen Ansicht, selbst der einstimmig gefaßten Beschlüsse hindert den einzelnen Cultusvorstand, selbst beim besten Willen, etwas zu erreichen. Was hat sich im Religionsunterricht zum Vortheil geändert? Wie viele berechtigte Klagen der Eltern wurden nicht vorgebracht? Was hat sich in unseren Veranstaltungen, bei Hochzeiten, Leichenbegängniffen geändert? Nichts — alles ist in jenem nicht tadellosen Stadium geblieben, welches es vor so und so viel Jahren eingenommen hat. Wenn ich mich ferner an dieser Stelle für das Wahlkörper- System ausspreche, so geschieht dies nicht aus Ueberzeugung, sondern aus Nothwendigkeitsgründen, denn wir brauchen Geld zur Verwaltung unserer Wohlthätigkeits-Anstalten und Humanitäts-Institute; diejenigen, die es herbeischaffen sollen, haben aber ein gutes Recht, in der Verwaltung mitzusprechen. Seinerzeit, als man Leute, die 1000 fl. Steuer hätten zahlen sollen, in unverantwortlich leichtsinniger Weise mit 50 und 30 fl. Steuer durchkommen ließ und dadurch die Entwicklung der Gemeinde störte, war die Sachlage anders, jetzt aber haben die Steuerträger ein Interesse daran, zu erfahren, ob man für die Steuergelder Tempel mit Gold verziert und ausmalt oder diese Beträge nutzbringend verwendet. Wie gesagt, so lange die Leute wenig oder für ihre Verhältniffe gar keine Steuer zahlten, standen sie mit — zwar schwer verzeihlicher — Indolenz der Verwaltung gegenüber; nun wollen sie sich dafür interessiren und da soll man vielleicht dagegen sein? Nein, meine Herren, wir müssen — mancher von uns vielleicht contre eoeur — der so ausgezeichneten Verständigungs-Anbahnung unseres hochverehrten Herrn Präsidenten Rechnung tragen und jene Leute, die auch sonst dem Judenthum nützen können, herbeiführen. Ich gehe jedoch noch weiter, ich sage, daß wir auch ein durch das neue Statut begangenes, schweres Unrecht, die Anschaltung der Juden der einzelnen Bezirke, gut zu machen haben. Wir müssen die jetzt ernannten Bethaus-Vorstände zu gleicher Zeit mit dem Cultus-Borstand von der Bevölkerung der wohlerwogen zusammengestellten Wahlbezirke wählen laffen. Der von dem Bethaus-Collegium erwählte Vorsitzende soll auch gleichzeitig Cultus-Vorstand sein und an der Hand der Bedürfnisse der von ihm vertretenen Bezirke seine Anträge stellen, um so den Contact mit den einzelnen Bezirken aufrecht zu erhalten. Denn der ernannte Bethaus-Borstand, wie er jetzt besteht, kann morgen seines Amtes enthoben sein, wenn er sich einfallen ließe, gerechte Opposition gegen den Cultusvorstand zu machen. Damit wäre auch jenem Punkte Rechnung getragen, welcher die Vermehrung der Cultusvorstände im Au^e hat. Und so schließe ich mit dem Wunsche, daß im Jntereffe des Judenthums endlich die Fünf-Gulden-Steuer eingeführt werde

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