Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 52 ©etteX988 Drohungen mit dem Austritten oder einer Uebersiedlung berücksichtigen zu müssen glaubte und einen Abstrich von zusammen circa 60 000 fl. bewilligte. Nachdem nun die Einschätzung für drei Jahre — dieser Termin lauft Heuer ab — vorgenommen worden ist, haben die Nachlässe für das Steuer-Triennium die SuMme von 180.000 fl. (für drei Jahre) erreicht. Dazu kam noch, daß wir die Vororte-Gemeinden in die neue Großgemeinde übernehmen mußten, was wir eigentlich gar nicht zu bedauern haben, weil uns viele und achtenswerthe Vorsteher und „ Balbathim " zuwuchsen, welcher Umstand aber eine Last von 60.000 — 65.000 fl. per Jahr unseren Finanzen auferlegt. Wir konnten uns auch der Pflicht nicht entziehen, den Bethausvereinen, die sich in den verschiedenen Bezirken constituirt haben, eine Subvention zu leisten und haben sich weiters in dieser Hinsicht, wie in anderen unabweisbaren Agenden unsere Ausgaben stetig gemehrt. In den letzten Wochen haben wir wieder im Ganzen 640 Herren der verschiedensten Berufskreise und aus allen Bezirken als Vertrauensmänner für die Steuereinschätzung berufen, von denen bedauerlicher Weise ungefähr 150 abgelehnt haben. Es haben für die neun Steuerbezirke die Commissionen getagt und ihre Arbeiten nahezu abgeschlossen, und ich kann heute schon mittheilen, daß von den bisherigen 14.000 Steuerträgern mehr als 10.000 in ihrer Steuerleistung nicht erhöht werden können und daß insbesondere z. B. von 3400 Besteuerten im II. Bezirke nur 570 überhaupt einer neuen Regulirung zugeführt werden konnten; für die gegenwärtige Situation in Wien gewiß sehr bezeichnend. Bei dieser Gelegenheit möchte ich an dieser Stelle betonen, um gewisse Gerüchte zu entkräften, wonach eine allgemeine Steigerung in der Steuerleistung eintreten sollte, daß sich die ganze Neueinschätzung nur auf kaum den vierten Theil sämmtlicher Steuerträger beschränkt. Wenn ich nun unser Budget in Betracht ziehe, so betragen die Gesammtausgaben circa 850.000 fl. jährlich, welche sich zusammensetzen aus den Theilbudgets der einzelnen Sectionen, wie der Section für die Bethäuser, für den Religionsunterricht, welcher der Gemeinde obliegt und bei 20.000 und mehr Schulkindern allein weit über 80.000 fl. erfordert, weiters der Wohlthätigkeitssection. In letzterer Hinsicht bestehen innerhalb der Gemeinde verschiedene Ansichten; ich kann es hier nicht unterlassen, darauf hiuzuweisen, daß sich Meinungen geltend machen, nach welchen das Wohlthun, die Versorgung unserer greisen Mitglieder, die Unterbringung Siecher u. s. w. nicht als Aufgaben der Cultusgemeinde angesehen werden. (Einzelne Stimmen: Ganz richtig!) Nun, darüber läßt sich wohl streiten, Eines jedoch kann ich sagen — und ich spreche da meine innerste Ueberzeugung aus — wie ich wenigstens die Verhältnisse kenne, wären, wenn nicht der Vorstand schon vor Jahren die 150 alten Leute im Alterversorgungshause untergebracht hätte, dieselben auch heute noch nicht versorgt. (Lebhafte Zustimmung). Ebenso kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß unser Primarius und die Spitalsärzte öfter erklärt haben, daß sie im Spital kranke Leute haben, die unheilbar sind, deshalb jahrelang schon in Behandlung stehen und nickt Weggehen wollen, daß man sie aber doch nicht auf die Straße Hinausstoßen könne. Das war für uns Grund genug, zur Zeit des Kaiserjubiläums ein humanitäres Werk ins Leben zu rufen, und wir haben uns daher entschlossen, gestützt auf das Bewußtsein, daß der WohlthAigkeitssinn in unserer Gemeinde noch in genügendem Maße vorhanden ist, ein Siechenhaus zu errichten. Wir sind hiebei in unserem Gewissen vollkommen beruhigt und finden eben in der Förderung humanitärer Institutionen unsere ganze Befriedigung für das schwierige Amt eines Vorstandes darin, daß es uns möglich ist, solche Werke zu leisten. (Beifall). Wenn wir auch ein so hohes Ausgabebudget haben, ist dennoch das Vertrauen in den Wiener Vorstand Gott sei Dank noch immer so groß, daß ihm die Verwaltung von Stiftungen im Werthe von über 3 Millionen Gülden überlassen ist. Aus den Erträgnissen dieser Stiftungen, welche sich im Laufe des Jahres wesentlich vermehrt haben, kann die Gemeinde alljährlich die Summe von mehr als 100.000 fl. für Studenten, Arme, Kranke und verschiedene andere wohlthätige Zwecke zur Vertheiluug gelangen lassen. Iragen wir uns nun, wie den vielen und großen Bedürfnissen der Wiener Gemeinde Genüge geleistet werden soll und wie diese Großgemeinde, welche die erste Europas genannt wird, die vorhin angeführten Institutionen zu führen hat. so wird wo! ein jeder von uns zu der gleichen Antwort gelangen: daß unsere reichen und wohlhabenden Mitglieder in erster Linie berufen und verpflichtet sind, in erhöhtem Maße zu den Bedürfnissen ihrer Gemeinde beizutragen. (Lebhafter Beifall). Diesfalls bin ich allerdings in der Lage. Mittheilung zu machen, daß dieser heutigen Besprechung zwei Conferenzen mit den Hoch- und Höchstbesteuerten vorausgegangen sind, wobei sich diese Herren energisch gegen den Vorwurf einer Indolenz verwahrten und nachdem ich ungefähr in derselben Weise, wie heute vor Ihnen, die finanzielle Lage, die Aufgaben und Intentionen der Gemeinde dargelegt hatte, e i n st i m m i g dahin ausgesprochen haben, man soll den Kreis der Steuerträger erweitern, und, allerdings nicht aus rein finanziellen Gründen, auf die Fünfgulden-Männer überaehen. (Sehr richtig!) In der Motivirung dieser Ansicht hat der Berichterstatter den wahren Ausspruch gethan, daß das wahre Judenthum und seine Continuität gerade in den unteren Classen seine Existenz und Berechtigung finde. (Lebhafte Zustimmung.) Diese Herren haben sich aber auch bereit erklärt, in eine Erhöhung ihrer Steuern zu willigen (Beifall), und damit ihre Opferwilliqkeit in außerordentlichem Maße bezeigt. Bemerkenswerth ist auch, daß unsere Großen auch wünschen, daß nach Kategorien gewählt werde, wobei sie dabei das Recht haben sollen, ihre Mandatare auch aus den Kreisen der geringeren Steuerkategorien zu entsenden. Der Friede in unserer Gemeinde ist also leicht herzustellen und nachdem eine solche Opferwilligkeit vorhanden ist, wird dem Vorstande — wer immer demselben künftig augehören wird — die Möglickkeit geboten sein, Großes zu leisten. Die Höchstbesteuerten haben gegenüber dem ihnen gemachten Vorwurf der Theilnahmslosigkeit gleichfalls als Entschuldigung auch dafür, daß sie nicht im Vorstande vertreten sind, die Art unserer gegenwärtigen Wahlverfassung bezeichnet. Sie sagen: „Wir sind bereit, alle vorgeschriebenen Steuern zu zahlen und auch sonst mit Leistungen an die Hand zu gehen, welche man von der Wiener Cultusgemeinde mit Recht erwartet, aber wir sprechen dafür drei Voraussetzungen aus, daß 1. der Kreis der Steuerpflichtigen nach unten erweitert werde, 2. die Zahl der Vorsteher — ohne eine bestimmte Ziffer vorznschreiben - zu vermehren wäre und 3. die Wählerschaft nach Steuerkategorien eingetheilt werden solle." (Lebhafte Zustimmung.) Bezüglich des letzten Punktes kann ich bemerken, daß zahlreiche Cultusgemeinden Oesterreichs, wie Prag, Lemberg, Krakau u. s. w. mehrere Wahlkörper haben, doch wird es hier vielleicht Bedenken erregen (So ist es!), und zwar insbesondere in der jetzigen Zeit und bei dem Umstande, daß die von jeher geltende Gleichheit unter den Juden, denr Anscheine nach wenigstens, erschüttert werden könnte; vor der Stellungnahme zu dieser Angelegenheit ist es aber dem Vorstande daran gelegen, auch aus diesen Wählerkreisen direct die Ansicht zu hören. Wenn ich selbst als altes Gemeindemitglied mich frage, ob es sich empfehle, dieser Art der Bethätigung des Conservatismus zur Herbeiführung des Friedens in der Gemeinde, dem Wunsche nach Wahlkörpern zu willfahren, und daß die Gemeinde ihre Größe behaupte, um alle Verpflichtungen zu erfüllen, dann kann ich nicht länger zögern. Sie entschuldigen wohl, sehr geehrte Herren, wenn ich mir erlaubt habe, Ihnen in meiner etwas längeren Darstellung die Verhältnisse in unserer Gemeinde zu schildern. (Lebhafter Beifall.) Der Vorstand wird an die Berathung dieser Frage gehen, will aber zuvor noch Ihren Standpunkt in dieser Angelegenheit kennen lernen; ich bitte jene Herren, welche sich diesfalls äußern wollen, sich beim Ersten Secretär Herrn Dr. Lieben zum Worte zu melden, aber mit Rücksicht auf dem Umstand, daß viele Herren zum Worte kommen sollen, einverstanden zu sein, daß die Zeitdauer jeder Rede auf ein Maximum von zehn Minuten beschränkt werde. (Zustimmung.) Nachdem die Herren: Ortsschuirath Strauß, Dr. Löwinger, Dr. Bloch, Jacob Schick, Filipp Herzog, Dr. Ascher, Jaques Philipp, Samuel Steiner, S. Meisel, Sigm. Kauders, I. D. Straßberg, Philipp Hofbauer, Sigm. Schickler, Jacob Samek, Dr. Bars, Bernh. Hofbauer, Simon Buchwald, S. Brod, Josef Raimann, Leop. Weiß und Dr. I. Weiß in eingehenden Auseinandersetzungen das Wort ergriffen hatten, bemerkt der Vorsitzende zum Schluffe: Gestatten Sie mir, verehrte Herren, noch wenige Worte. Es wäre sehr naheliegend, auf die vorgebrachten Aeußerungen näher einzugehen, allein dies erscheint bei der vorgerückten Zeit unmöglich; dennoch möchte ich mir Ihre Geduld noch für einige Minuten in Anspruch zu nehmen erlauben und ich bedauern nur, daß meine geehrten College» im Vorstande nicht auch Zeit finden, um zu der Versammlung sprechen zu können. Es fällt