Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 52 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 987 Ew. Hochwürden Herr Vicedechant und Pfarrer! In dem Tagblatte „Alkotmany" sind mit dem Datum von Nameßto, und ohne Unterschrift, unter dem Titel: „Der Mord in Nameßto" schon zwei Artikel erschienen, deren Schreiber den gewaltthätigen Tod des zwölf Jahre alten Turdosiner Knaben Johann Csochlan, mit offenbarer Absichtlichkeit, von leerem Gerede unv von jeder tatsächlichen Basis entbehrenden vagen Annahmen ausgehend, die an und für sich keine Bedeutung besitzenden Dinge absichtlich ausgeschmückt in einem solchen Lichte herzustellen bestrebt ist, als ob der genannte Knabe einem sogenannten Ritualmorde zum Opfer gefallen sei. Der Ton, welcher in den Artikeln zu Tage tritt, zeigt, daß der Verfasser dieselben direct mit der Absicht der Aufreizung der Gemüther geschrieben hat. Ich kann nicht glauben, daß diese Artikel aus den Reihen der Geistlichen von Nameßto oder Umgebung hervorgegangen seien, denn ich hege eine viel bessere Meinung von der Gewissenhaftigkeit eines jeden meiner Pfarrgenossen, als daß ich annehmen könnte, daß sich unter ihnen auch nur ein Einziger fände, welcher, blos vonder offenbaren Absicht der Aufreizung geleitet, selbst sich beeilen würde, um unter die Masse eine Brandfackel zu werfen, welche durch die Dummheit und durch das Vorurtheil sehr leicht zu Hellen Flammen angefacht werden könnte. Aber gerade deshalb, weil in der Einbildung des ungebildeten Volkes auch blos ein leichtsinnig hin geworfenes Wort schon eine unberechenbare Wirkung Hervorrufen kann, wenn nicht sofort schon zu Beginn die über die Gläubigen wachende priesterliche Obsorge in Action tritt, wollen Ew. Hochwürden Ihre geistlichen Collegen insbesondere aber die Nameßtoer unverzüglich auf den in Frage stehenden Fall und auf die nicht vorauszusehenden Folgen einer hiemit im Zusammenhänge stehenden Aufreizung aufmerksam machen und ihnen ans Herz legen, daß sie im Interesse ihrer schweren Verantwortlichkeit, mit der ganzen Wachsamkeit ihrer priesterlichen Obsorge auf der Hut sein mögen, damit nicht etwa ihre eigenen Gläubigen den Schaden des böswilligen oder leichtsinnigen Vorgehens Anderer davontragen. Ueber die Erhebungen erwarte ich Ihren Bericht möglichst bald und bleibe mit meinem väterlichen Segen in aufrichtiger Zuneigung u. s. w. Der Präsident Kais. Kath Heinrich Klinger über die Wahl- und Steuerreform für die israelitische Cultusgemeinde in Wien. Wie wir bereits zu melden in der Lage waren, hat der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde nacheinander drei Vertrauensmänner-Versammlungen einberufen, um die Anschauungen und die Wünsche der Mitglieder der israelitischen Cultusgemeinde über die verschiedenen wichtigen Fragen der geplanten Reform des Cultnsgememdestatutes zu vernehmen. Alle Steuergruppen der Cultusgemeinde, — in drei Expertisen gesondert — wurden zur Meinungsäußerung eingeladen, cs haben auch in dankenswerther Weise Männer aus allen Kreisen der jüdischen Gesellschaft dieser Einladung Folge gegeben, um zu den, das Wohl und Wehe der Cultusgemeinde berührenden Fragen Stellung zu nehmen. Nach welchen Richtungen die Reform des Gemeiudestatutes geplant wird, und welche materielle und moralische Gründe zunächst dazu drängen, das beleuchtete eingehend mit großer Schärfe und Präcision in seiner trefflichen Ansprache bei der Eröffnung der Enquete mit den Steuerträgern am 13. December 1899 der Präsident der Cultusgemeinde k. Rath Heinrich Klinger. Diese Rede, welche ein deutliches Bild der geplanten Reform bietet und wiederholt von dem Beifall und der Zustimmung der Experten unterbrochen wurde, hatte folgenden Wortlaut: Meine sehr geehrten Herren! Es gereicht mir zu großer Befriedigung, Sie hier im Namen des Vorstandes begrüßen zu können und Ihnen herzlichst zu danken, daß Sie unserer Einladung Folge geleistet haben. Es ist für den Vorstand ein dringendes Bedürfniß, mit den Steuerträgern und Wählern der Gemeinde in Contact zu treten und ich muß sagen, es ist zu bedauern, daß dies uns nicht öfter möglich ist. Zunächst möchte ich mir nun gestatten, darauf hinzuweifeu daß die Besprechung, welche wir für heute anberaumt haben bereits für den Monat September in Aussicht genommen war daß jedoch infolge meiner Erkrankung eine Verzögerung bis zu dem jetzigen Zeitpunkt eingetreten ist; da ich Ihre Geduld für einige Minuten in Anspruch zu nehmen beabsichtige, bitte ich Sie im Hinblick darauf, daß ich noch reconvalescent bin, mir zu gestatten, daß ich Platz nehme. (Allseitige Zustimmung.) Hochgeehrte Herren! Wir haben bereits im Einladungsschreiben annäherungsweise mitgetheilt, was den hauptsächlichsten Grund der Zusammentretung von heute bildet, es ist zunächst die an uns seit längerer Zeit herangetreteue Frage der Herabsetzung des niedrigsten Steurcensus, der bekanntlich gegenwärtig 10 fl. beträgt; nachdem von Seite mehrerer Vereine und Körperschaften wie auch seitens einzelner Vorsteher die Anregung gegeben wurde, den Kreis der Wähler und Steuerträger insofern einer Erweiterung zuzuführen, daß eine neue Kategorie von „Fünf-Gulden-Männern" geschaffen werde. Dies ist eine Frage, die den Vorstand demnächst beschäftigen wird, und ich kann — ohne dem Votum meiner Collegen vorzugreifen — sagen, daß es uns allen, die wir gute Juden sind, sympathisch fein muß, das Interesse für das Gemeindeleben zu erweitern, und daß es schon in principieller Hinsicht ganz gewiß erwünscht sein kann, wenn diese Anregung auch zur That wird. Ich kann allerdings nicht verhehlen, daß auch gewisse Bedenken bestehen; nicht daß man etwa glaubt oder sich der Furcht hingibt, es fei eine Gefahr darin gelegen, wenn man den Vorstand — wie man zu sagen pflegt — demokratisirt, wir alle wollen doch das Beste für das Judenthum, aber jene Männer in unserer Gemeinde, welche mit der gewünschten Minimalsteuer von 5 fl. belegt werden sollen, befinden sich namentlich in der heutigen Zeit zum Theile in bedrängter finanzieller Lage; wir haben doch die Erfahrung schon von den Zehn-Gulden-Contribuenten, daß derzeit ungefähr 1800 die Steuer leider nicht zahlen können oder nicht zahlen — wollen! Es wirft sich daher die Frage auf, wie man, wenn diese Steuerkategorie von 5 fl. doch eingeführt würde, Vorgehen soll, wenn diese Steuerträger nicht zahlen. Der Vorstand wird kaum das Herz haben, dieselben mit der Pfändung zu bedrohen. Doch auch diese Frage kann nicht einseitig beurtheift werden, es muß auch in Consequenz dessen das Statut selbst in Betracht gezogen werden. Es sind Stimmen laut geworden und liegen in dieser Hinsicht auch vielfach Anträge dem Vorstand vor, welche dahin zielen, daß, nachdem die Anzahl der Vorstandsmitglieder im Verhältnisse zur Größe und der räumlichen Ausdehnung der Gemeinde zu gering sei, die Zahl der Vorsteher vermehrt werden soll — mit gewisser Berechtigung, denn Sie wissen alle, daß die ganze Arbeitslast jetzt auf den Schultern von 24 Herren ruht. Was außer diesen beiden Fragen den Vorstand auf das Intensivste beschäftigt und worüber die Wählerschaft der Cultusgemeinde gehört werden muß, das ist die Finanzlage unserer Gemeinde. Dieselbe ist keineswegs günstig. Wie Ihnen wohl bekannt ist, hat sich aus der ehemals kleinen Wiener Judengemeinde allmälig die Großgemeinde der Wiener Judenschaft entwickelt, welche dermalen nahezu 140.000 Seelen zählt, aber dessenungeachtet im Ganzen nicht mehr als ungefähr 14.000 Steuerzahler hat, während in Berlin 37.000 Personen eine Steuer entrichten; jedoch auch in anderer Hinsicht zeigt fich ein großes Mißverhältniß gegenüber Berlin, auf Grund der von unserem Amtsvorstande im heurigen Sommer, wo wir der Sache nähertreten mußten, an Ort und Stelle gemachten Erhebungen resultirt nämlich, daß die Berliner Gemeinde bei einem Steuercensus von 16.000 bis 6 Mark jährlich die bedeutende Summe von 1,400.000 Mark einhebt; wir hingegen hatten hier bis vor 3 Jahren an Cultussteuern nicht mehr als — 190.000 fl. Bor drei Jahren hat nun auf Grund des neuen Statutes die erste Neu-Regulirung der Cultussteuern bei uns stattgefunden, welche man vielfach zwar als eine Steuererhöhung bezeichnet hat, die aber theilweise eigentlich nur eine Restituirung dessen war, was viele Mitglieder unserer Gemeinde derselben für die Cultusbedürfniffe in früheren Jahren zu wenig gezahlt haben. Nach der im Wege vieler und mühevoller Sitzungen der statutarisch vorgesehenen Vertrauensmänner - Collegien gepflogenen Einschätzung wurde ein Steuercontingent von ungefähr 400.000 fl. erbracht, und es war eine vielleicht zu weitgehende Conciliance, daß der Vorstand — und ich bekenne mich da mitschuldig — gewisse