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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 988 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 53 jüdischen Aelterbaucolonien in Galizien zweifle ich an, sondern ich stelle unter den jetztigen Sachverhältniffen in Galizien die Möglichkeit solcher Gründungen überhaupt in entschiedene Abrede. Nun existirt aber noch auch eine andere, nicht minder bedeutende Schwierigkeit, die sich dem besprochenen Projekte entgegenstellt. Der Uebergang vom Krämerthum zum Ackerbau ist an und für sich, also auch bei Nichtjuden nicht leicht. Er gehört zu den seltenen Ausnahmen. Außerdem haben aber auch das Jahrhunderte währende Mander- und Ghettoleben und das hiemit verbundene physische Verkommen, sowie die bis vor Kurzem noch zum Theil in Kraft bestandenen gesetzlichen Beschränkungen bezüglich des Grundbesitzes in den Juden eine gewisse natürliche Scheu gegen diesen Beruf anerzvgen und vererbt. Der galizische Jude hält noch immer das Gehen hinter dem Pfluge für etwas, das unter der Würde eines anständigen Juden ist. Nicht die physische Arbeit scheuen sie, denn sie verrichten oft als Lastträger u. dgl. noch schwerere Arbeiten, sondern die Erniedrigung, welche im Landbau liegen soll, hält sie von diesem Berufe ab. Das Vorhandensein dieser Abneigung gibt nun Herr Dr. Tuch zu, hofft aber durch ununterbrochene culturelle Einwirkung auf die galizischen Juden und durch die glänzenden Erfolge der ersten Gründungen dieselbe bannen zu können. Nun, die Möglichkeit eines solchen Umschwunges habe ich doch auch gar nicht geleugnet, sondern auf die großen Schwierigkeiten, die nicht in zehn oder dreißig Jahren zu überwinden wärrn, hingewiesen. Diese am Colonisativnsmateriale selbst gelegenen Schwierigkeiten in Verbindung mit den äußeren früher erörterten Hindernissen lassen das ganze Project als unausführbar erscheinen. Bei dem Allem bin ich aber gar nicht der Meinung, daß den galizischen Juden im Lande selbst „gar nicht mehr zu helfen" wäre. — Es ist weder mir, noch meinen Gesinnungsgenossen je eingefallen, das Heil der galizischen Juden in der Auswanderung der ganzen */4 Millionen galizischer Juden zu erblicken. Es sollen nur „die Ueberflüffigen" auswandern. Die Hilfe für die galizische Judenheit liegt einzig und allein in einer geregelten, nach einem geeigneten gemeinschaftlichen Territorium geleiteten Emigration eines Theiles derselben, wo die Emigranten zu tüchtigen Ackerbauern herangebildet werden sollen. Ich setze die Emigration nicht wie Herr Dr. Tuch, an der zweiten, sondern an der ersten Stelle. Die Zahl der Juden in Galizien hat die Tragfähigkeit des Landes schon lange überschritten. Das industriearme Galizien könnte höchstens seine 400.000 und bei zu schaffender Industrie auch noch seine 500.000 Juden ernähren, aber nicht die jetzt hier lebende % Millionenzahl. Durch die allmähliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung würden die Zurückgebliebenen freieren Spielraum gewinnen und ihren Unterhalt ohne die jetzt alles vernichtende Concurrenz ihrer eigenen Brüder gewinnen können. Aus den 272.000 überflüssigen, im unmenschlichsten Elende in Galizien jetzt ihr Leben fristenden Juden könnten productive und mit Vorliebe ihre Arbeit verrichtende Bürger geschaffen werden. Und zu diesem Zwecke eignet sich am besten der historische Boden Palästinas, auf dem wie durch Wunderwirkungen in den letzten Jahren zahlreiche Wein- und Ackerbaucolonien durch jüdische Arbeit entstanden sind, in denen die noch vor Kurzem mit der Elle und Waage hantirenden Krämer rüstig hinter dem Pfluge einhergehen und kunstgerecht die Winzerzange handhaben. Die in Palästina jetzt einer größeren Colönisation sich entgegenstellenden Schwierigkeiten sind behebbar und reduciren sich auf die Geldfrage. Mit hinlänglichen Mitteln könnten daselbst Tausende und Abertausende Hektare Boden von Juden erworben und colonisirt werden. Die bedeutenden Mittel, die das galizische Colonisationsproject mit vorauszusehendem Mißerfolge verschlingen müßte, würden in Palästina Wunder bewirken. Die westlichen Stammesgenossen müßten nur ihre unbegründete Scheu gegen Palästina ablegen. Unter den Zurückgebliebenen würde der Handel aufleben und eine Industrie leichter entstehen können. Auch Ackerbaugenoffenschaften könnten hie und da entstehen, weil der Haß und Widerwillen der polnischen Bevölkerung bedeutend Nachlassen würde. Ein großangelegtes Colonisationswerk galizischer Juden in Palästina würde also nach zwei Richtungen hin segensreich wirken. Es würde im Lande unserer Väter einen rührigen und kräftigen, dem ganzen Judenthume zur Ehre gereichenden jüdischen Bauernstand schaffen, der vor der erstaunten Welt die Fabel, daß der Jude nur Wucher und Spekulationen zu betreiben versteht, ein für alle Mal aus der Welt verdrängte, andererseits aber die materielle Lage der Zurückgebliebenen befestigen und dem Judenhasse die Spitze brechen. Das wäre erst das richtige, vielversprechende Rettungswerk für die galizischen Juden, an dem theilzunehmen es sich wahrlich verlohnen würde. Vom Jahrmarkt des Lebens. Oesterreichifche Künstler in St. Petersburg. Gegenwärtig ist an der Newa eine Ausstellung von Kunstwerken zu sehen, welche österreichisch-ungarische Künstler nach Rußland gesandt haben. Unter den Genre-Malern nimmt Isidor Kaufmann einen ganz hervorragenden Rang ein. Sein Humor und seine feine Beobachtung der Wirklichkeit wird gebührend gewürdigt. Der Czar und die Czarin, die der Ausstellung zur größten Ueberraschung aller Höflinge eine eingehende Besichtigung von anderthalb Stunden widmeten, verweilten längere Zeit vor dem jüdischen Bilde des jüdischen Meisters und nahmen es, einander auf hübsche Einzelbeiten aufmerksam machend, mit ersichtlichem Wohlgefallen in Augenschein. Auch die gesammte Presse äußerte sich außergewöhnlich günstig über die ihr neue und eigenartige künstlerische Erscheinung. Eines der hervorragendsten Organe der russichen Residenz, die „St. Petersburger Zeitung" schreibt: „I. Kaufmann schießt aber auf diesem Gebiet den Vogel ab; sauberer uud doch zugleich lebendiger kann man ein Bild kaum ausführen, und dabei sitzt Kaufmann der Schalk im Nacken. Sein Bildchen „Der Besuch des Rabbi" ist voll gutmüthigen Humors. Da sitzt er, der hochgeachtete Rabbi, in der Pelzmütze, würdig und ernst in einem Zimmer, das Alles ent-; hält, was dem Juden theuer ist — von dem in Leder gebundenen Talmud bis zum messingenen Sabbathleuchter. Neben dem Rabbi sitzt stolz lächelnd der Hausvater und schaut auf seinen Sprößling herab, der trotz seiner jungen Jahre in Käppchen, Lapzerdak und Peijes prangt; der Ernst seiner Erscheinung wird dadurch gemildert, daß er seinen Finger in den Mund steckt, offenbar, um über eine schwierige Frage des Rabbi besser Nachdenken zu denken." Nicht minder anerkennend sprechen sich die russischen Zeitungen über die eminenten Leistungen unseres unvergleichlichen Porträtmalers Leopold Horowitz aus. Ein sehr maßgebender Kritiker gab sein Urtheil dahin ab, daß Horowitz von allen lebenden Porträtisten dem großem Rubensschüler am erfolgreichsten nachstrebein der Auffassung und geschmeidigen Eleganz des Vortrages. „Der WienerVan D y ck", das ist ein hübsches und bezeichnendes Wort, das da aus Rußland zu uns herübergeflattert kommt . . . Cardinal Vaughan gegen die Judenhetze. Im Vatican erzählt man, Monsignore Merry del Bal habe von Cardinal Vaughan einen Brief erhalten mit der Bitte, den Papst auf die gehässigen und schmutzigen Ausfälle der vatikanischen Blätter, insbesondere des „Osservatore Romano" gegen die Juden aufmerksam zu machen. In letzter Zeit habe sich der „Osservatore" zum Werkzeuge der dunkelsten antisemitischen Hetzer hergegeben und die Juden unverblümt als „Ritualmörder" bezeichnet. Ein Blatt, das sich an der Quelle der Wahrheit befinde und mit der Curie in engster Fühlung stehe, lade mit dieser schamlosen Anklage, für die jede Dpur, jeder Schatten eines Anhaltspunktes fehle, eine doppelte Schuld auf sich: es versündige sich gegen den Geist des Christenthums und schade der Kirche. Ein Machtwort des Papstes möge diesem Unfuge für immer ein Ende setzen. Der Schritt des englischen Cardinals soll auf die Curie einen tiefen Eindruck gemacht haben. Bischof Szwreesanyi gegen die Ritualwordhetze. Gegen die Ritualmordhetze liegt die bedeutsame Enunciation eines ungarischen Kirchenfürsten vor. Bischof Paul Szmrecsanyi Hat unter Bezugnahme auf die Ermordung des zwölfjährigen Schulknaben Johann Esochlanan die Geistlichen des Arvaer Decanats folgendes Circularschreiben gerichtet :

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