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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite 985 Nr. 52 Vr. Blvch's Wochenfchrifk. Es ist eine Talmi-Welt, in der wir gegenwärtig athmen Allerorten sucht das Gemeine vorzudringen und reussirt häufig. Die freche Stirne siegt über die redliche Arbeit, und die edelsten Triebe der Menschenseele verkümmern. Alan rüttelt an den Säulen der Gesellschaft, wenn man die Lüge mästet und die Heuchelei großzieht. Die Mauern gerathen ins Wanken, wenn die Fundamente unterwühlt sind; und das Fundament, auf welchem allein die Menschheit sicher aufruht, ist die uns innewohnende ethische Kraft: der nnbezwingliche Abscheu vor allem Gemeinen und Verworfenen, die im Herzen tief wurzelnde Begeisterung für alles Edle und Schöne. Vre gslinkchjüdische Colonisation. Von Dr. Abraham Salz-Tarnow. Das Project der Colonisirung Galiziens mit Juden wird in letzter Zeit vom Herrn Dr. Ernst Tuch in verschiedenen jüdischen Blättern stark lancirt und ist es uns bekannt, daß mehrere Bnei-Brith-Logen in Deutschland sich mit dieser Idee ernstlich befassen und für das kommende Jahr wichtige Einleitungsschritte in Aussicht nehmen. Und wenn auch Herr Dr. Tuch meint, daß ich das sociale Verständniß meiner westlichen Stammesgenoffen überschätze, da noch viele unter ihnen nicht einsehen wollen, daß man das Nebel an der Wurzel anpacken muß, daß auch in den westlichen Culturstaaten die Juden solange nicht vollständig emancipirt sein werden, auch nicht sein können, als sie theilnahmslos der socialen Aechtung der östlichen, der „polnischen" Juden zusehen — so bin ich doch der Ansicht, daß schon das Aufwerfen und Erörtern dieser Fragen von weittragender Bedeutung ist und daß mit der richtigen Beurtheilung der Lage der galizischen Juden und der zu ergreifenden Hilfsmittel der erste wichtigste Schritt nach vorwärts gemacht wird. Ist denn eine innere Colonisirung Galiziens mit Juden möglich? Ich behaupte, daß einer solch' inneren ackerbaulichen Masiencolonisation mit Juden sich unübersteigliche äußere und innere Hindernisse in den Weg stellen würden, Hindernisse von solcher Größe, daß sie nicht nur das Werk schon von Anfang an illusorisch machen, sondern auch für die ganze jüdische Bevölkerung Galiziens wetterschwangere Gefahren heraufbeschwören kö inten. Das erste gar nicht zu bewältigende Hinderniß würde am Widerstande der polnischen Bevölkerung und an den Feindseligkeiten sowohl der autonomen, wie auch der Regierungsbebehörden liegen. Der polnische Adel und Clerus, in dessen Händen sich die meisten Landtafelgüter befinden, und deren politische und sociale Macht eben nur in der Grundrente besteht, überwachen diesen Grundbesitz mit Argusaugen und gerathen in Harnisch, so oft ein Jude sich erkühnt, ein Landtafelgut an sich zu bringen. Jeder Erwerb eines solchen Gutes seitens eines Juden wird in der Polnischen Presse als ein Nationalunglück registrirt, mit dem traurigen Bemerken, daß wieder ein Stück polnischen Bodens in den Besitz von „Fremden" gelangt ist. Dazu gesellt sich noch der sehr bedeutungsvolle Umstand, daß die galizischen Kleinbauern seit der Aufhebung des Grundtheilungverbotes im Jahre 1867 und der in Folge bcffeit erfolgten Bodenzerstückelung stark an Bodenmangel leiden und parcellirte Landtafelgüter rasch unter sich vertheilen. Die Landtafelgüter sind von allen Seiten von den Besitzthümern der Kleinbauern umgeben, und diese sind die natürlichen Anwärter auf den nachbarlichen landtäflichen Parcellirungsboden. Kann unter solchen Umständen nur daran gedacht werden, größere Grundcomplexe zu erwerben und sie jüdischen Ackerbaugenossenschaften in Besitz zu geben. ' Herr Dr. Tuch weist auf die 630 jüdischen Großgrundbesitzer und die so vielen jüdischen Pächter in Galizien hin und fragt erstaunt, warum es doch unmöglich sein sollte, weitere Gütercomplexe zu dem erwähnten Zwecke zu erwerben, wenn es doch die jüdischen Großgrundbesitzer thun. konnten. . Nun möge Herr Dr. T u ch in den polnischen Zeitungen und in der polnischen Tagesliterytur Umschau halten, den Auslastungen der polnischen Intelligenz zuhören, um sich zu überzeugen, wie mit diesen 630 jüdischen Gutsbesitzern und der jetzt vorhandenen Zahl von Gutspächtern die Spannkraft der polnischen Geduld bereits längst überschritten ist. Dem jetzt sehr stark entwickelten Solidaritätsgefühle des polnischen Grundadels und der christlichen Großgrundbesitzer überhaupt ist der Umstand zuzuschreiben, daß seit einigen Jahren die Erwerbung solcher Güter seitens der Juden, wenn nicht ganz unmöglich gemacht, so doch äußerst erschwert worden ist. Es darf aber auch nicht vergessen werden, daß jüdische Großgrundbesitzer und Pächter für die Polen ganz etwas anderes, als jüdische Ackerbaugenoffenschaften, also jüdische Kleinbauern, darstellen. Wenn die Ersteren in der polnischen Bevölkerung Unwillen und Gegnerschaften erwecken, so sind die Letzteren geeignet, in ihr das höchste Gefühl der Angst wachzurufen und sie zu dementsprechenden Maßregeln und Gewaltthätigkeiten greifen zu laffen. Denn in der Wirklichkeit brauchen doch die Polen die jüdischen Großgrundbesitzer und jüdischen Pächter gar nicht zu fürchten. Wer kennt denn nicht das Gros derselben? Ich und meine Landsleute kennen sie aus der allernächsten Nähe. Wir haben in jeder Stadt einige Solcher. Ich gehöre einer Parteirichtung im Judenthume an, die nie es gescheut hat. die Fehler unserer Stammesgenossen rückhaltlos aufzudecken, wie wir auch unsere angeborenen guten Eigenschaften Hochhalten und fortzubilden suchen. Man möge mir nun meine offenen Worte verzeihen? Unsere jüdischen Großgrundbesitzer (einige Ausnahmen abgerechnet) sind es nicht aus Liebe oder Anhänglichkeit zu dieser Beschäftigungsweise geworden. Die rentable Ausbeutung des Bodens und die spätere vortheilhafte Veräußerung desselben hat ihnen bei den Erwerbungen zugelächelt. Sie betreiben meistens weiter in den Städten Bank- und Wechselgeschäfte, während auf ihren Besitzungen durch Pächter oder bestellte Leute förmliche Raubwirthschasten geführt werden. Kein System, kein fachmännischer Plan in der Bestellung des Bodens. Nur große Grundrenten sollen eingeheimst werden. Von dieser Seite haben die Polen nichts zu fürchten, früher oder später werden diese Bodenspeculanten, wenn sie sich daran genug bereichert haben werden und der Boden ertragsunfähiger geworden ist, die Güter meist an einen Christen rückveräußern und wieder bloße Wechselescompteure bleiben. Ganz etwas anderes aber jüdische Kleinbauern, sei es auch in der Form von Productivgenoffenschasten zu schaffen. — Hier soll ein ständiger, auf ehernen Beinen ruhender Bauernstand, der mit Vorliebe den Boden bebaut und diese Zuneigung auf seine Söhne vererbt — entstehen. Auch nicht ein Gut, ein Gütercomplex, soll mit jüdi schen Bauern besiedelt werden, sondern Tausende und Abertausende Familien, sollen auf Abertausenden Hektaren Bodens für immer seßhaft gemacht und an die Scholle gebunden werden. Doch nur in dieser Form und in dieser Zahl könnte die innere Colonisation Galiziens mit Juden auf die mißliche Lage der 772.000 galizischer Juden einen sichtbaren Einfluß ausüben. Wird die den Juden feindlich gesinnte polnische Bevölkerung, deren Bauernstand sehr knapp mit Boden versehen ist. diese massenhafte Expropriirung der eigenen Bauern auch mit nur verhaltener Wuth aufnehmen, wie sie es den jüdischen Großgrundbesitzern gegenüber thut? Ich glaube es nicht, und wer das äußerst gespannte Berhältniß, das jetzt zwischen den Polen und der jüdischen Bevölkerung Galiziens herrscht, kennt, wird sich sicherlich diesen Illusionen nicht hingeben. Im tiefen Rußland oder in den Steppen Amerikas, wo noch viel unbebauter Boden zur Verfügung steht, wo der Bauer noch nicht aus Mangel an Boden zur Auswanderung gezwungen ist, können Experimente mit jüdischen Colonisationen gemacht werden, obwohl dieselben auch in diesen Ländern, aber auandern hier nicht zu erörternden, und bei anderer Gelegenheit schon von mir nachgewiesenen national-historischen Gründen, du Eigenschaft eines zur Lösung der Judenfrage geeigneten Mittele nicht erreicht haben und auch nicht erreichen können. In Galizien aber ist jede größere Colonisation durch Juden ganz unmöglich und ausgeschlossen. Sie würde sich schon gleich am Anfänge am Mangel an Boden und noch mehr an: Widerstande der Bevölkerung verbluten. Nicht die materielle Haltbarkeit oder die Hinlänglichkeit der genoffenschaftlichen Basis der vom Herrn Dr. Tuch befürwortete!!

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