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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 984 Nr. 52 Dr. Blockes Wochenschrift. nicht. Vielmehr hat der Repräsentant der Confession, in deren Schoß der Petent sich flüchten will, nicht nur das Recht, sondern die moralische Pflicht, einen heiligen Schwur abzusordern, daß der Convertit hiebei nur vom edlen Drange seines Herzens, vom heißen Verlangen seiner Seele sich hat leiten lassen, und daß ihm die Absicht, aas dem Religionswechsel irgend welchen irdischen Gewinn zu ziehen, ganz ferne sei. Der Schwur wird auch geleistet, aber gar häufig unter einer bescheidenen U.686rvario meutalis, die freilich vorderhand noch unenthüllt bleibt, da wir in den Gedanken eines Menschen erst nach längerer Bekanntschaft mit ihm zu lesen vermögen. Jndeß, in der Regel pflegt ja des Räthsels Lösung nicht lange auf sich warten zu lassen. Wer die grause Unmoral, die in einem solchen Vorbehalte steckt, nicht herausfühlt, der ist mit Seelenblindheit geschlagen, mit dem werden wir uns überhaupt niemals verständigen. Und wer auch den immensen Schaden nicht zu ermessen vermag, den bei einer Verallgemeinerung eines derartigen Vorganges der sittliche Gehalt eines Volkes nehmen müßte, der ist doppelt zu bedauern, denn auch sein Verstand ist unheilbar blind. Dank den Verhältnissen, welche derzeit in unserem schönen Oesterreich obwalten, sind es die Juden, die zu dem Nicht- Elitecorps der Convertiten ein beträchtliches Contingent sielleu, und mit einem gewissen Theile desselben, könnte ich - ich gestehe es offen — wegen dieser Wankelmüthigkeit des Charakters nicht einmal strenge zu Gerichte gehen. Noch mehr. Gerade vor dem Richterstuhle der Ethik müßten sie freigesprochen werden. Ist es doch eine Force majeure jtidjt minder ethischer Natur, welche sie zu dem ungewünschten Schritte nöthigt: die reine Liebe zur Familie. Man ahnt ja schon, daß ich an den jüdischen Beamten denke, der all sein Wissen und Können in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat und häufig trotz des redlichsten Strebens nicht vorwärts kommt, weil das geschriebene Gesetz sich nicht jedesmal mit dem geübten deckt. Was erübrigt einem solchen Menschen zu thun? Für jeden anderen Beruf ist er bereits unrettbar verdorben. Ueber ein ansehnliches Privatvermögen, das ihn der Sorge ums tägliche Brod entheben würde, verfügt er nicht, weil er es verschmäht hat, mit einem anderen, zu Specnlationszwecken gleichfalls nicht ungerne herangezogenen ethischen Momente, der Liebe, gemeinen Wucher zu treiben. In die trübe, düstere Gegenwart dringt nicht der leiseste Hoffnungsschimmer einer besseren Zukunft. Allein stehend, mag man noch die Seelengröße aufbringen, ein solches Dasein in Geduld zu ertragen. Wie aber, wenn auf dem abgehärmten Kiudergesichtchen Noth und Entbehrung sich herzerschütternd abspiegeln? Nein, ich vermag nicht einem Vater zu grollen, der den eigenen Seelenfrieden dem Glücke seines Kindes hinopfert! Und noch auf einem Terrain geht die Individualität intact aus der confessioneüen Wandlung hervor. In entzückender Harmonie stimmen zwei Menschenherzen zusammen, Seele strebt zur Seele in wonnigem Begehren. Doch hindernd zwischen Beide tritt die Glaubensverschiedeuheit der nächsten Angehörigem So falle denn die Scheidewand nach der -Leite des geringeren Widerstandes! Man kann dem Weltengeiste nicht weihevoller huldigen als in der Liebe: in der reinen, keuschen, heiligen Liebe zum Weibe, in der Liebe zum Kinde und in der Liebe zu den Menschen überhaupt. Die erhabenste Aeußerung des Göttlichen in der Natur ist die Liebe. Die herrlichsten Blüthen des Geistes würden erbarmungslos verdorren, strömte ihnen nicht der belebende Saft zu aus der Wärme des Herzens! Das Motiv einer Handlung qualificirt dieselbe als eine gute oder böse. Die menschliche Seele geräth auf den vielfach verschlungenen Irrwegen des Lebens oft ins Gedränge. Hat man blos für sich allein zu wählen, so ist die Entscheidung sonnenklar: sie darf nur im vornehmen Sinne falten, und müßte darüber das eigene Ich zu Grunde gehen. Da gibt cs keine Coneessioueu. Wie ein kurzer Wintertag verfliegt das irdische Wallen, und nur in der Bethätignng des Altruismus, in dem Aufgeheu in der Gesammtheir, bietet sich uns die Möglichkeit, die dem Einzelnen zugemesseue Spanne Zeit zur Ewigkeit zu dehnen. Mit wessen persönlichem Dasein aber noch das Glück hilfloser Wesen eng verknüpft ist, der darf für das Bessere sich entscheiden, wenn es auch hinter dem, nach ethischen Begriffen unbedingt Guten weit zurückbleibt. Ich habe diese Sentenz hier nicht ohne Absicht des Breiteren ausgeführt. Schützen doch die Meisten die Besorgniß um die Zukunft der Kinder vor, weil sie so den Schritt beschönigen zu können glauben, den sie selbst als einen charakterlosen empfinden. Und da ist es denn sonderbar genug, daß die so zärtlich besorgten und vorschauenden Väter sich unvergleichlich zahlreicher aus den wohlhabenden, als aus den ärmeren Schichten recrutiren. Nein, aus dem vorgeschützten Motiv, das immerhin einen edlen Kern in sich bergen, würde, fließt nicht die den Menschengeist schändende That; aus dem crassen Egoismus keimt sie, aus dem niedrigen Ehrgeiz und dem Streberthum, die des Flitters, welcher die innere Hohlheit maskiren soll, nicht entbehren können. Diese Leute ahnen es kaum, daß eine äußere Auszeichnung: ein Titel, ein Orden u dgl. mehr ihren eigentlichen Werth erst durch den Träger derselben erlangen. Nicht was Einer hat, sondern was er i st, bildet den Gradmesser für die Achtung, die wir ihm werden zollen müssen. Fast hat es den Anschein, als würde diese Erkenntniß vorerst noch in den sogenannten niederen Ständen sich eher Bahn gebrochen haben, denn in den auf ihre Cultur gar so stolzen „intelligenten Kreisen". Dort finden wir noch Beispiele von Opfermuth, Charakterstärke, von Märtyrern ihrer Ueberzeugung. Und ganz merkwürdig, dort blüht auch das Convertitenthum nicht. Von diesen „niederen Ständen" könnte so mancher Gelehrte, so mancher „Geistesaristokrat" etwas lernen, was den Menschen mehr ziert, als itgend ein eitler Prunk und Schmuck: Charakter. Wenn solch ein „Ungebildeter" auf die Segnungen der ihm gleichsam angeborenen Religion verzichten zu können vermeint, so taucht in ihm die Erwägung gar nicht auf, ob sich nicht etwa aus einem kleinen Religiouswechsel Capital schlagen ließe. Und hat er das Bedürfniß, seine Ueberzeugung auch nach Außen zu documentiren, so geht er hin und erklärt sich confessiousUs. Zugegeben, daß ein derartiger Entschluß nicht nach Jedermanns Geschmacke ist. Aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß das Offene, Ehrliche eines solchen Entschlusses uns eher anmuthet, als jenes scheinheilige Mäntelchen, welches die Blöße des Lügners und Heuchlers zu decken berufen ist. Oder sollte gar, wie .es mich von Zeit zu Zeit schier bedünken will, das Wissen den Charakter depräviren? Dagegen sträubt sich nicht blos unser bestes Fühlen, 'auch die Erfahrung, eine so spärliche sie auch in der jüngsten Zeit geworden ist, läßt diesen fürchterlichen Gedanken nicht voll ausreifen. Aber selbst Jene, welche durch ihr tägliches Gebühren den hohen Werth der Ethik zu uegiren scheinen, legen unbewußt Zeugniß für ihn ab. Würde man denn sonst bei feierlichen Anlässen gar so viel Staat mit den ethischen Tugenden machen, wenn man nicht ihren gewaltigen Einfluß auf das Gemüth der Menschen wohl zu würdigen verstünde? Lobpreisen wir an einem Jubilar etwa seinen schlanken Wuchs, den schönen Bart, die gute Verdauung oder allenfalls noch seinen ausgedehnten Besitz? Nein, wir bereiten ihm eine weit größere Freude, wenn wir ihn als den unentwegt rechtschaffenen, für seine Untergebenen stets väterlich bedachten, die Wahrheit geradezu leidenschaftlich liebenden Mann hinstellen. Und erst aus den Nekrologen lernt man eine solche Menge von wahren Tugendbolden kennen, daß man sich höchlich wundert, warum man ihnen im Leben so selten begegnet. Ja, ein guter Ruf ist viel werth, und mitunter — kostet er noch mehr.

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