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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 978 Or. Bloch's Wochenschrift. Nr. öl gung, Kopf und Blick zur Erde gesenkt, kroch es mehr als es ging. Manchmal ächzte es leise, oder senkte das Haupt noch tiefer zum Aermel seines Hemdes, mit dem es das Gesicht abtrocknete. Waren es Schweiß- oder Thränentropfen, die das Dunkel der Nacht in sich aufnahmen? Dieser elende Wurm, der eine Last, die schwerer als er selber, zum Neste schleppte, dieser winzige Abel, den irgend ein Kain mit dieser Bürde beladen, ein Symbol der Menschheit, die die Last ihres Schicksals auf ihren eigenen Schultern trägt! Immer häufiger ächzend und immer tiefer zur Erde sich neigend, kroch das Kind über den Marktplatz und verschwand mit seiner Last in der schmalen, dunklen Straße, wie der Mensch mit der seinigen in der dunklen Tiefe des Grabes. Mittlerweile hatte der Mond die Spitze des Kirchthnrmes hinter sich gelosten und inmitten des Himmelszeltes stehend, überfluthete er die Erde mit seinem Hellen, klaren, silbernen, unsagbar süßen Licht. Auch in dem Gastzimmer von Mendel Schapir's Einkehrhause hatte er den Fußboden mit einem silbernen Teppich bedeckt, und die dunklen Ecken mit Silbertropfen übersäet. Die Gestalt der Frau jedoch, die, das Antlitz in das Kissen vergraben, aus dem gelben Canapße lag, hatte er auch nicht mit dem winzigsten Strahle berührt. Regungslos im Dunkel verharrend, schien sie zu schlafen oder auch in so abgrundtiefes Sinnen versunken, daß Auge und Ohr für die Erscheinungen und Klänge dieser Welt verschlossen waren. Und doch ist ihr plötzlich, als ob sie aus der Ferne ein schwaches, immer deutlicher klingendes Glockengeläute vernehmen würde. Denselben, durch die Felder sich windenden Weg, den sie gefahren, kommt jetzt ein anderer Wagen entlang. Was kann sie das aber kümmern? Und wie ein spitzer Pfeil dringt ihr ganz unverhofft ein Gedanke ins Herz. „Vielleicht ist er's . . Das letzte Wort erstirbt in einem kurzen, ironischen Lachen. Konnte es eine andere Antwort geben für ein Herz, das eine so unvernünftige, wahnsinnige Hoffnung gefaßt? Er hier? Wozu? Um ihre Spur zu suchen? Da müßte ja ein Wunder geschehen sein! Das Glockengeläute klingt immer deutlicher, kommt immer näher. Die Frau erhebt das Haupt. „Vielleicht. ..." Die Hoffnung, die ja unendlich unvernünftig, ist doch zu uuterdrücken nicht möglich. Aber wieder wurde sie von der Ironie besiegt. „Exotische Früchte! Paradiesvögel! Singende Bäume und heilende Quellen! Märchen! Er dir folgen, . . . hierher, . . . da müßte ein Wunder geschehen sein!" Die Glocke tönt gellend laut und verstummt . . . vor der Thür von Mendel Schapir's Einkehrhans. Mit einer hastigen Bewegung springt die Frau vom Canapee empor: „Hier!" . . . Es war ein Ausruf der Hoffnung, der jedoch wiederum von der Ironie erstickt wurde. „Aber was wieder? Ist denn hier das Paradies für die Auserwählten? So besinn' dich doch nur! Es ist ein Einkehrhaus!" Nein! nein! Im Flur hört man Schritte . . . und eine Stimme! Westen Stimme? Mein Gott! die seinige! Ihren Namen, nennt er! nach ihr fragt er! das Wunder ist geschehen! Den Rand des Tisches mit ihren zarten Händen festhaltend, bog sie das Haupt nach vorne. Ein Strahl des Mondlichts glitt über ihr helles Haar. „Sie? . . . hier? . . ." Sie sprach wie Jemand, der sieht, aber seinen Augen nicht traut. Und doch war es Thatsache. Raschen Schrittes trat er auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Sie hier? wieso? war,cm?" „Wieso? warum?" wiederholte er. Sie hörte die Stimme, von der sie dachte, daß sie niemals ihr Ohr berühren würde, sie vernahm das silberhelle Lachen für dessen einer perlenden Cascade gleichenden Klänge sie den rauschenden Beifall, der ihr in solcher Fülle zu Theil wurde, mit Freuden hirgegeben hätte. „Sie wundern sich, daß ich hergekommen bin?" fragte er, sich auf einen Sessel niederlaffend, mit heiterer, fröhlich klingender Stimme. „Warum wundert sie das? Es ist ja so einfach! An dem Orte, wo ich Sie verlassen hatte, fand ich Sie nicht, so setzte ich denn dem Flüchtling nach. Und so wäre ich, suchend und fragend, jenseits der Weltgrenze angelangt, denn das Ende der Welt habe ich schon erreicht. Und sehr viel Gepäck habe ich mitgenommen: Zorn, Streit, Borwürfe. . . ." Bei diesen Worten ergriff er mit einer vornehmen Bewegung ihre Hand und drückte einen Kuß auf dieselbe. Ehrfurcht war in dem tiefen Neigen seines Hauptes, der lange Kuß seiner glühend heißen Lippen drückte Liebe aus. Die in Folge der erlittenen Qualen welk gewordenen Wangen der Frau erblühten zu einem Lächeln und jähen Erröthen. Bebend noch von der so unverhofften Wandlung in ihrem Schicksal, fragte sie: „Zorn? Vorwürfe? Wofür?" „Für die Unruhe, die Enttäuschung, die Sehnsucht, das Herzeleid. „Wessen?" „Und das errathen, das wissen Sie nicht?" ' „Das Ahnen und Rathen hat mir während so langer Zeit in den Monaten alle Tage, in den Tagen alle Minuten eingenommen." „Mir auch . . . unterbrach er. „So wußten Sie nicht?" fragte sie. „Was ich des Morgens zu wissen glaubte, daran zweifelte ich des Abends. Alle Augenblicke fragte ich mich: „Ist es möglich?" und auf eine bestätigende, folgten zehn verneinende Antworten." „Auch bei mir wiederholte sich dasselbe Frage- und Antwortspiel." (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. Koh n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Golzinger's, von grobkörnigen, weihrauchgeschwängerten Schmeicheleien erfüllter Brief, hätte unter allen Umständen auf den dummen stolzen Major einen günstigen Eindruck gemacht, aber dos Schreiben war überdies zu einem Zeitpunkte angelangt, wie sich ihn Golzinger für seine Projekte nicht günstiger hätte wünschen können. — Major Baron Horneck war kein beliebter Mann und führte in Wien kein angenehmes Leben. Adelige Kreise, die ihm seine Mesalliance nie verzeihen konnten, wiesen ihn und seine Frau zurück, in Bürgerkreisen wollte der dummstolze Mensch nicht verkehren. So lange Horneck noch rüstiger gewesen, das Cafe, die Paraden, mit seiner Frau Theater, Kunstreitergesellschaften, Schaubuden, u. dgl. besuchen konnte, war ihre Existenz trotz alledem eine erträgliche, aber seit einiger Zeit war der Major durch das Podagra an seinen Lehnstuhl gefesselt, und somit von aller Gesellschaft abgeschlossen. Das machte ihn und seine Frau mürrisch und zänkisch, und die Beiden, die sich ja nie geliebt hatten, suchten sich nun so gut sie es eben vermochten, gegenseitig das Leben zu verbittern, sich namentlich mit Vorwürfen zn überhäufen. Der Baron behauptete, das ganze Elend seines Lebens rühre nur davon her, daß er sich fürschnöden Mammon an eine Krämerstochter verschachert habe; die Frau Baronin sang dasselbe Lied, aber sie transponirte es in eine andere Tonart. Sie warf ihrem Vater im Grabe vor, die große Thorheit seines Lebens begangen zu haben, sie an einen ungeliebten, gichtbrüchigen Lüdrian von Mann gekettet zu haben, der sie nur um ihres Geldes willen geheiratet, und ihr außer seinem „kahlen Baröntitel" nicht das Geringste zu bieten vermöge. Sie bedaure es lebhaft, daß sie nicht, dem Zuge ihres Herzens folgend, dem Willen ihres Vaters kräftigen Widerstand geleistet, und dessen Commis Franz Lamesch, der ein bildschöner Mann gewesen und sie anbetete, geheiratet hatte. Dieser sei jetzt ein reicher, allgemein geachteter Kaufmann, und sie wäre eine glückliche Frau, wohl auch Mutter einer prächtigen Kinderschaar, während sie jetzt trotz ihres Reichthums, wie eine Einsiedlerin lebe und die Krankenwärterin eines alten, kranken, brummigen, undankbaren Mannes sei. Die Spannung zwischen den beiden Ehegatten hatte schon einen so hohen Grad erreicht, daß sie unfehlbar zu einem unheilbaren Bruche geführt hätte, wenn sie nicht plötzlich in einer dritten Person einen Ableiter für ihren Zorn gefunden, und hierdurch eine Annäherung zwischen ihnen angebahnt und eine Versöhnung erzielt worden wäre. Diese von beiden Ehegatten gleichgehaßte Persönlichkeit war Graf Zeno Klenkow, ein Schwestersohn des Barons. Der junge Mensch war als Cadet eines Chevauxlegers-Regimentes nach Wien gekommen und war dort zum Lieutenant avancirt. Zeno Klenkow, ein nichtsnutziger, übermüthiger Bursche, hatte in

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