Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Dr. Blvch's WochenfchrM Seite 977 mit demselben an den Brunnen geeilt. Jetzt kehrte sie mit dem mit Wasser gefüllten Gefäß zurück. Ihr idjiuadjer Körper neigte sich unter der übermäßigen Last; voin linken Arm, den sie weit vou sich gestreckt hielt, wehten, gleich einer Fahne des Elends, die Fetzen ihres zerrissenen Aermels. Im Hause von Chaim Cygler und dessen Frau herrschte bedeutend größere Ruhe als bei Chaim und Ruchel, nichtsdestoweniger dachte auch dort Niemand daran, den Blick in die Höhe zu richten. Im Gegentheil. Inmitten von großen, kleineren und ganz kleinen Kinderbetten, hinter welchen im Nebenraum noch zwei Wiegen mit Zwillingen sichtbar waren, hatten Chaim und Malta ihre Köpfe tief über ein großes Rechenbuch geneigt. Sie schienen ein sehr einiges Ehepaar zu fein, denn ihre Lippen bewegten sich gleichzeitig und sprachen dieselben Worte aus: zehn, zwanzig, hundert, u. s. w. Nicht ein einziges mal jedoch verstieg sich dieses Duett zweier heiser flüsternden Stimmen vis zur Zahl: Tausend. Trotzdem sie ein Einkehrhaus und einen Laden mit Colonialwaren besaßen, waren die Cyglers bedeutend reicher an Kinderbetten und Wiegen als an Feld. Dies machte wohl auch die Ursache der scharfen Klänge in ihren Stimmen sein, der unruhigen Blitze in ihren Augen, der zornigen Geberde, mit welcher Chaim, die Hand auf das Rechenbuch gelehnt, zu sprechen begann: „Länger warte schon ich nicht mehr! Länger werde ich keine Nachsicht haben, mit der Obuchowska! Wenn sie nach Verlauf einer Woche, das Geld nicht bezahlt. . . ." „Was ist das eine Woche? Warum eine Woche? Morgen, morgen Früh", rief Malka mit Heftigkeit. „Nach einer Woche", wiederholte der Mann. „Mag sein", stimmte die Frau bei. „Also nach einer Woche. ..." „Werde ich einreichen eine Klage und dann in Besitz nehnlen ihr Haus. . . „Das heißt auch ein Hans! Eine Hütte!" „Mag sein eine Hütte! Jedenfalls werde ich sie verkaufen mit Nutzen. Ich hätte längst schon gethan diesen Schritt, wenn mich nicht hätte gedauert die Armuth der Frau. . . " „Wenn sie ist so arm", rief Malta mit-abermals ausbrechender Heftigkeit, „warum trinkt sie Thee und kocht die feinsten Graupen, für die sie uns dann bleibt schuldig das Geld?" ' „Hast Recht, Malka", bestätigte der Mann. „Nach einer Woche reich ich ein zum Gericht die Klage, und nach Verlauf mehrerer Monate nehme ich das Haus." „Nimm es, nimm es!" schloß Malka, das Gespräch und wieder neigten Beide ihre Köpfe über das Rechenbuch, auf dessen mit kleinen Ziffern bedeckte Seiten nicht der winzlgste Strahl oes am Himmelszelte dahinsegelnden Mondes fiel. Und doch stieg der Mond immer höher, und sein Licht, das soeben noch Die Erde in schräger Richtung berührt hatte, glich jetzt einem silberschimmernden Nebel. Die noch dämmerige Lust schien gleichsam von Silber durchwirkt. Ruhig standen die Malven und Georginien in dem Gärtchen, wo ein Mann in steinerner Regungslosigkeit auf der Bank verharrte. Von Zeit zu Zeit jedoch vollführte dieser Mann eine sonderbare Geberde; die große, festgeballte Hand von dem Knie auf dem sie lag, gleichsam mit Gewalt emporhebend, schieir Jemandem in der Luft zu drohen; dann sank die Hand mit der Schwere eines Steines wieder auf das Knie herab. Die Farbe seines Gesichtes war grau, wie die Steine am Wege und die sonst alltäglichen Züge machten den Eindruck, als seien sie von einem mächtigen und gleichzeitig subtilen Meißel in Stern gehauen worden. Es war der Meißel des Todes. Der Tod hatte das Haus des Mannes betreten, da drinnen lag die entseelte Hülle seines Sohnes. Am Zaun des Gärtchens stand eine Gruppe leise flüsternder Frauen. „Seit dem frühen Morgen sitzt er da wie ein Holzblock und redet auch nicht ein einziges Wort!" „Ich war bei ihm, bat ihn, suchte ihn zu beruhigen, sagte, daß dies doch Gottes Wille sei. Aber was hals das? Als wär' er taub und stumm geworden, blickte starr zu Boden und athmete schwer wie ein Hund, den man fast zu Tode geschlagen hat!" „Solch' einen Sohn zu verlieren, der ihm schon Freund und Gehilfe war, das ist keine Kleinigkeit! Wenn der Aermste aber nur beten, mit den Menschen reden wollte! . . . " „Vielleicht hat er die Sprache verloren!" „Oder den Verstand?" „Seht nur, seht, wie er mit der Faust droht! Vollständig wie ein Verrückter!" Der Herr Pfarrer sagte beim Fortgehen: „Mit dein Manne kann es noch ein großes Unglück gcben! Wenn er nichr weinen wird, kann er wahnsinnig werden!" Und der Herr Pfarrer sprach zu ihm von allerhand heiligen Dingen, las ihm Gebete vor, und verließ ihn erst, als man kam, ihn zu einem Schwerkranken zu holen. Beim Fortgehen sagte er mir: „Der arme Mann! Wenn er nicht weinen wird, kann er wahnsinnig werden!" Derjenige jedoch, welcher den Gegenstand des leise geführten Gespräches bildete, verharrte nach wie vor in steinerner Regungslosigkeit, nur hin und wieder die geballte Faust emporhebend, um erne drohende Geberde auszuführen. Auch auf die in einer engen Kammer, auf sehr ärmlichem Bettzeug liegende Frau fiel durch das kleine Fenster ein Strahl des Mondlichtes. Der Kopf der Frau cst mit dichtem schwarzem Haar bedeckt, ihr Gesicht nach aufwärts gerichtet zu den Balken der Decke, wo ganze Völkerschaften von Spinnen und Fliegen sich ansässig gemacht haben. Die hageren Züge der Gelähmten, ihre in düsterem Feuer lodernden Augen, bte fest zusammengepreßteu Lippen, alles drückt Zorn und Verzweiflung aus. So liegt si. nun schon mehrere Tage, angewiesen auf das Mitleid der Menschen, immer allein, immer etwas entbehrend. Die grausame physischen Schmerzen thun ihr nicht so wehe, wie die höhnische Ecvitlerung, die in ihrem Herzen nistet und in ihrer Sprach! sich kund thut. Denn ist es möglich, daß sie von Allen, die sie geliebt und denen sie gedient, vergessen und verlassen sein soll V Wo sind sie, die Menschen, die sie in Krankheiten gepflegt, deren Gut sie gehütet, deren Wünsche sie erfüllt, deren Verluste sie betrauert, als wären es ihre eigenen gewesen? Wie heftig auch die Schmerzen sein mögen, welche ihre machtlosen Füße ihr yerursachen, viel mehr noch schmerzt sie ihr einsames, getäuschtes Herz. Ganze Tage und Nächte lang liegt sie so allein; manchmal ist sie hungrig; die Sehnsucht, die Erinnerungen überwältigen sie und sie fragt sich: „So gibt es keine guten Menschen auf der Welt? Gibt es keinen Gott?" Und in einer Nacht, die schrecklicher noch war als die anderen, antwortete das Dunkel: „Wahrscheinlich nicht!" Und seit jener Nacht begann ein Zorn, den sie bis dahin nicht gekannt, einer Schlange gleich an ihrem Herzen zu nagen, und Flüche, die ihr vollkommen fremd gewesen, in ihrem Hirn zu nlsten. Wenn sie doch wenigstens Ruhe hätte! Aber wo denn! Auch in diesem Augenblicke zankt unmittelbar vor ihrer Thür die Besitzerin der Hütte mit einer Nachbarin. Beide Frauen sind bettelarm. Die Obuchowska ist Eigenthümerin des Wohnhauses, das jedoch mit Schulden beladen ist, die seinen Werth bei Weitem übersteigen, und jene wiederum ist Mutter von zwei Kindern, die zu ernähren sie jedoch nicht die Möglichkeit hat. Beide Frauen machen sich gegenseitig ihr Glück zum Vorwurfe. „Wenn ich eine eigene Hütte besäße", sagte die eine, „ich wüßte nicht, was ich sonst noch verlangen könnte!" „Und wenn ich Kinder hätte", antwortete die zweite, „würde ich wahrlich nichts Anderes wünschen!" „So ernähren und bekleiden Sie doch meine Kinder!" „So bezahl' Du doch meine Schulden!" Das Wortgefecht wird immer lauter, zuletzt verwandelt es sich ill einen Höllenlärm. Gott, wie sie schreien! Mit welch' beleidigenden Epitheten sie einander wie mit Hagelkörnern überschütten! Und das muß man mit anhören! Man kann nicht entfliehen! Immer tiefer sank das Haupt der Kranken in die Kissen; ein leiser Fluch entrang sich ihren fieberglühenden Lippen. Und wieder fragte sie sich: „Gibt es keine guten Menschen auf Erden? Gibt es im Himmel keinen Gott?" Und trübe, düster, einer schwerfälligen, das Licht verdeckenden Wolke gleich, fluthete durch ihr Hirn der Gedanke: „Wahrlich nicht!" Jetzt stand der Mond hinter der schwarzen Kirchenmauer und stieg langsam immer höher, zur Spitze des schlanken Thurmes hinauf. An dem Gitter, das die Kirche umgab, glitt, bald im Schatten der Bäume verschwindend, bald an Hellen Stellen wieder auftauchend, eine sehr kleine, sonderbare Gestalt entlang. War es ein Zwerg mit unverhältnißmäßig großem Körper, oder ein Mensch, dessen kleine Füße die unförmlichen Schultern nur mit Mühe tragen konnten? Es war ein Kind, das einen schweren, mit Kartoffel gefüllten Sack auf dem Rücken schleppte. Mit unendlicher Anstren-