Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Bloch's "Wochenschrift Seite 973 Dreijähriger Zuchthausaufenthalt ihres Patrons hat die „Kreuzzeitung" nicht bestimmen können, von ihrer Ueberheblichkeit in Ton und Gewöhnung abzulassen. Dieser Tage veröffentlichte sie eine derartige Censur mit nachstehender Einleitung: „Herr Adolf Kerr oder, wie er vom Hause aus heißt, Alfred Kempner, trägt in der „Frankfurter Zeitung" zum hundertjährigen Geburtstag Heinrich Heine's die folgenden blasphemischen Sudeleien zusammen, wie sie eben nur einem jüdischen Kopfe entspringen können." Ob Herr Kerr ursprünglich Kempner geheißen hat, wiffeu wir nicht, auch nicht, was ihn veranlaßt haben mag, einen Namen einzutauschen, der nur einen unartikulirten Laut darstellt. Auch über das Judenthum des Herrn Kerr wissen wir nichts. Dagegen wissen wir ganz genau, daß es eine infame Frechheit der „Kreuzzeitung" ist, von „blasphemischen Sudeleien" zu sprechen, „die nur einem jüdischen Kopfe entspringen können", und daß es eine gewohnte, von den Tagen der Meineidszeugen Ohm und Gödsche in der Kreuzzeitungsredaction herkömmliche Verleumdung ist, im vorliegenden Fall von einer „jüdischen Blasphemie" zu sprechen. Die „Kreuzzeitung" drückt die angeblichen Blasphemien ab, die sie durch Sperrdruck hervorhebt. In jenem Artikel Kerr-Kempner's wird Heine ein „Enkel König David's" genannt. Daß ein großer Dichter ein Enkel des königlichen Sängers genannt wird, liegt recht nahe, und das Bild wird dadurch nicht schlechter, daß jeder Jude zum mindesten die Möglichkeit für sich hat, zum König David im Verwandtschaftsverhältniß zu stehen. Kerr-Kempner sagt, daß Heine vom „Ewigkeitszug" umleuchtet sei. Diese Umschreibung für die Unsterblichkeit des Heine'schen Dichterruhms kann gesucht erscheinen, doch blasphemisch ist sie gewiß nicht. Wir „gedenken" sagt Kerr-Kempner zum Kummer der „Kreuzzeitung" des Dichters Heine „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüth". Auch das ist eine gesuchte Ausdrucksweise, wir sehen aber nicht ein. daß es blasphemisch sein soll, eines Menschen so zu gedenken, wie wir nach den Worten der Bibel Gott lieben sollen. Kerr-Kempner spricht Heine „nie erreichte Größe" zu, das mag falsch sein; doch zur Blasphemie kann es nur die dümmste Bosheit umdeuten. Kerr-Kenipner meint, Heine war ein tiefer Kenner und Geprüfter des Lebens, nicht blos, „weil er für die Liebe das Kreuz tragen mußte." Das ist, mit Verlaub, eine geschwollene Redensart ohne Sinn, und schon deshalb kann sie nicht blasphemischen Sinn haben. Kerr-Kempner meint endlich, der Dichter, der in Schmerzen gestorben, habe „die Krone des Lebens davonaetragen". Es mag sein, daß Kerr-Kempner gar "nicht berufen ist, irgendwem die Krone des Lebens zuzusprechen, ganz gewiß nicht so berufen, wie die „Kreuzzeitung" es zum Gegentheil und zum advocatus diaboli ist. Doch das behauptende Urtheil ist lediglich ein anderer Ausdruck für den innigen Wunsch, und nur kreuzzeitungswidrig, nicht blasphemisch ist es, die Krone des Lebens, die ewige Seligkeit einem Sündhaften zuzusprechen, selbst wenn unser Herrgott diesen Spruch nicht ratrficirt. Das ist Alles, was die „Kreuzzeitung" in dem Kerr- Kempnerschen Artikel durch Sperrdruck als blasphemisch denuncirt. Die „Kreuzzeitung" folgt ihrer Tradition, wenn sie falsche Beschuldigungen ausspricht. Berlin. In den soeben bei Georg Reimer (Berlin) erschienenen, von Dr. Paul Nathan herausgegebenen „Erinnerungen" von Ludwig Bamberger, erzählt der gefeierte Parlamentarier folgende Episode aus seinem Aufenthalte in Bern (184-9): „Meinem Geschmack gemäß kam ich nicht viel in die Kneipe. Dagegen fand ich sehr freundliche Ausnahme im Hause des berühmten Physiologen Valentin, der Professor an der Universität war. Er war ein gütiger, leutseliger Mann, seine Frau eine geistig sehr angeregte, lebhafte Dame. Oppenheim und ich waren stets willkommene Gäste und genossen den Vortheil eines in dem wüsten Flüchtlingstreiben doppelt wohlthueuden häuslichen Verkehrs. Valentin war eine der Leuchten der neuen physiologischen Schule, und da er als Jude damals in seiner Heimat Preußen (er wa*° Schlesier) keine Profeffur bekommen konnte, war er einem Ruse nach der Schweiz gefolgt. Ec hatte sich eine äußerst pietätvolle Anhänglichkeit ans Judenthum bewahrt. Sie gab einmal Anlaß zu einem komischen Quid pro quo. Aus gegenseitigen Wunsch hatten wir L ö w e-Kalbe, der ja Mediciner war, zu Valentin gebracht und einen geselligen Abend mit ihm da verlebt. Valentin hatte sich vorzugsweise mit Löwe unterhalten. Anderen Tages fragte ich ihn, worüber er so eifrig mit seinem Gast gesprochen; über jüdische Dinge war die Antwort. Valentin hatte Löwe für e neu Juden gehalten, und dieser hatte ihn nicht enttäuscht. Löwe's äußere Erscheinung konnte allerdings dazu verführeu; seine Physiognomie, seine Gestalt, endlich sein Name legten die Bermuthuttg nahe. Als ich Löwe nachträglich damit neckte und sein verdächtiges Aeußere, namentlich auch seine lispelnde Aussprache und seinen etwas vorragendeu Unterleib zu Valentin's Entschuldigung anführte, stellte Löwe zur Widerlegung eine eigene Theorie über die Bauchformationen aus. Er m-inte, der semitische Bauch unterscheide sich vom arischen dadurch, daß dieser rund, jener spitz abgedacht sei, der seinige aber der ersten Formation zuneige. Ich überliefere die Theorie den Racenschnüfflern zur weiteren Untersuchung." Nürnberg. Bei den jüngst in Nürnberg stat^gehabten Gemeinderathswahlen sind trotz der heftigsten Agitationen seitens der Clericalen und Socialisten die Liberalen siegreich hervorgegangen. Unter den Wiedergewählteu erscheint auch Herr Sigmund Hellmuth, Fabriksbesitzer in Nürnberg, dem nun die hohe Auszeichnung zu Theil wurde, in den Magistratsrath, die höchste städtische Corporation, berufen zu werden. Unser Glaubensgenosse Herr Hellmuth erfreut sich wegen seines Wohlthätigkeitssinnes und integren Charakters der Sympathie der gesummten Bürgerschaft Nürnbergs, welche auch seine Ernennung mit Befriedigung aufnahm. Hannover. Hier starb im 64-. Lebensjahre Herr Isaak Hirsch, Sohn des großen unvergeßlichen Rabbi Samson Raphael H i r s ch. I. H i r s ch, der dem Berufe nach Kaufmann war, verstand es aber auch, für die Grundsätze des traditionellen Judenthums mit der Feder wacker einzutreten. Er hat einige Jahre eine Zeitschrift „Jeschurun" herausgegeben, welche diesem Zwecke gewidmet war. In Hannover war er ob seiner persönlichen Eigenschaften allseitig hochgeschützt, war Vorstand vieler Vereine, als Mitglied der Chevra. welche sich dem Obossed sehel emmes mit den Todten widmet, Jahre lang thätig und feit einigen Jahren auch 2. Vorstand der israelitischen Gemeinde Hannover. Seine Verdienste um das Judenthum sind allgemein in seiner Gemeinde und weit darüber hinaus anerkannt worden. Als echter Sohn eines Samson Raphael H i r s ch lebte und wirkte er. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann hat ihm iu Anerkennung seines segensreichen Wirkens, als er seinen 60. Geburtstag feierte, den Morenutitel verliehen. Die Beerdigung fand unter großer Theilnahme statt. Der Bruder des Dahingeschiedenen Dr. M. Hirsch aus Frankfurt a. M. sprach im Hanse, aus dem Friedhofe Landrabbiner Dr. Gronem a n n und Semmardirector K n o l l e r und widmeten ihm herzliche Worte des Abschiedes, ebenso ein Neffe des Verstorbenen, Herr Braunschweig. Paris. Außerordentliches Aussehen macht in jüdischen, wie in nichtjüdischen Kreisen der Tod des Soldaten G a st o n B e r n a r d, der vor 5 Tagen als ein Opfer barbarischer Mißhandlungen seitens seiner-Vorgesetzten im Lazareth verstorben ist. G a st o n B e r n a r d, der am 15. November zum 31. Drazonerregimente in Eyernay einrückte, wurde von Anfang au seines jüdischen Glaubens halber von den Unterosficieren, besonders vom Marechal de logis, Namens de Solanges beschimpft und mißhandelt. Er selbst schrieb darüber an seine Eltern, daß dieses Leben nicht zu ertragen sei, daß er sich müsse unausgesetzt Dreyfus und Ioupin schimpfen lassen und daß Brigadier und Marechal selbst vor handgreiflichen Beweisen ihres Judenhasses nicht zurückschrecken. Am 2. December kam er in das Lazareth und seine erschreckte Mutter wurde telegraphisch an das Sterbebett ihres Sohnes berufen. Als sie von demselben die Leiden gehört hatte, die er hatte durchmachen müssen, wandte sie sich mit einer Klage an den Obersten des Regiments und diesem gegenüber wiederholte Bernard noch in seiner Sterbestunde seine Klagen gegen den Solanges. Nach dem schon am 5. December erfolgten Tod--