Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 974 Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrrfi. leitete der Oberst eine Untersuchung ein, die angeblich die Grundlosigkeit der Anklagen gegen die Unterofficiere ergeben haben soll, allein der Kriegsminister, der von dem Vorkommuiß in Kenntniß gesetzt worden war, leitete eine neue erschöpfendere Untersuchung ein, deren Resultat noch aussteht. London. Die Anglo Jewish Association hielt ihre diesmalige Monatsversammlung am 3. December unter dem Präsidium von Philipp Magnus ab, da Claude Montefiore indisponirt war. Nachdem man die übliche Gedenkfeier für den verstorbenen Mr. Zox in Melbourne, der dem dortigen Zweigverein präsidirte, gehalten hatte, trat man in die Geschäfte ein und mußte wieder constatiren, daß das Deficit von Tag zu Tag wächst und jetzt bereits die respectable Höhe von 25.000 Mark erreicht hat. Zur Deckung dieses Deficits soll im März ein Zweckeffen stattfinden. Die Alliance Israelite universelle hat auf die neuen Greuelthaten in Marokko, welche gegen die Juden von Sefrou verübt worden sind, hingewiesen und die Intervention der Anglo Jewish Association bei der englischen Regierung erbeten, in der heutigen Versammlung wird aber mitgetheilt, daß die englische Regierung ihren Vertreter in Marokko einfür allemal angewiesen hat, bei der marokkanischen Regierung einzuschreiten, so daß es genügt, ihn einfach von den vorgekommenen Verfolgungen in Kenntniß zu setzen, um ihn zu Beschwerden bei der Regierung von Marotto zu veranlassen. Unter dem Ausdrucke des Dankes für diese humane Stellung der englischen Regierung, beauftragt die Anglo Jewish Association den Director der nächstgelegenen Schule der Alliance die Vorgänge dem englischen Gesandten in Marrakesch mitzutheilen. Alsdann Werden an Subventionen bewilligt 800 Mark für die Knabenschule in Adrianopel, in der jetzt auch Deutsch als Unterrichtsgegenstand eingeführt ist, ferner den Schulen in Monastir 200 und in Rustschuck 600 Mark. Eine lebhafte Discussion entspann sich sodann bei der Frage, inwieweit die Anglo Jewish Association sich um die Vorgänge in Oesterreich kümmern solle. Während von der einen Seite hervorgehoben wurde, daß die Gemeinde in Wien nicht einmal auf den Brief der Anglo Jewish Association geantwortet Habe, Hielt doch die Mehrzahl der Redner es für absolut geboten, daß auch der englische Verein an der Bekämpsung der Blutbeschuldigung, unter welcher zur Zeit die österreichischen Juden leiden, theilnehmen muffe. Nach vielen Discussionen einigte man sich endlich dahin, ein Comite zu wählen, welches die weiteren Schritte berathen solle. Um jede Verzögerung zu vermeiden, wurde dem gewählten Comite Vollmacht zu selbstständigem Vorgehen ertheilt, ohne daß dasselbe noch einmal genöthigt sein soll, wie üblich an die Executive zu berichten. Petersburg, 12. December. (Eigenbericht der „ Österreichischen Wochenschrift/) Die russische heilige regierende.Synode (Sswiatejschij Prawiteljstwujuschtschij Ssinod), welche zum Theil aus russischen Metropoliten, Erzbischöfen und Bischöfen und zum Theil aus hohen Regierungsbeamten besteht und an deren Spitze der Oberprocurator, wirklicher Geheimrath Constantin Petrowitsch Pobedonoßcew, steht, erließ neulich eine Verordnung, in welcher die russische Geistlichkeit aufgefordert wird, mit der Aufnahme der Juden in den Verband der russischen Kirche äußerst vorsichtig zu sein, indem seit der letzten Zeit sich unter den getauften Juden das Bestreben bemerkbar mache, die „rechtgläubigen" (prawosslawnyje) Russen zum Judaismus zu bekehren. Dieses Bestreben, so heißt es in der betreffenden Verordnung, sei um so gefährlicher, als unter den rechtgläubigen Russen bereits seit vielen Jahren eine zum Judenthum hinneigende Secte, die sogenannten Ssubbotniki (Samstagfeierer oder Sabbathirer), besteht, welche mehr als 100.000 Anhänger zähle und mit jedem Jahre immer mehr Anhänger bekomme. Eine gleiche Warnung richtete an die russische Geistlichkeit auch das Petersburger Hauptorgan der genannten Synode, der „Lerkownyj Westnik“ („Kirchenbote"), in einer seiner letzten Nummern (Nr. 33), indem er unter dem Titel „Die nothwendige Vorsicht bei der Aufnahme der Juden in die Kirche" einige Fälle anführt, in welchen es constatirt worden wäre, daß die Juden sich nur zu dem Zwecke taufen ließen, um unter den rechtgläubigen Ruffen Propaganda für den mosaischen Glauben zu machen. Welch' große Furcht die Russen vor dieser Propaganda haben, zeigt der Schluß des betreffenden Artikels des Hauptorgans der heiligen Synode, welcher wörtlich also lautet: „Die Folgen einer solchen Eile in der Aufnahme der Juden in die Kirche können für die Existenz der russischen Kirche sehr traurige sein. Derlei zum christlichen Glauben Bekehrte können, durch vitale Aussichten veranlaßt, in der Folge in den Clerus eindringen und zum Einfluß in der Kirche gelangen. Durch ihre Vermehrung im Bestände der Kirche können sie nach und nach eine besondere Gemeinde rein jüdischen Charakters (tschisto judejskij poschib), von der Art der Secte der Judaisatoren (ssekta scliidowstwujuschtschich), bilden, die dann auch auf die anderen mit ihr in Berührung kommenden Mitglieder der Kirche Einfluß üben wird. Die Annahme der Principien des Judenthums mit seiner strengen formellen Disciplin und mit seinem Begriff der Entschuldigung des Menschen vor Gott mittelst der Thaten des rituellen Gesetzes von Seite des russischen und insbesondere gemeinen Volkes mit seiner Anhänglichkeit an die äußerlich-religiösen Ceremonien und seiner Bereitwilligkeit in diesen letzteren das Hauptheilprincip zu finden, erscheint ohne Rücksicht auf den Gegensatz der zwei nationalen Charaktere, wie dies das Auftauchen der Secte der Ssubotniki zeigt, als eine mögliche Sache. So eröffnet sich vor uns die Perspective neuer schädlicher Strömungen in der Kirche, — Strömungen, welche an die Zeit der Ketzerei der Judaisatoren erinnern. Das können also die Folgen der allzugroßen Eile in der Aufnahme der Juden in die Kirche ohne die nöthige Probezeit und Publication sein und darum caveant consules! Mögen die, welche die Schlüssel der Kirche in ihren Händen haben, sich nicht von den Motiven einer überflüssigen Humanität leiten lassen, sondern die kirchlichen Thore nur denjenigen der getauften Juden öffnen, welche kraft ihrer ungeheuchelten Reue und ihres aufrichtigen Glaubens an Christus dessen würdig sind." Ob diese Warnungen etwas nützen werden, ist sehr zu bezweifeln, indem das russische gemeine Volk den mosaischen Glauben als einen richtigen Glauben betrachtet und denselben in vielen Beziehungen sogar über seinen eigenen russischen Glauben setzt. Insbesondere imponirt dem russischen Volke die Art und Weise, wie der Jude seinen Sabbath und überhaupt alle seine Feiertage begeht und die auch von seinem Glauben acceptirte Lehre, daß Gott den Menschen den Samstag und nicht den Sonntag als Feier- und Ruhetag bestimmt hat. Aus diesem Grunde erklärt sich die Thatsache, daß der Russe dem Juden gegenüber keinen religiösen Haß in sich trägt und daß die Verfolgungen der Juden in Rußland nur aus materiellen Gründen entstehen und meist in Städten von Arbeitern und Proletariern angezettelt zu werden pflegen. In Anbetracht dieser Thatsachen ist es daher erklärlich, warum die höchste russische Kirchenbehörde sich so vor den getauften und ungetauften Juden fürchtet und die russische Geistlichkeit vor der Aufnahme der Juden in den Verband der russischen Kirche warnt, ungeachtet dessen, daß der russische Glaube in Rußland 93 und der mosaische nur A/5 Millionen Bekenner zählt. Russkij. Beyrouth. Mit hohem Interesse haben wir hier die Polemik verfolgt zwischen Herrn M. L. und unserem Gesinnungs-- genossen Herrn Iork-Steiner. Die Vorschläge, unsere verfolgten Glaubensgenossen in dem civilisirten Europa nach Australien zu dirigiren, haben in Nr. 47 vom 24. November l. I. durch Herrn W. Bambus auf Grund gesammelter reichlicher Erfahrungen betreffend die Australische Colonisation in allen Punkten eine gründliche Beleuchtung erfahren, so daß wir seinen Ausführungen vollständig beistimmen. Für Australien macht Herr M. L. geltend, daß wir dort den Schutz der englischen Regierung genießen würden. Hierin mag Herr M. L. recht haben. Allein er braucht nicht in die Ferne zu schweifen, wenn das Gute näher liegt, und zwar in der nächsten Nähe, blos einige Tage von Rußland, Rumänien und Oesterreich entfernt, nämlich Cypern. Wenn Herr M. L. mit uns einverstanden ist, so wollen wir sür die Verwirklichung dieser Idee mit vereinten Kräften arbeiten, denn obzwar wir hier alle der jetzigen zionistischen Strömung angehören, stimmen wir doch nicht mit jenen Zionisten überein, die sich ausschließlich auf Palästina beschränken wollen und Cypern ganz und gar außer Acht lassen, trotzdem es nächst Palästina unser wirklicher einziger Zufluchtsort ist; mit dem Unterschied, daß uns in letzterem Thür und Thor momentan verschlossen sind, während uns elfteres stets die gastfreundlichste Aufnahme bieten wird. Hochachtend Ph. Türkel und B. Katz.