Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021329--09473-3033904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 970 Dr. Blvch's Wochenr'chrifk. Nr. 51 Liebenswürdigkeit, erklärte aber dem Frager, daß gar nichts geschehen könnte, wenn nicht alle Bischöfe einig seien, aber die Juden sollten überhaupt keine Furcht haben, es werde ihnen nichts geschehen, die ganze Sache sei nur Zeitungsgeschwätz. Bon dieser Ansicht ließ er sich auch nicht durch den Hinweis auf die Exceffe in Böhmen und Mähren abbringen, denn er meinte hier die aufgeregte Stimmung zu beruhigen, habe bereits der Hirtenbrief des Bischof Kohn genügt. Dagegen zeigte er dem Besucher, als das Gespräch auf die päpstlichen Bullen kam, die eben in den Zeitungen gedruckt waren, noch andere Urkunden, die sich in gleichem Sinne gegen Blutbejchuldigung äußerten und wies speciell auf die Bulle von Papst Benedict dem Dreizehnten hin. Zwischendurch kam die Rede auf die zionistische Bewegung, von der Marsch all erklärte, daß er er sie mit großem Interesse verfolge, auch wisse, daß Männer von Bedeutung an der Spitze stehen, aber doch glauben müsse, daß sie die Schwierigkeit der entgegenstehenden Interessen, der Katholiken, sowie die der Deutschen unterschätze. Auf die Zwischenbemerkung des Besuchers, daß der Zionismus dies vorausgesehen habe, daher ein Theil des Landes exterritorialisiren wolle, und daß auch der Deutsche Kaiser dem Zionismus günstig gegenüber stehe, meinte Marschall: Ich weiß dies Alles wohl zu würdigen, aber sie stehen erst am allerersten Anfang, zur Zeit existirt nichts weiter als eine Anzahl blühender Colomen, deren weitere Ausbreitung man zu hindern bemüht ist. Auf die Frage vom Ritualmord zurückkommend, ließ der Geistliche seinem Besucher durchblicken, daß er einen Appell an die höchste katholische Autorität empfehle. Indessen auch er war ebensowenig wie Dr. Pflüger zu einer positiven Erklärung zu bringen. Vor einem solchen Experiment wäre bei den derzeit in Rom vorherrschenden Elementen dringend zu warnen. Wien. Aus Anlaß des Geburtstages Seiner Majestät des Sultans Abdul Hamid II. fand am 19. December Mittags im türkischen Tempel ein feierlicher Festgottesdienst statt, der wohl in des Wortes vollster Bedeutung diese Bezeichnung beanspruchen kann. Das im hellsten Lichterglanze erstrahlende herrliche Gotteshaus war schon lange vor Beginn der Feier von Mitgliedern der türkischen Colonie sowie von Gasten dicht gefüllt, die gekommen waren, dem Herrscher eines judenfreundlichen Landes ihre Gefühle zum Festtage Ausdruck zu geben. Obercantor Bauer, affistirt vom vorzüglichen Tempelchore sowie der Orgel und zweier Harfen, intonirte nach einem kurzen Präludium in bekannter Meisterschaft das von dem türkischen Unterthan, H. Elias, prachtvoll vertonte „Ma Towu", hierauf hielt vor der inzwischen geöffneten Bundeslade Chacham P a p o das Festgebet, nach welchem die ebenfalls von Herrn Elias herrührende Composition, die Fest-Hymne, dem Obercantor Bauer und dem Chore neuerlich Gelegenheit zu glänzen gab und mit dem Absingen der Sultanshymne endete die jedem Anwesenden lange unvergeßlich bleibende Feier, der der türkische Botschafter am Wiener Hofe, Mahmud Red in Bey mit dem gesammten Botschaftspersonale, der Präsident der türkischisraelitischen Gemeinde, M. R u s s o, in Vertretung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde die Herren Baurath Theodor Ritter von Goldschmidt und der l. Secretär kais. Rath Dr. Theodor Lieben, Polizei-Bezirksleiter K e n d e und Andere mehr beiwohnten. E. I. Wien. Der Brigittenauer isr. Frauen-Wohlthätigkeits- Verein versendet soeben den Bericht über seine Thätigkeit im abgelaufenen Vereinsjahre. Demselben entnehmen wir, daß dieser Verein, dessen Wirksamkeit einem der ärmsten Bezirkstheile Wiens zu Gute kommt, eine überaus segensreiche Thätigkeit entfaltet. Dem nicht allein, daß er, wie der Rechnungsabschluß ausweist, außer den Anslagen für Drucksorten, Porto und Jncasso, seine Jahreseinkünste von mehr als 4.800 Kr. zur Gänze an würdige Arme u. zw. nur nach persönlich vorgenommenen Erkundigungen seitens der Vorstandsdamen, zur Vertheilung gebracht hat, war er auch überall dort in hervorragendem Maße mit chätig, wo es sich um für die Brigittenauer armen Glaubensgenossen wohlthätige Einrichtungen handelte, wie z. B. bei der unter der Aegide des löbl. Cultusvorstandes ins Leben gerufenen Bespeisung armer isr. Schulkinder, bei den die isr. Feriencolonisten betreffenden Recherchen rc. Es ist selbstverständlich hier nicht der Raum, um den Bericht, wie er es verdienen würde, ganz oder in einem größeren Auszuge wiederzugeben; aber das geht aus demselben unzweideutig hervor, daß der Verein die Unterstützung seiner zahlreichen Gönner und Förderer in vollstem Maße verdient hat, und ist deshalb mit Sicherheit anzunehmen, daß die Vereinsleitung auch in der Zukunft es nicht daran fehlen lassen wird, sich jeder Unterstützung würdig zu erweisen. Wien. (Das Bekleidungsfest des Vereines „Z w a n g l o s".) Der unter dem Protectorate der Frau Gräfin Anastasia Kielmansegg stehende, seit zehn Jahren wirkende humanitär-gesellige Verein „Zwanglos" veranstaltete im Festsaale des Wiener kaufmännischen Vereines sein diesj ihriges Bekleidungsfest. Nicht weniger als 157 arme Kinder ohne Unterschied der Coufession wurden mit warmer Winterkleidung, mit Hüten, Schuhen, Strümpfen, completer Wäsche u. s. w. bedackit und außerdem mit Obst und Bäckereien reich beschenkt. Von welcher Güte die gespendeten Kleider sind, mag der Umstand beweisen, daß viele Kinder in den Kleidern erschienen, die ihnen der Verein vor zwei Jahren und im vorigen Jahre gegeb n hat. Die Kinder betraten, geführt von Herrn Oberlehrer Schulhof, den Frstsaal. Der Obmann des Vereines, Herr Dr. Josef W i n t e r n i tz, begrüßte in schwungvoller Rede die anwesende Protectorin Frau Gräfin Kielmannsegg, sowie die erschienenen Ffftgäste. U iter den Letzteren waren: die Reichsraths - Abgeordneten Dr. Kronawetter und Noske, Landtags-Abgeordneter Dr. Ofner, Gemeinderath Oberbaurath Ritter v. Goldschmied, Bezirksvorstand der Inneren Stadt Herr Picker, die Bezirksausschüsse kais. Rath Haider, kais. Rath W. Schostal und Waldstein, die Armenräthe Satter, Zerner und Hupka, die Präsidentin des „Frrienhort" Frau Doctor Charlotte Frischauer, der Obmann des Leopoldstädter Kinderschutzvereines Dr. Samek, der Obmann des „Rudolfsbundes" Dr. Brady u. s. w. Herr Dr. Winternitz sprach insbesonders dem rührigen Damencomits, an dessen Spitze Frau Julie Zerner steht, den innigsten Dank für sein emsiges Wirken im Interesse der armen Kinder aus. Das Damencomite hat sich um den Verein die größten Verdienste erworben. Der Präsidentin stehen in ihrem humanen Bestreben zur Seite die Damen: Frau Sophie Auspitz, Frau Dr. Elise Winternitz, Frau Louise Beck, Frau Wilhelmine Eckstein, Frau Julie Ehrlich, Frau Morberger und Frau Westreich. Der Obmann dankte ferner den Spendern Herrn Ludwig Riedl, Besitzer des „Cafe l'Europe", der für sämmtliche Kinder eine opulente Jause beistellte, Herrn Selcher Tdeumann. der unzählige Paare Würstel gespendet hatte, Herrn Adolf Hupka für die Begleitung am Harmonium, den Damen Frida Westreich, Frau Louise Hilfreich und Frau Louise Beck für die Extraspenden an Bäckerei. Nach der Begrüßung brachten die Anwesenden dem Monarchen ein dreifaches „Hoch!" worauf die Kinderschaar die Volkshymne sang. Herr Dr. Alexander Mintz hielt eine begeisternde Festrede. Hieraus trug eines der Kinder, die kleine Mizzi Markart, mit solcher Wärme und Innigkeit ein Festgedicht vor, daß Frau Gräfin Kielmannsegg die Kleine nach beendigter Declamation zu sich rief und das Kind herzte und küßte. Landtags- Abgeordneter Dr. Ofner richtete hierauf an die Kinder die Mahnung, der Wohlthaten eingedenk zu bleiben und sich ihrer stets würdig zu erweisen. Gemeinderath Goldschmied appellirt an die Privatwohlthätigkeit, da die öffentliche nicht im Stande sei, allein der großen Noth zu steuern. Dr. Winternitz bat alle Menschenfreunde um Förderung der humanen Vereinszwecke. Auf die vorgebrachte Bemerkung des Obmannes, daß der Verein leider viele würdige Petenten habe abweisen müssen, reagirte Frau Gräfin Kielmannsegg und die Präsidentin des Damencomites Frau Zerner mit der Einladung zu einer Besprechung, auf deren Tagesordnung die Förderung der Vereinswirksamkeit zu stehen habe, damit künftig alle Bedürftigen bedacht werden können. Lemberg. 14. December. Heute fand die Einweihung und Eröffnung des als Kaiserjubiläumsstiftung erbauten Altersversorgungshauses in feierlicher Weise statt. Nach wirkungsvollen Ansprachen Sr. Ehrwürden des Rabbiners Schmelkes und Rabbiners Dr. Caro ergriff der Vicepräsident der Cultusgemeinde Dr. S ch e f f das Wort, betonte in beredter Weise die hervorragende Wichtigkeit der Altersversorgung, hob die Verdienste des Oberingenieurs und Cultusvorstehers Emil von Mises um den wohlgelungenen Entwurf des Gebäudes, sowie des aus dem Genannten, dem Präsidenten der Cultusgemeinde Dr. Emil Byk, dem Vorsitzenden des Spitalsrathes Director Lazarus, Baumeister Silberstein und den Herren Hescheles, Rußmann und Kurzer zusammengesetzten Baucomitss hervor, dankte den Familien Bub er und Klarfeld für ihre Beiträge zum Bau dieses Hauses und schloß mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, in welches die Versammelten begeistert einstimmten. Die schöne Feier schloß mit der vom Tempelchor vorgetragenen Kaiserhymne. Der Bau enthält Schlafsäle für 60 Greise, eine aus zwei Sälen bestehende Synagoge,